22 September 2017

Johnson: Jahrestage 17. - 18. September

"[...] Cresspahl, zurück in London zu Beginn der 36. Steuerwoche 1931, richtete sich allen Ernstes auf ein Leben mit Papenbrocks jüngster Tochter ein. Die beiden Gesellen, mit denen er für gewöhnlich die Tischlerei unterhielt, sahen ihn nun öfters auf dem mit Hinterhöfen umbauten Hof stehen, den Blick gegen das Ziegelpflaster oder gegen den Schornstein des Gaswerks von Richmond, die Hand im Nacken, tief im Überlegen, ohne je den Kopf über sich zu schütteln. Da sie aber beide länger als ein Jahr für ihn und meistens neben ihm gearbeitet hatten, wiesen sie einander nur mit Lächeln hin auf den Alten, der in der Hitze stand wie ein Blinder, Minuten lang, bis er wieder hörte, daß innen gar kein Hobel mehr ging. Der jüngere, genannt Perceval, ging an einem späten Abend kundschaften und konnte doch nur erzählen, daß der Alte noch bis Mitternacht in der Werkstatt zu Gange gewesen war. Darauf boten sie ihm an, Überstunden zu arbeiten. Aber Cresspahl hatte gar keinen von ihnen entlassen wollen.
Die Firma gehörte Cresspahl nicht. [...]
Es mag drei Wochen gedauert haben, daß er den Anblick eines etwas kleinstädtischen Mädchens, winkend auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli, im Gedächtnis fest behielt, die ganze Fahrt von Hamburg nach Kingston-on-Hull bis zum Bahnhof von King’s Cross, einen vollen Tag und zehn Stunden, und dann noch zwanzig Tage bei der Arbeit, noch bei dem letzten Abendessen mit Elizabeth Trowbridge. Dann schickte Lisbeth Papenbrock ihm ein Werk des gneezer Lichtbildners Horst Stellmann, Portraits seine Spezialität: ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare mit einem Mittelscheitel geteilt hat und seitlich über die Ohren gelegt hat, Lisbeth Papenbrock mit den Händen vor dem Bauch aufgebaut vor Stellmanns eigenartig gerafften Vorhängen. Sie blickt vorsichtig und belustigt auf die Plattenkamera, an der Stellmann sich windet unter seinem schwarzen Tuch, und ihre Lippen waren ein wenig offen. Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich." (17.9.1967)


18. September, 1967    Montag
Wo wir wohnen ist der Broadway alt. Wir sind weit von seinem legendären Stück oberhalb des Times Square, wo der rasche Umsatz den verwitterten Turm der New York Times mit Sandstrahlgebläsen weiß poliert hat, wo alte Häuser klammheimlich niedergemacht werden hinter mattenbehängten Gerüsten, wo die soliden Türgriffe und Schlösser und Treppengeländer des Astor Hotels versteigert werden, damit Platz wird für Glas und Kunststoff und eloxiertes Aluminium, wo die Straße ausgehängt ist mit ungeheuren Tüchern aus Licht, flackernd unter Kinobaldachinen, den unreinen Farben des Neongases, laufenden Schriftbändern, unter Punktstrahlern, unter Scheinwerfern und den kreisenden, springenden, platzenden Leuchtreklamen. Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer, und hängen tiefer.
Unser Broadway beginnt an der 72. Straße, wo er auf die Amsterdam Avenue trifft und ihr den Verdipark abschneidet. Hier teilt ein geräumiger Mittelstreifen, an den Kreuzungen mit Querbänken und gelegentlich mit Gebüsch besetzt, ihn in zwei breite Fahrbahnen. Zu beiden Seiten der Straße sind Muster der Renaissance in elefantischen Baumassen aufgetürmt, und weit in den Norden hinein zeugen die vielfenstrigen Kästen unter ihren gefühlvollen Gesimsen von dem fiebrigen Vertrauen in den Baumarkt, der um 1900 zu galoppieren anfing, als die Ubahn unter den Broadway gelegt wurde. Es sind Hotels, Lichtspieltheater, Appartementhäuser einer Zeit, in der Gewinne angelegt wurden, als Jugendstil oder italienisches Gerank um Knie und Stirn der Häuser noch ihren Wert anzeigen sollte. Der Auftrieb hat nicht gereicht für eine geschlossene Kolonne dieser dekorierten Ungetüme, zwischen ihnen hocken ärmlich und vierstöckig die zaghafter kalkulierten Miethäuser, die sich weniger Mühe machten mit dem Verbergen ihrer Feuerleitern, nun stellt ihr Alter sie bloß. Wenige Hotels haben die vermögende Kundschaft halten und die Reputation wahren können, die die Fassade verspricht; vornehmlich beherbergen sie jetzt Dauergäste, verarmte Pensionäre, kaum Leute mit Kindern. Die Appartementhäuser müssen ihre Wohnungen nicht lange ausbieten, zwar hilft ihre Adresse nicht dem Ansehen, aber sie sind versorgt mit Ubahnstationen, Buslinien in alle vier Richtungen, und ihre unteren Geschosse sind in dichter, nicht gebrochener Kette vollgestopft mit Geschäften, mit Feinkostläden und Superhandlungen, mit Waschsalons, Friseurstuben, Imbißhallen, Gemüsemärkten, Bars, Ladenkirchen, Schuhbesohlanstalten, Reinigungsfilialen, Steuerberaterfirmen und Fahrschulen und Reisebüros, wenngleich die Auslagen mitunter verstaubt sind, die Textilien Ramsch und die Theken nicht so blitzblank wie auf der Ostseite.  (18.9.1967)

Uwe Johnson: Jahrestage

21 September 2017

Johnson: Jahrestage 16. September

Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt.
Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der »France« aus, da mußte sie noch über die Reeling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das new yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten.
Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York, dringend genug, wieder und wieder seine Wirklichkeit ohne Nörgelei abzuwarten: die Fahrt mit dem Brooklyn-Expreß bis zur Chambers Street, die Bummelei auf der Lokalstrecke bis zur kreischenden Schleife der Ubahn um die Station South Ferry, der Aufstieg aus dem Untergrund in den weiträumigen Wartesaal, alles ohne Eifer und Eile. Wenn aber die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden, begann sie an Gesines Hand zu ziehen über die Gänge und Brücken zum Schiff, als hätte sie da in all dem Platz für dreitausend Leute einen einzigen und eigenen zu verfehlen. Damals beschrieb sie New York in Zeichnungen für düsseldorfer Freunde als einen bloßen Hafen für orange vielfenstrige Schwimmhöhlen, in denen neben reichlich Autos ein Kindergarten versammelt war. Damals ließ sie sich noch fragen, warum sie Gesines arbeitsfreie Zeit aufgab für Ausfahrten mit der South Ferry: weil es ein Haus ist, das fährt; weil es eine Straße zwischen den Inseln ist, die sich selbst übersetzt; weil es ein Restaurant ist, in dem man reisen kann, ohne sich einen Abschied einzuhandeln.
Und an den Drehkreuzen der South Ferry durfte sie zum ersten Mal in der Stadt selbst eine Fahrt bezahlen; hier war sie unter die Bürger aufgenommen worden. [...] (16.9.1967)

20 September 2017

Dieser Sommer ist vorüber. (Johnson: Jahrestage 15. September 1967)

15. September, 1967    Freitag
Dieser Sommer ist vorüber.
In der letzten Woche sind in Viet Nam 2376 Menschen beruflich am Krieg gestorben. Gestern bestritten die Sowjets, daß sie einen ihrer Schriftsteller im Arbeitslager mißhandeln. Die Lehrer der öffentlichen Schulen streiken weiter. Südkorea will einen Zaun aus Draht und Elektronik an seiner Nordgrenze errichten. [...] Bei der Siegesparade auf dem Riverside Drive ging Marie neben Rebecca Ferwalter am Rande einer Reihe, als gehörte sie hinein, nicht im blauweißen Aufzug, aber winkend mit einem Fähnchen, dem Davidsstern. [...] Dieser Sommer ist vorüber. In diesem Sommer ist der milliardenfache Revolutionsgewinner Tschombe nach Algerien entführt worden, und seine ehemaligen Freunde schärfen das Fallbeil. In diesem Sommer begann der 33. militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, [...] Dieser Sommer ist vorüber, das ist unsere zukünftige Vergangenheit, das sind unsere Lebenserwartungen. Aber noch unter dem Broadway, auf dem Bahnhof 86. Straße, auf dessen Mittelgleisen ein Expreß donnernd nach Norden durchfährt, sehen wir auf die erstarrten, blicklosen Leute in den ruckenden Fenstern des Zuges und ängstigen uns davor, einmal nicht mehr zu ihnen zu gehören, vor einer Zukunft, da wir nur noch mit dem Heimweh leben könnten in New York.(15.9.1967)

19 September 2017

Johnson: Jahrestage 14. September

"[...] Cresspahl muß sich geekelt haben vor der Wiederholung. Mit sechzehn Jahren ja, da konnte die Welt noch zugestellt werden von der Nähe, dem Atem, dem Blick, dem Hautgefühl, der Stimme eines Mädchens; mit sechzehn Jahren, ja da mögen ihm einmal die Absicht und der Plan und die Zukunft verhängt worden sein vom geduldigen, zuversichtlichen Verlangen nach einer Fünfzehnjährigen, die so sehr Ziel wurde, daß er in ihr nicht mehr die Enkelin des Meisters wahrnahm, nur noch die unausweichliche Notwendigkeit, das Vertrauen auf einen abgeblendeten Entwurf für das ganze kommende Leben: mit sechzehn Jahren, als Tischlerlehrling in Malchow am See, zu Anfang des Jahrhunderts; aber 1931, in Jerichow bei Gneez, mit 43 Jahren?
Ist nicht die Wiederholung unerträglich: daß immer wieder das Bedürfnis nach einer Person das Bewußtsein wie zum ersten Mal nach dem alten Raster preßt, daß längst ausgedachte Empfindung wiederkehrt wie frisch, daß die Vorstellung unermüdet von neuem die bloße Außenseite einer Person ausdeutet und ausbaut zu allen denkbaren Entsprechungen zwischen ihr und ihm, daß die Leerstellen in der wirklichen Person ungewarnt verdeckt werden von dem Bild der Person, daß der Herzschlag anzieht nur bei ihrem Anblick so lebensängstlich wie nur beim Anblick einer anderen Person schon vor fünf, vor zwölf, vor achtundzwanzig Jahren, als wäre hier unerhörte Wirklichkeit zu entdecken, noch nie Berührtes, noch nie Gefühltes? er muß sich vergessen haben. [...]" (14.9.1967)

18 September 2017

Johnson: Jahrestage 13. September

[...] Gesines zehn Tage am Atlantik sind jetzt zugedeckt von drei Wochen in der Stadt, und die Verhaltensweisen der Angestellten sitzen ihr wiederum dicht auf der Haut. Wiederum rückt sie die Zeit ihrer Uhren um fünf Minuten vor, um einer Verspätung im Büro vorzubeugen. Diese fünf Minuten verschweigt sie sich beim Einschlafen wie beim Aufstehen, erst bei Verspätungen der Ubahn vertraut sie wissentlich auf die Reserve. Aus den einzelnen Betriebsstörungen der Bahn macht sie eine negative Regel, um den Weg zur Arbeit von Grund auf zu schützen gegen Einbußen an Zeit, und im Gedächtnis spart sie weiterhin solche Minuten unter fünf, die bei einem vorzeitigen Ende des Frühstücks abfallen, oder sie zweifelt am Gang der Uhr. Sie überwacht die deponierte Zeit nach den Ansagen der Rundfunksender, verheimlicht sie sich gleichzeitig in einem Mißtrauen gegen die Lässigkeit der Sprecher:

Leute, wenn ihr um halb aus dem Haus sein wolltet, seid ihr jetzt erst sieben Minuten verspätet!

Außer dem versucht sie, ihren Erfahrungswert von fünfunddreißig Minuten zwischen Wohnung und Schreibmaschine durch eiliges Umsteigen und durch waghalsige Ausdeutung der Ampelzeichen zu vermindern, ohne allerdings den Gewinn zu ihren eigenen Gunsten auf dem Zifferblatt anzulegen. Die angesammelte Rücklage schickt sie gelegentlich schon um zehn nach acht weg von der Oberen Westseite, bringt sie oft um halb neun vorbei unter der ungefügen Uhr im Bahnhof Grand Central

Dies ist die Uhr, die Amerika aufweckt!

und nicht selten war sie um dreiviertel neun an der elektrischen Normaluhr im Büro, deren spinnenbeiniger Sekundenzeiger am Spielraum hobelt. In der gewonnenen Viertelstunde könnte sie die Zeitung auffalten, aber es käme ihr kleinlich vor, pünktlich um neun Uhr null Sekunden anzufangen, und sie greift doch in den Eingangskasten. Auf das Tempo der Arbeit wirkt die hamsterische Zeitmessung nicht, denn ihr werden Vorgänge nach Vorrat und Anfall zugeteilt; es gibt auch halbe Stunden, in denen die Angestellte Cresspahl Lexika liest, arbeitsam vorgebeugt, bei offener Tür [...]
Und vertrauliche Überstunden in den Waldorf Astoria Towers … dreißig Meter hoch über der abendlichen, verlassenen Lexington Avenue, dreißig Meter im Freien über den angetrunkenen Herren, verirrten Touristen, königlich patrouillierenden Taxis im stinkenden Kanal der Straße … in der stockigen Luft der Klimamaschinen, Luft aus Großmutterschubladen, Schubladen voll Kuriosa und Preziosen … Überstunden für den Vizepräsidenten de Rosny der in seine Suite geleitet wird als ein geliebter Fürst auf Durchreise, dem das Hotel eine Bar mit frischem Eis auffährt, einen zweiten Fernsehapparat, eine elektrische Schreibmaschine in einer Art fahrbaren Wiege … Überstunden für die Übersetzung eines Briefes aus Prag, in polnischem Französisch, über Nachtlokale, Schmalfilm, ein Mädchen namens Maria-Sofia, über Staatskredite auf Dollarbasis … Überstunden mit Cocktails … Überstunden mit Heimreise in einer schwarzen Kutsche, durch das rötliche Gegenlicht der westlichen vierziger Straßen, unter den Bogengüssen offener Hydranten, über die Schnellstraße der Westseite, hoch neben dem grauen dampfenden Hudson, dem in Dunst gewickelten Gegenufer, voran am gefegten geharkten Riverside Park, über der Erde … Stunden über die Arbeitszeit, über den Bedingungen gewöhnlicher Arbeit …?
Es war ein Ausflug. Es war lustig. Es war sonderbar. Es waren Überstunden, ohne Bezahlung.
(13.9.1967)

17 September 2017

Johnson: Jahrestage 12. September

"[...] Die Angestellte Cresspahl wird gebeten, sich nachmittags für eine Fahrt zum Flughafen Kennedy verfügbar zu halten; es wird dort ein Brief zu übersetzen sein. Eine Stunde vor Dienstschluß wird die Angestellte Cresspahl abgeholt von einem Mann in Livree, einem schweren alten Menschen von dunkler Haut, der ernst wie ein Börsendiener sich vorstellt als der Fahrer des Vizedirektors de Rosny, sie zu dessen Dolmetscherin ernennt und hinzufügt: Ich bin Arthur. In seinen kurzen krummen Haaren sind weiße Stränge, und er hält beim Sprechen die Uniformmütze in der Gegend des Herzens. Es gelingt der Angestellten Cresspahl nicht, ihm die Hand zu geben, er ist ihr schon aus dem Weg getreten. Sie sagt ihm, überrumpelt, halbherzig, ihren Vornamen, und er antwortet ernst, nachsichtig: Das ist ganz in Ordnung, Mrs. Cresspahl.
Mrs. Cresspahl muß hinter ihm gehen wie hinter einem Diener. Seine Uniform, seine gemessenen Schritte, seine blicklose Miene stören die lässigen Feierabendgespräche zwischen den Maschinenkonsolen des offenen Büroraums, er läßt ihr nicht Zeit zu Abschieden, schon hält er ihr die Tür zum Hauptkorridor auf und läßt sie hindurchgehen wie etwas, das er nicht sieht. Vor dem Fahrstuhl besteht er darauf, ihr die Mappe abzunehmen. Während der Niederfahrt, allein mit ihr, macht er eine Bemerkung übers Wetter, das Gesicht gegen den Stockwerksanzeiger gerichtet, überhört ihre Antworten und wiederholt: Sehr wohl, madam, bis er im Keller sich vor ihr und de Rosnys Wagen verbeugen kann, den Schlag zudrückt und die Mütze aufsetzt. Sie fühlt sich angeliefert, befördert und eingeschlossen wie ein bestelltes Paket. [...]
Auf der Rückfahrt ist die Trennscheibe der Limousine hinter Arthurs Bank versenkt, er hat nur eine Hand am Rad, den anderen Arm auf der Lehne zum bequemeren Umwenden, de Rosny sitzt in der passenden Diagonale, und beide erzählen einander aus ihrem neueren Leben.
Mr. de Rosny kommt keineswegs stracks von Honolulu. Er ist in Kalifornien ausgestiegen, er hat sich in Italien diesen Anzug machen lassen, er hat zwei Tage unter der pariser Küche gelitten, er hat noch einen Platz bei einer amerikanischen Fluggesellschaft gefunden, er sieht New York mit Vorfreude entgegen. Und du, Arthur?
Arthur hat seiner Frau eine neue Waschmaschine gekauft. Sein zweitjüngster Sohn hat sein medizinisches Examen bestanden, nicht ausgezeichnet, aber gut. Arthur hat das Wochenende in Connecticut verbracht, er lobt sich jetzt den Rasen hinter seinem Haus. Die Frau ist nervös wegen des Lehrerstreiks, die kleineren Kinder verpassen Unterricht, wenngleich die Forderungen der Lehrer, insbesondere nach kleineren Klassen und höherem Gehalt …
– Und wie bist du mit ihr ausgekommen? sagt der Chef, mit einem Kopfschwenken auf Mrs. Cresspahl. Sie war in Ordnung: sagt Arthur, und Mrs. Cresspahl erwischt einen Blick lang seine Augen im Rückspiegel. Er zeigt ihr kein Zwinkern, nur einen winzigen, beruhigenden Aufschlag der Lider.
 
Ich hätte wissen sollen, daß der Chef dir den Arm um die Schultern legt, dir die Tür aufhält, dich einen Platz aussuchen läßt. Gesine, oder wie immer du heißt.
In Ordnung, Arthur. Und fahr zur Hölle, Arthur." (12.9.1967)

Johnson: Jahrestage 11. September

11. September, 1967    Montag
In der gestrigen Ausgabe der New York Times beschrieb die Tochter Stalins den »Tod meines Vaters«, in der heutigen »Mein Leben mit Vater und Mutter«. Die beste Zeitung der Welt versieht die Memoiren der Überläuferin mit Fotografien in eigener Verantwortung, heute mit einer Aufnahme von 1935, in der Stalin der Kamera seines Oberleibwächters eine Nase macht.
Und wir sind der Zeitung treu seit sechs Jahren! Einmal waren wir ausgeliefert an den Kettenhund der ostdeutschen Militärbasis, der innerhalb der äußeren Umzäunung wiederum in einen Maschendrahtkraal gesperrt war, so daß er sich mit keinem Zivilisten anfreunden konnte und sich entwickeln mußte zu einem hypochondrischen, introvertierten, schwer irritierten Typ, der noch wenn es junge Hunde regnete vor seiner Hütte stand und geiferte, und machte nicht Eifer ihm die Stimme überschlagen, so war es der Stimmbruch des Neuen Deutschland; einmal waren wir angewiesen auf die demokratischen Tugenden ältlicher Mädchen, die Beflissenheit, die Zanksucht, die Heuchelei, das abstrakte Gewissen, die Selbstgerechtigkeit von Jungfern, die so lange nicht berührt wurden, daß sie den Geschlechtsverkehr dann lieber gleich und überhaupt bestritten, die großbürgerliche Presse im Bereich des westdeutschen militärischen Stützpunkts; und wir waren gewiß: nie könnten wir eine ehrliche alte Tante wie die New York Times ganz und gar verachten. Und wir hatten 1961 die Wahl zwischen ihr und der Herald Tribune! zwischen konservativ dunklem Aufzug von Tagwerk und Pflichterfüllung, andererseits dem mehr appetitlichen Druckbild, den flotteren Fotos, einer auch ältlichen Figur, die dennoch auftrat mit Seide um die bleichen Haare, Schleifchen am Hals, Modefarben um die Lenden und Stiefeletten aus der Via Condotti; uns blieb keine Wahl. Nicht wie ein blindes Huhn ein vergessenes Korn findet, sondern wie die wache Elster Silber stiehlt, zuverlässig hörte die New York Times auch 1961 das Gras wachsen und die Mauer um Westberlin und beschrieb uns beides in Sätzen zweiter Ordnung, Zitaten aus erster Hand, mit Glossen, Fotografien, vorläufigen Summarien, in den kleineren Formen der Erzählung, und als der rhapsodische Gegenstand in allen Strängen zusammengesetzt war und die erste Schicht der Trennwand verlegt, versammelte sie alle Mittel der Beschreibung im epischen Fluß und lieferte in täglichen Berichten vom Bauplatz in Fortsetzung die Geschichte, die ihr gleich Historie gewesen war. Wie hätten wir an ihr zweifeln können. Damals kostete sie nur 5 Cent. Für 5 Cent nicht nur abwechselnd bedrucktes Papier, sondern die begründete Erwartung, daß Nachrichten bei dieser Hausfrau nicht unter den Teppich gekehrt werden, daß schmutzige Wäsche ihr ein Anlaß zum Waschen ist, daß jeder Schrank geöffnet werden kann, und in keinem hängt ein Skelett am Kleiderbügel! Diese Person des Vertrauens, sie hat uns ausgerüstet mit Gründen für ein Leben in New York! hier zum ersten Mal konnten wir unsere Anwesenheit zusätzlich mit Vernunft auslegen und sagen, daß eine hiesige Zeitung die Nachrichten aus Deutschland mit denen aus der Welt in ein richtiges Verhältnis setzt: in ein kleines, so daß sie uns half und dazu erzog, Wirklichkeit entgegenzunehmen mit Erwartungen und Urteilen, auf die Eltern uns ohnehin gestimmt hatten! Es war nicht nur Bequemlichkeit. Wir haben uns an sie gewöhnt wie an eine Person, die im Haushalt einen Sitz hat, und nicht am Tisch des Gnadenbrots, und nicht auf einem Altenteil. Wir wollten sie nicht ändern: ihr ist das Wohl und der Gewinn ihres Landes das Höchste vor der Welt, mit diesem Raster zogen wir ihr Vorurteile ab; oft kümmert der Egoismus ihres Landes sich nicht um ihren Anstand und Tadel, und wir fühlten uns gemahnt an die tragische Theorie des klassischen Jahrhunderts in der Literatur von Deutschland. Wir sind mit ihr verfahren streng nach dem Vorschlag eines Literaten der Gegenwart und haben sie behandelt mit Rücksicht und hilfsbereit: es sollte vor allem uns ankommen auf ihre Erfahrungen. Wir haben angesehen, daß sie dem griechischen König riet, sein Land mit einem Putsch zu verbessern, und daß nicht der König sondern seine Generale das Orakel vom Times Square verstanden, doch ist Gerissenheit das Mindeste, was wir alten Tanten zubilligen werden. Und danken wir ihr nicht die beschleunigte Erkenntnis, daß der westliche Block auch in Griechenland mit Faschisten zu Tafel saß? Sie blieb sich treu, und zeigte unvermittelt Abscheu vor der Folterung politisch mißliebiger Griechen. Und nicht die Besitzer der Zeitung, und nicht im Auftrag der Monopole und Parteien, entwerfen das Bild der Gegenwart nach Plan und Absicht, [...] (11.9.1967)

15 September 2017

Theodor Storm

Tilmann Spreckelsen über Theodor Storm, faz.net 14.9.17

"[...] Heutige Leser finden in seinem reichen Werk mühelos Beiträge zu aktuellen Diskussionen wie Sterbehilfe („Ein Bekenntnis“), Mobbing („Im Brauer-Hause“) oder zum Komasaufen bei Jugendlichen („John Riew“), und wer die Novelle „Unter dem Tannebaum“ liest, stößt dort auf eine Passage, in der die Madeleine-Episode der „Recherche“ präfiguriert ist, nur dass hier der Geruch des traditionellen braunen Weihnachtskuchens als Türöffner in die Kindheit fungiert. Vor allem aber finden wir alles, was Familie ausmacht, in diesem Werk festgehalten, alles Glück des Zusammenseins und alles Verzweifeln an den anderen.
Dass alles auf die Gruft zuläuft, ist diesem Werk zwar eingeschrieben. Aber auch, dass sich die Grabplatte hebt, wenn man wie Storm von denen erzählt, die einst mit dem Ziegenbockwagen herumgesaust sind, als gäbe es kein Morgen."

Johnson: Jahrestage 10. September

10. September, 1967    Sonntag
Die Landwirtschaft braucht Steuererleichterungen! Überhaupt muß der Fiskus die Abgaben in Naturalien annehmen! Das Tarifrecht muß geändert werden! Der Staat soll lieber was gegen die Zwischenhandelsspannen tun! Wenn Berlin wenigstens die Einfuhren drosseln würde!
So: klagte Papenbrock senior: könne der Mecklenburgischen Ritterschaft vielleicht noch einmal über das Jahr 1931 geholfen werden! Der Alte schrie nicht einmal, vertuschte auch nicht sein Asthma in den Pausen, zu denen die Zigarre ihn zwang, lag schlaff bei halbgeschlossenen Augen, gegen sein Sesselpolster in den schiefen rötlichen Sonnenstrahlen, die seine Kontorfenster blind machten. Er wollte nur Zeit gewinnen gegen seinen Besucher, einen Menschen namens Cresspahl, der ihn auf dem Briefpapier des Lübecker Hofs um eine Unterredung angegangen war. Der Besucher gab sich zudem, als läge ihm ernstlich an den Sorgen des ostelbischen Adels.
– Die Steuerschulden der Herrschaften, die sind wohl zum Tapezieren: sagte Cresspahl ernst, im selben förmlichen Platt, gehörig steif auf dem Besuchssofa, den Blick auf Papenbrocks abendlich spiegelnder Glatze haltend. Der Vater der Braut erkannte beim besten Zwinkern nichts Unehrerbietiges.
Papenbrock wußte gegen den Mann nichts zu tun. Der Mann war kräftig, nicht verspeckt, nicht kleinzureden. Der Mann konnte sich das Zimmer im Lübecker Hof schon acht Tage leisten. In dem Telegramm, das er aus England bekommen hatte, war von Aufträgen die Rede, wenngleich Frieda Klütz, Telegrafistin von Jerichow, nicht imstande gewesen war, für Papenbrock eine genaue Übersetzung dieser Geschäfte anzufertigen. Die Tochter erzählte von dreitausend Pfund auf einem Konto bei der Surrey Bank of Richmond, und Papenbrock hatte sein verächtliches Pusten versteckt, denn er hielt was vom Baren. Der Mann hatte darauf verzichtet, dem künftigen Schwiegervater mit einem Konto in Jerichow zu imponieren, der hatte aus dem deutschen Bankenkrach vom Juli gelernt. Der Mann hatte gedient, den hatten Papenbrocks Kameraden an der Russenfront zum Unteroffizier gemacht. Der Mann war Mecklenburger. Aber Papenbrock konnte sich nicht zu dem Mann entschließen.
– Wenn Sie als ein geriebener Kaufmann für das Programm der Ritterschaft eintreten …: sagte Cresspahl auffordernd und nahm die Schultern ein wenig vor, als sei er neugierig auf Papenbrocks Absprachen in den Ministerien von Mecklenburg-Schwerin.
Papenbrock zögerte noch, diesem Cresspahl seine Freunde zu offenbaren. Der kam aus einer Gegend im Sudösten, in der Papenbrock einmal eine Gutspachtung verloren hatte. Dieser Cresspahl hatte womöglich im warener Rathaus hinter einem Schreibtisch gesessen, als Papenbrock seine Gewehre an eine Arbeiterkontrolle herausrücken mußte. Dieser Cresspahl hatte inzwischen zehn Jahre außer Landes gelebt, in den Niederlanden, in England, bei den Gewinnern des Krieges, und selbst der Hauptmann a. D. Papenbrock konnte einen solchen Schwiegersohn nicht leicht beim Stahlhelm annehmlich machen. Der Mensch benahm sich nicht einmal, als hätte Papenbrock vor wenig Jahren sein Vorgesetzter sein können. Dieser Mann, so bürgerlich ihm seine Sparsamkeit in den Geschäften Jerichows anzurechnen war, er saß doch bei Peter Wulff in der Hinterstube, über die Polizeistunde hinaus, und redete mit Leuten, die mit Fahrrädern aus Wismar kamen und von denen nicht einmal der Landjäger wußte, wo sie über Nacht abblieben. [...]
(10.9.1967)

14 September 2017

Weshalb Verfassungen von den Gesellschaften, die sie ordnen sollen, zerstört werden (in: Wieland: Der goldene Spiegel)

 »Es ist ein trauriges Los aller guten Dinge in der Welt«, fing Danischmend an, als er nach einigen Tagen wieder an das Bette Seiner Hoheit gerufen wurde, »daß sie unter den Händen der Menschen nicht lange unbeschädigt und unverdorben bleiben können. Leider gilt dies von Gesetzgebungen, Staatsverfassungen und Regierungen ganz vorzüglich. Wie vollkommen auch die gesetzmäßige Verfassung eines Staats sein mag, bei der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit der Menschen an, in deren Händen die Gewalt ist, welche der Staat dem Fürsten, und der Fürst wieder teilweise denen, die ihm regieren helfen sollen, anzuvertrauen genötigt ist. Wie angelegen ließ sich's nicht der guten Tifan sein, seiner Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen, daß er ihr die möglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte! Eben darum, weil er einsah, wie sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl als der Regierenden ankommt, machte er die moralische Bildung der Scheschianer zum Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten, und die Erhaltung der Sitten in der möglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen. Aber eben darum, weil es unmöglich ist unter einem großen Volke die Sitten lange unverdorben zu erhalten, konnt er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht bewirken, als daß es mit der sittlichen Verderbnis seines Volkes langsamer zuging, und also der Zeitpunkt des politischen Todes, welchem sich jeder Staat mit immer zunehmender Geschwindigkeit nähert, von dem seinigen etwas weiter entfernt wurde, als es ohne seine Vorkehrungen geschehen wäre. [...]
Niemals wird in irgend einem Staate derjenige, der mit irgend einem Anteil an Macht und Ansehen bekleidet ist, sich lange in der Einschränkung halten, die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat. Gibt das Gesetz die höchste Gewalt in die Hand eines Einzigen; so wird dieser Einzige nicht ruhen, bis er sich über das Gesetz erhoben, und es dahin gebracht hat, daß sein Wille, nicht der allgemeine, das höchste Gesetz ist. Verteilt es dieselbe unter mehrere durch einander eingeschränkte Mächte; so wird jede von ihnen, so gut wie jener Einzige, sich so lange auszudehnen streben, bis sie den Damm, der sie einzwängen soll, durchbrochen hat: und ist das Gesetz einer jeden, für sich allein, zu mächtig; so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen, oder in geheime Unterhandlungen mit einander treten, und – unter der Bedingung sich in die Vorteile, die sich keine allein zuzueignen vermag, brüderlich zu teilen – die schicklichsten Mittel das Gesetz unkräftig zu machen mit einander abreden. Dieser Umstand ist für sich allein schon mehr als hinlänglich, den immer zunehmenden Verfall und endlich, die gänzliche Auflösung jeder politischen Gesellschaft zu bewirken: aber auch ohne ihn würde bloß die Kultur (ich meine eine solche, wozu Tifan durch seine Gesetze den Grund legte) mit der Zeit die nämliche Wirkung hervorbringen.« »Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt«, sagte der Sultan: »aber ich seh ihn kommen« – »Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden«, fuhr dieser fort, »wenn ich Ihnen etwas sehr Einfältiges zu sagen scheinen werde, das aber darum nicht weniger wahr ist. Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe, welche, vermöge der Natur der Sache und des Menschen, ewig nach ungebundener Willkürlichkeit strebt, muß besagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit, Einfalt und Unmündigkeit befinden, der genau so lange und keinen Augenblick länger dauern kann, als es in Unwissenheit und Vorurteile, gleich einem Wickelkinde, um und um eingewickelt bleibt: und wofern ein gewisser Grad von Kultur sich mit diesem Zustande vertragen soll; so muß die vereinigte Gewalt der Gesetze, der Erziehung, der Sitten und der Gebräuche, im Notfall durch die Schrecken eines eisernen Despotismus verstärkt, zusammen wirken, jeden Fortschritt zu höhern Stufen unmöglich zu machen. Ist aber dieser Fortschritt frei gelassen, wird er durch die Verfassung sogar befördert: so ist nichts natürlicher, als daß endlich die Zeit kommen muß, wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten, und überhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird, daß es sich nicht länger zum leidenden Gehorsam bequemen will, geschweige daß die Blendwerke, Gaukeleien und Zauberformeln länger bei ihm anschlagen sollten, womit es sich ehmals in seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Führers tanzen machen ließ. Es wird also« – »Erspare dir die Mühe uns zu sagen was es tun wird, Itimadulet«, fiel ihm der Sultan ins Wort – »wir kennen das! Aber meinst du nicht auch, daß sich aus dem, was du uns eben da zu sagen beliebt hast, ein vortreffliches Argument gegen deine fortschreitende Kultur ziehen ließe?«
»O gewiß ein vortreffliches«, sagte Danischmend mir einer lächelnden Grimasse, die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister, der seinem Gebieter antwortet, geziemen will.
»Nicht daß ich etwas gegen die Kultur hätte«, fuhr der Sultan ganz kaltblütig fort: »im Gegenteil! – Nur mit deiner fortschreitenden Kultur, Herr Danischmend, die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr regieren lassen wollen, mit der würde ich mich schwerlich recht vertragen können. Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem Lande; das Ei soll nicht klüger sein wollen als die Henne; und wer zum Dreschflegel, zum Hammer, zur Nadel und zur Ahle geboren ist, soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen, was er tun wollte, wenn er Oberrichter, Statthalter, Itimadulet, oder Herr des weißen Elefanten wäre. Das ist meine Meinung von der Sache; und nun weiter im Text, Freund Danischmend!«…  [...]
Unvermerkt gewöhnte man sich daran, die Quelle, aus welcher man immer unbescheidener schöpfte, für unerschöpflich zu halten; und so erschwerte man die Subsistenz der Armen, in der wohltätigen Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern, so lange, bis endlich Mangel, übermäßige Arbeit, und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu arbeiten, ihnen zuletzt das Dasein selbst unerträglich zu machen anfing;  [...]
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil 16. Kapitel)

Johnson: Jahrestage 9. September

9. September, 1967    Sonnabend
Fast herrscht Gerechtigkeit in New York an diesem Morgen. Die Luft steht still. Die Luft kann sich nicht rühren unter unbeweglichen Wärmemassen in der oberen Atmosphäre, sie kann seit gestern nicht mehr in die Kälte steigen und den Schmutz loswerden, den die Stadt in sie pumpt aus Kraftwerken, Gasanstalten, Heizschornsteinen, Automotoren, Düsenaggregaten und Dampfern: die Inversion hat eine undurchlässige Kuppel über die Stadt gestülpt. [...]
Denn Marie geht einkaufen auf dem Broadway an manchen Sonnabenden. Früh morgens schleicht sie auf blanken Füßen an Gesines Bett, stiehlt ihr den Wecker und tapst auf Zehenspitzen zur Tür, die sie gegen behutsam federnde Fingerspitzen einschnappen läßt, wenngleich sie ahnt, daß Gesine den Atem anhielt wie ein wacher Mensch und längst auf dem Rücken liegt, die Arme im Nacken verschränkt, horchend.
Denn vor sechs Jahren die Vierjährige klammerte sich fest an Gesine vor den Schwingtüren zum Kindergarten, trommelte schreiend vor Wut gegen die Türen des Fahrstuhls, in dem die Mutter verschwunden war, legte sich während der Spielstunden oft schweigend und traurig, Zureden nicht zugänglich, auf den Fußboden des Klassenzimmers, das Gesicht zur Tür gewandt. Die Erste Erzieherin am Telefon machte Gesine Vorhaltungen, und nach drei Wochen brachte sie eine Liste der nötigsten Worte, die das Kind nicht hatte lernen wollen. Darunter waren solche wie Hand und Fuß, aufstehen, anfassen, suchen, und Gesine fing an, westdeutsche Zeitungen zu kaufen, wegen Stellenangeboten. Auf das Englisch, das sie sprach, hörte das Kind mit höflich verkniffenen Blicken, die sie nicht aus dem Auge ließen, und sie verstand, daß für Marie das Englisch die äußere Welt bedeutete, das Fremde, das nicht auch noch in diese Wohnung kommen sollte. Sie mochte dem Kind aber keine Belohnung fürs Lernen versprechen. Sie untersagte sich Mitleid, wenn sie das Kind allein zu dem Eisauto am Eingang des Parks schickte und ansehen mußte, wie Marie, die Hände mit dem Vierteldollar im Rücken verkrampft, für jeden Schritt voran einen halben zurück tat, abgedrängt von den anderen Kindern, vom Eishändler erst bemerkt, wenn er sich schon zum Weiterfahren gewandt hatte. Marie verleugnete sogar das Englisch, das sie wußte. Sie ließ die Verkäuferin im Supermarkt einen Papierdollar vor sie hinlegen mit der Frage: wer der in der Mitte dargestellte feiste würdige Herr sei, und obwohl die Kundinnen hinter ihr laut oder zischelnd einsagten, wartete Marie finster und schweigend ab, ob diese Leute endlich nachgaben und Deutsch sprachen. (Auf der Straße sagte sie empört: George Washington! als ob ich das nicht wüßte! ich kannte doch keine einzige von den Damen!) Für sie war das eine Probe auf ihr Selbstbewußtsein gewesen. Erst auf einem Ausflug hudsonaufwärts, als sie sich von zwei Jungen hineinziehen ließ in Fangspiele auf den Gängen und Treppen des mehrstöckigen, hausähnlichen Dampfers, verriet sie sich und rannte blicklos zwischen den Stuhlreihen hindurch vorbei an Gesine und sagte zu ihr wie zu einer Fremden: Excuse me! und ließ sich später finden auf den Stufen zur Brücke, wo sie den verblüfften Jungen erzählte von Düsseldorf und dem Rhein in einem sprudelnden Gemisch aus deutschen Wortstummeln und akustischen Kurven, in die sie die Satzmelodie der Rundfunksprecher übersetzt hatte. Aber die Jungen flogen am Abend zurück in ihre flußlose Stadt in Ohio, und Marie wurde von Kindern auf dem Spielplatz angerempelt und gebufft wegen der dicklippigen, brummenden Laute, die sie für amerikanische Währung hielt. Die Kinder hatten aus Fernsehfilmen gelernt, wie man den steifen Arm gegen die Wand stützt und eine Ecke für ein Opfer macht, und Gesine ging hinein in das Gerangel und griff ihr Kind heraus, weil es sich nicht wehrte.
Aber die Marie, die jetzt die Vorrate für eine ganze Woche zwischen den klirrenden Türgittern des Fahrstuhlschachts herausführt, ist verstrickt in ein lauthalsiges Gespräch mit Mr. Robinson, und wieder läßt Mr. Robinson die Kabine offen stehen und prägt sich ein, wie das Kind in die Cresspahlsche Wohnung dringt und noch einmal erzählt von dem Stadtstreicher, der ihr auf dem Broadway die Einkaufskarre auszuräumen versuchte. And I did not bother with being a lady! Das Kind ist bei Schustek nicht von den Gehilfen, sondern von Herrn Schustek in Person bedient worden, und sie kostete drei Sorten von seiner Wurst, bevor sie kaufte. [...] Heute hat das Kind jene Verkäuferin, an deren Kasse sie einmal die Auskunft über George Washington verweigerte, ertappt bei zuviel gedrückten 21 Cent, und die Kassiererin hat sich ohne Geschrei entschuldigt vor dem Kind und den Kundinnen in Hörweite. Das Kind versucht Gesine anzudeuten, welches Gesicht eine Kundin in Hörweite zog, die bisher nur sich den Mund fußlig redete über die Schummelei an den Kassen und nun aufgebracht ist über eine Zehnjährige, die den Schwindel nachweist; der säuerliche Ekel der Matrone verzieht dem Kind das Gesicht bis unter die Haare. Und das Kind hat die heutige New York Times nicht vergessen, einen säuberlichen Ballen, unverrückt im Maschinenknick, das Bewußtsein des Tages. Sie legt das Papier neben Gesines Frühstück wie ein Geschenk.
Der Kriegsminister will nicht ausschließen, daß Rotchina in den Südostasienkrieg eintritt. Jedoch würde er das für einen sehr schlecht beratenen Entschluß halten.
Und erst auf Seite 48, zwischen Finanzen und Immobilien, meldet das besonnene Medium, daß in der ersten Jahreshälfte über 500 Zivilisten in Nord-Viet Nam durch amerikanische Angriffe getötet wurden, durch 77 000 Tonnen Sprengstoffe allein im März.
– Und die 21 Cent: sagt das Kind nach einer Weile Abrechnens, mit seiner rauhen, katarrhalischen Stimme, die sechs Jahre in der verdorbenen Luft New Yorks ihm eingetragen haben: die 21 Cent habe ich den Bettlern gegeben, dem mit den blauen Haaren sechzehn, und dem an der 98. Straße fünf.

Ablehnung des Absolutismus oder von der Notwendigkeit einer Verfassung (Wieland in: Der goldene Spiegel")

"Es ist falsche Politik, sich einzubilden, daß es gefährlich sein könnte, der Majestät durch die genaueste Bestimmung ihrer Rechte die Hände zu binden, und das Volk zu einer beständigen Vergleichung der Handlungen seiner Obern mit der Richtschnur derselben zu berechtigen. Weise Gesetze schränken die königliche Macht in keine andre Grenzen ein, als ohne welche das gemeine Wesen, dessen oberste Diener die Könige sind, immer in Gefahr wäre, von ihnen selbst, oder wenigstens von den Dienern seiner Diener gemißhandelt zu werden. Die ganze Schöpfung wird von ihrem Urheber (wiewohl er, und Er allein, im eigentlichsten Verstande ein unumschränkter Herr ist) nach Gesetzen regiert. Welcher irdische Monarch kann sich für berechtigt halten, willkürlicher regieren zu wollen als Gott selbst? Und wenn dieser oberste Monarch seine Wirksamkeit bloß darum an Gesetze gebunden hat, weil er vollkommen weise und gut ist: aus welchem Bewegungsgrunde könnten Könige, die doch nur Menschen sind und über ihresgleichen herrschen, ungebundene Hände verlangen? –"
 (Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil)

12 September 2017

Johnson: Jahrestage 7.- 8. September 1967

"[...] Aus dem Untergrund der Halle fädeln sich verschlafene Pendler in Richtung Osten zur Lexington Avenue, noch nicht munter genug für den Kampf um die Taxis. Inzwischen sind von den siebenhundert Gesichtern, die sie an diesem Morgen gesehen hat, fast alle vergessen. Jetzt beginnt das Lächeln.
Sie hat es gelernt. Selten noch erschrickt sie vor dem Lächeln, das jeden Morgen gleich auf dem Gesicht des Mädchens am Empfang der Abteilung aufzieht, verrutscht, abstürzt. Sie fühlt sich zu langsam für den ausführlichen, unveränderbaren Austausch der Begrüßung, der Frage nach dem Ergehen, der Antwort, der Gegenfrage, der Gegenantwort, der Verabschiedung; sie hat Mühe, damit in den vier Schritten einer Begegnung auf den Korridoren zu Ende zu kommen. Das hat sie nicht gelernt. Jedoch von diesem Lächeln fühlt sie sich gedeckt und putzt es auf bis ins Ausgelassene.

Das ist unsere Deutsche; Deutsche sind aber anders.

Die Abteilung besteht aus einem inneren Kern von Räumen aus Milchglasscheiben, einem offenen Raum mit Schreibtischgruppen, einem äußeren Rand von Büros, die Fenster zur Außenseite haben. Nach der stählernen Tür, die in ihrem Rücken zuschnappt, passiert sie den Schreibtisch des Empfangs, vier Tische auf der linken Seite, drei Innenbüros auf der rechten Seite. An den Maschinen von Mrs. Agnolo geht sie wie vergeßlich vorbei, ein Gespräch mit dem nächsten Tisch vortäuschend; Mrs. Agnolo hat einen Sohn in Viet Nam. Bei Danang starben gestern 36 Amerikaner, 142 Vietnamesen. Sie fürchtet sich vor dem Morgen, an dem die Todesnachricht hierher mitgebracht wird; der Junge hat noch vier Monate abzuleisten. Die meisten Innenbüros sind schon weißlich von Neonlicht, die Stühle im offenen Raum sind sämtlich besetzt, aber noch packen die Mädchen Arbeit aus, kramen in den Handtaschen, zeigen sich Inserate in der Zeitung. In Brownsville, Brooklyn, haben die Neger Polizisten mit Flaschen und Steinen beworfen. Plünderung, Brandstiftung; auf der anderen Seite des East River. Im Central Park ist ein fünfzehnjähriges Mädchen vergewaltigt worden von zwei Männern, die ihren Freund so zertrampelten, daß er vielleicht sterben wird. In zwei Minuten wird verflochtener Tastenlärm in der Luft hängen, plötzlich wie angeschaltet. Neben ihrer Zelle ist ein Schild aus braunem Kunststoff angebracht, auswechselbar in einer Schiene, mit dem Namen »Miss Cresspahl« in weißer Einprägung. Die Zelle mißt dreieinhalb mal drei Meter, ist mit Teppichboden ausgelegt, versehen mit einem Stahlschrank, Schreibtisch, dem Maschinenbock, Tonbandgerät, Telefon, fahrbarem Sessel, Ablagedecks, Besucherstuhl. [...]" (7.9.1967)

8. September, 1967    Freitag
Der Kriegsminister erläutert die Mauer, die er bauen will an der Nordgrenze Süd-Viet Nams. Er spricht von Stacheldraht, Landminen und eleganter Elektronik; er schweigt sich rein aus.
In den vier Tagen der Kämpfe um Danang sind 114 Marine-Infanteristen getötet und 283 verwundet worden. Auf der anderen Seite fielen 376, aber bei denen zählt die New York Times die Verletzten nicht eigens.[...]

 Vor dreißig Jahren fiel ein Kind von Cresspahl in die Regentonne hinter seinem Haus.
Sie haben ein Gedächtnis wie ein Mann, Mrs. Cresspahl! sagt James Shuldiner zerstreut. [...] James Shuldiner ist ein schmächtiger Herr, feuchtäugig, vergrübelt, von ungelenken Bewegungen, steif, unter schwärzlichem Schopf noch dem Oberschüler ähnlich, der er vor elf Jahren war, ein Junge aus Union City, den keine Bande brauchen konnte, der von beiden Banden Prügel bekam und aus den letzten Ferien stracks in die Armee ging, Mr. Shuldiner, ein versorgter Steuerfachmann, der bereit wäre, stolz zu sein auf ein männliches Gedächtnis. [...] 
 
– Schönen Dank, mein Herr: sagt sie.
 
Mrs. Cresspahl ist nicht stolz auf ihr Gedächtnis. [...] Das Depot des Gedächtnisses ist gerade auf Reproduktion nicht angelegt. Eben dem Abruf eines Vorgangs widersetzt es sich. Auf Anstoß, auf bloß partielle Kongruenz, aus dem blauen Absurden liefert es freiwillig Fakten, Zahlen, Fremdsprache, abgetrennte Gesten; halte ihm hin einen teerigen, fauligen, dennoch windfrischen Geruch, den Nebenhauch aus Gustafssons berühmtem Fischsalat, und bitte um Inhalt für die Leere, die einmal Wirklichkeit, Lebensgefühl, Handlung war; es wird die Ausfüllung verweigern. Die Blockade läßt Fetzen, Splitter, Scherben, Späne durchsickern, damit sie das ausgeraubte und raumlose Bild sinnlos überstreuen, die Spur der gesuchten Szene zertreten, so daß wir blind sind mit offenen Augen. Das Stück Vergangenheit, Eigentum durch Anwesenheit, bleibt versteckt in einem Geheimnis, verschlossen gegen Ali Babas Parole, abweisend, unnahbar, stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen.
 
Dor kann se ruich sittn gån.
 
Mr. Shuldiner hat sich unterbrochen in seiner Darlegung der neuesten Verstöße gegen das Völkerrecht, als Mrs. Cresspahl ihre Handtasche aufnahm, die Hand im Rücken des fetten schwarzen Beutels wie im Nacken einer Katze, sich die Tasche über die Hand setzte und dazu etwas aussprach in einem deutschen Dialekt. Er läßt es sich erklären, unbeleidigt, vorgebeugt wie ein aufmerksamer Zuhörer:
Das sagte mein Vater, als ich Angst hatte vor einer Katze unter dem Tisch. Sie legte sich über das Leder seiner Holzpantoffeln zum Schlafen. Das muß auch 1937 gewesen sein. An dem Tag war ich in die Regentonne gefallen.
Und Ihre Mutter, Ihre Mutter stand dabei? sagt Mr. Shuldiner eifrig.
 
Lisbeth ick schlå di dot.
 
Meine Mutter stand nicht dabei. Entschuldigen Sie. Es war ein Tagtraum, Mr. Shuldiner.
James Shuldiner begleitet Mrs. Cresspahl pflichtbewußt entlang der Zweiten Avenue in einen Laden nach dem anderen und beobachtet geniert ihre Versuche, einen Apfel zu kaufen. [...] 
Wenn da eine Katze innen am Küchenfenster lag, bin ich auf einen umgestülpten Eimer gestiegen und von da auf die Regentonne. Wenn auf der Tonne der Deckel fehlte, war meine Mutter in der Nähe. Wenn Cresspahl mich herauszog, hat sie zugesehen. Was soll ich dagegen tun! (8.9.1967)

06 September 2017

Johnson: Jahrestage 1.- 6. September 1967

"Du mußt nicht mich heiraten: sagt D. E.: du sollst bei mir leben.
D. E. schickt Blumen, Telegramme, Theaterkarten, Bücher. Er führt Marie zum Essen aus, er hat sich mit Esther angefreundet, er hört Mr. Robinsons Erzählung von seiner Militärdienstzeit in Westdeutschland zu. D. E. wohnt in New Jersey, aber er verbringt viele Zeit in den Bars um die 96. Straße am Broadway, zwei Blocks vom Riverside Drive. [...]     D. E. arbeitet in der Rüstung.
D. E. sagt: Ich arbeite für die Verteidigung.
Gesine hat D. E.s Namen zum ersten Mal in Wendisch Burg gehört, 1953. Er hatte die selbe Schule besucht, von der Klaus Niebuhr und die Babendererde in jenem Frühjahr vorzeitig abgingen, und er sollte von seinem Physikstudium in Ostberlin ausgeschlossen werden, nachdem er in einer Fakultätsversammlung den Fall Babendererde als ein Beispiel für Verfassungsbruch in der Deutschen Demokratischen Republik (durch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik) dargestellt hatte. Da noch nicht, aber nach dem Juniaufstand verließ er das Land. Er wird sich entschieden haben mit einer solchen Liste von positiven und negativen Faktoren, wie er sie heute anlegt, wenn er sich zwischen Autos oder Häusern oder politischen Meinungen nicht entscheiden kann. Damals hatte auf der einen Seite Wendisch Burg gestanden, der Sozialismus in der ostdeutschen Manier und eine verschleppte Liebschaft mit Eva Mau; auf der anderen Seite seiner Rechnung war herausgekommen: Die Aussichten für meine Ausbildung sind hier nicht günstig. So hatte er sich nicht selbst entschließen müssen.
Gesine hatte ihn im Flüchtlingslager Marienfelde in Westberlin zum ersten Mal gesehen, einen hageren, steilköpfigen Jungen mit damals blondem Haar, der sich in einer zerstreuten Art um sie bemühte, indem er sie nach Jerichow ausfragte und ihr politische Theorie mit viel physikalischem Vokabular vortrug. Mühelos wußten sie sich nur über den Fall Babendererde zu unterhalten. Er machte sich nicht die Mühe, sich in die selbe Stadt wie sie weisen zu lassen. Sie traf ihn nur zwei Tage, bevor er nach Westdeutschland ausgeflogen wurde. Vor der Aufnahmekommission sollte er gesagt haben: Ich habe mich für das kleinere Übel entschieden. Sie ließen ihn dafür nach Stuttgart, er schrieb seine Doktorarbeit in Hannover, von Westdeutschland ging er nach England, in die U. S. A. gekauft wurde er 1960. Er schickte zwar Ansichtspostkarten, manchmal Briefe, in denen vornehmlich von den Taten und Erlebnissen Eva Maus die Rede war, und aus Stuttgart schrieb die junge Frau Niebuhr Berichte über D. E.s rasche Liebschaften in einem bewundernden, fast ergebenen Ton. Die Babendererde spricht von D. E. noch heute wie von einem älteren Verwandten, als hätte sie ihm etwas zu verdanken. Gesine war elf Monate in New York, ehe er sie fand, beim Blättern im Telefonbuch, und sie zum ersten Abendessen einlud, ein massiger, maulfauler, fast feierlicher Patron, und ihr die Ehe antrug, nachdem er Marie kennengelernt hatte.
D. E. arbeitet für eine Firma in einem Industrial Park, New Jersey, die an der DEW LINE beteiligt ist. D E W sind die Anfangsbuchstaben von Distant Early Warning, einer Linie aus Radarstationen rund um die Territorien des nordatlantischen Vertrages, die sowjetische Raketen so rechtzeitig anzeigen sollen, daß noch Zeit ist für einen amerikanischen Gegenschlag. [...]" (1.9.1967)

"Mrs. Ferwalter ist eine kleine, zu beleibte Frau, die Mutter von Rebecca, eine stämmige Person, die gern Hängekleider in roten Farben trägt. Ihre Backenknochen stehen breit, die Stirn ist schmal über fast schwarzen Augen und Brauen, und der Schwung, in dem ihr Kopf zu einem engen Untergesicht verjüngt ist, erinnert an ihr Mädchengesicht. Jetzt ist es zugepackt mit Alter, festgehalten in einem starren Ausdruck von Abscheu, den sie nicht ahnt. Sie ist vom Jahrgang 1922, sie sieht aus wie eine Sechzigjährige. Vor sechs Jahren auf diesem Spielplatz hörte Mrs. Ferwalter Gesine deutsch sprechen mit ihrem Kind, und stand auf von der benachbarten Bank, kam heran auf ihren dicklichen Beinen, schwer auftretend, und setzte sich neben Gesine. – Mag sein mein Kind kann spielen mit yours: sagte sie gutmütig, in einem Akzent, der fast russisch klang. Sie sah aus wie nach einer gefährlichen Krankheit. Ihr starkes braunes Haar war uneben kurz geschnitten, wie nach einer Schädeloperation. Sie trug ein Kleid ohne Ärmel, und als sie sich beim Hinsetzen aufstützte, sah Gesine die Nummer, die innen in ihren linken Unterarm tätowiert war. Sie wandte den Blick ab auf die umfänglichen Beine der Frau, in denen aber Krampfadern hervortraten. [...]
 
Mrs. Ferwalter ist aus einem ruthenischen Dorf, dem Osten der Slowakei, »wo die Juden saßen wie in einem Nest«. Sie betont, daß es ein »gutes« Dorf war. Die Christen duldeten die Andersgläubigen, und das fünfzehnjährige Mädchen wurde im christlichen Ende nicht einmal abends von den halbwüchsigen Jungen belästigt. Nach ihren Eltern können wir sie nicht fragen. »Ich war nicht hübsch. Man nannte mich apart.« »Das Haar ging mir bis ans Kreuz.« 1944 wurde sie, wahrscheinlich von den Ungarn (danach können wir sie nicht fragen), ausgeliefert an die Deutschen. Die Deutschen brachten sie in das Konzentrationslager Mauthausen. »Eine von den Aufseherinnen, die war so gut, sie hatte fünf Kinder und mußte das alles ja.« Sie meint eine S. S.-Wächterin. [...]
Mrs. Ferwalter war die erste von den europäischen Emigrantinnen am Riverside Drive, die Gesine in der Nachbarschaft beriet, ihr einen Kindergarten für Marie vorschlug, ihr Geschäfte mit importierten Lebensmitteln zeigte, sie vor Läden von »schlechten Juden« warnte und immer von neuem auf alles »Europäische« auf der Oberen Westseite von Manhattan hinwies. Sie hat Heimweh nach dem Geschmack des Brotes in Budweis, und vielleicht hat sie in diesen sechs Jahren an Gesine festgehalten mit Telefonanrufen und Spaziergängen und Gesprächen im Riverside Park, weil diese Deutsche den Geschmack des Brotes kennt, den sie entbehrt. [...]
Sie läßt sich von Gesine aus der Zeitung vorlesen, sie würde für eine Zeitung kein Geld ausgeben." (2.9.1967)



3. September, 1967    Sonntag
An einem Tag wie diesem, vor 36 Jahren. An einem weißen Tag wie diesem, kühl unter hartem Blau, in sauberer, laufender Luft. Auf dem Strandweg in Rande, neben der grau und grünen See, gegenüber dem scharfen und finsteren Umriß der holsteinischen Küste. Unter flackrigem Laub sich auf der Sonnenseite halten. Cresspahls Stimme muß damals ein schwerer Baß gewesen sein, mit heiseren Vokalansätzen, im malchower Platt; die meiner Mutter klein, biegsam, ein hoher Alt. Manchmal unterläuft ihr eine hochdeutsche Redewendung, »wenn Gott will«, oder »meiner Mutter wegen«. Sie ist hinter ihren Eltern zurückgeblieben, und Louise Papenbrock dreht wieder und wieder den Kopf über die Schulter nach dem Fremden, der ihre Tochter womöglich nach der Uhrzeit fragt.
 
Was soll aber daraus werden?
Wollen wir das nicht abwarten?
Sie haben sich aber etwas vorgenommen.
Darauf muß ich warten.


[...]

Wünschst du dir Kinder, Heinrich Cresspahl?   (3.9.1967)

"[...] Es ist das erste Wochenende in diesem Sommer, an dem es nicht geregnet hat. Vom Riverside Drive aus, über die ganze Breite des Hudson, sind auf dem Ufer New Jerseys scharf und unleugbar die bräunlichen Kästen und Zylinder zu sehen, moderne Baukunst, die zerstörte Aussicht, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschlagnahmt werden sollte für den Riverside Drive.
Die Häuser an dieser Straße, kaum eines unter zehn Stockwerken, wurden gebaut für die neue Aristokratie des neunzehnten Jahrhunderts, für das junge Geld, Eisenbahngeld, Minengeld, Erdgasgeld, Ölgeld, Spekulationsgeld, das Geld der industriellen Explosion. Riverside Drive, die Straße am Flus, sollte die Fifth Avenue als Wohngegend übertreffen, mit seinen herrschaftlichen Eingängen, feierlichen Foyers, den Achtzimmerfluchten, den Dienstbotenkammern, versteckten Lieferantenfluren, den Angestellten in der Uniform, mit der reservierten Aussicht auf den Fluß, die wüsten Wolken Wald auf dem jenseitigen Steilufer, auf Natur. Am ganzen Riverside Drive gibt es nicht ein Geschäft, keinen Laden, nur zwei, drei Hotels, allerdings Residenzen für Dauergäste. Wo der Kommerz wohnte, wollte er von Adel sein. [...]

Die Belgier haben mich Madame genannt, und die Amerikaner sagen mir Liebling. In Europa verbeugen sich die Kinder beim Gruß vor den Erwachsenen. Meine Familie war seit fünf Jahrhunderten in Deutschland. Mit dem langen französischen Brot unterm Arm kam mein Vater nach Hause. Mein Vater ist –.
Ihr Vater ist von den Deutschen umgebracht worden, Mrs. Blumenroth.
Mein Vater ist früh gestorben, Mrs. Cresspahl. [...]" (4.9.1967)



5. September, 1967    Dienstag
Gestern abend um halb sieben kamen vier Polizisten in einem der Ghettos von Brooklyn dazu, wie vier oder fünf junge Neger einen alten Weißen angriffen. Sie konnten einen Jungen festnehmen und schossen einen anderen in den Hinterkopf. Eine Menge lief zusammen und bewarf die Polizei mit Flaschen und Steinen und schrie: Bringt sie um! Ein Schnapsladen wurde von Halbwüchsigen geplündert, andere Schaufenster eingeschlagen. Die Polizei räumte ihre Barrikaden um das Gebiet gegen 10 Uhr weg, aber kurz nach elf knallten 15 Molotow-Cocktails in die Straße. Da war der erschossene Junge schon zwei Stunden tot. Richard Ross, 14 Jahre alt.
Die Sowjetunion hat seit 1955 wahrscheinlich 500 Millionen Dollar in Waffen an Entwicklungsländer geliefert.
Mitunter sacken die Fahrstühle in der Bank im Anfahren ab, als gingen die Maschinen in die Knie. Fast zwanzig Leute in dem fahrenden Kasten hören zwei Mädchen zu, die hartnäckig, aber nicht ärgerlich, auf den Laden an der Ecke schimpfen. Zwar hat die Firma nicht den Preis des Kaffees erhöht, aber sie verwendet neuerdings kleinere Becher. Gesine trifft in den belustigten Blick der Nachbarn, die einander zuzunicken beginnen. Die kleinen Bewegungen aus dem Nacken lassen sie wie Aufwachende aussehen. Alle Knöpfe in der Tastatur neben der Tür sind mit gelbem Licht gefüllt, der Fahrstuhl wird in jedem Stockwerk halten. Ja, ein Bummelzug: sagt sie zustimmend, lächelnd, vergeßlich. In den leuchtenden Fächern über den Türen steht zwölfmal der Name des Unternehmens, zwölfmal die selben drei Worte mit dem roten Fünfstrichsymbol, ohne die Abteilungen zu nennen, ausgenommen für den zweiten Stock: Empfang. Im zweiten Stock werden die Besucher gefiltert und die Bankgeschäfte der Laufkundschaft aufbewahrt. Im dritten Stock steigen die beiden Mädchen mit ihren Kaffeetüten aus, und wieder lächeln einige Passagiere, als sei etwas Wahrscheinliches eingetreten. Im dritten Stock ist die Maschinenbuchung. In einer Maschinenbuchung war ihr erster Arbeitsplatz in diesem Land, eine meterbreite Arbeitsplatte, die dritte links in einer Reihe von zwölf, vor einem Rechengerät, dessen Rasseln ihr sonderbar einzeln aus der Geräuschwolke im weiten Saal ans Ohr drang. Im vierten Stock ist die Materialausgabe und die zentrale Poststelle. Im vierten Stock ist sie nicht mehr gewesen, seit Mrs. Williams sie mit Papier, Bleistiften, Farbbändern versorgt. Anfangs hatte sie sich dagegen gewehrt, bedient zu werden; dann hatte sie begriffen, daß Mrs. Williams an solchen über den Tag verteilten Gängen gelegen war. Im fünften Stock, der nach den Küsten Ost und West heißt, hat sie in diesem Haus angefangen, an einer Blechkommode im offenen Büroraum, von vier Seiten sichtbar, an einer Schreibmaschine und dem Vorschalttelefon eines Sachbearbeiters. Im sechsten Stock sind Cafeteria und Konferenzräume. In der Cafeteria werden noch die größeren Kaffeebehälter verwendet, und viele steigen hier noch einmal aus. Im siebenten Stock sitzen die Abteilungen Technik und Personal; im achten das Gedächtnis der Bank; im neunten die Abteilungen Recht und Bücherei. Aus dem Milchglashimmel des Fahrstuhls, in dem eine wacklige Röhre kleine, gewitterähnliche Finsternis flackern läßt, dringt verwaschene Barmusik und mischt sich mit dem Klacken der aufscherenden Tür und dem Klingeln des Signals im Gang. Im zehnten Stock steigt Gesine aus und wendet sich nach Westen. Das Gebäude ist durch die Fahrstuhlschächte und die Versorgungsleitungen in zwei Hälften geteilt, und diese Etage hat im östlichen Teil die Abteilung Südamerika, im westlichen einen Teil von Westeuropa. Sie nennt aber den zehnten Stock auch in Gedanken den elften, nach der amerikanischen Zählung. Hinter ihr fällt die Tür mit einem schweren Schmatzen zu.

Guten Morgen, Dschi-sain.
Guten Morgen.
(5.9.1967)

6. September, 1967    Mittwoch
In Gefechten im Queson-Tal sind seit gestern morgen 54 Amerikaner und 160 Nordvietnamesen gefallen, 136 Nordvietnamesen bei Tamky, 3 Amerikaner am Nuibaden-Gebirge, 16 Vietnamesen bei Cantho, 5 Amerikaner und 37 Vietnamesen bei Conthien, 34 Vietnamesen in der Provinz Quangngai.
In Brownsville in Brooklyn warfen die Neger gestern nacht wiederum Steine, Flaschen und Molotow-Cocktails auf Polizei und Feuerwehr. Die Luft war dick vom Rauch der angezündeten Mülltonnen und Abfallhaufen. Bürgermeister Lindsay traf sich mit Sprechern des Ghettos in einem Polizeirevier. Die New York Times erwähnt, daß er einen blauen Anzug und ein blaues Strickhemd trug.
Gestern in den frühen Morgenstunden stürzte ein Mann in die Kneipe »Bluebird« in der Bronx, gab acht Gewehrschüsse ab und verließ das Lokal, ohne ein Wort gesagt zu haben. 1 Toter, 2 Verwundete.
1920, während des Kapp-Putsches, beschoß Baron Stephan le Fort, Rittmeister a. D., Besitzer von Boek (2622 Hektar), die Stadt Waren an der Müritz mit einer Kanone, weil die Arbeiter die Stadt übernommen hatten. Der Einschuß am Rathaus ist heute noch zu sehen. Als die Landarbeiter der Gegend von fünf Toten in Waren hörten, gingen sie mit Jagdflinten und Sensen los und suchten auf den Gütern nach den Gewehren, Maschinengewehren und Munition, die die güstrower Reichswehr den Besitzern geschickt hatte. Der Gutspächter Papenbrock auf Vietsen, der sich in seinem Haus fünf Baltikumer als Hauslehrer, Eleven und Sekretär hielt, schickte die Soldaten durch den Hintergarten weg, als der Gärtner angelaufen kam und den Anmarsch des Feindes meldete. Papenbrock, damals 52 Jahre alt, stellte sich auf der Freitreppe auf, mit zurückgedrückten Schultern, Bauch im Gürtel aufgehängt, in Breeches und Stiefeln und sagte: Meine Herren. Ich gebe Ihnen mein Wort als Offizier. Bei mir sind keine Waffen. (Wenn Sie trotzdem suchen wollen, seien Sie bitte im Kinderzimmer leise und lassen die Mädchen schlafen.)
Meine Mutter, ein vierzehnjähriges Kind, stand in ihrem knöchellangen weißen Hemd auf den Dielen und wand sich ihr Haar ums Handgelenk und sah hin und her zwischen Papenbrock, ihrer Schwester Hilde und den Arbeitern, die sie auf Platt ausfragten. Papenbrocks Gesicht schaukelte zwischen einem drohenden und einem zärtlichen Ausdruck. Sie sagte endlich, tief Atem holend und mit niedergeschlagenen Augen: Inne Döe. Hinter dem eichenen Schrank im Kinderzimmer, der von Wäsche zentnerschwer war, in einer zugestellten Tür, hingen neun Infanteriegewehre und zweihundertzehn Schuß Munition in Gurten. Meine Mutter wurde für zwei Wochen auf Wasser und Brot gesetzt. Papenbrock sprach von Verrat durch sein eigen Fleisch und Blut. Seine Frau sprach von der Liebe des Christen zur Wahrheit. Papenbrock rutschte die Hand aus an ihre Schläfe, und er ging den Sommer über nicht in die Kirche. Auf den umliegenden Gütern wurde von Papenbrocks Offiziersehre gesprochen. 1922 gab Papenbrock die Pacht auf. [...] (6.9.1967)

Wieland: Ehe für alle (in: Der goldene Spiegel)

"Übrigens läßt sich aus einer Stelle dieses Kapitels schließen, daß Tifan auch in den Ehegesetzen der Scheschianer beträchtliche Änderungen vorgenommen habe. Allein da sie ein besonderes Hauptstück des zweiten Teils seines Gesetzbuchs ausmachen: so läßt sich, bis man eine vollständige Abschrift desselben gefunden haben wird, weiter nichts davon sagen, als daß der ehelose Stand durch Tifans Gesetze niemanden verstattet wurde, der nicht eine angeborne oder zufällige körperliche Untüchtigkeit von der unverbesserlichen Art gerichtlich erweisen konnte.«"
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil Kapitel 11)

Tifan war nach Darstellung Danischmends, der über ihn berichtet, geradezu der ideale Herrscher.
Und doch sah Danischmend erst in dem Fall, dass eine Überbevölkerung eintreten werde, eine Rechtfertigung, von dieser Zwangsgesetzgebung abzuweichen.
Allerdings wollte er der möglichen Überbevölkerung nicht nur durch Erhöhung der Produktivität, vermehrten Export und auch durch Auswanderung und Gründung von Kolonien entgegenwirken.

"»Aber, Herr Danischmend«, sagte der Sultan, »ich möchte wohl wissen, wie du mir den Zweifel auflösen wolltest, der mir in diesem Augenblicke gegen Tifans Grundsätze über die Bevölkerung einfällt. Ich setze voraus (was doch in der Tat kaum zu glauben ist), daß er wirklich alle physischen, politischen und sittlichen Hindernisse, welche der Vermehrung eines Volkes nachteilig sind, glücklich aus dem Wege geräumt habe; was wird die Folge davon sein? Seine Scheschianer werden sich vermehren wie die Kaninchen; in kurzem werden sie nicht mehr Raum genug haben neben einander zu wohnen; und der bloße Mangel an Unterhaltwird endlich eine ärgere Verwüstung unter ihnen anrichten, als Despotismus, Schwelgerei, Bonzen, Tänzerinnen, Ärzte und Apotheker zusammen genommen nicht anzurichten vermocht hätten. – Wie oft, sagt man, muß sich ein Volk ordentlicher Weise verdoppeln, Danischmend?« [...] 

»Gleichwohl ist diese Bevölkerungssache so schlimm nicht als sie beim ersten Anblicke scheint. Je mehr sich die Bewohner von Scheschian vervielfältigen, je mehr Hände haben wir die Natur zu bearbeiten; eine Quelle, welche desto ergiebiger ist, je größer die Zahl derer ist die aus ihr schöpfen. Und wer kann das Maß und die Grenzen ihrer Fruchtbarkeit bestimmen? Überdies nimmt auf der[261] einen Seite mit der Zahl der Menschen auch die Summe ihrer Bedürfnisse, und folglich auch der Hände zu, die ihrentwegen in Arbeit gesetzt werden müssen und von dieser Arbeit leben; so wie auf der andern Seite Fleiß und Erfindsamkeit durch die immer nahe Gefahr des Mangels angespornt werden, die Künste zu einer Vollkommenheit zu bringen, wodurch ihnen vermittelst des auswärtigen Handels eine Menge andrer Völker zinsbar wird. Reicht endlich alles dies nicht zu; nun so werden wir uns freilich entschließen müssen, die Bienen zum Muster zu nehmen, und von Zeit zu Zeit die jungen Schwärme zu nötigen, sich andre Wohnsitze auszusuchen: es sei nun, indem ein großer Teil der Scheschianer sich einzeln in fremde Länder zerstreut, wo fleißige und geschickte Ankömmlinge allezeit willkommen sein werden; oder indem der Staat selbst Kolonien aussendet, welche sich auf entlegnen Küsten niederlassen, Künste und Sitten zu barbarischen Völkern tragen, und durch das nämliche Mittel, wodurch sie ihren eigenen Zustand verbessern, zugleich Wohltäter des menschlichen Geschlechts werden. Wie viele und große Inseln, wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen entweder noch ganz öde, oder sind doch lange nicht so bewohnt und angebaut, daß sie nicht noch Raums genug für viele Millionen neuer Ankömmlinge haben sollten, welche, anstatt ihren Unterhalt durch die Jagd in unermeßlichen Wildnissen zu suchen, die Werkzeuge des Ackerbaues und der Künste mit sich bringen, wodurch der zehnte Teil des Bezirks worin hundert Wilde kümmerlich ihrem Hunger wehren, zu einer reichen Vorratskammer für hundertmal so viel gesittete Familien gemacht wird!« [...]

Außerdem sah der vorbildliche Herrscher Tifan freilich auch staatliche Einrichtungen im Sinne der Halleschen Anstalten vor, in denen die Kinder von Tagelöhnern, deren Verdienst nicht ausreichte, all ihre Kinder zu ernähren, untergebracht werden sollten. - Bei allem Bestreben, eine ungleiche Verteilung von Reichtum zu vermeiden, rechnete Wieland also damit, dass eine solche Einrichtung nötig wäre.


"In den meisten andern Staaten würden solche Anstalten, aus Mangel kluger Einrichtung und guter Aufsicht, in kurzem ausarten, und den gemeinnützigen Zweck nur auf eine sehr unvollkommene Weise befördern. Aber hier hatte Tifan für alles gesorgt. Alle in dergleichen öffentlichen Erziehungshäusern sonst gewöhnliche Mißbräuche waren unmöglich gemacht. Diese Kinder genossen unter dem Namen der Pflegekinder des Königs den unmittelbaren königlichen Schutz. Die Könige selbst, welche das Gesetz nach dem Beispiele Tifans zu beständigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen des Reichs verpflichtete, kamen von Zeit zu Zeit, den Zustand ihrer Pflegekinder zu untersuchen, und die geringste Untreue oder Saumseligkeit auf Seiten der Personen, welche als Bediente oder als Lehrmeister und Aufseher bei diesen Häusern angestellt waren, wurde so scharf bestraft, ein pflichtmäßiges Betragen hingegen, nach Verfluß einer gewissen Zeit, so wohl belohnt, daß Fremde, welche diese sonderbaren Stiftungen sahen, sich nicht genug darüber wundern konnten – daß es so leicht sei, gute Anstalten in der besten Ordnung zu erhalten.«
»In der Tat, ich lasse mir diese Einrichtung gefallen«, sagte Schach-Gebal. »Aber was machte Tifan mit so vielen Pflegekindern?«

»Es scheint nicht, daß er jemals über ihre Menge verlegen gewesen sei«, antwortete Danischmend. »Die stärksten aus ihnen wurden zum Soldatenstand, oder zu andern Verrichtungen, welche vorzügliche Leibeskräfte erfordern, erzogen; und die unfähigsten waren doch immer zu irgend einer mechanischen Arbeit gut genug. Ein großer Teil ging als Dienstboten in die Häuser der Edeln und Begüterten über; mit einem andern Teile wurden die Fabriken besetzt, welche Tifan in großer Anzahl angelegt hatte; und diejenigen, bei denen man eine Anlage zu höhern Talenten, oder den Genie irgend einer schönen Kunst entdeckte, wurden in dem gehörigen Alter ausgeschossen, und in andern ihrer Fähigkeit angemessenen Anstalten zu ihrer Bestimmung zubereitet.«"  
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil Kapitel 11)

Die Möglichkeit sexuellen Missbrauchs von Kindern hatte Wieland offenbar noch nicht im Blick.

04 September 2017

Tifan als ein Beispiel für einen vorbildlichen Herrscher (in: Wieland: Der goldene Spiegel)

"Tifan, der Wiederhersteller seines Vaterlandes, Tifan, der Gesetzgeber, der Held, der Weise, der Vater seines Volkes, der geliebteste und der glücklichste unter allen Königen, – mit dessen Geschichte ich im Begriff bin den Sultan meinen Herrn zu unterhalten, würde wahrscheinlicher Weise alles dies nicht gewesen sein, wenn er an dem Hofe seines Vetters Isfandiar, oder an irgend einem andern asiatischen Hofe seiner Zeit, wäre gebildet worden.


Von der Natur selbst auf ihrem Schoße erzogen, fern von dem ansteckenden Dunstkreise der großen Welt, in einer Art von Wildnis, zu einer kleinen Gesellschaft von unverdorbenen, arbeitsamen und mäßigen Menschen verbannt, ohne einen Schatten von Vermutung, daß er mehr sei als der geringste unter ihnen, brachte er die ersten dreißig Jahre seines Lebens in einem Stande zu, worin sein Herz, ohne es zu wissen, zu jeder königlichen Tugend gebildet wurde.
Dieses sonderbare Glück, ohne welches er schwerlich der Stifter der allgemeinen Glückseligkeit seiner Nation geworden wäre, hatte Tifan der Grausamkeit Isfandiars und einem andern eben so glücklichen als ungewöhnlichen Zufalle zu danken: nämlich, dem Umstande, daß seine erste Jugend dem einzigen tugendhaften Manne, der vielleicht damals im ganzen Scheschian lebte, anvertraut worden war. [dem weisen Dschengis ...]

Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht, wo die Natur durch die Entwicklung des süßesten und mächtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die letzte Hand an ihr Werk, an den Menschen legt, und indem sie ihn durch das nämliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Glückseligkeit und der Erhaltung seiner Gattung macht, ihn auf die überzeugendste Weise belehrt, sie habe sein besonderes Glück mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt, daß es unmöglich sei, eines von dem andern abzulösen ohne beide zu zerstören. Die Liebe, – dieser bewundernswürdige Instinkt, den die Natur zur stärksten Triebfeder der besondern und allgemeinen Glückseligkeit der Menschen bestimmt hat, [...] 
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil Kapitel 5)


Die Größe und Erhabenheit, wozu Dschengis die Begriffe seines Lehrlings empor zu treiben sich bemüht hatte, machten es notwendig, daß er ihm zu gleicher Zeit eine vollständige Kenntnis von dem gesellschaftlichen Leben, von dem was man einen Staat nennt, und von der Einrichtung, Polizei und Verwaltung desselben geben mußte. Er tat es: und nachdem er dem jungen Tifan gezeigt hatte, wie dieser Erdball, vermöge der richtigen Begriffe von der Natur und Bestimmung des Menschen, aussehen und regiert sein sollte; so machte er ihm nach und nach begreiflich, wie es zugehen könnte, daß alles ganz anders wäre als es sein sollte. Von dem anschauenden Begriffe der kleinen Kolonie, in welcher er aufgewachsen war, brachte er ihn stufenweise bis zu dem verwickelten Begriff einer großen Monarchie, von dem ländlichen Hausvater bis zu dem großen Hausvater von Scheschian. Der Prinz folgte ihm in allen diesen Erörterungen ohne sonderliche Mühe. Aber desto größere Schwierigkeit hatte es, ihm begreiflich zu machen, wie aus dem allgemeinen Vater einer Nation ein willkürlich gebietender Herr, und aus diesem Herren, mit einer kleinen Veränderung, ein Tyrann habe werden können.
Der junge Prinz erschrak nicht wenig, wie er vernahm, daß die schönen Ideen von unschuldigen Menschen und goldnen Zeiten, die mit ihm aufgewachsen waren, nur goldne Träume seien, aus denen ihn eine kleine Reise durch die Welt auf eine sehr unangenehme Art erwecken würde.
Sein Verlangen eine Reise, welche ihn so viel Neues lehren würde, zu machen, nahm mit der heftigsten Begierde, allen Drangsalen seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen, täglich zu; und Dschengis trug um so weniger Bedenken, diesem Verlangen nachzugeben, je notwendiger es war, ihm eine ausführliche und anschauende Kenntnis von allen den Mißbräuchen, Unordnungen und daher erwachsenden Übeln zu verschaffen, welchen (wenigstens in einem beträchtlichen Teile des Erdbodens) ein Ende zu machen, seine große Bestimmung war. Überdies hatten die gesunden Grundsätze seiner Erziehung zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefaßt, als daß von der Ansteckung der Welt etwas für ihn hätte zu besorgen sein sollen. Im Gegenteil erwartete er, daß der Anblick alles des mannigfaltigen Elends, welches sich die Menschen durch Entfernung von den Gesetzen der Natur zugezogen haben, den jungen Tifan von der unumgänglichen Notwendigkeit ihrer Befolgung nur desto lebhafter überzeugen werde.
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil Kapitel 7)


Dschengis sah mit innerlichem Frohlocken das Feuer, welches in Tifans Seele brannte, und die Entschlossenheit, mit welcher er bereit war, sein Leben für die Sache eines Vaterlandes zu wagen, zu dessen Verteidigung er, als der vermeinte Sohn eines Edeln von Scheschian, einen angebornen Beruf zu haben glaubte, und seine Ungeduld über jeden Tag, der die Ausübung dieser Pflicht verzögerte. Er genoß des reinen und alle andre Wollust übertreffenden Vergnügens, seine großmütigen Bemühungen dem glücklichsten Erfolge sich täglich nähern zu sehen. Er hatte den Sohn eines Fürsten, der sein Freund gewesen war, nicht nur gerettet; er hatte ihn zu einem der besten Menschen gebildet. Jede Tugend, jede Fähigkeit, deren edler Gebrauch den großen Mann macht, entwickelte sich bei der kleinsten Veranlassung in seiner schönen Seele. [...]
Tifan ist kein Geschöpf der Phantasie; es liegt dem ganzen Menschengeschlechte daran, daß er keines sei. Entweder er ist schon gewesen, oder, wenn er (wie ich denke) nicht unter den itzt Lebenden ist, wird er ganz gewiß künftig einmal sein.« »Immerhin«, sagte der Sultan lächelnd: »wenn dein Tifan auch ein Traum wäre, so wollen wir wenigstens sehen, ob es sich vielleicht der Mühe verlohnet, ihn wahr zu machen.« »Ich habe Ihrer Hoheit noch so viel davon zu sagen, was Tifan tat als er König war, daß ich wohl zu tun glaube, desto kürzer über das zu sein, was er tat um es zu werden.« [...]
Aber nachdem es ihm gelungen war, seine Mitbürger mit der Liebe des Vaterlandes zu begeistern, so machte sich alles übrige gleichsam von selbst. [...]

Tifans Taten hatten noch eine andre Eigenschaft mit den Verrichtungen der Natur gemein. Sie entwickelten sich so langsam, sie durchliefen so viele kleine Stufen, und erreichten den Punkt ihrer Reife durch eine so unmerkliche Verbindung unzähliger auf Einen Hauptzweck zusammen arbeitender Mittel, daß man ein schärferes Auge als gewöhnlich haben mußte, um den Geist, der alles dies anordnete und lenkte, und die Hand, welche allem die erste Bewegung gab, nicht zu mißkennen. Eine kurzsichtige Aufmerksamkeit hätte geglaubt, daß sich alles von selbst mache, oder würde wenigstens nicht wahrgenommen haben, wie viel Mühe es kostete, den Bewegungen eines großen Staats so viele Leichtigkeit und eine so schöne Harmonie zu geben." (Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil Kapitel 9)