21 April 2017

Fontane als Pionier der Fake News

Theodor Fontane war mehr als vier Jahrzehnte Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Ausgerechnet er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau, sagt die Germanistin Petra McGillen. [...]
Für ein paar Jahre war er als Korrespondent in London.
Er war dort Presseattaché der preußischen Regierung. Mit seiner Berichterstattung sollte er ein Gegengewicht bilden zum sehr erfolgreichen österreichischen Korrespondenten Max Schlesinger, der in vielen deutschen Zeitungen gedruckt wurde und Preußen zu einflussreich geworden war. Aber es gelang Fontane nicht – Schlesinger war einfach zu gut.
War das der Grund, warum er begann, Dinge zu erfinden?
Fontane war immer klar, dass Journalisten im Wettbewerb stehen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Tatsächlich hat er damals schon gelegentlich die Augenzeugenperspektive fingiert. Damit fiel er aber nicht völlig aus dem Rahmen. Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus. [...]
Können Sie ein Beispiel für seine unechte Berichterstattung nennen?
1861 hat er über ein verheerendes Feuer in der Londoner Tooley Street geschrieben. Nachdem es bereits seit Tagen wütete, hat Fontane die wichtigsten Passagen aus verschiedenen Zeitungen übernommen und aneinandergereiht, heute würde man sagen: copy and paste. Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen.
Als Fontanefan nehme ich ihn natürlich in Schutz:
1. "Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus."
2. Er war ein Lohnschreiber. Als er eine Chance sah, freiberuflich durchzukommen, nutzte er sie. Sehr zum Missfallen seiner Frau, die die finanzielle Unsicherheit der neuen Situation nur schwer ertrug und außerdem ständig damit beschäftigt war, seine Texte ins Reine zu schreiben. - Wenn sie sich etwas Gutes tun wollte, las sie Wilhelm Raabe
Ich lese auch gern Raabe, aber ich finde nicht, dass die erfundenen Menschen anderer deutscher Autoren mehr zum Verständnis der Zeit und menschlichen Wesens beitragen als die Fontanes. 

19 April 2017

Stendhal: Vanina Vanini

Vanina Vanini liebt einen Karbonaro, der liebt sie auch, fühlt sich aber weiterhin der Befreiung Italiens verpflichtet:

"Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind. Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei erwähnt: Wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können. Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen mehrere tausend Rebellen erhoben und sich gut bewaffnet einem höheren Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen pflegt.
Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung der Freiheit ihres Vaterlandes. Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin ihres Herzeleids. »Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.« Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit erniedrigt zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte. Missirilli antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge im Kopf hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich für die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte sich Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung, wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie vergeblich im Schlosse zu San Nicolo suchte.
Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los. Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles Erdenkliche, um ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:
»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«
Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl, daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte, brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.
Vanina sagte sich: ›Die Karbonari haben von mir ein paar tausend Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung begünstige.‹
Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um Pietro zu sagen:
»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren können. Morgen früh werden wir im Park des Schlosses spazieren gehen. Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltblütigkeit verschaffen, die du bei deiner großen Unternehmung nötig hast.«. Pietro willigte ein.
Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre Denunziation schloß mit den Worten: ›Die Versammlung wird aus folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen:...‹ Es folgten die Namen und Wohnungsangaben. Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher war:
»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt, bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin beschriebene Blatt zu lesen gibst.«"
(Stendhal: Vanina Vanini)


Bemerkungen des Übersetzers

Die beiden Novellen (Anm. d. Red.: Vanina Vanini, Die Campobasso), die Stendhals Ideal in der arte di novellare so recht repräsentieren, den kahlen, reflexionslosen Chronikenstil, sind um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein großer Roman ›Rot und Schwarz‹ entstanden. Beide gehen sie auf tatsächliche Geschehnisse zurück. Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von La Mole, gleichsam Vorstudien. Stendhals ›Vanina Vanini ‹ hat Paul Heise den Stoff zu einem vieraktigen Trauerspiel ›Vanina Vanini‹ (gedruckt 1896) gegeben.
Arthur Schurig

10 April 2017

Lope de Vega: Liebesheuchler V

Don Lorenzo spielt Octavia vor, dass er in sie verliebt sei.
Don Lorenzo             Ich dulde Qualen.
Was ist es denn in aller Welt?
Octavia Ein Leinwandhändler fordert Geld.
Don Lorenzo Ich werd' es ihm sofort bezahlen.
Gebt, bitt' ich, ohne viel Geschichten
Ihm diesen Ring hier.
Octavia             Nimmermehr. Lauf, Beatriz, und sag, ich wär'
Bereit, es nächstens zu entrichten,
Don Lorenzo Nehmt, wiederhol' ich, diesen Ring!
Octavia Wenn Ihr's verlangt, muß ich willfahren.
Bring, Beatriz, ihn dem Barbaren.
Beatriz Das freilich ist ein ander Ding. (Sie nimmt den Ring und geht ab)  [...]
Beatriz (kehrt zurück)
Als ich den Flur in raschem Lauf
Erreicht, um jenen Ring zu geben
Dem Leinwandhändler, stieg grad eben
Der Juwelier zu Euch herauf.
Weil er mich sah, könnt' ich nicht hehlen,
Daß Ihr zu Hause seid.
Octavia             Geh, sag, Er komm' an einem andern Tag. 
Don Lorenzo 
Nein, er soll nicht sein Ziel verfehlen.
Ich bitt' Euch, gebt ihm diese Kette,
Die durch ihr silbernes Geschmeid
Aufwiegt, was Ihr ihm schuldig seid. 

Tristan (für sich) Die zieht ihn völlig aus, ich wette. [...]

09 April 2017

Erzählen im Unterschied zu mitteilen und berichten

Erzählen

Gegen diese Beschreibung habe ich nichts einzuwenden.

29 März 2017

Lope de Vega: Die Liebesheuchler IV

Beatriz (zu Octavia)
Ich hätt' Euch allerlei Geschichten 
Von Felisardo zu berichten. 
Octavia Nun wohl, ich höre zu. 
Beatriz Sein Plan Ist, Euch zu fühlen auf den Zahn.
Drum soll der Hauptmann sich so stellen,
Als hätt' er sich in Euch vergafft,
Und soll versuchen, Euch zu fällen,
Damit er sich Gewißheit schafft,
Ob treu Ihr seid und tugendhaft.
Octavia Du scherzest!
Beatriz             Nicht doch.
Octavia Das ist echt! Wer sagte dir's?
Beatriz             Mendoza.
Octavia             Recht!
Im Heucheln bin auch ich beschlagen.
Beatriz Wie meint Ihr das?
Octavia             Oft hört' ich sagen,
Es gelt' als Regel beim Gefecht:
Die beste Deckung ist der Hieb.
Ich will so tun, als hätte wunder
Wie sehr ich ebenfalls ihn lieb.
Er ist Soldat; wenn man den Plunder
Versteht, so flammt er auf wie Zunder.
Beatriz Vorzüglich!
Octavia             Achtung! Ich beginne.
(Sie ruft) He, Felisardo!
Felisardo (eilt zu ihr)             Stets bereit. Nun?
Octavia             Falls in freundschaftlichem Sinne
Du den Herrn Hauptmann eingeweiht
In das Geheimnis unsrer Minne,
So bring ihn heute mit zu Tisch.
Ich will ihm Gastlichkeit erweisen
Als deinem Freund.
Felisardo (geht zu Don Lorenzo)             Bei ihr zu speisen, Lädt sie Euch ein.
Don Lorenzo             Aha, der Fisch Beißt an.
Felisardo             Seid recht verführerisch.
Octavia (zu Beatriz) Der Wolf hat sich wohl gar gedacht,
Zu tun hab' er's mit einem Schafe?
Verdient nicht solch ein Pinsel Strafe?
Don Lorenzo (zu Felisardo) Paßt auf, sie wird zu Fall gebracht.
Octavia (zu Beatriz) Einseifen werd' ich ihn, hab acht,
Und ausziehn, daß sich Gott erbarm'.
Don Lorenzo (zu Felisardo) Die wird im Handumdrehn bemeistert.
Octavia Das Essen, meine Herrn, steht warm –
Herr Hauptmann, reicht mir Euren Arm.
Don Lorenzo Ich bin beglückt.
Octavia             Ich bin begeistert. (Alle ab ins Haus rechts) [...]
Don Lorenzo (zu Tristan)
Drum laß auch du dir bloß zum Schein
Von Beatriz den Sinn verwirren
Und hüte dich vor ihr; dein Girren
Darf gleichfalls nur erheuchelt sein.
Tristan Ich werde tun, was Ihr befehlt,
Wenngleich mit großer Überwindung,
Da nicht von anderer Empfindung
Mein Herz wie Eures ist gestählt.
Als gestern abend sie ein Schnitzel
Mir auftrug und ich ihre Hand
Ergriff, da, weiß es Gott, empfand
Ich in der Seele einen Kitzel.
Sie zog die Hand zurück, das heißt
Sie tat wie jemand, der zum Lachen
Den Anreiz fühlt in sich erwachen
Und drum sich auf die Lippen beißt.
Don Lorenzo Auch bei Octavia selbst gelingt
So schneller Sieg mir, daß ich staune.
Tristan Es ist ein Weib von guter Laune
Und gutem Herzen, unbedingt.
Wie gastlich sie die Schüsseln hob
Und jedem reichte; wie beflissen
Sie stets die besten Leckerbissen
Euch zierlich auf den Teller schob!
Wie reizend pflegte sie zu nippen
Von Eurem Becher und erkor
Die gleiche Stelle, wo zuvor
Ihr selber hattet Eure Lippen!
Gott gebe nur, daß Euer Freund
Bei ihr nicht Euren Kuppler machte
Und in ein Labyrinth Euch brachte,
Das rings ein Stachelwall umzäunt. [...]  
Octavia Drum zu den Waffen! Ein Verräter
Kommt mit erheucheltem Gefühl,
Will mich erhitzen, selber kühl,
Und ohne Lieb' um Liebe fleht er.
Weil ich jedoch von Eva stamme,
So wickle mich in lauter List,
Die reich gefüllt mit Vorrat ist,
Gleich einem vollgesognen Schwamme.
Gib mir den starken Helm der Lüge,
Den Federbusch der Schmeichelei,
Der Sehnsucht nachgeahmten Schrei,
Der Leidenschaft gefälschte Züge.
Gib mir der Vorsicht Rückenschild,
Gib mir die Schlinge der Erhörung,
Den Degen gleißender Betörung,
Den Pfeil, der Trug mit Spott vergilt. [...]
Ob Fässer oder Besenstiele,
Sie sind doch Männer insgesamt.
Und mögen sie den Unterschied
In ihrer Liebe laut betonen,
Sie gleicht den Geißlerprozessionen,
Wo man, was kommt, voraus schon sieht.

26 März 2017

Lope de Vega: Die Liebesheuchler III

Don Lorenzo Gibt's Weiber, die so leicht sich wandeln, 
Daß niemand ihnen trauen darf, 
Ist das noch lang kein Grund, so scharf 
Die edlen Frauen zu behandeln. 
Ein Weib, das eines andern wegen 
Den fernen Liebsten hintergeht, 
Glaub, guter Tristan, die versteht 
Das grad so gut, wenn er zugegen. 
Tristan Ach, Herr, wievielen weißen Lämmern, 
Bringt die Gelegenheit Gefahr, 
Die sündlos stets gelebt, sogar 
In ihres Traumes halbem Dämmern. 
Der Gegenwärtige hat recht, 
Weil der Entfernte nicht als Wache 
Eintreten kann für seine Sache, 
Und darum geht es diesem schlecht. 
Entfernung ist wie tiefer Schlaf, 
Und Schläfer prellt man allzu gerne; 
Plagt den Galan drum in der Ferne 
Nicht Eifersucht, ist er ein Schaf. [...]
Felisardo 
Ist sie nicht zauberhaft? 
Don Lorenzo             Sie gleicht 
Der Venus. 
Felisardo Findet Ihr? So streicht 
Um sie herum, nach Gunst begierig: 
Sie zu beschenken ist zwar leicht, 
Doch sie zu lieben äußerst schwierig. 
Don Lorenzo Wieso? 
Felisardo             Sie dankt, wenn man sie liebt, 
Indem sie spricht, schreibt, nimmt. 
Don Lorenzo             Und gibt? 
Felisardo Davon hab' ich in den drei Jahren, 
Seit ich sie liebe, nichts erfahren. 
Don Lorenzo Drei Jahre! 
Doch weshalb verschiebt Sie jetzt noch jedes Gnadenzeichen? 
Felisardo Sie wünscht wohl, daß ich am Altar Ihr als Gemahl die Hand soll reichen. 
Don Lorenzo Ein sehr gewicht'ger Grund fürwahr. Ließt Ihr sie's hoffen? 
Felisardo             Ziemlich klar. 
Don Lorenzo Ei, wenn man von der Heirat spricht 
Mit einer Frau, dann braucht man nicht 
Erstaunt zu sein, daß zum Gewähren 
Sie sich erst will bereit erklären, 
Nachdem man sie geehelicht. 
Felisardo Dies Weib ist manches Opfer wert; 
Es haben wohl in den drei Jahren 
Dreitausend Männer sie verehrt, 
Die sämtlich ihre Gimpel waren, 
Da, wer sie sieht, sie auch begehrt. 
Nur fragt sich, ob sie jemals einem 
Von diesen ihre Gunst geweiht; 
Denn Lieb' und Achtung zeigt sie keinem. 
Doch seltsam wär's, hätt' all die Zeit 
Ein Weib wie sie sich so kasteit. 
Das ist der Argwohn, der unsäglich 
Mir zusetzt, weil ich ohnehin 
Nicht weiß, woran ich mit ihr bin, 
Und weil als Steckenpferd alltäglich 
Sie unsre Heirat hegt im Sinn. 
Kein Wunsch von mir, dem sie sich fügt; 
All meinen Plänen widersteht sie, 
All meine Absichten verdreht sie, 
Zermürbt mich, quält mich, lügt und trügt, 
Und es gibt nichts, was ihr genügt. 
Sie flieht vor mir, komm' ich ihr nah, 
Und geh' ich, folgt sie mir in Dichte; 
Sag' ich ihr »nein«, sagt sie mir »ja«; 
Ich bin der Schatten ihrem Lichte, 
Und schwindet sie, werd' ich zunichte. 
Wein' ich, dann singt sie; sing' ich, weint sie; 
Will ich etwas von ihr, verneint sie; 
Vernein' ich, will sie's ihrerseits: 
Je mehr sie mit mir spielt, erscheint sie 
Mir so von immer größrem Reiz.

25 März 2017

Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“ und andere Lektüren - verschiedene Sichten auf Walser

Ein Kritiker liest die von Marcel Reich-Ranicki hochgelobte Novelle jetzt erstmals und konstatiert:
"Walser enttäuscht die Lesererwartung aufs Entzückendste. Auf dem Höhepunkt der dramatischen Handlung schildert sein Held auf einer halben Seite mit Musilscher Genauigkeit ein Insekt, ein grünes Heupferd, das auf seinem Bettvorleger liegt." (Michael Maar, FAZ 24.3.17)

Ich habe die Novelle damals gelesen und Reich-Ranickis Lob nicht nachvollziehen können. 
Für mich bleibt "Ehen in Philippsburg" das stärkste Leseerlebnis meiner Walserlektüre. 
Mit der Kristlein-Trilogie konnte ich nichts anfangen, ich bin über ein erstes Hineinlesen nie hinausgekommen. Das Schwanenhaus und der Brief an Lord Liszt halfen mir, die dabei entstandene Allergie zu überwinden. Finks Krieg hat mir wegen des Gegenstands recht gut gefallen. Die Verteidigung der Kindheit sprach mich ebenfalls vom Gegenstand her an. In beiden Fällen imponierte mir die positive Sicht auf den vom Schicksal gebeutelten Helden, die mir nicht so larmoyant erschien wie Kristlein. 
Ein springender Brunnen hat mir gut gefallen, freilich habe ich eine gewisse Schwäche für Autobiographisches, insofern sagt das nicht viel. Ein liebender Mann und Muttersohn habe ich vor allem aus Interesse an Goethe und Theologie gelesen. Aber ich habe nicht die Besorgnis, dass ich etwas verpasse, wenn ich Werke von Walser nicht kennen lerne. 

Bei den beiden Malen, wo ich ihn auf Dichterlesungen erlebt habe, hat er mir imponiert (er las ausgezeichnet), und andererseits hat mich seine Verletzlichkeit* gerührt. *
Bei Frisch und Johnson hätte ich keine ihrer wichtigeren Schriften verpassen wollen. Bei Grass wollte ich alles zumindest angelesen haben und habe ich manches mit Vergnügen gelesen. 
Mehrmals lesen will ich vor allem Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts und Thomas Mann. Und natürlich meine Favoriten unter den Erzählungen von Kafka. 
De Bruyns autobiographische Schriften hätte ich beinahe übergangen. Aber jetzt fallen mir die englischen Autoren ein, und da höre ich lieber auf, sonst merke ich, dass ich viel zu pauschal geschrieben habe. Ich lasse es aber trotzdem einmal so stehen. 

*Julia Encke ist aus einer Lesung mit Walser hinausgegangen:
"Ich ging auf Distanz. Im Moment, in dem ich Martin Walser zum ersten Mal sah, begann ich, mich von ihm zu entfernen. Für das Monument Walser, den staatstragenden Gestus* bin ich, auch später, deshalb nie anfällig gewesen. Ich fand die Paulskirchen-Rede unmöglich und las lieber Camus und Simone de Beauvoir. Vor einem Jahr habe ich ein Gespräch mit ihm geführt. Meine Distanz, dachte ich, wäre eine gute Voraussetzung. Ich verabredete mich mit ihm in einem Gasthaus in München. Er war sehr freundlich, und ich erzählte ihm von meinem Deutschlehrer und dass er als Autor von „Ein fliehendes Pferd“ und „Brandung“ eine Weile lang mein Lieblingsschriftsteller gewesen sei. Er fand, ich hätte einen sehr guten Deutschlehrer gehabt. Ich musste lachen. Aber er hatte ja recht. Ich mag „Brandung“ noch immer." Der vollständige Artikel findet sich hier.

*"staatstragend" habe ich Walser nie erlebt. Und ich bin fasziniert davon, wie unterschiedlich man ihn sehen und seine Werke aufnehmen kann. Offenbar ist er - bei aller Ähnlichkeit seiner Suada - imstande, in seinen Lesern ganz unterschiedliche Saiten anzuschlagen.

23 März 2017

Botho: "Und doch gebunden" (Fontane: Irrungen Wirrungen)

Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und längst Zurückliegendes trat statt Käthes wieder vor seine Seele: der Dörrsche Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der letzte schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde... »Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt es nicht. Und ich? warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rätselhaften Kräfte, solche Sympathien aus Himmel oder Hölle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los. Ach sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und an Störung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen den Gräsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die Blumen – ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bißchen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt.«
Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Kühle tat ihm wohl, und er trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kästchen aber baute sich ein mit einem Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden umwunden war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während er den Faden ablöste: »Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied.«
Er war allein und an Überraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Tür. Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. »Stiehl... Alleh... Wie diese liebenswürdigen ›h's‹ mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles, was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüts. Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück.«
Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich überhaupt vom Schluß her bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. »Wozu? Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muß? Ich muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen selbst hinschwinden werden.«
Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines süßen Schmerzes verlängern wolle, ließ er jetzt Blatt auf Blatt auf die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt, war das Sträußchen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das Haarfädchen lösen müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die Blumen den Briefen nach.
Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.
»Ob ich nun frei bin...? Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden.«

Beim Grab von Frau Nimptsch (Fontane: Irrungen Wirrungen)

Botho hatte sich der Führung eines gleich am Kirchhofseingange beschäftigten Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden: Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen, und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz. »Ah, Lene«, sagte Botho vor sich hin. »Immer dieselbe... Ich komme zu spät.« Und dann wandt er sich zu dem neben ihm stehenden Alten und sagte: »War wohl bloß 'ne kleine Leiche?«
»Ja, klein war sie man.«
»Drei oder vier?«
»Justement vier. Und versteht sich unser alter Supperndent. Er sprach bloß 's Gebet, und die große mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder drum rum, die blieb in einem Weinen. Und auch 'ne Jungsche war mit dabei. Die kommt jetzt alle Woche mal, und den letzten Sonntag hat sie den Geranium gebracht. Und will auch noch 'n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind: grünpoliert mit Namen und Datum drauf.«
Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen Geschäftspolitesse wieder zurück, während Botho seinen Immortellenkranz an den schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immer grün und weißen Rosen aber um den Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte, wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine Spalierarbeit wieder aufgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen Vornehmheit ihm, seinem letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das Grab der alten Frau geführt haben könne. »Das muß so was sein. Und hat die Droschke nicht warten lassen.« Aber er kam zu keinem Abschluß, und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen, nahm er eine der in seiner Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den kleinen eisernen Brunnen[147] und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas trocken gewordenen Efeu zu bewässern.
Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke zurückgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der Landgrafenstraße. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag.
»Da«, sagte Botho... »Und dies extra. War ja 'ne halbe Landpartie«
»Na, man kann's auch woll vor 'ne ganze nehmen.«
»Ich verstehe«, lachte Rienäcker. »Da muß ich wohl noch zulegen?«
»Schaden wird's nich... Danke schön, Herr Baron.«
»Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus. Is ja ein Jammer.«

22 März 2017

„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

"F.W. Bernstein ist bis heute nicht berühmt geworden. [...] „Auch die Hühner werfen Schatten,/wenn sie in der Sonne stehn.“ [...] " 
(F.W. Bernstein: "Vom Sinn", Frankfurter Anthologie)