Karl May

Im Blog werden in mehreren Beiträgen Schriften von Karl May herangezogen, um ihn und seine Einstellungen vorzustellen.

Hier sollen nach und nach weitere Materialien zu Karl May, insbesondere neuere Erkenntnisse aus der May-Biographie "Winnetous Blutsbruder" von Christian Heermann zusammengestellt werden, die das aus Mays eigenen Schriften entstehende Bild korrigieren und ergänzen.

Eindrucksvoll ist dabei, wie es der neueren Forschung gelungen ist, die von May in Old-Shatterhand-Manier verwischten Spuren von Mays Kleinkriminalität zu rekonstruieren, auch wenn man manches nicht so genau wissen will.
Dass Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi dazu dienen, Mays besonders durch die Zuchthausjahre beschädigtes Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, wird freilich dem Karl-May-Leser durch so viele Einzelbeispiele vorgeführt, dass er daran - ohne die Erzählungen selbst aufschlagen zu müssen - eine Fülle von Szenen vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen kann.

Zunächst möchte ich auf Mays Bekanntschaft mit dem Maler Sascha Schneider (Heermann, S.432ff.) hinweisen, die May in seiner Hoffnung bestärkte, durch sein Alterswerk mit anspruchsvoller Kunst sein Gesamtwerk zu adeln.
Mich persönlich sprechen Schneiders symolistische Deckelillustrationen freilich nicht nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem in der Nazizeit betriebenen Körperkult wenig an, sondern auch weil sie zum Inhalt der meisten Erzählungen Mays so gar nicht passen wollen.

Seit Karl May für einen katholischen Verlag schreibt, passten die Grausamkeiten seiner Wildwestgeschichten mit seinem ständig skalpierenden indianischen Helden nicht mehr. Hier geht er daran diesen Wechsel zu motivieren.
"Wie oft sind mir von den Gefährten meiner Erlebnisse und später von den Lesern meiner Bücher Vorwürfe darüber gemacht worden, daß ich schlechte Menschen, welche uns nichts als Feindschaft erwiesen und nichts als Schaden bereiteten, dann, wenn sie in unsere Hände gerieten und wir uns also rächen konnten, zu mild und nachsichtig behandelt habe! Ich bin objektiv genug gewesen, diese Vorwürfe in jedem einzelnen Falle auch von der Seite aus zu betrachten, von welcher aus sie berechtigt zu sein schienen, habe aber stets gefunden und finde auch heute noch, daß mein Verhalten das richtige gewesen ist. [...]" 

Das gibt ihm zugleich Gelegenheit, sich von seinen Jugendsünden (über die der Leser freilich nichts wissen darf) zu exkulpieren. Er war nicht schuld, sondern die Gesellschaft.
"Welcher Mensch ist so rein, so frei von Schuld und sittlich so erhaben, daß er sich, ohne von der Staatsgewalt dazu berufen zu sein, zum Richter über die Thaten seines Nächsten aufwerfen darf? Dazu kommt, daß man sich wohl hüten soll, denjenigen, der einen Fehler, eine Sünde, ein Verbrechen begeht, für den allein Schuldigen zu halten. Man forsche nach der Vorgeschichte jeder solchen That! Sind nur körperliche und geistige Mängel angeboren? Können nicht auch sittliche es sein? Sodann bedenke man wohl, welche Macht in der Erziehung liegt! Ich meine da die Erziehung im weiteren Sinne, nicht bloß die Einwirkung der Eltern, Lehrer und Verwandten. Es sind die tausend und abertausend Verhältnisse des Lebens, welche oft tiefer und nachhaltiger auf den Menschen wirken als das Thun oder Lassen derjenigen Personen, welche nach landläufiger Ansicht seine Erzieher sind. Ein einziger Abend im Theater, das Lesen eines einzigen schlechten Buches, die Betrachtung eines einzigen unsittlichen Bildes kann alle Früchte einer guten, elterlichen Erziehung in Fäulnis übergehen lassen. Welche Menge, ja Masse von Sünden hat die millionenköpfige Hydra, welche wir Gesellschaft nennen, auf dem Gewissen! Und gerade diese Gesellschaft ist es, welche mit wahrer Wonne zu Gerichte sitzt, wenn der Krebs, an dem sie leidet, an einem einzelnen ihrer Glieder zum Ausbruche kommt! Mit welch' frommem Augenaufschlage, mit welchem abweisenden Nasenrümpfen, mit welcher Angst vor fernerer Berührung zieht man sich da von dem armen Teufel zurück, der das Unglück hatte, daß die allgemeine Blutentmischung grad an seinem Körper zur Entzündung und zur Eiterung führte! [...]
Jetzt braucht es nicht mehr viel, sich als großes Vorbild, hinzustellen, das die anderen zum Guten anleitet:
Diese Milde hat uns zuweilen in spätere Verlegenheiten gebracht; das gebe ich wohl zu; aber die Vorteile, welche wir indirekt durch sie erreichten, wogen das reichlich wieder auf. Wäre es auch nur gewesen, um andern ein Beispiel zu geben, so hätten wir viele und erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. [...] Wer sich uns anschließen wollte, mußte auf die Grausamkeiten und Härten des Westens verzichten und wurde, ohne es eigentlich zu wissen und zu wollen, dann wenn nicht in Worten, so doch in Thaten ein Lehrer und Verbreiter der Humanität, welche er bei uns, sozusagen, eingeatmet hatte."
(Old Surehand 3)

Weiterführende Links:
Karl-May-Wiki
Helmut Schmiedt: Literaturbericht zu Karl May

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