21 Mai 2017

Heine: Luther und die deutsche Literatur

Wer über die neuere deutsche Literatur reden will, muß daher mit Luther beginnen, und nicht etwa mit einem Nüremberger Spießbürger, namens Hans Sachs, wie aus unredlichem Mißwollen von einigen romantischen Literatoren geschehen ist. Hans Sachs, dieser Troubadour der ehrbaren Schusterzunft, dessen Meistergesang nur eine läppische Parodie der früheren Minnelieder und dessen Dramen nur eine tölpelhafte Travestie der alten Mysterien, dieser pedantische Hanswurst, der die freie Naivität des Mittelalters ängstlich nachäfft, ist vielleicht als der letzte Poet der älteren Zeit, keineswegs aber als der erste Poet der neuern Zeit zu betrachten. Es wird dazu keines weiteren Beweises bedürfen, als daß ich den Gegensatz unserer neueren Literatur zur älteren mit bestimmten Worten erörtere. 

Betrachten wir daher die deutsche Literatur die vor Luther blühte, so finden wir:
1. Ihr Material, ihr Stoff, ist, wie das Leben des Mittelalters selbst, eine Mischung zweier heterogener Elemente, die in einem langen Zweikampf sich so gewaltig umschlungen, daß sie am Ende in einander verschmolzen, nämlich: die germanische Nationalität und das indisch gnostische, sogenannte katholische Christentum. 
2. Die Behandlung, oder vielmehr der Geist der Behandlung in dieser älteren Literatur ist romantisch. Abusive sagt man dasselbe auch von dem Material jener Literatur, von allen Erscheinungen des Mittelalters, die durch die Verschmelzung der erwähnten beiden Elemente, germanische Nationalität und katholisches Christentum, entstanden sind. Denn, wie einige Dichter des Mittelalters die griechische Geschichte und Mythologie ganz romantisch behandelt haben, so kann man auch die mittelalterlichen Sitten und Legenden in klassischer Form darstellen. Die Ausdrücke »klassisch« und »romantisch« beziehen sich also nur auf den Geist der Behandlung. Die Behandlung ist klassisch, wenn die Form des Dargestellten ganz identisch ist mit der Idee des Darzustellenden, wie dieses der Fall ist bei den Kunstwerken der Griechen, wo daher in dieser Identität auch die größte Harmonie zwischen Form und Idee zu finden. Die Behandlung ist romantisch, wenn die Form nicht durch Identität die Idee offenbart, sondern parabolisch diese Idee erraten läßt. Ich gebrauche hier das Wort »parabolisch« lieber als das Wort »symbolisch«. Die griechische Mythologie hatte eine Reihe von Göttergestalten, deren jede, bei aller Identität der Form und der Idee, dennoch eine symbolische Bedeutung bekommen konnte. Aber in dieser griechischen Religion war eben nur die Gestalt der Götter bestimmt, alles andere, ihr Leben und Treiben, war der Willkür der Poeten zur beliebigen Behandlung überlassen. In der christlichen Religion hingegen gibt es keine so bestimmte Gestalten, sondern bestimmte Fakta, bestimmte heilige Ereignisse und Taten, worin das dichtende Gemüt der Menschen eine parabolische Bedeutung legen konnte. Man sagt, Homer habe die griechischen Götter erfunden; das ist nicht wahr, sie existierten schon vorher, in bestimmten Umrissen, aber er erfand ihre Geschichten. Die Künstler des Mittelalters hingegen wagten nimmermehr in dem geschichtlichen Teil ihrer Religion das mindeste zu erfinden; der Sündenfall, die Menschwerdung, die Taufe, die Kreuzigung u. dgl. waren unantastbare Tatsachen, woran nicht gemodelt werden durfte, worin aber das dichtende Gemüt der Menschen eine parabolische Bedeutung legen konnte. In diesem parabolischen Geist wurden nun auch alle Künste im Mittelalter behandelt, und diese Behandlung ist romantisch. Daher in der Poesie des Mittelalters jene mystische Allgemeinheit; die Gestalten sind so schattenhaft, was sie tun ist so unbestimmt, alles ist darin so dämmernd, wie von wechselndem Mondlicht beleuchtet; die Idee ist in der Form nur wie ein Rätsel angedeutet; und wir sehen hier eine vage Form, wie sie eben zu einer spiritualistischen Literatur geeignet war. [...]
3. Der allgemeine Charakter jener Literatur war, daß sich in allen Produkten derselben jener feste, sichere Glaube kundgab, der damals in allen weltlichen wie geistlichen Dingen herrschte. Basiert auf Autoritäten waren alle Ansichten der Zeit; der Dichter wandelte, mit der Sicherheit eines Maulesels, längs den Abgründen des Zweifels, und es herrscht in seinen Werken eine kühne Ruhe, eine selige Zuversicht, wie sie später unmöglich war, als die Spitze jener Autoritäten, nämlich die Autorität des Papstes, gebrochen war und alle anderen nachstürzten. Die Gedichte des Mittelalters haben daher alle denselben Charakter, es ist, als habe sie nicht der einzelne Mensch, sondern das ganze Volk gedichtet; sie sind objektiv, episch und naiv.
In der Literatur hingegen, die mit Luther emporblüht, finden wir ganz das Gegenteil:
1. Ihr Material, der Stoff, der behandelt werden soll, ist der Kampf der Reformationsinteressen und Ansichten mit der alten Ordnung der Dinge. Dem neuen Zeitgeist ist jener Mischglaube, der aus den erwähnten zwei Elementen, germanische Nationalität und indisch-gnostisches Christentum, entstanden ist, gänzlich zuwider; letzteres dünkt ihm heidnische Götzendienerei, an dessen Stelle die wahre Religion des judäisch-deistischen Evangeliums treten soll. Eine neue Ordnung der Dinge gestaltet sich; der Geist macht Erfindungen, die das Wohlsein der Materie befördern; durch das Gedeihen der Industrie und durch die Philosophie wird der Spiritualismus in der öffentlichen Meinung diskreditiert; der dritte Stand erhebt sich; die Revolution grollt schon in den Herzen und Köpfen; und was die Zeit fühlt und denkt und bedarf und will, wird ausgesprochen, und das ist der Stoff der modernen Literatur.
2. Der Geist der Behandlung ist nicht mehr romantisch, sondern klassisch. Durch das Wiederaufleben der alten Literatur verbreitete sich über ganz Europa eine freudige Begeisterung für die griechischen und römischen Schriftsteller, und die Gelehrten, die einzigen, welche damals schrieben, suchten den Geist des klassischen Altertums sich anzueignen oder wenigstens in ihren Schriften die klassischen Kunstformen nachzubilden. Konnten sie nicht, gleich den Griechen, eine Harmonie der Form und der Idee erreichen, so hielten sie sich doch desto strenger an das Äußere der griechischen Behandlung, sie schieden, nach griechischer Vorschrift, die Gattungen, enthielten sich jeder romantischen Extravaganz, und in dieser Beziehung nennen wir sie klassisch.
3. Der allgemeine Charakter der modernen Literatur besteht darin, daß jetzt die Individualität und die Skepsis vorherrschen. Die Autoritäten sind niedergebrochen; nur die Vernunft ist jetzt des Menschen einzige Lampe, und sein Gewissen ist sein einziger Stab in den dunkeln Irrgängen dieses Lebens. Der Mensch steht jetzt allein seinem Schöpfer gegenüber und singt ihm sein Lied. Daher beginnt diese Literatur mit geistlichen Gesängen. Aber auch später, wo sie weltlich wird, herrscht darin das innigste Selbstbewußtsein, das Gefühl der Persönlichkeit. Die Poesie ist jetzt nicht mehr objektiv, episch und naiv, sondern subjektiv, lyrisch und reflektierend.

Heine: Luther und die deutsche Sprache

Aber dieser Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung; dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache. 
Dieses geschah, indem er die Bibel übersetzte. 
In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buchs scheint es ebenso gut wie wir andere gewußt zu haben, daß es gar nicht gleichgültig ist durch wen man übersetzt wird, und er wählte selber seinen Übersetzer, und verlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte. [...]
Wie aber Luther zu der Sprache gelangt ist, worin er seine Bibel übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Der altschwäbische Dialekt war, mit der Ritterpoesie der hohenstaufenschen Kaiserzeit, gänzlich untergegangen. Der altsächsische Dialekt, das sogenannte Plattdeutsche, herrschte nur in einem Teile des nördlichen Deutschlands, und hat sich, trotz aller Versuche die man gemacht, nie zu literärischen Zwecken eignen wollen. Nahm Luther zu seiner Bibelübersetzung die Sprache, die man im heutigen Sachsen sprach, so hätte Adelung Recht gehabt zu behaupten, daß der sächsische, namentlich der meißnische Dialekt unser eigentliches Hochdeutsch d. h. unsere Schriftsprache sei. Aber dieses ist längst widerlegt worden, und ich muß dieses hier um so schärfer erwähnen, da solcher Irrtum in Frankreich noch immer gang und gebe ist. Das heutige Sächsische war nie ein Dialekt des deutschen Volks, ebenso wenig wie etwa das Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch slawische Färbung. Ich bekenne daher offenherzig, ich weiß nicht wie die Sprache, die wir in der lutherschen Bibel finden, entstanden ist. Aber ich weiß, daß durch diese Bibel, wovon die junge Presse, die schwarze Kunst, Tausende von Exemplaren ins Volk schleuderte, die lutherische Sprache in wenigen Jahren über ganz Deutschland verbreitet und zur allgemeinen Schriftsprache erhoben wurde. Diese Schriftsprache herrscht noch immer in Deutschland, und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten Lande eine literärische Einheit. Ein solches unschätzbares Verdienst mag uns bei dieser Sprache dafür entschädigen, daß sie, in ihrer heutigen Ausbildung, etwas von jener Innigkeit entbehrt, welche wir bei Sprachen, die sich aus einem einzigen Dialekt gebildet, zu finden pflegen. Die Sprache in Luthers Bibel entbehrt jedoch durchaus nicht einer solchen Innigkeit, und dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der Verjüngung für unsere Sprache. Alle Ausdrücke und Wendungen, die in der lutherschen Bibel stehn, sind deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch gebrauchen; und da dieses Buch in den Händen der ärmsten Leute, so bedürfen diese keiner besonderen gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen zu können. 
Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische Revolution ausbricht, gar merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall sprechen können und ihre Sprache wird biblisch sein. 
Luthers Originalschriften haben ebenfalls dazu beigetragen die deutsche Sprache zu fixieren. Durch ihre polemische Leidenschaftlichkeit drangen sie tief in das Herz der Zeit. Ihr Ton ist nicht immer sauber. Aber man macht auch keine religiöse Revolution mit Orangenblüte. Zu dem groben Klotz gehörte manchmal ein grober Keil. In der Bibel ist Luthers Sprache, aus Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Geist Gottes, immer in eine gewisse Würde gebannt. In seinen Streitschriften hingegen überläßt er sich einer plebejischen Rohheit, die oft ebenso widerwärtig wie grandios ist. Seine Ausdrücke und Bilder gleichen dann jenen riesenhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder ägyptischen Tempelgrotten finden, und deren grelles Kolorit und abenteuerliche Häßlichkeit uns zugleich abstößt und anzieht. Durch diesen barocken Felsenstil erscheint uns der kühne Mönch manchmal wie ein religiöser Danton, ein Prediger des Berges, der, von der Höhe desselben, die bunten Wortblöcke hinabschmettert auf die Häupter seiner Gegner. 
Merkwürdiger und bedeutender als diese prosaischen Schriften sind Luthers Gedichte, die Lieder, die, in Kampf und Not, aus seinem Gemüte entsprossen. Sie gleichen manchmal einer Blume, die auf einem Felsen wächst, manchmal einem Mondstrahl, der über ein bewegtes Meer hinzittert. Luther liebte die Musik, er hat sogar einen Traktat über diese Kunst geschrieben, und seine Lieder sind daher außerordentlich melodisch. Auch in dieser Hinsicht gebührt ihm der Name: Schwan von Eisleben.  [...]

20 Mai 2017

Heine über die Reformation und Luther

Die erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichssaale zu Worms versammelt waren, mochten wohl allerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Widerspruch standen mit den Worten ihres Mundes. Da saß ein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher Herrscherwonne, in seinem neuen Purpurmantel wickelte, und sich heimlich freute, daß der stolze Römer, der die Vorgänger im Reiche so oft mißhandelt und noch immer seine Anmaßungen nicht aufgegeben, jetzt die wirksamste Zurechtweisung gefunden. Der Repräsentant jenes Römers hatte seinerseits wieder die geheime Freude, daß ein Zwiespalt unter jenen Deutschen entstand, die, wie betrunkene Barbaren, so oft das schöne Italien überfallen und ausgeplündert, und es noch immer mit neuen Überfällen und Plünderungen bedrohten. Die weltlichen Fürsten freuten sich, daß sie, mit der neuen Lehre, sich auch zu gleicher Zeit die alten Kirchengüter zu Gemüte führen konnten. Die hohen Prälaten überlegten schon, ob sie nicht ihre Köchinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bistümer und Abteien, auf ihre männlichen Sprößlinge vererben könnten. Die Abgeordneten der Städte freuten sich einer neuen Erweiterung ihrer Unabhängigkeit. jeder hatte hier was zu gewinnen und dachte heimlich an irdische Vorteile. Doch ein Mann war dort, von dem ich überzeugt bin, daß er nicht an sich dachte, sondern nur an die göttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser Mann war Martin Luther, der arme Mönch, den die Vorsehung auserwählt, jene römische Weltmacht zu brechen, wogegen schon die stärksten Kaiser und kühnsten Weisen vergeblich angekämpft. [...]
Wie von der Reformation, so hat man auch von ihrem Helden sehr falsche Begriffe in Frankreich. Die nächste Ursache dieses Nichtbegreifens, liegt wohl darin, daß Luther nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte ist; daß in seinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt sind; daß er auch persönlich das wunderbare Deutschland repräsentiert. Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten vereinigt finden, und die wir gewöhnlich sogar als feindliche Gegensätze antreffen. Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte. Er war nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit. Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner Flöte, und betrachtete die Sterne und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe Mann, der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte auch weich sein, wie eine zarte Jungfrau. Er war manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwurzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephyr, der mit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten Gottesfurcht, voll Aufopfrung zu Ehren des heiligen Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine Geisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herrlichkeiten dieser Erde, und wußte sie zu schätzen, und aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebenlang. Er war ein kompletter Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches. [...]
Es entsteht das evangelische Christentum. Indem die notwendigsten Ansprüche der Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legitimiert werden, wird die Religion wieder eine Wahrheit. [...] 
Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. [...] 
Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie. In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der menschliche Geist sich so frei aussprechen können wie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur französischen Invasion. Namentlich in Preußen herrschte eine grenzenlose Gedankenfreiheit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen, daß er, der nur durch das protestantische Prinzip ein legitimer König von Preußen sein konnte, auch die protestantische Denkfreiheit aufrecht erhalten mußte.
Und was gölte den Fürsten alle Wissenschaft, Studien und Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer Kronen gefährdet stünde! Sie wären heroisch genug, alle jene relativen Güter für das einzig Absolute, für ihre absolute Herrschaft, aufzuopfern. [...] 

17 Mai 2017

Heine: Die Götter im Exil

Heine berichtet, wie die antiken Götter durch die christliche Kirche vertrieben wurden und sich irgendwelche Nischen hätten suchen müssen, um weiter zu bestehen. Pluto und Neptun sei es freilich noch relativ gut gegangen:
"In einem Versuche über die Faustlegende habe ich den Volksglauben in bezug auf das Reich des Pluto und diesen selbst hinlänglich besprochen. Ich habe dort gezeigt, wie das alte Schattenreich eine ausgebildete Hölle und der alte finstre Beherrscher desselben ganz diabolisiert wurde. Aber nur durch den Kanzeleistil der Kirche klingen die Dinge so grell; trotz dem christlichen Anathema blieb die Position des Pluto wesentlich dieselbe. Er, der Gott der Unterwelt, und sein Bruder Neptunus, der Gott des Meeres, diese beiden sind nicht emigriert wie andre Götter, und auch nach dem Siege des Christentums blieben sie in ihren Domänen, in ihrem Elemente. Mochte man hier oben auf Erden das Tollste von ihm fabeln, der alte Pluto saß unten warm bei seiner Proserpina. Weit weniger Verunglimpfungen, als sein Bruder Pluto, hatte Neptunus zu erdulden, und weder Glockengeläute noch Orgelklänge konnten sein Ohr verletzen da unten in seinem Ozean, wo er ruhig saß bei seiner weißbusigen Frau Amphitrite und seinem feuchten Hofstaat von Nereiden und Tritonen. Nur zuweilen, wenn irgendein junger Seemann zum ersten Male die Linie passierte, tauchte er empor aus seiner Flut, in der Hand den Dreizack schwingend, das Haupt mit Schilf bekränzt, und der silberne Wellenbart herabwallend bis zum Nabel. Er erteilte alsdann dem Neophyten die schreckliche Seewassertaufe, und hielt dabei eine lange, salbungsreiche Rede, voll von derben Seemannswitzen, die er nebst der gelben Lauge des gekauten Tabaks mehr ausspuckte als sprach, zum Ergötzen seiner beteerten Zuhörer."

Gelitten habe von den drei Brüdern vor allem Jupiter:
Ihnen ging es besser als ihrem Bruder Jupiter, dem dritten Sohn des Saturn, welcher nach dem Sturz seines Vaters die Herrschaft des Himmels erlangt hatte, und sorglos als König der Welt im Olymp mit seinem glänzenden Troß von lachenden Göttern, Göttinnen und Ehrennymphen sein ambrosisches Freudenregiment führte. Als die unselige Katastrophe hereinbrach, als das Regiment des Kreuzes, des Leidens, proklamiert ward, emigrierte auch der große Kronide, und er verschwand im Tumulte der Völkerwanderung. Seine Spur ging verloren, und ich habe vergebens alte Chroniken und alte Weiber befragt, niemand wußte mir Auskunft zu geben über sein Schicksal. Ich habe in derselben Absicht viele Bibliotheken durchstöbert, wo ich mir die prachtvollsten Kodizes, geschmückt mit Gold und Edelsteinen, wahre Odalisken im Harem der Wissenschaft, zeigen ließ, und ich sage den gelehrten Eunuchen für die Unbrummigkeit und sogar Affabilität, womit sie mir jene leuchtenden Schätze erschlossen, hier öffentlich den üblichen Dank. Es scheint als hätten sich keine volkstümlichen Traditionen über einen mittelalterlichen Jupiter erhalten, und alles was ich aufgegabelt, besteht in einer Geschichte, welche mir einst mein Freund Niels Andersen erzählte. [...]
Der Walfisch, sagte Niels Andersen, sei nicht bloß das größte, sondern auch das schönste Tier. Aus den zwei Naslöchern auf seinem Kopfe sprängen zwei kolossale Wasserstrahlen, die ihm das Ansehen eines wunderbaren Springbrunnens gäben, und gar besonders des Nachts im Mondschein einen magischen Effekt hervorbrächten. Dabei sei er gutmütig, friedliebig, und habe viel Sinn für stilles Familienleben. Es gewähre einen rührenden Anblick, wenn Vater Walfisch mit den Seinen auf einer ungeheuern Eisscholle sich hingelagert, und jung und alt sich um ihn her in Liebesspielen und harmlosen Neckereien überböten. [...]
Das vortreffliche Ungeheuer hat leider keine Religion, und so ein Walfisch verehrt unsern wahren Herrgott, der droben im Himmel wohnt, ebensowenig wie den falschen Heidengott, der fern am Nordpol auf der Kanincheninsel sitzt, wo er denselben zuweilen besucht. »Was ist das für ein Ort, die Kanincheninsel?« fragte ich unsern Niels Andersen. Dieser aber trommelte mit seinem Holzbein auf der Tonne und erwiderte: »Das ist eben die Insel, wo die Geschichte passiert, die ich zu erzählen habe. Die eigentliche Lage der Insel kann ich nicht genau angeben. Niemand konnte, seit sie entdeckt worden, wieder zu ihr gelangen; solches verhinderten die ungeheuern Eisberge, die sich um die Insel türmen und vielleicht nur selten eine Annäherung erlauben. Nur die Schiffsleute eines russischen Walfischjägers, welche einst die Nordstürme so hoch hinauf verschlugen, betraten den Boden der Insel, und seitdem sind schon hundert Jahre verflossen. Als jene Schiffsleute mit einem Kahn dort landeten, fanden sie die Insel ganz wüst und öde. Traurig bewegten sich die Halme des Ginsters über dem Flugsand; nur hie und da standen einige Zwergtannen, oder es krüppelte am Boden das unfruchtbarste Buschwerk. Eine Menge Kaninchen sahen sie umherspringen, weshalb sie dem Orte den Namen Kanincheninsel erteilten. Nur eine einzige ärmliche Hütte gab Kunde, daß ein menschliches Wesen dort wohnte. Als die Schiffer hineintraten, erblickten sie einen uralten Greis, der kümmerlich bekleidet mit zusammengeflickten Kaninchenfellen, auf einem Steinstuhl vor dem Herde saß, und an dem flackernden Reisig seine magern Hände und schlotternden Kniee wärmte. Neben ihm zur Rechten stand ein ungeheuer großer Vogel, der ein Adler zu sein schien, den aber die Zeit so unwirsch gemausert hatte, daß er nur noch die langen struppigen Federkiele seiner Flügel behalten, was dem nackten Tiere ein höchst närrisches und zugleich grausenhaft häßliches Aussehen verlieh. Zur linken Seite des Alten kauerte am Boden eine außerordentlich große haarlose Ziege, die sehr alt zu sein schien, obgleich noch volle Milcheutern mit rosig frischen Zitzen an ihrem Bauche hingen. Unter den russischen Seeleuten, welche auf der Kanincheninsel landeten, befanden sich mehrere Griechen, und einer derselben glaubte, nicht von dem Hausherrn der Hütte verstanden zu werden, als er in griechischer Sprache zu einem Kameraden sagte: ›Dieser alte Kauz ist entweder ein Gespenst oder ein böser Dämon.‹ Aber bei diesen Worten erhub sich der Alte plötzlich von seinem Steinsitz, und mit großer Verwunderung sahen die Schiffer eine hohe stattliche Gestalt, die sich trotz dem hohen Alter mit gebietender, schier königlicher Würde aufrecht hielt und beinahe die Balken des Gesimses mit dem Haupte berührte: auch die Züge desselben, obgleich verwüstet und verwittert, zeugten von ursprünglicher Schönheit, sie waren edel und streng gemessen, sehr spärlich fielen einige Silberhaare auf die von Stolz und Alter gefurchte Stirn, die Augen blickten bleich und stier, aber doch stechend, und dem hoch aufgeschürzten Munde entquollen in altertümlich griechischem Dialekt die wohllautenden und klangvollen Worte: ›Ihr irrt Euch, junger Mensch, ich bin weder ein Gespenst noch ein böser Dämon; ich bin ein Unglücklicher, welcher einst bessere Tage gesehen. Wer aber seid Ihr?‹ Die Schiffer erzählten nun dem Manne das Mißgeschick ihrer Fahrt, und verlangten Auskunft über alles was die Insel beträfe. Die Mitteilungen fielen aber sehr dürftig aus. Seit undenklicher Zeit, sagte der Alte, bewohne er die Insel, deren Bollwerke von Eis ihm gegen seine unerbittlichen Feinde eine sichere Zuflucht gewährten. Er lebe hauptsächlich vom Kaninchenfange, und alle Jahr, wenn die treibenden Eismassen sich gesetzt, kämen auf Schlitten einige Haufen Wilde, denen er seine Kaninchenfelle verkaufe, und die ihm als Zahlung allerlei Gegenstände des unmittelbarsten Bedürfnisses überließen. Die Walfische, welche manchmal an die Insel heranschwämmen, seien seine liebste Gesellschaft. Dennoch mache es ihm Vergnügen, jetzt wieder seine Muttersprache zu reden, denn er sei ein Grieche; er bat auch seine Landsleute, ihm einige Nachrichten über die jetzigen Zustände Griechenlands zu erteilen.


16 Mai 2017

Frisch: "Ich habe das Gegenteil gelebt"

“JOURNAL INTIME: Wenn ich einmal darin lese, zum Beispiel weil ich ein Datum brauche für unser Gespräch, so bin ich bestürzt: daß ich vor zwei oder fünf Jahren genau zu derselben Einsicht gekommen bin – nur habe ich sie dann wieder vergessen, weil es mir nicht gelungen ist, nach meiner Einsicht zu leben; ich habe das Gegenteil gelebt mit zäher Energie.” (Max Frisch: Montauk, Copyright 1975, Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 6. Band, S.672)

Uwe Johnson war mit seinem Freund Max Frisch in intensivem Austausch über "Montauk" und hat aufgrund seiner Eifersucht gegenüber seiner Frau seine größte Lebenskrise erlebt. Max Frisch hat - zumindest seiner Frau Marianne - erheblichen Anlass zu Eifersucht gegeben und in "Montauk" das noch dazu öffentlich gemacht. 

"1978 trennte sich Elisabeth Johnson von ihrem Ehemann, der ihre frühe Liebesbeziehung mit dem Prager Mozart-Forscher Tomislav Volek, die sie im Rahmen eines Briefwechsels noch zu Anfang der Ehe unterhalten hatte, nicht verwinden konnte. Zudem war Johnson (irrtümlich) davon überzeugt, dass es sich bei dem Prager Liebhaber seiner Frau um einen Geheimagenten der tschechischen oder DDR-Staatssicherheit handeln müsse." (Seite „Uwe Johnson“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. April 2017, 13:00 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Uwe_Johnson&oldid=164361547 (Abgerufen: 16. Mai 2017, 06:50 UTC))

Auf das Frisch-Zitat aufmerksam gemacht wurde ich durch Thomas Bockelmanns Text Montauk II. in der Frankfurter Rundschau vom 16.5.17, S.33.
Er berichtet, dass er dieses Zitat vor 20 Jahren auf einer Karteikarte über seinen Schreibtisch gehängt habe. Sein Bericht schließt "Aber nach irgendeinem Umzug hängte ich sie dann nicht mehr auf und hatte sie vergessen ... ."

Vergesslichkeit? ...

Dass Johnson von der Stasi überwacht wurde, steht fest. Heute würde man sagen: ist ein Fakt.
Als Motto zu "Montauk" zitiert Frisch Montaigne "Dies ist ein aufrichtiges Buch".
Dietrich Bonhoeffer hat einen kurzen Text geschrieben: "Was heißt die Wahrheit sagen?"
Daraus ein Zitat (das man aus dem Kontext verstehen muss):
»Die Wahrheit sagen« ist also nicht nur eine Sache der Gesinnung, sondern auch der richtigen Erkenntnis und des ernsthaften Bedenkens der wirklichen Verhältnisse. Je mannigfaltiger die Lebensverhältnisse eines Menschen sind, desto verantwortlicher und schwerer wird es für ihn, »die Wahrheit zu sagen«.

Ist Johnson allein schuld an den Fake News, die er sich produziert hat?

All dies ist nichts Neues. Aber wir tendieren dazu, so manches zu vergessen.

Übrigens, der NSA sollen die Lücken, die den großen Cyberangriff im Mai 2017 ermöglicht haben, bekannt gewesen sein.
Was soll das hier? Die NSA hatte doch nichts mit dem Ehepaar Johnson zu tun.
Allerdings. Freilich, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben produzieren Geheimdienste manchmal Kollateralschäden. In diesem Fall, weil sie sich Zugänge zu Software offen gehalten haben. Sich und anderen.

05 Mai 2017

Paul Celan: Todesfuge

Celans Holocaust-Gedicht faz.net 30.4.17

"Reale Ereignisse sind damit der Auslöser für den Titel „Tangoul Morţii“*, der sich zugleich auf die Tangotradition bezieht, die fest im Bukarest der dreißiger Jahre verankert war – Ausdruck einer Lebensform, die in der Nachkriegszeit nur noch als wehmütige Erinnerung weiterbestand. Der spätere Titel des Gedichts hingegen bezieht sich auf das tief im deutschsprachigen Raum verwurzelte Kompositionsprinzip der Fuge, die einen ganz anderen assoziativen Raum abdeckt. Gebrochen werden beide Titel durch die Bindung an den Tod im Vernichtungslager."

*Die Originalfassung des Gedichts war rumänisch.

21 April 2017

Fontane als Pionier der Fake News

Theodor Fontane war mehr als vier Jahrzehnte Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Ausgerechnet er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau, sagt die Germanistin Petra McGillen. [...]
Für ein paar Jahre war er als Korrespondent in London.
Er war dort Presseattaché der preußischen Regierung. Mit seiner Berichterstattung sollte er ein Gegengewicht bilden zum sehr erfolgreichen österreichischen Korrespondenten Max Schlesinger, der in vielen deutschen Zeitungen gedruckt wurde und Preußen zu einflussreich geworden war. Aber es gelang Fontane nicht – Schlesinger war einfach zu gut.
War das der Grund, warum er begann, Dinge zu erfinden?
Fontane war immer klar, dass Journalisten im Wettbewerb stehen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Tatsächlich hat er damals schon gelegentlich die Augenzeugenperspektive fingiert. Damit fiel er aber nicht völlig aus dem Rahmen. Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus. [...]
Können Sie ein Beispiel für seine unechte Berichterstattung nennen?
1861 hat er über ein verheerendes Feuer in der Londoner Tooley Street geschrieben. Nachdem es bereits seit Tagen wütete, hat Fontane die wichtigsten Passagen aus verschiedenen Zeitungen übernommen und aneinandergereiht, heute würde man sagen: copy and paste. Das Ganze hat er dann dramatisiert durch ausgedachte Details. Er erfand zum Beispiel einen Freund, der angeblich gute Beziehungen zur Londoner Polizei hatte und der es ihm ermöglicht hätte, näher als andere Journalisten an den Unglücksort zu kommen. Durch diesen Trick hat er seine Schilderungen gewissermaßen der Nachprüfbarkeit durch Kollegen entzogen.
Als Fontanefan nehme ich ihn natürlich in Schutz:
1. "Die professionellen Standards im Journalismus bildeten sich seinerzeit gerade erst heraus."
2. Er war ein Lohnschreiber. Als er eine Chance sah, freiberuflich durchzukommen, nutzte er sie. Sehr zum Missfallen seiner Frau, die die finanzielle Unsicherheit der neuen Situation nur schwer ertrug und außerdem ständig damit beschäftigt war, seine Texte ins Reine zu schreiben. - Wenn sie sich etwas Gutes tun wollte, las sie Wilhelm Raabe
Ich lese auch gern Raabe, aber ich finde nicht, dass die erfundenen Menschen anderer deutscher Autoren mehr zum Verständnis der Zeit und menschlichen Wesens beitragen als die Fontanes. 

19 April 2017

Stendhal: Vanina Vanini

Vanina Vanini liebt einen Karbonaro, der liebt sie auch, fühlt sich aber weiterhin der Befreiung Italiens verpflichtet:

"Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind. Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei erwähnt: Wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können. Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen mehrere tausend Rebellen erhoben und sich gut bewaffnet einem höheren Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen pflegt.
Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung der Freiheit ihres Vaterlandes. Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin ihres Herzeleids. »Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.« Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit erniedrigt zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte. Missirilli antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge im Kopf hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich für die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte sich Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung, wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie vergeblich im Schlosse zu San Nicolo suchte.
Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los. Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles Erdenkliche, um ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:
»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«
Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl, daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte, brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.
Vanina sagte sich: ›Die Karbonari haben von mir ein paar tausend Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung begünstige.‹
Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um Pietro zu sagen:
»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren können. Morgen früh werden wir im Park des Schlosses spazieren gehen. Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltblütigkeit verschaffen, die du bei deiner großen Unternehmung nötig hast.«. Pietro willigte ein.
Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre Denunziation schloß mit den Worten: ›Die Versammlung wird aus folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen:...‹ Es folgten die Namen und Wohnungsangaben. Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher war:
»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt, bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin beschriebene Blatt zu lesen gibst.«"
(Stendhal: Vanina Vanini)


Bemerkungen des Übersetzers

Die beiden Novellen (Anm. d. Red.: Vanina Vanini, Die Campobasso), die Stendhals Ideal in der arte di novellare so recht repräsentieren, den kahlen, reflexionslosen Chronikenstil, sind um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein großer Roman ›Rot und Schwarz‹ entstanden. Beide gehen sie auf tatsächliche Geschehnisse zurück. Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von La Mole, gleichsam Vorstudien. Stendhals ›Vanina Vanini ‹ hat Paul Heise den Stoff zu einem vieraktigen Trauerspiel ›Vanina Vanini‹ (gedruckt 1896) gegeben.
Arthur Schurig

10 April 2017

Lope de Vega: Liebesheuchler V

Don Lorenzo spielt Octavia vor, dass er in sie verliebt sei.
Don Lorenzo             Ich dulde Qualen.
Was ist es denn in aller Welt?
Octavia Ein Leinwandhändler fordert Geld.
Don Lorenzo Ich werd' es ihm sofort bezahlen.
Gebt, bitt' ich, ohne viel Geschichten
Ihm diesen Ring hier.
Octavia             Nimmermehr. Lauf, Beatriz, und sag, ich wär'
Bereit, es nächstens zu entrichten,
Don Lorenzo Nehmt, wiederhol' ich, diesen Ring!
Octavia Wenn Ihr's verlangt, muß ich willfahren.
Bring, Beatriz, ihn dem Barbaren.
Beatriz Das freilich ist ein ander Ding. (Sie nimmt den Ring und geht ab)  [...]
Beatriz (kehrt zurück)
Als ich den Flur in raschem Lauf
Erreicht, um jenen Ring zu geben
Dem Leinwandhändler, stieg grad eben
Der Juwelier zu Euch herauf.
Weil er mich sah, könnt' ich nicht hehlen,
Daß Ihr zu Hause seid.
Octavia             Geh, sag, Er komm' an einem andern Tag. 
Don Lorenzo 
Nein, er soll nicht sein Ziel verfehlen.
Ich bitt' Euch, gebt ihm diese Kette,
Die durch ihr silbernes Geschmeid
Aufwiegt, was Ihr ihm schuldig seid. 

Tristan (für sich) Die zieht ihn völlig aus, ich wette. [...]

09 April 2017

Erzählen im Unterschied zu mitteilen und berichten

Erzählen

Gegen diese Beschreibung habe ich nichts einzuwenden.

29 März 2017

Lope de Vega: Die Liebesheuchler IV

Beatriz (zu Octavia)
Ich hätt' Euch allerlei Geschichten 
Von Felisardo zu berichten. 
Octavia Nun wohl, ich höre zu. 
Beatriz Sein Plan Ist, Euch zu fühlen auf den Zahn.
Drum soll der Hauptmann sich so stellen,
Als hätt' er sich in Euch vergafft,
Und soll versuchen, Euch zu fällen,
Damit er sich Gewißheit schafft,
Ob treu Ihr seid und tugendhaft.
Octavia Du scherzest!
Beatriz             Nicht doch.
Octavia Das ist echt! Wer sagte dir's?
Beatriz             Mendoza.
Octavia             Recht!
Im Heucheln bin auch ich beschlagen.
Beatriz Wie meint Ihr das?
Octavia             Oft hört' ich sagen,
Es gelt' als Regel beim Gefecht:
Die beste Deckung ist der Hieb.
Ich will so tun, als hätte wunder
Wie sehr ich ebenfalls ihn lieb.
Er ist Soldat; wenn man den Plunder
Versteht, so flammt er auf wie Zunder.
Beatriz Vorzüglich!
Octavia             Achtung! Ich beginne.
(Sie ruft) He, Felisardo!
Felisardo (eilt zu ihr)             Stets bereit. Nun?
Octavia             Falls in freundschaftlichem Sinne
Du den Herrn Hauptmann eingeweiht
In das Geheimnis unsrer Minne,
So bring ihn heute mit zu Tisch.
Ich will ihm Gastlichkeit erweisen
Als deinem Freund.
Felisardo (geht zu Don Lorenzo)             Bei ihr zu speisen, Lädt sie Euch ein.
Don Lorenzo             Aha, der Fisch Beißt an.
Felisardo             Seid recht verführerisch.
Octavia (zu Beatriz) Der Wolf hat sich wohl gar gedacht,
Zu tun hab' er's mit einem Schafe?
Verdient nicht solch ein Pinsel Strafe?
Don Lorenzo (zu Felisardo) Paßt auf, sie wird zu Fall gebracht.
Octavia (zu Beatriz) Einseifen werd' ich ihn, hab acht,
Und ausziehn, daß sich Gott erbarm'.
Don Lorenzo (zu Felisardo) Die wird im Handumdrehn bemeistert.
Octavia Das Essen, meine Herrn, steht warm –
Herr Hauptmann, reicht mir Euren Arm.
Don Lorenzo Ich bin beglückt.
Octavia             Ich bin begeistert. (Alle ab ins Haus rechts) [...]
Don Lorenzo (zu Tristan)
Drum laß auch du dir bloß zum Schein
Von Beatriz den Sinn verwirren
Und hüte dich vor ihr; dein Girren
Darf gleichfalls nur erheuchelt sein.
Tristan Ich werde tun, was Ihr befehlt,
Wenngleich mit großer Überwindung,
Da nicht von anderer Empfindung
Mein Herz wie Eures ist gestählt.
Als gestern abend sie ein Schnitzel
Mir auftrug und ich ihre Hand
Ergriff, da, weiß es Gott, empfand
Ich in der Seele einen Kitzel.
Sie zog die Hand zurück, das heißt
Sie tat wie jemand, der zum Lachen
Den Anreiz fühlt in sich erwachen
Und drum sich auf die Lippen beißt.
Don Lorenzo Auch bei Octavia selbst gelingt
So schneller Sieg mir, daß ich staune.
Tristan Es ist ein Weib von guter Laune
Und gutem Herzen, unbedingt.
Wie gastlich sie die Schüsseln hob
Und jedem reichte; wie beflissen
Sie stets die besten Leckerbissen
Euch zierlich auf den Teller schob!
Wie reizend pflegte sie zu nippen
Von Eurem Becher und erkor
Die gleiche Stelle, wo zuvor
Ihr selber hattet Eure Lippen!
Gott gebe nur, daß Euer Freund
Bei ihr nicht Euren Kuppler machte
Und in ein Labyrinth Euch brachte,
Das rings ein Stachelwall umzäunt. [...]  
Octavia Drum zu den Waffen! Ein Verräter
Kommt mit erheucheltem Gefühl,
Will mich erhitzen, selber kühl,
Und ohne Lieb' um Liebe fleht er.
Weil ich jedoch von Eva stamme,
So wickle mich in lauter List,
Die reich gefüllt mit Vorrat ist,
Gleich einem vollgesognen Schwamme.
Gib mir den starken Helm der Lüge,
Den Federbusch der Schmeichelei,
Der Sehnsucht nachgeahmten Schrei,
Der Leidenschaft gefälschte Züge.
Gib mir der Vorsicht Rückenschild,
Gib mir die Schlinge der Erhörung,
Den Degen gleißender Betörung,
Den Pfeil, der Trug mit Spott vergilt. [...]
Ob Fässer oder Besenstiele,
Sie sind doch Männer insgesamt.
Und mögen sie den Unterschied
In ihrer Liebe laut betonen,
Sie gleicht den Geißlerprozessionen,
Wo man, was kommt, voraus schon sieht.

26 März 2017

Lope de Vega: Die Liebesheuchler III

Don Lorenzo Gibt's Weiber, die so leicht sich wandeln, 
Daß niemand ihnen trauen darf, 
Ist das noch lang kein Grund, so scharf 
Die edlen Frauen zu behandeln. 
Ein Weib, das eines andern wegen 
Den fernen Liebsten hintergeht, 
Glaub, guter Tristan, die versteht 
Das grad so gut, wenn er zugegen. 
Tristan Ach, Herr, wievielen weißen Lämmern, 
Bringt die Gelegenheit Gefahr, 
Die sündlos stets gelebt, sogar 
In ihres Traumes halbem Dämmern. 
Der Gegenwärtige hat recht, 
Weil der Entfernte nicht als Wache 
Eintreten kann für seine Sache, 
Und darum geht es diesem schlecht. 
Entfernung ist wie tiefer Schlaf, 
Und Schläfer prellt man allzu gerne; 
Plagt den Galan drum in der Ferne 
Nicht Eifersucht, ist er ein Schaf. [...]
Felisardo 
Ist sie nicht zauberhaft? 
Don Lorenzo             Sie gleicht 
Der Venus. 
Felisardo Findet Ihr? So streicht 
Um sie herum, nach Gunst begierig: 
Sie zu beschenken ist zwar leicht, 
Doch sie zu lieben äußerst schwierig. 
Don Lorenzo Wieso? 
Felisardo             Sie dankt, wenn man sie liebt, 
Indem sie spricht, schreibt, nimmt. 
Don Lorenzo             Und gibt? 
Felisardo Davon hab' ich in den drei Jahren, 
Seit ich sie liebe, nichts erfahren. 
Don Lorenzo Drei Jahre! 
Doch weshalb verschiebt Sie jetzt noch jedes Gnadenzeichen? 
Felisardo Sie wünscht wohl, daß ich am Altar Ihr als Gemahl die Hand soll reichen. 
Don Lorenzo Ein sehr gewicht'ger Grund fürwahr. Ließt Ihr sie's hoffen? 
Felisardo             Ziemlich klar. 
Don Lorenzo Ei, wenn man von der Heirat spricht 
Mit einer Frau, dann braucht man nicht 
Erstaunt zu sein, daß zum Gewähren 
Sie sich erst will bereit erklären, 
Nachdem man sie geehelicht. 
Felisardo Dies Weib ist manches Opfer wert; 
Es haben wohl in den drei Jahren 
Dreitausend Männer sie verehrt, 
Die sämtlich ihre Gimpel waren, 
Da, wer sie sieht, sie auch begehrt. 
Nur fragt sich, ob sie jemals einem 
Von diesen ihre Gunst geweiht; 
Denn Lieb' und Achtung zeigt sie keinem. 
Doch seltsam wär's, hätt' all die Zeit 
Ein Weib wie sie sich so kasteit. 
Das ist der Argwohn, der unsäglich 
Mir zusetzt, weil ich ohnehin 
Nicht weiß, woran ich mit ihr bin, 
Und weil als Steckenpferd alltäglich 
Sie unsre Heirat hegt im Sinn. 
Kein Wunsch von mir, dem sie sich fügt; 
All meinen Plänen widersteht sie, 
All meine Absichten verdreht sie, 
Zermürbt mich, quält mich, lügt und trügt, 
Und es gibt nichts, was ihr genügt. 
Sie flieht vor mir, komm' ich ihr nah, 
Und geh' ich, folgt sie mir in Dichte; 
Sag' ich ihr »nein«, sagt sie mir »ja«; 
Ich bin der Schatten ihrem Lichte, 
Und schwindet sie, werd' ich zunichte. 
Wein' ich, dann singt sie; sing' ich, weint sie; 
Will ich etwas von ihr, verneint sie; 
Vernein' ich, will sie's ihrerseits: 
Je mehr sie mit mir spielt, erscheint sie 
Mir so von immer größrem Reiz.