21 April 2017

Fontane als Pionier der Fake News

Theodor Fontane war mehr als vier Jahrzehnte Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Ausgerechnet er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau, sagt die Germanistin Petra McGillen. [...]
Für ein paar Jahre war er als Korrespondent in London.
Er war dort Presseattaché der preußischen Regierung. Mit seiner Berichterstattung sollte er ein Gegengewicht bilden zum sehr erfolgreichen österreichischen Korrespondenten Max Schlesinger, der in vielen deutschen Zeitungen gedruckt wurde und Preußen zu einflussreich geworden war. Aber es gelang Fontane nicht – Schlesinger war einfach zu gut.
War das der Grund, warum er begann, Dinge zu erfinden?
Fontane war immer klar, dass Journalisten im Wettbewerb stehen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Tatsächlich hat er damals schon gelegentlich die Augenzeugenperspektive fingiert. Damit fiel er aber nicht völlig aus dem Rahmen. Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus. [...]
Können Sie ein Beispiel für seine unechte Berichterstattung nennen?
1861 hat er über ein verheerendes Feuer in der Londoner Tooley Street geschrieben. Nachdem es bereits seit Tagen wütete, hat Fontane die wichtigsten Passagen aus verschiedenen Zeitungen übernommen und aneinandergereiht, heute würde man sagen: copy and paste. Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen.
Als Fontanefan nehme ich ihn natürlich in Schutz:
1. "Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus."
2. Er war ein Lohnschreiber. Als er eine Chance sah, freiberuflich durchzukommen, nutzte er sie. Sehr zum Missfallen seiner Frau, die die finanzielle Unsicherheit der neuen Situation nur schwer ertrug und außerdem ständig damit beschäftigt war, seine Texte ins Reine zu schreiben. - Wenn sie sich etwas Gutes tun wollte, las sie Wilhelm Raabe
Ich lese auch gern Raabe, aber ich finde nicht, dass die erfundenen Menschen anderer deutscher Autoren mehr zum Verständnis der Zeit und menschlichen Wesens beitragen als die Fontanes. 

19 April 2017

Stendhal: Vanina Vanini

Vanina Vanini liebt einen Karbonaro, der liebt sie auch, fühlt sich aber weiterhin der Befreiung Italiens verpflichtet:

"Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind. Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei erwähnt: Wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können. Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen mehrere tausend Rebellen erhoben und sich gut bewaffnet einem höheren Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen pflegt.
Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung der Freiheit ihres Vaterlandes. Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin ihres Herzeleids. »Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.« Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit erniedrigt zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte. Missirilli antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge im Kopf hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich für die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte sich Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung, wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie vergeblich im Schlosse zu San Nicolo suchte.
Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los. Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles Erdenkliche, um ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:
»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«
Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl, daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte, brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.
Vanina sagte sich: ›Die Karbonari haben von mir ein paar tausend Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung begünstige.‹
Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um Pietro zu sagen:
»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren können. Morgen früh werden wir im Park des Schlosses spazieren gehen. Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltblütigkeit verschaffen, die du bei deiner großen Unternehmung nötig hast.«. Pietro willigte ein.
Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre Denunziation schloß mit den Worten: ›Die Versammlung wird aus folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen:...‹ Es folgten die Namen und Wohnungsangaben. Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher war:
»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt, bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin beschriebene Blatt zu lesen gibst.«"
(Stendhal: Vanina Vanini)


Bemerkungen des Übersetzers

Die beiden Novellen (Anm. d. Red.: Vanina Vanini, Die Campobasso), die Stendhals Ideal in der arte di novellare so recht repräsentieren, den kahlen, reflexionslosen Chronikenstil, sind um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein großer Roman ›Rot und Schwarz‹ entstanden. Beide gehen sie auf tatsächliche Geschehnisse zurück. Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von La Mole, gleichsam Vorstudien. Stendhals ›Vanina Vanini ‹ hat Paul Heise den Stoff zu einem vieraktigen Trauerspiel ›Vanina Vanini‹ (gedruckt 1896) gegeben.
Arthur Schurig

10 April 2017

Lope de Vega: Liebesheuchler V

Don Lorenzo spielt Octavia vor, dass er in sie verliebt sei.
Don Lorenzo             Ich dulde Qualen.
Was ist es denn in aller Welt?
Octavia Ein Leinwandhändler fordert Geld.
Don Lorenzo Ich werd' es ihm sofort bezahlen.
Gebt, bitt' ich, ohne viel Geschichten
Ihm diesen Ring hier.
Octavia             Nimmermehr. Lauf, Beatriz, und sag, ich wär'
Bereit, es nächstens zu entrichten,
Don Lorenzo Nehmt, wiederhol' ich, diesen Ring!
Octavia Wenn Ihr's verlangt, muß ich willfahren.
Bring, Beatriz, ihn dem Barbaren.
Beatriz Das freilich ist ein ander Ding. (Sie nimmt den Ring und geht ab)  [...]
Beatriz (kehrt zurück)
Als ich den Flur in raschem Lauf
Erreicht, um jenen Ring zu geben
Dem Leinwandhändler, stieg grad eben
Der Juwelier zu Euch herauf.
Weil er mich sah, könnt' ich nicht hehlen,
Daß Ihr zu Hause seid.
Octavia             Geh, sag, Er komm' an einem andern Tag. 
Don Lorenzo 
Nein, er soll nicht sein Ziel verfehlen.
Ich bitt' Euch, gebt ihm diese Kette,
Die durch ihr silbernes Geschmeid
Aufwiegt, was Ihr ihm schuldig seid. 

Tristan (für sich) Die zieht ihn völlig aus, ich wette. [...]

09 April 2017

Erzählen im Unterschied zu mitteilen und berichten

Erzählen

Gegen diese Beschreibung habe ich nichts einzuwenden.