20 September 2016

Lektüre von 1991

Reinhardswaldschule Lehrgang über Literatur (im November 1991): Was gab's zu entdecken? 

Zunächst einmal den Zusammenhang von Ecos "Der Name der Rose" mit den neuesten Restaurationsbemühungen auf dem Frankfurter Römerberg und den fragwürdigen Innenstadtgeschäften und -hotels mit Erkerchen, Dachgauben usw. und neuester deutscher Literatur, vor allem mit Ranzenmayrs "Die letzte Welt", einem Buch, das davon erzählt, wie ein Anhänger Ovids diesen in seinem Exil am Schwarzen Meer aufzuspüren sucht, ihn nicht findet und jetzt erlebt, daß er zwar auch dessen Werk die "Metamorphosen" nicht rekonstruieren kann, daß sich aber die Exilstadt Ovids, Tomi, unter seinem Einfluß (?) in ein Terrarium Ovidscher Gestalten verwandelt hat. - Gemeinsam ist, wie mir interessant war zu erfahren, die schon seit 1960 (!) sich entwickelnde Postmoderne. Aus dem kunsthistorischen Vortrag mit Architekturbeispielen aus aller Welt habe ich auch Neues über die klassische Moderne der Architektur dazugelernt. Außerdem haben mich zusätzlich Aufsätze in den Zusammenhang zwischen Saussures Linguistik und Derridas postmoderner Philosophie (besonders Erkenntnistheorie) eingeweiht. Dann habe ich auch Martin Walsers "Verteidigung der Kindheit" und Thomas Bernhards autobiographischen Text "Das Kind" schätzen lernen. Erstmalig hat mich ein Text des großen Bernhard unmittelbar angesprochen. Nach den Sitzungen habe ich viel gelesen, aber auch im Bett liegend von der Indonesienreise meines Zimmernachbarn einen Bericht in glühenden Farben erhalten, die dringliche Anregung erhalten, Rushdies "Satanic Verses" trotz aller Leseschwierigkeiten mir vorzunehmen, Hinweise, die das Verständnis von Walter Benjamins Ästhetik erleichtern und vieles andere. Und dann habe ich zu Enzensbergers Gedicht "Chinesische Akrobaten" aus seinem Band "Zukunftsmusik" ein engeres Verhältnis gewonnen. (1991) 

18 September 2016

Wir neuen Deutschen

"Wir neuen Deutschen" ist 2012 von drei Redakteurinnen der Wochenzeitung DIE ZEIT geschrieben worden, Özlem Topcu, Alice Bota und Khuê Pham, drei Redakteurinnen mit "Migrationshintergrund", die Deutschland als ihre Heimat empfinden, aber immer wieder merken, dass Deutsche daran zweifeln, ob sie wirklich dazu gehören.

Der Titel klingt sperrig. Wir Neuen oder Wir Deutschen würde passen, Die neuen Deutschen auch, aber irgendwie sträubt sich das neuen zwischen Wir und Deutschen zu stehen. Das ist beabsichtigt, denn es drückt aus, wie wenig andere ihnen abnehmen, dass sie sich als Deutsche fühlen, und wie das wiederum sie selbst stört, ja manchmal geradezu wütend werden lässt. 
Wir sind doch hier groß geworden wie ihr. Wir beherrschen die deutsche Sprache wie ihr (allenfalls ein bisschen besser). Wir arbeiten bei einer Zeitung, die im besten Sinne als repräsentativ für Deutschland gelten kann. Was ist denn da?

Und dann schreiben sie:
"Im Grunde unterscheiden sich unsere Gefühle nicht stark von denen derer, die uns hier nicht wollen. Auch sie kämpfen um das, was sie als ihren Platz empfinden, und ihre Heimat. Was wird aus diesen Gefühlen, wenn wir, die neuen Deutschen, mehr werden? Wird die Wut auf beiden Seiten wachsen? Oder wird sie abklingen, weil alle feststellen, dass die Veränderungen doch nicht so groß sind und wir uns daran gewöhnen?" (S.173)

Das Buch ist wieder aktuell geworden, seit Merkel ihren Satz "Wir schaffen das." gesagt hat und viele sich an ihrem Wir gestoßen haben. Und seit Herfried und Marina Münkler ihr Buch Die neuen Deutschen geschrieben haben.

Denn die Eltern von Özlem Topcu haben nach mancherlei Mühen festgestellt "Wir haben es geschafft." (S.112) Die neu Hinzugekommenen haben es geschafft, nicht die Deutschen, zu denen sie kamen. Und jetzt sollen wir es schaffen? Welche wir? Wir Alteingesessenen, neuerdings Bio-Deutsche genannt, die Neuen oder wir mit ihnen gemeinsam? 

Die Münklers bestimmen als Merkmale des Deutschseins Eigenschaften, die viele Deutsche nicht haben.  Weshalb das? Liegt das an den Neuen?

Die beiden Bücher erhellen sich gegenseitig. Die Selbstbeschreibung der Redakteurinnen und die abstrakte Darlegung von "Identitätsmarkern" des Spezialisten für politische Theorie.  

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15 September 2016

Don Quijote und Sancho Pansa kehren heim (Schluss)

[...] sie zogen weiter, und am Eingange des Dorfes fanden sie auf einer kleinen Wiese den Pfarrer lesend und den Baccalaureus Simson Carrasco. Sancho Pansa hatte über den Grauen und den Bündel Waffen als Decke den wollenen Rock gebreitet, der mit Feuerflammen bemalt war und den sie ihm im Schlosse des Herzogs angezogen hatten, als Altisidora erweckt wurde. Die spitze Mütze hatte er dem Grauen auf den Kopf gesetzt, wodurch er ihn so abenteuerlich verwandelt und herausgeputzt hatte, daß man niemals einen ähnlichen Esel in der Welt gesehen hat. Sie wurden sogleich von dem Pfarrer und dem Baccalaureus erkannt, die ihnen mit offenen Armen entgegengingen. Don Quixote stieg ab und drückte sie an seine Brust, und die Jungen, welche Augen wie Luchse haben, hatten schon aus der Ferne die spitze Mütze des Esels wahrgenommen und liefen herbei, ihn zu sehen, indem einer zu dem andern sagte: »Kommt, Jungen, und seht den Esel des Sancho Pansa, der wie ein Engel aufgeputzt ist, das Vieh des Don Quixote ist aber noch dürrer, als es sonst war.«
Von den Jungen umringt und von dem Pfarrer und dem Baccalaureus begleitet, kamen sie im Dorfe an und begaben sich nach dem Hause des Don Quixote; vor der Tür desselben fanden sie die Haushälterin und seine Nichte, die schon die Nachricht von seiner Ankunft vernommen hatten. Es fehlte auch nicht, daß sie nicht schon Therese Pansa, die Frau des Sancho, gehört hätte, welche mit niederhängenden Haaren und halb nackt gelaufen kam, ihre Tochter Sanchica an der Hand, um ihren Mann zu sehen, und da sie ihn nicht so herrlich fand, wie sie glaubte, daß ein Statthalter aussehen müsse, sagte sie zu ihm: »So kommst du daher, Mann, zu Fuß und abgerissen, und siehst mehr wie ein Stadtknecht aus als wie ein Statthalter.«
»Schweig, Therese«, antwortete Sancho, »denn man findet an manchen Orten Schwarte, wo es drum keinen Speck gibt, wir wollen nach Hause gehen, und da sollst du Wunderdinge hören. Ich bringe Geld mit, das ist die Hauptsache, durch meinen Fleiß und ohne jemandes Schaden erworben.«
»Wenn du nur Geld mitbringst, liebster Mann«, sagte Therese, »mag es auch so oder so erworben sein, denn wenn du es nur erworben hast, so wirst du immer keine neue Mode in der Welt erfunden haben.«
Sanchica umarmte ihren Vater und fragte ihn, ob er ihr etwas mitbringe, denn sie habe auf ihn gewartet wie auf den Mairegen, wobei sie ihn um den Leib faßte und die Frau seine Hand nahm, die Tochter noch den Grauen führte und sie sich so nach Hause begaben, indem sie Don Quixote in dem seinigen ließen, in der Gewalt seiner Nichte und Haushälterin und in der Gesellschaft des Pfarrers und des Baccalaureus.
Don Quixote, ohne Zeit oder Gelegenheit abzuwarten, begab sich sogleich mit dem Baccalaureus und dem Pfarrer in ein besonderes Zimmer, wo er ihnen kürzlich seine Überwindung erzählte, und wie er in die Verpflichtung verfallen sei, sein Dorf während eines Jahres nicht zu verlassen, welches er auch buchstäblich erfüllen wolle, ohne nur ein Atom zu verletzen, wie es einem irrenden Ritter zieme, der durch das Gesetz der irrenden Ritterschaft zur äußersten Pünktlichkeit verpflichtet sei, daß er aber den Vorsatz gefaßt, sich während dieses Jahres zu einem Schäfer zu machen und in der Einsamkeit der Gefilde zu leben, wo er seinen verliebten Gedanken ganz ungehindert freien Lauf lassen könne, in der Ausübung der schäferlichen und tugendhaften Übungen; er bitte sie auch, wenn sie nicht sehr beschäftigt wären oder doch von wichtigern Dingen daran verhindert würden, seine Gefährten zu werden, denn er wolle Schafe kaufen, hinreichendes Vieh, um den Namen Schäfer führen zu können; wobei sie wissen müßten, daß das Vornehmste in dieser Sache schon geschehen sei, denn er hätte ihre Namen schon so schön ausgesonnen, daß man sie nicht besser wünschen könne. [...]
Das Schicksal wollte, daß seine Nichte und die Haushälterin das Gespräch der drei mit angehört hatten, wie daher jene fort waren, gingen sie beide zu Don Quixote, und die Nichte sagte zu ihm: »Was ist denn das wieder, Herr Oheim? Nun, da wir dachten, Ihr wärt in Euer Haus zurückgekommen, um ruhig und anständig zu leben, nun wollt Ihr Euch in neue Labyrinthe verwickeln und gar werden
Schäferlein, du, der du kommst,
Schäferchen, du, der du gehst?
O aber, wahrhaftig, dazu ist das Rohr zu alt, nun noch Pfeifen daraus zu schneiden.«
Die Haushälterin fügte hinzu: »Könnt Ihr es denn wohl auf dem Felde in der Hitze des Sommers, bei der Kälte des Winters und bei dem Heulen der Wölfe aushalten? Nein wahrhaftig, denn das ist ein Stand für starke und abgehärtete Menschen, die dazu fast von der Brust und von den Windeln aufgezogen werden: und soll ja ein Unglück sein, so ist der irrende Ritter noch besser als der Schäfer. Bedenkt Euch, gnädiger Herr, und nehmt meinen Rat an, denn ich gebe ihn nicht, da ich Brot und Wein übermäßig zu mir genommen habe, sondern ich bin ganz nüchtern, auch schon in meinem Alter über die funfzig hinaus; bleibt in Euerm Hause, verwaltet Euer Vermögen, geht oft zur Beichte, teilt den Armen mit, und ich will es auf mein Gewissen nehmen, wenn Ihr unrecht darin tut.« »Schweigt, meine Kinder«, antwortete Don Quixote, »denn ich weiß am besten, was mir obliegt; bringt mich zu Bette, denn es ist mir, als sei ich nicht ganz wohl, und seid überzeugt, daß, ich mag irrender Ritter oder ein Schäfer in der Irre sein, ich es nicht unterlassen werde, immer denjenigen beizustehen, welche meiner bedürfen, wie Ihr es durch die Tat sehen sollt.« Und die guten Kinder – denn dies waren sie wirklich –, Haushälterin und Nichte, brachten ihn zu Bett, wo sie ihm zu essen gaben und ihn so gut als möglich verpflegten.

Da alle menschlichen Dinge nicht ewig dauern, sondern sich stets vom ersten Anbeginn herunterneigen, bis sie ihr letztes Ende erreichen, vorzüglich das Leben des Menschen, und da Don Quixote vom Himmel kein Vorrecht hatte, das seinige im Laufe festzuhalten, so erreichte es auch sein Ende und seine Vollendung, als er es am wenigsten vermutete; denn sei es nun von der Melancholie, sich überwunden zu sehen, oder daß es der Himmel also verordnete, er bekam ein Fieber, welches ihn sechs Tage im Bette hielt, in welchem er oft von dem Pfarrer, dem Baccalaureus und dem Barbier, seinen Freunden, besucht wurde und Sancho Pansa, sein braver Stallmeister, nicht von seinem Bette kam. [...]
Kaum hatte sie Don Quixote gesehen, als er ihnen entgegenrief: »Freut Euch mit mir, Ihr lieben Herren, denn ich bin nicht mehr Don Quixote von la Mancha, sondern Alonso Quixano, welchem sein Betragen den Zunamen des Guten erwarb. Ich bin jetzt ein Feind des ›Amadis von Gallia‹ und der ganzen unzähligen Schar seiner Nachkommenschaft; jetzt sind mir alle die verwerflichen Geschichten von der irrenden Ritterschaft verhaßt; ich erkenne meine Torheit und die Gefahr, in welche mich ihre Lesung gebracht hat, und verabscheue sie jetzt, da mir Gottes Barmherzigkeit meine Sinne wiedergeschenkt hat.«
Als die drei dies hörten, glaubten sie, er sei ohne Zweifel wieder von einer neuen Torheit befallen. Simson sagte zu ihm: »Jetzt, Herr Don Quixote, da wir die Nachricht haben, daß die Señora Dulcinea wirklich entzaubert ist, kommt Ihr auf so etwas, und jetzt, da wir im Begriff stehen, Schäfer zu werden und ein Leben wie die Prinzen zu führen, wollt Ihr Euch gar zu einem Einsiedler machen? Schweigt doch um Gottes willen, besinnt Euch und laßt dergleichen Grillen fahren.«
»Diejenigen, die ich bis jetzt gehabt habe«, versetzte Don Quixote, »und die zu meinem Nachteile mir Wahrheiten schienen, wird der Tod durch Hülfe des Himmels zu meinem Besten kehren. Ich fühle, meine Herren, daß ich bald sterben muß, darum unterlaßt diese Scherze und bringt mir einen Beichtiger, vor dem ich beichten möge, und einen Notarius, damit ich mein Testament mache, denn in der Lage, in welcher ich mich befinde, muß der Mensch keinen Scherz mit seiner Seele treiben; ich bitte Euch also, daß, indem der Herr Pfarrer meine Beichte anhört, ein anderer nach einem Notarius gehe.«
Einer sah den andern an, über die Reden des Don Quixote verwundert, und ob sie gleich noch zweifelten, fingen sie doch an, ihm zu glauben, und eins von den Zeichen, aus welchem sie schlossen, daß er sterben würde, war, daß er sich so plötzlich aus einem Toren in einen Verständigen verwandelt hatte; denn er fügte zu den vorigen Worten noch so gut gesagte, so christliche und vernünftige hinzu, daß er ihnen dadurch alle Zweifel benahm und sie ihn für verständig erklären mußten. Der Pfarrer ließ die übrigen hinausgehen und blieb mit ihm allein, um seine Beichte zu hören. Der Baccalaureus ging nach dem Notarius und kam bald darauf mit diesem und mit Sancho Pansa zurück, welcher Sancho – der schon vom Baccalaureus den Zustand seines Herrn erfahren hatte –, da er die Haushälterin und die Nichte weinend fand, auch anfing, laut zu schluchzen und Tränen zu vergießen. Die Beichte war geendigt, und der Pfarrer kam heraus und sagte: »Er stirbt in Wahrheit, und in Wahrheit ist Alonso Quixano der Gute vernünftig; jetzt können wir alle hineingehen, damit er sein Testament mache.«
Diese Nachricht gab den geschwängerten Augen der Haushälterin, der Nichte und des Sancho Pansa, seines braven Stallmeisters, einen so gewaltigen Stoß, daß die Tränen aus den Augen sprangen und tausend tiefe Seufzer aus der Brust, denn in der Tat, wie schon einmal angemerkt ist, als Don Quixote Alonso Quixano der Gute schlechtweg hieß und auch als er Don Quixote von la Mancha war, war er immer von sanfter Gemütsart und von liebenswürdigem Umgange, weshalb er nicht nur in seinem Hause, sondern auch von allen seinen Bekannten geliebt wurde. [...]
Endlich erschien die letzte Stunde des Don Quixote, nachdem er alle Sakramente empfangen und mit vielen und nachdrücklichen Reden die Ritterbücher verwünscht hatte. Der Notarius war zugegen und sagte, er habe noch in keinem einzigen Ritterbuche gelesen, daß irgendein irrender Ritter auf seinem Bette so ruhig und christlich gestorben wäre wie Don Quixote, welcher unter den Klagen und Tränen aller, die sich zugegen befanden, seinen Geist aufgab; das heißt, welcher starb.
Als dies der Pfarrer sah, forderte er vom Notarius ein Zeugnis, daß Alonso Quixano der Gute, gewöhnlich nur Don Quixote von la Mancha genannt, aus diesem Leben gegangen und eines natürlichen Todes gestorben sei, welches Zeugnis er deswegen begehrte, um zu verhindern, daß nicht irgendein anderer Autor als Cide Hamete Benengeli ihn wieder fälschlich erwecke und unendliche Geschichten von seinen Taten schreibe.
Dieses Ende nahm der scharfsinnige Edle von la Mancha, dessen Geburtsort Cide Hamete nicht genau hat angeben wollen, damit alle Flecken und Dörfer in la Mancha miteinander streiten können, ihn zu dem ihrigen zu machen, wie die sieben Städte Griechenlands um den Homerus stritten. Wir übergehen hier die Klagen des Sancho, der Nichte und der Haushälterin des Don Quixote sowie die neuen Epitaphien auf seinem Grabmal, unter welchen ihm Simson Carrasco dieses setzte:
Allhier liegt der tapfre Degen,
Der, zum äußersten geführet
Von dem Mute, so verwegen,
Daß ob ihm nicht triumphieret
Selbst der Tod mit seinen Schlägen.

Gegen alle Welt so herrisch,
Wie ein Popanz wild und störrisch
Allen, ging in den Geleisen,
Daß es wohl von ihm kann heißen,
Er starb klug und lebte närrisch.
Und der verständige Cide Hamete sagt nun zu seiner Feder: »Hier sei an diesem Nagel und ehernen Haken aufgehangen, du, ich weiß nicht, ob gut geschnitten, ob schlecht gespitzt, meine Feder, wo du viele Jahre leben wirst, wenn nicht übermütige und schelmische Geschichtschreiber dich herabnehmen, um dich zu entweihen. Ehe sie dir aber nahe kommen, magst du sie warnen und ihnen zurufen, so gut du kannst:
Fort da, fort da, Schelmgesindel,
Keiner soll nun mit mir schalten,
Dieses Unternehmen, merkt euch,
Ward für mich nur aufbehalten.
Für mich allein ward Don Quixote geboren und ich für ihn; er verstand zu handeln und ich zu schreiben; wir gehören beide einander an, trotz dem erdichteten und tordesudlerischen Schreiber, der es sich unterfing oder unterfangen wird, mit einer groben und schlecht geschnittenen Straußenfeder die Taten meines tapfern Ritters zu schreiben; denn es ist keine Last für seine Schultern und kein Gegenstand für seinen frostigen Geist, dem du sagen magst, wenn du ihn vielleicht kennenlernst, daß er nun im Grabe die müden und schon verwesten Gebeine des Don Quixote ruhen lasse und ihn nicht dem Tode zum Trotz nach Altkastilien schleppen möge, indem er ihn aus dem Grabe holt, in welchem er wirklich und wahrhaftig seiner ganzen Länge nach ausgestreckt liegt, so daß es ihm unmöglich fällt, eine dritte Reise und einen neuen Auszug anzustellen: denn um die Reisen lächerlich zu machen, welche so viele irrende Ritter angestellt haben, sind die zwei hinreichend, welche er zum Vergnügen und Wohlgefallen aller Menschen begann, die etwas davon hörten, nicht nur in diesen, sondern auch in fremden Reichen; und damit wirst du die christliche Pflicht erfüllen, daß du dem einen guten Rat gibst, der dir übel will, und ich bin alsdann zufrieden und vergnügt darüber, daß ich der erste war, der die Früchte seiner Schriften ganz so genoß, wie ich es wünschte, denn mein Wunsch war kein anderer, als bei den Menschen die erdichteten und unsinnigen Geschichten der Ritterbücher in Verachtung zu bringen, die durch meinen wahrhaftigen Don Quixote schon wanken und bald ohne allen Zweifel gänzlich fallen werden.«

Cervantes: Don Quijote, 2.Teil 11.Buch 8. und 9. Kapitel
Mehr zum Buch:
2002 wählten – organisiert vom Osloer Nobelinstitut – 100 bekannte Schriftsteller  Don Quijote
zum „besten Buch der Welt“. Spiegel Online 7.5.2002

Don Quijote im ZUM-Wiki

Sancho Pansa vollendet seine Aufgabe und Don Quijote ist zufrieden

Es wurde Abend, sie reisten von dem Dorfe ab, und nach einer halben Meile teilte sich der Weg in zwei, wovon der eine nach dem Dorfe des Don Quixote führte, der andere aber Don Alvaros Straße war. In diesem kurzen Zeitraume erzählte ihm Don Quixote das Mißgeschick seiner Überwindung und die Bezauberung der Dulcinea und das Mittel dagegen, über welches Don Alvaro in ein neues Erstaunen geriet, den Don Quixote und Sancho umarmte und hierauf seinen Weg, wie Don Quixote den seinigen, fortsetzte, welcher diese Nacht unter einigen Bäumen zubrachte, damit er dem Sancho Gelegenheit geben möchte, seine Buße zu erfüllen, der sie auch ebenso wie in der vorigen Nacht erfüllte, mehr auf Kosten der Rinde an den Buchen als seines Rückens, den er so schonte, daß er mit den Hieben keine Mücke hätte fortjagen können, wenn auch eine auf ihm gesessen hätte. Der betrogene Don Quixote verzählte sich um keinen einzigen Streich und fand, daß sie sich mit den Streichen der vorigen Nacht auf dreitausendundneunundzwanzig beliefen. Die Sonne schien früh aufgestanden zu sein, um dieses Opfer zu sehen, bei deren Glanz sie sich wieder aufmachten, um ihren Weg fortzusetzen, indem sie sich beide über die Täuschung des Don Alvaro unterhielten, und welch ein glücklicher Gedanke es sei, daß sie sich ihre Erklärung von der Justiz und so authentisch hatten geben lassen.
Sie reisten diesen Tag und diese Nacht fort, ohne daß ihnen etwas begegnete, was der Erzählung würdig wäre, außer daß in dieser Sancho seine Aufgabe vollendete, worüber Don Quixote über die Maßen erfreut wurde und nur auf den Tag hoffte, um zu sehen, ob ihm nicht unterwegs die schon entzauberte Dulcinea, seine Gebieterin, begegnen würde; worauf er seinen Weg fortsetzte und ihm kein Weib aufstieß, welches er nicht genau betrachtet hätte, um zu sehen, ob es Dulcinea von Toboso sei, da er fest überzeugt war, die Versprechungen des Merlin könnten keine Lügen sein.
Mit diesen Gedanken und Wünschen gelangten sie auf die Höhe eines Hügels, von welchem sie ihr Dorf entdeckten, als es Sancho sah, kniete er nieder und sagte: »Tu die Augen auf, erwünschtes Vaterland, und sieh, daß Sancho Pansa, dein Sohn, zu dir zurückkommt, wenn auch nicht überaus reich, doch überaus wohl gegeißelt. Tu die Arme auf und empfange ebenfalls deinen Sohn Don Quixote, der, wenn er auch von fremden Armen besiegt zurückkommt, doch immer als Sieger seiner selbst zurückkehrt, welches, wie er mir gesagt hat, der größte Sieg ist, den man nur davonzutragen wünschen kann. Ich habe Geld, denn wenn es auch tüchtige Hiebe gab, so habe ich doch wie ein Ritter gelebt.«
»Laß diese Torheiten«, sagte Don Quixote, »ziehen wir unter glücklichen Zeichen in unser Dorf hinein, wo wir unsrer Einbildung freien Lauf lassen und den Plan entwerfen wollen, nach welchem wir unser Schäferleben auszuführen denken.«
Hiermit stiegen sie den Hügel herunter und begaben sich in ihr Dorf.
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 11. Buch 7. Kapitel)

14 September 2016

Don Quijote trifft auf Don Alvaro Tarfe, der einen 2. Teil der Geschichte Don Quijotes verfasst hat

Don Quijote: »Höre, Sancho, als ich in jenem Buche, dem zweiten Teile meiner Geschichte, blätterte, war es mir, als wenn ich beim Aufschlagen den Namen des Don Alvaro Tarfe gefunden hätte.«
»Das ist wohl möglich«, antwortete Sancho, »wir wollen ihn absteigen lassen und ihn nachher fragen.«
Der Ritter stieg ab, und dem Zimmer des Don Quixote gegenüber gab ihm die Wirtin ebenfalls einen unteren Saal, der gleichfalls mit bemalter Leinwand ausgeschmückt war, gerade wie das Zimmer des Don Quixote. Der neu angekommene Ritter wollte die Frische genießen und begab sich auf die Flur des Hauses, welche kühl und geräumig war, in welcher Don Quixote auch auf und ab ging, den er fragte: »Wohin reisen Eure Gnaden, mein werter Herr?«
Und Don Quixote antwortete ihm: »Nach einem Dorfe nicht weit von hier, von wo ich gebürtig bin. Und wohin reisen Eure Gnaden?«
»Ich, Señor«, antwortete der Ritter, »gehe nach Granada, welches mein Vaterland ist.«
»Und ein herrliches Vaterland«, versetzte Don Quixote; »aber seid doch von der Gefälligkeit, mir Euren Namen zu nennen, denn es ist mir, als wenn mir mehr daran gelegen wäre, als ich Euch bis jetzt noch sagen kann.«
»Mein Name ist Don Alvaro Tarfe«, antwortete der Fremde.
Worauf Don Quixote versetzte: »So müßt Ihr wohl ohne Zweifel jener Don Alvaro Tarfe sein, der gedruckt im zweiten Teil der Geschichte des Don Quixote von la Mancha steht, die kürzlich gedruckt und von einem neuen Autor an das Licht der Welt gestellt ist.«
»Ich bin der nämliche«, antwortete der Ritter, »und dieser Don Quixote, die Hauptperson in dieser Geschichte, war mein sehr guter Freund; ich bin derjenige, der ihn aus seiner Heimat brachte oder ihn wenigstens dahin bewog, daß er sich auf ein Turnier begab, welches zu Saragossa angestellt wurde, und in Wahrheit, ich habe ihm viele Freundschaftsdienste erzeigt, auch machte ich ihn davon frei, daß er nicht öffentlich vom Henker ausgestäupt wurde, weil er zu unbesonnene Händel angefangen hatte.«
»So sagt mir denn, Señor Don Alvaro Tarfe, sehe ich wohl in etwas diesem Don Quixote ähnlich, von dem Ihr sprecht?«
»Nein, wahrlich nicht«, antwortete der Fremde, »nicht im mindesten.«
»Und hatte dieser Don Quixote«, sagte der unsrige, »nicht auch einen Stallmeister bei sich, mit Namen Sancho Pansa?«
»Allerdings«, antwortete Don Alvaro, »aber obgleich dieser den Ruhm eines anmutigen Spaßmachers hatte, so habe ich doch keine Anmut in seinen Späßen finden können.«
»Das glaube ich gern«, sagte Sancho hierauf, »denn Spaß zu machen ist nicht allen gegeben, und dieser Sancho, von dem Ihr sprecht, gnädiger Herr, ist ohne Zweifel ein durchtriebener Schelm, ein Flaps und ausgemachter Halunke gewesen, denn der wahrhaftige Sancho Pansa bin ich, der mehr Späße macht, als Sterne am Himmel stehen; glaubt Ihr's nicht, so macht selbst die Probe und geht nur wenigstens ein Jahr hinter mir drein, und Ihr werdet sehen, daß ich bei jedem Schritte so vielen und so herrlichen Spaß fallen lasse, ohne daß ich selbst die meisten Male weiß, was ich sage, und daß ich alle zu lachen mache, die mir zuhören; und der wahrhaftige Don Quixote von la Mancha, der berühmte, der tapfere und verständige, der Vernichter jeglicher Ungebühr, der Vormund der Waisen und Unmündigen, der Stab der Witwen, der Würger der Jungfrauen, der, der zur einzigen Gebieterin die unvergleichliche Dulcinea von Toboso hat, ist dieser Mann, der hier gegenwärtig steht, welcher mein Herr ist; jeder andere Don Quixote aber und jeder andere Sancho Pansa ist nur eine Narrenposse und Traumgestalt.«
»Bei Gott, ich glaube es«, antwortete Don Alvaro, »denn Ihr, lieber Freund, habt in den vier Worten, die Ihr gesprochen habt, mehr Annehmlichkeiten gesagt als jener andere Sancho Pansa, solange ich ihn jemals sprechen hörte, welches eine geraume Zeit war. Er war mehr ein Fresser als ein guter Redner und mehr ein Dummkopf als ein Spaßmacher, und ich bin überzeugt, daß die Zauberer, welche den guten Don Quixote verfolgen, mich ebenfalls mit dem schlechten Don Quixote verfolgen wollten. Ich weiß aber nicht, was ich dazu sagen soll, denn ich kann schwören, daß ich ihn im Narrenhause zu Toledo gelassen habe, wo er wiederhergestellt werden soll, und jetzt ist hier ein anderer Don Quixote, der aber von dem meinigen sehr verschieden ist.«
»Ich«, sagte Don Quixote, »weiß nicht, ob ich der gute bin; aber das kann ich sagen, daß ich nicht der schlechte bin; zum Beweise dessen müßt Ihr erfahren, Herr Don Alvaro Tarfe, daß ich zeit meines[495] Lebens niemals in Saragossa gewesen, sondern vielmehr, weil ich hörte, daß sich dieser schimärische Don Quixote auf einem Turnier in dieser Stadt gegenwärtig befunden habe, wollte ich sie nicht besuchen, um der ganzen Welt die offenbare Lüge einsehen zu lassen; deshalb begab ich mich geradewegs nach Barcelona, dem Sammelplatz der Artigkeit, der Herberge für die Fremden, dem Hospital für die Armen, dem Vaterlande der Tapfern, dem Rachort der Beleidigten und dem edlen Wohnsitz der treuen Freundschaft, der Stadt, die in Ansehung ihrer Lage und Schönheit die einzige ist. Und obgleich die Begebenheiten, die mir dort zugestoßen, mir nicht allerdings erfreulich, sondern sehr verdrießlich fallen, so vergesse ich doch den Verdruß darüber, diese Stadt gesehen zu haben. Mit einem Worte, Herr Don Alvaro Tarfe, ich bin Don Quixote von la Mancha, der nämliche, von welchem der Ruhm spricht, nicht aber jener Elende, der meinen Namen hat usurpieren und sich mit meinen Gedanken verherrlichen wollen. Ich beschwöre Euch bei dem, was Ihr Eurem Stande als Ritter schuldig seid, daß Ihr mir gefälligst eine Erklärung in Gegenwart des Alkalde dieses Ortes geben wollt, daß Ihr mich zeit Eures Lebens bis auf heute niemals gesehen habt und daß ich der Don Quixote nicht bin, von dem jener zweite Teil handelt, noch dieser Sancho Pansa, mein Stallmeister, derjenige sei, welchen Ihr gekannt habt.« [...]
Die Stunde des Mittagessens war gekommen, Don Quixote und Don Alvaro speisten miteinander. Zufällig kam der Alkalde des Orts mit einem Schreiber in das Haus, von welchem Alkalde Don Quixote ein Instrument verlangte, welches rechtskräftig wäre, in welchem Don Alvaro Tarfe, der hier gegenwärtige Ritter, erklären möge, daß er den Don Quixote von la Mancha nicht kenne, welcher ebenfalls gegenwärtig sei, und daß er nicht der wäre, welcher in der gedruckten Geschichte vorkomme, die den Titel führt: »Zweiter Teil des Don Quixote von la Mancha, verfaßt von einem Avellaneda, gebürtig aus Tordesillas«.
Der Alkalde stellte dies rechtskräftig aus; die Erklärung wurde mit allen Förmlichkeiten aufgesetzt, die in dergleichen Fällen gebräuchlich sind, worüber Don Quixote und Sancho sich sehr freuten, als wenn ihnen eine solche Erklärung notwendig wäre und nicht die gänzliche Verschiedenheit der beiden Don Quixotes und beiden Sanchos durch ihre Taten und Worte hinlänglich deutlich würde.
Viele Höflichkeiten und Freundschaftserbietungen fielen zwischen Don Alvaro und Don Quixote vor, in denen der große Manchaner seinen Verstand dermaßen bewies, daß er dem Don Alvaro Tarfe gänzlich den Irrtum nahm, in welchem sich dieser befand, so daß er überzeugt sein mußte, er sei bezaubert gewesen, denn er sah handgreiflich zwei ganz entgegengesetzte Don Quixotes.
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 11. Buch 7. Kapitel)

13 September 2016

Sancho Pansa beschließt, sich gegen Bezahlung die Schläge zu erteilen, die es zur Entzauberung Dulcinea von Tobosos bedarf

Der besiegte und bedrängte Don Quixote reiste fort, auf der einen Seite ungemein tiefsinnig und auf der andern überaus vergnügt. Seine Traurigkeit rührte von seiner Besiegung her und seine Freude, daß er die Kraft des Sancho erwog, die dieser bei der Auferweckung der Altisidora bewiesen hatte, ob er sich gleich nur mit Mühe überreden konnte, daß das verliebte Mädchen im Ernste tot gewesen sei. Sancho war durchaus nicht vergnügt, sondern er war verdrießlich darüber, daß Altisidora nicht ihr Wort gehalten und ihm die Hemden gegeben hatte, und indem er sich dieses hin und her überlegte, sagte er zu seinem Herrn: »Wahrhaftig, gnädiger Herr, ich bin der unglücklichste Arzt, der auf der Welt gefunden werden kann, denn es gibt Doktoren, die dafür, daß sie den Kranken, den sie gesund machen sollen, umbringen, ihre Bezahlung für ihre Mühe verlangen, die in nichts weiter besteht, als auf ein Zettelchen etliche Arzneien zu schreiben, die sie nicht machen, sondern der Apotheker, und das Geld ist ihnen aus der Tasche geschwatzt; ich aber, dem die fremde Gesundheit Blutstropfen, Fratzen, Zwicke, Nadelstiche und Geißelhiebe kostet, bekomme nicht einen Dreier; ich schwöre aber, daß, wenn ich wieder einen Kranken unter die Hände kriege, man mir die meinigen gewiß schmieren soll, ehe ich ihn kuriere, denn jedes Amt muß seinen Mann ernähren, und ich kann nicht glauben, daß mir der Himmel die Kraft verliehen hat, welche ich besitze, daß ich sie andern für nichts und wieder nichts mitteilen soll.«
»Du hast recht, lieber Sancho«, antwortete Don Quixote, »und Altisidora hat darin sehr übel getan, daß sie dir die versprochenen Hemden nicht gegeben hat, und obgleich deine Kraft gratis data ist, indem sie dich kein Studium gekostet, so sind doch die Martern deiner Person für mehr als Studium anzusehen; ich kann dich versichern, daß, wenn du von mir eine Bezahlung für die Hiebe zur Entzauberung der Dulcinea fordern wolltest, ich sie dir geben würde, daß du zufrieden sein könntest; nur weiß ich nicht, ob die Bezahlung nicht der Wirksamkeit hinderlich sein möchte, und ich wünschte nicht, daß der Lohn der Heilkraft in den Weg träte. Dessenungeachtet wird nichts verloren sein, wenn wir es versuchen; überlege, Sancho, was du fordern willst, und geißele dich sogleich und mache dich selber dann bar bezahlt, denn du hast mein Geld in Verwahrung.«
Bei dieser Anerbietung tat Sancho die Augen und Ohren spannenweit auf und gab in seinem Herzen die Einwilligung, sich von freien Stücken zu geißeln, worauf er zu seinem Herrn sagte: »Nun gut, gnädiger Herr, so will ich Euch denn darin Euern Willen tun, was Ihr von mir verlangt, da es mir Vorteil bringt: denn die Liebe, die ich zu meiner Frau und meinen Kindern trage, macht, daß ich eigennützig scheine. Sagt mir nur, wieviel Ihr mir für jeden Hieb geben wollt, den ich mir zuteile.«
»Wenn ich dir bezahlen sollte, Sancho«, antwortete Don Quixote, »was die Größe und Wichtigkeit dieses Dienstes wert ist, so wären die Schätze Venedigs und die Minen Potosis bei weitem nicht hinreichend, dich zu belohnen; überschlage du, wieviel du von meinem Gelde hast, und bestimme selber den Preis für jeden Hieb.«
»Sie betragen in allem«, antwortete Sancho, »dreitausendunddreihundert; davon habe ich mir fünf gegeben, die andern sind noch zurück; bei so vielen mögen die fünf auch mit unterlaufen, und wir wollen dreitausendunddreihundert rechnen, jeden zu einem Quartillo, denn um weniger kann ich sie nicht lassen, und wenn es auch die ganze Welt so haben wollte, das macht also dreitausendunddreihundert Quartillos, die dreitausend machen tausendundfünfhundert halbe Realen, welche siebenhundertundfunfzig Realen betragen, und die dreihundert machen hundertundfunfzig halbe Realen, das heißt fünfundsiebenzig Realen, diese zu den siebenhundertfunfzig gerechnet, beläuft sich die ganze Summe auf achthundertundfünfundzwanzig Realen. Diese will ich von dem zurückbehalten, was ich von Euch habe, und so komme ich reich und vergnügt zu Hause, zwar tüchtig gegeißelt, aber die Katze kann keine Fische fangen – – – Ihr versteht mich schon.«
»O edelster Sancho! O liebenswürdigster Sancho!« rief Don Quixote aus, »wie verpflichtet werden dir Dulcinea und ich sein, so daß wir dir unser ganzes Leben hindurch, welches uns der Himmel schenkt, dienen müssen. Wenn sie zu ihrem vorigen Zustande gelangt – welches ohne Zweifel geschehen wird –, so wird ihr Unglück zum Glücke und meine Besiegung zum herrlichsten Triumphe werden; denke nur, Sancho, darauf, wann du deine Büßung beginnen willst, und damit du desto eher dazu tust, will ich noch hundert Realen zulegen.«
»Wann?« versetzte Sancho, »ganz gewiß diese Nacht; macht nur, daß wir auf dem Felde unter offenem Himmel bleiben, so soll meine Haut auch offen werden.«
Die Nacht kam heran, welche Don Quixote mit der größten Sehnsucht erwartet hatte, so daß es ihm schien, die Räder am Wagen des Apollo wären zerbrochen und daß der Tag länger währte als gewöhnlich, wie es wohl den Verliebten zu gehen pflegt, deren Rechnung niemals mit ihren Wünschen übereinstimmt. Sie begaben sich endlich unter einige angenehme Bäume, die etwas vom Wege entfernt standen, hier nahmen sie dem Rozinante und dem Grauen die Sättel ab und streckten sich auf den grünen Rasen hin, wo sie von dem Vorrate des Sancho aßen; dieser machte hierauf von dem Stricke und der Halfter des Grauen eine tüchtige und geschmeidige Geißel und entfernte sich damit zwanzig Schritte von seinem Herrn unter einige Buchen. Don Quixote, der ihn so tapfer und mutig sah, sagte zu ihm: »Trachte, mein Freund, daß du dich nicht zu Stücken hauest, laß gemächlich einen Streich auf den andern folgen, übereile dich nicht so sehr in deinem Laufe, daß dir nicht in der Mitte desselben der Atem ausbleibe, ich meine, daß du es nicht so hitzig anfängst, daß du dir das Leben raubst, bevor die bestimmte Anzahl erfüllt ist; und damit du nicht durch eine Karte zuviel oder zuwenig verlierst, will ich die Streiche, die du dir gibst, an meinem Rosenkranz abzählen. Der Himmel stehe dir nun so bei, wie es dein gutes Vorhaben verdient.«
»Den guten Bezahler gereut kein Pfand«, antwortete Sancho, »ich will sie mir so geben, daß sie, ohne mich umzubringen, mir wehe tun, denn darin muß doch wohl das Geheimnis dieses Wunderwerkes bestehen.«
Er entkleidete hierauf die obere Hälfte seines Körpers, schwang den Strick und fing an, sich zu schlagen, und Don Quixote fing an, die Streiche nachzuzählen. Sancho hatte sich ungefähr sieben oder acht gegeben, als der Spaß ihm doch verdrießlich und die Bezahlung dafür zu gering vorkam; er hielt daher ein wenig inne und sagte zu seinem Herrn, daß er sich gröblich geirrt habe, denn jeder Streich könne unbesehen mit einem halben Real und nicht mit einem Quartillo bezahlt werden. »Fahre fort, Freund Sancho, und werde nicht müde«, sagte Don Quixote, »denn ich verdoppele den festgesetzten Preis.«
»Nun denn«, sagte Sancho, »in Gottes Namen, und nun soll es Hiebe regnen.« Aber der Schelm ließ es bleiben, sie sich auf den Rücken zu geben, sondern er schlug gegen die Bäume, wobei er von Zeit zu Zeit solche Seufzer ausstieß, als wenn er mit einem jeden den Geist aufgeben würde. Don Quixote wurde gerührt und glaubte, er könne sich selbst umbringen, so daß durch Sanchos Unvorsichtigkeit das Werk nicht zustande käme, daher sagte er zu ihm: »Fahre, Sancho, jetzt in diesem Geschäfte beileibe nicht fort, denn die Arznei dünkt mir ein wenig gar zu streng, daher ist es gut, sie nicht auf einmal einzunehmen, wurde doch Rom auch nicht in einem Tage gebaut. Wenn ich mich nicht verzählt habe, so hast du dir schon über tausend Streiche gegeben, das ist genug für jetzt, denn man muß, mit den gemeinen Leuten zu sprechen, den Esel wohl beladen, aber nicht überladen.«
»Nein, nein, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »es soll nicht von mir gesagt werden: Das Geld voraus, so wird nichts draus; geht nur wieder fort, daß ich mir noch zum wenigsten tausend Hiebe geben kann, so haben wir das ganze Werk in zwei Portionen fertig, und ich bin dann noch im voraus.«
»Da du in einer so guten Stimmung bist«, sagte Don Quixote, »so stehe dir der Himmel bei, denn ich gehe wieder fort.«
Sancho ging wieder so tapfer an sein Pensum, daß er schon vielen Bäumen die Rinde abgeschlagen hatte: so groß war die Strenge, mit der er sich geißelte; einmal schrie er laut auf, indem er einer Buche einen erschrecklichen Hieb gab: »Hier soll Simson sterben und alle, die mit ihm sind!«
Don Quixote lief auf dieses klägliche Geschrei und auf diesen gewaltigen Geißelhieb hinzu, faßte den geflochtenen Strick, welcher dem Sancho zur Geißel diente, und sagte: »Das Schicksal will nicht, liebster Sancho, daß du meinetwegen dein Leben einbüßen sollst, welches noch zur Erhaltung deiner Frau und deiner Kinder dienen muß. Dulcinea mag auf eine andere Stunde warten, denn ich will mich in die Grenzen der nächsten Hoffnung zurückziehen und darauf harren, daß du neue Kräfte sammeln mögest, damit dieses Werk zur Freude aller geendigt werde.«
»Da Ihr es, gnädiger Herr, so haben wollt«, antwortete Sancho, »so sei es in Gottes Namen, werft mir aber doch den Mantel um die Schultern, ich schwitze und möchte mich nicht erkälten, denn die neuen Disziplinanten sind dieser Gefahr ausgesetzt.«[491]
Don Quixote tat es und deckte, indem er im Wamse blieb, den Sancho zu, welcher schlief, bis ihn die Sonne erweckte, worauf sie sogleich ihren Weg fortsetzten und fürs erste in einem Dorfe haltmachten, welches drei Meilen von dort entfernt war.
Sie stiegen in einem Wirtshause ab, als wofür es Don Quixote erkannte, und nicht für ein Kastell mit seinen Burggraben, Türmen, Fallgattern und Zugbrücken: denn seit er überwunden war, sah er alle Dinge verständiger an, wie sich sogleich zeigen wird. Sie begaben sich in einen Saal unten, dem zu Tapeten alte bemalte Leinwand diente, wie man es in den Dörfern gewöhnlich findet. An einer Stelle war äußerst schlecht der Raub der Helena gemalt, wie der unredliche Gastfreund sie dem Menelaus entführte, und auf einer anderen die Geschichte der Dido und des Aeneas, sie auf einem hohen Turme, wie sie dem entfliehenden Gaste mit einem halben Bettuche nachwinkte, der im Meere auf einer Fregatte oder Brigantine davonsegelte. Zu merken war bei diesen beiden Geschichten, daß Helena nicht ganz gegen ihren Willen mitging, denn sie lachte verstohlen und schelmisch; die schöne Dido aber sah man Tränen vergießen, die ihr so groß wie Nüsse aus den Augen liefen. Als Don Quixote dies sah, sagte er: »Diese beiden Damen sind darin sehr unglücklich gewesen, daß sie nicht in der gegenwärtigen Zeit gelebt haben, und ich über alles unglücklich, daß ich nicht in der ihrigen geboren bin, denn wäre ich nur auf jene Helden getroffen, so wäre Troja nicht verbrannt und Karthago nicht zerstört, denn bloß dadurch, daß ich den Paris umgebracht hätte, wäre alles dies Unglück vermieden worden.«
»Ich will wetten«, sagte Sancho, »es brauchen nicht viele Tage ins Land zu gehen, so wird es keinen Krug, keine Schenke, kein Wirtshaus und keine Barbierbude geben, wo man nicht die Geschichte unsrer Taten gemalt hätte; ich wünsche nur, daß sie von anderen, besseren Malern herrühren mögen, als der dieses gemalt hat.«
»Du hast recht, Sancho«, sagte Don Quixote, »denn dieser Maler gleicht dem Orbaneja, einem Maler zu Ubeda, der, wenn man ihn fragte, was er male, zur Antwort gab: ›Was es wird‹; und wenn er etwa einen Hahn malte, so schrieb er darunter: ›Dieses ist ein Hahn‹, damit es niemand für einen Fuchs ansähe. Von dieser Art scheint mir, Sancho, auch der Maler oder Schriftsteller zu sein – denn beides ist gleichviel –, der die Geschichte dieses neuen Don Quixote, welche herausgekommen ist, ans Licht gestellt hat, er malte oder schrieb, was es nun wurde, oder er ist wie der Poet gewesen, der vor einigen Jahren in der Residenz war und Mauleon hieß, der auf alles, was man ihn fragte, gleich eine Antwort geben wollte und der, als ihn einer fragte, was das sagen wolle ›Deum de Deo‹, antwortete: ›Es komme, wie es gehe!‹ Wir wollen aber dieses fahrenlassen, sage mir, Sancho, denkst du dir künftige Nacht wieder eine solche Portion zuzuteilen, und willst du es lieber unter einem Dache oder unter dem freien Himmel tun?«
»Meiner Seel, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »so wie ich sie mir zu geben denke, kann ich sie mir ebensogut im Hause wie auf dem Felde geben; aber doch möchte ich lieber, daß es unter Bäumen geschähe, denn es ist ordentlich, als wenn sie mir beistehen und mir mein Leiden auf eine wunderbare Art tragen helfen.«
»Es soll aber nicht geschehen, lieber Sancho«, antwortete Don Quixote, »sondern damit du neue Kräfte sammelst, wollen wir warten, bis wir in unser Dorf anlangen, welches spätestens übermorgen geschehen wird.«
Sancho antwortete, er wolle nach seinem Willen handeln; aber er möchte lieber beim frischen Mute das Werk zu Ende bringen und das Eisen schmieden, solange es heiß sei, denn im Verzögern liege oft die Gefahr, und der Mensch denkt's und Gott lenkt's, ein Haben sei besser als zwei Kriegen und ein Sperling in der Hand mehr wert als eine Taube auf dem Dache. »Keine Sprichwörter weiter, Sancho, um Gottes willen«, sagte Don Quixote; »es scheint, du kommst wieder zu dem sicut erat; sprich einfach, klar und[492] nicht verwickelt, wie ich dir schon oftmals gesagt habe, und du wirst sehen, daß du für den Groschen einen Taler gewinnst.«
»Ich weiß nicht, was ich darin für Unglück habe«, antwortete Sancho, »ich kann nichts Kluges ohne Sprichwort sagen und kein Sprichwort sagen, das mir nicht als etwas Kluges vorkäme; aber ich will mich bessern, wenn ich kann.« Und so endigte sich für jetzt ihr Gespräch.
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 11. Buch 6. Kapitel)

Tod und Sterben - das letzte Tabu

Annelie Keil, Henning Scherf:  Das letzte Tabu. Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen, Herder Verlag,  256 S., 2016

Zitate:
„Man muss dem Leben auch noch in seinem Sterben begegnen, um neugierig zu entdecken, zu erleben, zu erfahren und zu erkennen, welche Reichtümer es bis zuletzt bietet.“

"Nicht nur das Lebensende, das ganze Leben verlangt Mut, Kraft und einen starken Lebenswillen. Und wenn ein Leben in die Jahre gekommen ist, braucht es vor allem Geduld und Gelassenheit, um im aufrechten Gang zu bleiben."

"[...] immer noch gibt es etwas zu lernen, um den Abschied leben zu können. Die Aufgabe zur selektiven Begrenzung und Genügsamkeit bleibt bis zum Ende"

Ausführliche Zitate aus der Rezension des Blogs aus.gelesen:


'Gutes Sterben'  "braucht die Öffnung innerer und äußere Räume für eine Rückschau, es braucht Stille und Abschiednehmen, es braucht Demut auch. Jedes Leben endet mit dem Tod, auch wenn die (moderne) Gesellschaft viele Vermeidungsstrategien und Verdrängungsprozess zeigt. Der oftmal grassierende ‚Jugendwahn‘ ist dafür ein Beispiel ebenso wie die ‚Entsorgung‘ alter und kranker Menschen im Heimen und Krankenhäuser, insbesondere in den USA sind Methoden auf dem Markt, Verstorbene zu konservieren, um sie ggf. bei einer entsprechend fortgeschrittenen Medizin wieder zum Leben zu erwecken.

Jeder Tod ist individuell und einmalig und Sterben kann man nicht lernen. Man kann sich aber auf sein eigenes Sterben vorbereiten, in dem man sich mit seinem Leben und der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. Dies meint nicht mehr und nicht weniger eine Änderung der Sterbekultur in unserem Land, einer Sterbekultur, in der der Sterbende seiner Selbstbestimmung nicht beraubt wird und in der Menschlichkeit herrscht anstatt, daß er in einsam und ohne Begleitung in einen Heim oder einem Krankenhaus (oder….) stirbt. Ehrenamtliche und professionelle Hospizbegleitung sowie die Wiederentdeckung der palliativmedizinischen Begleitung sterbenskranker am Ende ihres Lebens sind wichtige Komponenten einer menschlichen, einer humanen Sterbebegleitung, die ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. 

Im Kern, so fasst Keil zusammen, geht es in der Begleitung und Betreuung sterbender Menschen um die Erhaltung und Verbesserung ihrer Lebensqualität, um die Unterstützung derer, die als begleitende Angehörige mit besonderen Problemen konfrontiert werden, die mit einer lebensbedrohlichen Krankheit einhergehen. 

Der Begriff der Selbstbestimmung ist den Autoren wichtig, er taucht immer wieder in verschiedenen Aspekten auf, vor allem im Sinne des Suizides eines Kranken und des möglichen Wunsches eines Sterbenden nach einem assistierten Suizid; für den ersten Fall wird der Suizid des an einem Glioblastom erkrankten Schriftsteller Wolfgang Herrndorf als Beispiel angeführt. Damit stellt des weiteren das Themenfeld ‚Sterbehilfe‘ einen Schwerpunkt der Ausführungen dar. Einen weiteren Schwerpunkt stellt der Komplex der ‚Sterbebegleitung‘ dar, in der neben den medizinischen und pflegerischen ‚Fachleuten‘ jeder Einzelne gefragt ist. Sterbebegleitung als seelsorgerische und mitmenschliche Begleitung ist ein schöpferischer Akt, in dem soweit es möglich ist, auf die Bedürfnisse des Sterbenden eingegangen wird. Er wirkt auf den Begleitenden zurück: nur weniges ist friedvoller als eine gelungene Begleitung, die immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist. [...]

Das letzte Tabu ist ein Mutmachbuch. Es zeigt, da biographisch, daß man sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen kann und es zeigt die Richtung, in die man gehen kann, um die Erkenntnis von der eigenen Endlichkeit akzeptieren zu lernen. Es ist überzeugend dadurch, daß die Verfasser aus eigenen Erfahrungen heraus sprechen. Trotzdem sollte man sich immer daran erinnern, daß jedes Sterben so individuell ist wie das Leben, an dessen Ende es steht, es gibt keine für alle Menschen gültigen und zu befolgenden Regeln, die ein ‚richtiges‘ Sterben garantieren. Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, auch auf die Gefahr hin, sich zu verirren: niemand kann dieser Tatsache ausweichen."
(Diese Zitate können die Lektüre der vollständigen Rezension, die auch kritische Anmerkungen enthält, nicht ersetzen. Sie sollen aber Mut machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und dabei auch zu diesem Buch zu greifen. Weitere Buchhinweise finden sich in der Rezension.)
Und im Buch:
W. Bergmann:Sterben lernen, München 2011
S. Saalfrank: Innehalten ist Zeitgewinn. Praxishilfe zu einer achtsamen Sterbekultur, Freiburg 2009

Mehr zum Thema Tod und Sterben:
"Der Tod hat auch einen Zauber" ZEIT 5.11.2015

S. Gottschling: Sterben SR 2 "Fragen an den Autor" Rundfunkinterview 53 Min. 25.9.16

12 September 2016

Wie Sancho Pansa zur Erweckung einer Toten beitragen soll

Don Quijote uns Sancho Pansa werden von einer großen Zahl Bewaffneter überwältigt. Da Don Quijote versprochen hat, nicht mehr zu den Waffen zu greifen, kann er sich nicht dagegen wehren.
Sie werden zum herzoglichen Schloss gebracht. Dort finden sie einen Katafalk vor, auf dem  Altisidora liegt, deren Liebesanträge Don Quijote zurückgewiesen hatte. Ein Sänger trägt ein Trauerlied vor, als er plötzlich unterbrochen wird:


»Genug!« rief hierauf einer von denen, die wie Könige aussahen; »genug, göttlicher Sänger, denn es würde kein Ende nehmen, wollten wir uns jetzt den Tod und die Reize der unvergleichlichen Altisidora vorstellen, die nicht tot ist, wie die unwissende Welt glaubt, sondern die durch die Zungen des Ruhms und durch die Strafe lebt, welche, um sie wieder zum Lichte zurückzuführen, Sancho Pansa erleiden wird, der hier gegenwärtig ist; deshalb, o Rhadamanthus, der du mit mir in den dunkeln Höhlen des Pluto richtest, da dir alles bekannt ist, was das unerforschliche Verhängnis beschlossen hat, um diese Jungfrau wieder zu erwecken, sage und verkündige es alsbald, damit das Glück nicht verschoben werde, welches wir von ihrem neuen Erwachen erwarten.«
Kaum hatte Minos, der Richter und Gefährte des Rhadamanthus, dieses gesprochen, als Rhadamanthus aufstand und sagte: »Auf, ihr Diener dieses Hauses, hohe und niedrige, große und kleine, kommt einer nach dem andern und drückt dem Gesichte des Sancho vierundzwanzig Fratzen ein und zwölf Zwicke und sechs Nadelstiche gebt ihm in den Armen und in den Seiten, denn in dieser Zeremonie besteht die Belebung der Altisidora.«
Als Sancho Pansa dies hörte, brach er sein Stillschweigen und sagte: »Ich schwöre, daß ich mir soviel Fratzen aufdrücken oder im Gesicht hantieren lassen werde, wie ich ein Mohr werden will! Bei meiner Seele, was hat denn das Hantieren in meinem Gesichte mit dem Aufleben dieses Mädchens zu tun? Mag der Henker doch den ganzen Kram holen! Dulcinea wird bezaubert, und sie geißeln mich, daß sie entzaubert werde; Altisidora stirbt an einer Krankheit, die ihr Gott zuschickt, und ich soll sie damit erwecken, daß ich mir vierundzwanzig Fratzen aufdrücken und meinen Körper von Nadelstichen durchbohren und meine Arme von Zwicken zerfleischen lasse. Sucht Euch einen andern Spaßvogel, denn ich weiß, was die Glocke geschlagen hat und wo Barthel Most holt.«
»Sterben sollst du«, rief mit lauter Stimme Rhadamanthus; »erweiche dich, Tiger, demütige dich, stolzer Nimrod, dulde und schweige, denn nichts Unmögliches wird von dir gefordert, und unterfange dich nicht, das Unbegreifliche dieses Vorfalls zu ergründen! Du sollst die Fratzen bekommen, du sollst gestochen werden, du sollst gezwickt seufzen. Auf, sage ich, ihr Diener, erfüllt meine Gebote; oder, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ihr sollt sehen, was daraus entsteht.«
Hierauf sah man über den Hof her sechs Dueñas erscheinen, die wie in einer Prozession eine hinter der andern gingen, vier davon mit Brillen und alle die rechten Arme gerade ausgestreckt, die Ärmel vier Fingerbreit vom Gelenke zurück, um die Hände länger scheinen zu machen, wie es jetzt gebräuchlich ist. Sancho hatte sie nicht so bald wahrgenommen, als er wie ein Stier brüllte und schrie: »Ich will mir von der ganzen Welt im Gesichte hantieren lassen; aber daß Dueñas mich anrühren sollen, das kann ich nicht zugeben! Man mag mir das Gesicht zerkratzen, wie man es meinem Herrn hier im Schlosse getan hat; man mag mir den Leib mit scharfgeschliffenen Dolchen durchbohren; man mag mir die Arme mit glühenden Zangen kneifen, und ich will es mit Geduld ertragen, oder um diesem Herrn gefällig zu sein; aber daß mich Dueñas anrühren, das werde ich nicht zugeben, und wenn mich auch der Teufel holen sollte.«
Auch Don Quixote brach sein Stillschweigen und sagte zu Sancho: »Habe Geduld, mein Sohn, vergnüge diese Herren und sage dem Himmel vielfachen Dank, daß er deiner Person eine solche Kraft mitgeteilt, daß du durch ihre Zermarterung Bezauberte entzaubern und Tote erwecken kannst.«
Die Dueñas waren dem Sancho schon nahe gekommen, und er setzte sich besänftigt und überredet im Sessel zurecht, hielt Gesicht und Bart der vordersten hin, welche ihm eine Fratze derb eindrückte und ihm dann eine tiefe Verbeugung machte. »Weniger Höflichkeit und weniger Schminke, Frau Dueña«, sagte Sancho, »denn, bei Gott, Ihr habt Hände, die nach Weinessig riechen.«[479]
Hierauf drückten ihm alle Dueñas das Gesicht zusammen, und viele Leute aus dem Hause zwickten ihn; was er aber nicht aushalten konnte, war das Stechen mit den Nadeln, sondern er stand wütend vom Stuhle auf und nahm eine brennende Fackel, womit er auf die Dueñas und alle seine Peiniger schlug, und laut rief: »Fort, ihr Diener der Hölle, denn ich bin nicht von Erz, um diese ungeheuern Zermarterungen nicht zu fühlen.«
Altisidora, die wohl müde sein mußte, so lange ausgestreckt zu liegen, kehrte sich indessen nach der Seite; als dieses die Umstehenden sahen, riefen alle aus einem Munde: »Altisidora lebt, es lebt Altisidora!« Rhadamanthus befahl dem Sancho, seinen Zorn zu besänftigen, denn die beabsichtigte Wirkung sei nun schon erreicht. Wie Don Quixote sah, daß Altisidora sich rührte, kniete er vor Sancho nieder und sagte zu ihm: »Jetzt ist es Zeit, o mein Herzenssohn und nicht mein Stallmeister, daß du dir einige von den Streichen gebest, die du dir wegen der Entzauberung der Dulcinea geben mußt. Jetzt, sage ich, denn jetzt ist die Zeit, in welcher deine Kraft am wirksamsten ist und in der sie das Glück hervorbringen wird, welches ich von dir erwarte.«
Worauf Sancho antwortete: »Ja, ja, aus dem Regen in die Traufe, und hier kann man wohl mit Recht sagen, dem Reichen wird gegeben; das wäre schön, wenn nun noch nach diesen Zwicken, Fratzen und Stichen die Hiebe kommen sollten; nun fehlt nichts weiter, als daß man einen großen Stein nimmt und mir den um den Hals bindet und mich so vollends in einen Brunnen schmeißt, worüber ich mich auch nicht sonderlich grämen würde, wenn ich, um andere zu kurieren, immer der Pfingstochse sein muß. Laßt mich gehen, oder, bei Gott, ich schmeiße den ganzen Kram in den Dreck, mag doch dann draus werden, was will.«
Altisidora hatte sich indessen auf ihrem Grabmale schon hingesetzt, und zugleich erklangen Hoboen, von Flöten und den Stimmen aller begleitet, welche riefen: »Es lebe Altisidora! Altisidora lebe!«
Die Herzoge standen auf, auch die Könige Minos und Rhadamanthus, so wie alle übrigen, nebst Don Quixote und Sancho, um Altisidora zu empfangen und sie vom Grabmale heruntersteigen zu lassen, welche die noch halb Ohnmächtige spielte und sich gegen die Herzoge und gegen die Könige verneigte, den Don Quixote aber von der Seite ansah und zu ihm sagte: »Gott vergebe dir, unliebender Ritter, denn durch deine Grausamkeit bin ich in der andern Welt gewesen, und, wie es mir scheint, über tausend Jahre; dir aber, mitleidigster Stallmeister, der auf dem Erdkreise zu finden ist, verdanke ich das Leben, welches ich besitze. Du hast von heute an, liebster Sancho, über sechs von meinen Hemden zu befehlen, die ich dir schenke, um dir sechs andere für dich daraus machen zu lassen, welche, wenn auch nicht durchaus ganz, doch wenigstens alle rein sind.«
Sancho küßte ihr dafür die Hände, mit der Mütze in der Hand und den Knien auf der Erde. Der Herzog befahl, sie ihm abzunehmen und ihm seinen Hut wiederzugeben, auch sollten sie ihm seinen Rock geben und das Kleid mit Flammen wieder ausziehen. Sancho bat den Herzog, ihm das Kleid und die Mütze zu lassen, denn er wolle sie zum Andenken und zum Wahrzeichen einer so unerhörten Begebenheit mit nach Hause nehmen. Die Herzogin antwortete, er möge sie behalten, denn er wisse wohl, daß sie seine große Freundin sei. Der Herzog befahl, den Hof aufzuräumen und daß alle sich auf ihre Zimmer begäben, Don Quixote und Sancho möchten sie aber auf diejenigen führen, die sie schon als die ihrigen kannten. (Cervantes: Don Quijote 2. Teil 11. Buch 4. Kapitel)

11 September 2016

Silke Scheuermann: Wovon wir lebten

Hinweisen möchte ich auf Silke Scheuermann: Wovon wir lebten schon bevor ich den Roman gelesen habe. Als so überzeugend empfinde ich die Kritik von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau.
"[...] „Wovon wir lebten“ ist glücklicherweise wirklich sehr weit entfernt von einem lustigen, tragischen, überkandidelten (und leicht verfilmbaren) Coming-of-Age-Roman – obwohl es neben lustigen und tragischen auch überkandidelte Szenen gibt, schon durch den Drogenkonsum. Stattdessen hat Silke Scheuermann offensichtlich den guten alten Entwicklungsroman im Sinn, gar den Erziehungsroman. [...]
Als Marten für einige Tage in Haft muss – nach einem Gerangel wird gleich Einzelhaft daraus –, hat er nur ein einziges Buch dabei, rasch noch aus dem Regal der Mutter gezogen. „Charles Dickens. Erwartungen, nein: Große Erwartungen. Irgendwie ironisch. ... Gebe ich diesem Dickens also eine Chance. Quäle ich mich durch die erste Seite. Es geht um einen Jungen, der sich auf einem Friedhof herumtreibt. Okay. Auf dem Friedhof liegen nicht nur seine Eltern, sondern auch, unter kleineren Steinen begraben, seine fünf Brüder. Fünf! Na toll, das macht richtig Laune.“ [...]
„Große Erwartungen“ ist eine grandiose Folie, die Motive aus „Wovon wir lebten“ zum Leuchten bringt – Kleinigkeiten wie Angewohnheiten, böse Blicke, Berufswahl, Todesursachen, aber auch die Konstruktion als solche, das Epische, das man von Silke Scheuermann bisher überhaupt nicht gewöhnt ist. Aber mehr als eine Folie soll der Roman nicht sein, [...]
„Wovon wir lebten“ ist zudem (wieder) ein solider, die Zeitläufte aufmerksam beobachtender Offenbach- und Frankfurt-Roman. Der Trend zum Osten wird literarisch manifestiert. Man kann Marten ins Robert Johnson begleiten und mit ihm ein hippes Restaurant auf der Hanauer Landstraße aufmachen. [...]"

Dem, der Dickens: Great Expectations (dt. Große Erwartungen) zuerst lesen will, kann ich nicht davon abraten. Doch von Sternburg meint dazu: " „Wovon wir lebten“ ist weder eine Nacherzählung noch eine unmittelbare Modernisierung. Nichts ist enthalten, was man nicht auch ohne „Große Erwartungen“ verstehen könnte."

Afrikanische Märchen

Im Vorwort zu "Eine Frau für hundert Rinder" (Textbeispiele) erzählt Karlheinz Böhm das kurze Märchen von den vier Männern im Wald (S.13):
Eines Nachts gingen vier Männer, ein Blinder, ein Taube, ein Verkrüppelter und ein Bettler durch den Wald. Es war kalt und sie gingen ganz schnell. Plötzlich hörten sie in der Nähe einen Hilfeschrei. "Hört", sagte der taube Mann, jemand ist in Not!" - "Ja", sagte der blinde Mann, "ich kann dort jemand sehen!" "Lasst uns hingehen und helfen!", sagte der verkrüppelte Mann. "Oh nein", sagte der Bettler, "es könnten böse Leute sein, und wir wollen uns lieber retten!"
Eine Erzählung, passend zu den Paralympics und der Flüchtlingskrise ab 2015? (Mehr dazu weiter unten.*)
"Die Fabel von dem Königssohn Safudu Kwaku" (S.204f.) beginnt: "Eines Tages log ein König über seinen Sohn, dass dieser etwas mit seiner Frau gesprochen hätte. Sein Sohn, Safudu Kwaku, sagte zu seinem Vater, er wolle sich einem Gottesurteil unterziehen."
Man merkt, das ist nicht die Art, wie ein afrikanischer Erzähler das Märchen erzählen würde. Zu steif klingt "unterziehen".
Der König entscheidet, dass er sich von einem Baum auf scharf geschliffene Buschmesser und Nadeln stürzen soll, und lässt die 17 Tage lang schleifen.
Der Sohn stürzt sich von dem Baum, bleibt aber unverletzt. Daraufhin lässt der König den Sprung unter immer neuen Vorwänden wiederholen, doch der Sohn übersteht auch die folgenden Stürze. Doch als er den siebten Sprung unternimmt, "da nahm ihn der Himmel weg und versetzte ihn in den Sonnenaufgang. Wenn nun die Sonne aufgeht und man will ihr Angesicht sehen, so verdeckt sie ihr Angesicht und sagt: 'Man hat mir siebenmal Unrecht getan!'
Daher kommt es, dass man das Angesicht der Sonne nicht ganz sehen kann."

Dass die Erzählung am Schluss ein ätiologisches Element enthält, ist überraschend wie andererseits die Bezeichnung einer Erzählung, in der keine Tiere vorkommen, als Fabel ein wenig erstaunt. Und das angesichts der Tatsache, dass ein Großteil afrikanischer "Märchen" von Tieren handelt, die oft recht menschliche Züge tragen. Das Wort Fabel wurde wohl auch erst vom Märchensammler eingeführt. 

Jetzt zu einem Märchen, in dem Tiere Dinge tun, die uns durchaus nicht typisch für die Art des Tieres erscheinen werden: 
Da färbt ein Leopard im Märchen "Der Elefant und die Spinne" (S.206-208) Baumwollgarn und webt ein Tuch daraus. Eine Spinne leiht es von ihm aus, um zu einer Totenfeier zu gehen. Als sie aber feststellt, dass Regenwasser, das aus dem Tuch herunter läuft, süß schmeckt, ist sie es auf "und blieb nackend".
Darauf lässt ein  Elefant sich von ihr überreden, ein großes Stück von seinem Ohr abzuschneiden, damit sie es als Kleidungsersatz verwenden könne, das sie dann aber ebenfalls isst. - Nun verwundert es nicht mehr, dass die Spinnenfamilie eine Schnupftabaksdose besitzt, in der sich alle verstecken können.
Die weitere Erzählung kann man nachlesen. Hier nur noch Anfang und Schluss:
"Höret eine Fabel! "Die Fabel möge kommen!"
Die Fabel kam von weither und fiel auf den Leoparden, die Spinne und den Elefanten. [...]
So weilt die Spinne bis heute unter Steinen. [Ätiologie]
Deshalb saft man: Der Barmherzige bekommt keinen Dank. Das haben die Leute mir erzählt, und ich habe euch damit unterhalten.
"Wohl du Salzmund!" Ihr seid Rundohrige!

*Doch ich habe noch etwas zu den vier Männern im Wald versprochen: Die Beziehung auf die Paralympics ist klar: Es geht um drei Behinderte (und einen Benachteiligten). 
Ihre Handlungsweise gibt zu denken. Die ersten beiden der Behinderten tun etwas, was sie an sich nicht können (hören und sehen). Der dritte fordert die anderen auf, das zu tun, was er nicht kann. Der einzige Nichtbehinderte aber warnt davor zu helfen, weil das mit einer Gefahr verbunden sein könnte.
Auf die Flüchtlingskrise bezogen: Die Not der Flüchtlinge schreit zum Himmel, so dass man sie selbst dann mitbekommt, wenn man nicht sehen und hören kann (oder will?). Alle Behinderten fordern auf, zu helfen. Nur der einzige, der nicht behindert ist und also helfen könnte, weigert sich. Dabei hat er als Bettler doch eigentlich "nichts zu verlieren".

Das kann man einmal so deuten, dass die, die selbst leiden, am schnellsten bereit sind, Hilfe zu leisten. Und das entspricht oft der Realität: Wer Not kennt, ist am ehesten bereit, zu helfen. Die Armen also eher als die Reichen. - Das passt freilich nicht dazu, dass gerade der Bettler nicht bereit ist zu helfen. 
Die andere Deutung ist folgende: Jeder meint, die anderen könnten ja Opfer bringen, für ihn selbst aber komme es nicht infrage. Das Opfer sollen die bringen, die gesellschaftlich am wenigsten zu sagen haben. Und die wehren sich dagegen, weil sie diejenigen sein werden, die am meisten unter der Billigkonkurrenz der Flüchtlinge zu leiden haben werden, nicht zuletzt, weil die Reicheren jetzt eine gute Begründung haben, nichts für sie zu tun. Es gibt ja Leute, die es noch mehr brauchen (Aufweichung des Mindestlohnschutzes). 
Aber natürlich bezieht sich dies Märchen nicht auf aktuelle Ereignisse unserer Gegenwart. Was erscheint Ihnen die angemessenste Deutung?

mehr zu afrikanischen Märchen:
Holzfeuermärchen
Ratte, Löwe und Kaninchen 
Sammlungen von Märchen aus Afrika

10 September 2016

Don Quijote beschließt, Schäfer zu werden

Unter diesen Gesprächen hatten sie ihren Weg fortgesetzt und kamen wieder an die nämliche Stelle, wo sie waren von den Stieren umgerannt worden. Don Quixote erkannte sie und sagte zu Sancho: »Dieses ist die Wiese, wo wir jene geschmückten Schäferinnen und geputzten Schäfer antrafen, die hier das Schäfer-Arkadien erneuern und nachahmen wollten, ein Gedanke, der ebenso neu als trefflich ist und zu dessen Nachahmung, wenn es dir gut dünkt, ich, o Sancho, wünschte, daß wir uns in Schäfer verwandelten, wenigstens für die Zeit, die ich in der Einsamkeit zubringen muß. Ich will einige Schafe kaufen und alle übrigen Dinge, welche zum Schäferleben notwendig sind, ich will mich den Schäfer Quixotiz nennen und dich den Schäfer Pancino, wir ziehen dann über Berge, durch Wälder und Wiesen, hier singend, dort klagend, von den flüssigen Kristallen der Quellen trinkend oder aus den klaren Bächen oder den fließenden Strömen. Mit der freigebigsten Hand gewähren uns ihre süßeste Frucht die Eichen, Wohnung die Stämme des härtesten Korkbaums, Schatten die Weiden, Düfte die Rosen, Teppiche, mit tausend Farben gestickt, die geräumigen Wiesen, Kühlung die heitere und reine Luft, Licht der Mond und die Sterne, trotz der Dunkelheit der Nacht, Ergötzen Gesang, Vergnügung die Tränen, Apollo Verse, die Liebe Erfindung, wodurch wir uns unvergeßlich und berühmt machen können, nicht nur in den gegenwärtigen, sondern auch in den zukünftigen Zeitaltern.«
»Meiner Seel«, sagte Sancho, »solche Lebensart ist annehmlich, ja angreiflich für mich, und gewiß, der Baccalaureus Simson Carrasco und Meister Niklas der Barbier werden sie nicht so bald gesehen haben, als sie sie auch mitmachen und sich ebenfalls, wie wir, in Schäfer verwandeln werden, und gebe nur Gott, daß nicht auch dem Pfarrer die Lust ankommt, uns ins Gehege zu gehen, denn er ist ein lustiger Mann, der sich gern einen Spaß macht.« (Cervantes: Don Quijote 2. Teil 11. Buch 2. Kapitel)

08 September 2016

Aufklärung über die Identität des Ritters vom silbernen Monde

Don Antonio Moreno folgte dem Ritter vom silbernen Monde, und es folgten ihm zugleich, ja, es verfolgten ihn viele Gassenjungen, bis sie ihn endlich in einem Wirtshause der Stadt umlagerten. Don Antonio ging mit dem Vorsatze hinein, ihn kennenzulernen; ein Stallmeister kam, ihn zu empfangen und ihn zu entwaffnen; er schloß sich unten in einem Saale ein und mit ihm Don Antonio, der keine Ruhe hatte, bis er wußte, wer er sei. Da der vom silbernen Monde sah, daß jener Ritter ihn nicht verließ, sagte er zu ihm: »Ich sehe wohl, Señor, weshalb Ihr kommt, Ihr wollt nämlich wissen, wer ich bin, und da ich keine Ursach habe, es zu verbergen, so will ich es Euch sagen, indes mich mein Diener entwaffnet, ohne in einem Punkte von der Wahrheit abzuweichen. So wißt denn, Señor, daß ich Baccalaureus Simson Carrasco heiße. Ich bin mit Don Quixote von la Mancha aus einem und demselben Orte, dessen Narrheit und Albernheit uns alle, die wir ihn kennen, zum Mitleiden bewegt; unter denjenigen, die am vorzüglichsten an ihm teil nehmen, befinde ich mich, und da ich glaube, daß seine Wiederherstellung von seiner Ruhe und davon abhängt, daß er in seiner Heimat und in seinem Hause lebt, entwarf ich einen Plan, ihn dorthin zurückzubringen, und deshalb, es wird jetzt drei Monate sein, machte ich mich als irrender Ritter auf den Weg, unter dem Namen des Ritters von den Spiegeln, in der Absicht, mit ihm zu streiten und ihn zu überwinden, ohne ihm Schaden zuzufügen, da wir es zur Bedingung unsers Zweikampfs machten, daß der Überwundene der Willkür des Siegers überlassen sein solle; ich wollte nämlich von ihm fordern, weil ich ihn schon für besiegt hielt, daß er nach seinem Dorf zurückkehren und es binnen einem Jahre nicht verlassen dürfte, in welcher Zeit er dann geheilt werden könnte; das Schicksal fügte es aber anders, denn er besiegte mich und stürzte mich vom Pferde herunter, und so konnte ich meinen Plan nicht durchführen; er setzte seinen Weg fort, und ich kehrte, besiegt und vom Falle, der ziemlich gefährlich war, zermalmt, um; aber dessenungeachtet gab ich es nicht auf, ihn noch einmal aufzusuchen und zu überwinden, wie es auch heute geschehen ist, da er nun so gewissenhaft ist, die Gesetze der irrenden Ritterschaft zu beobachten, so wird er ohne Zweifel sein Wort halten, welches er mir gegeben hat. Dieses, Señor, ist, was sich zugetragen hat, ohne daß ich Euch noch etwas anders zu sagen hätte; ich bitte Euch nur, entdeckt mich nicht und sagt dem Don Quixote nicht, wer ich bin, damit meine guten Anschläge ihren Erfolg haben und ein Mann seinen Verstand wiedererlangt, der einen trefflichen besitzt, wenn er nicht auf die Albernheiten der Ritterschaft gerät.«
»O mein Herr!« sagte Don Antonio, »Gott vergebe Euch das Unrecht, welches Ihr der ganzen Welt dadurch tut, daß Ihr ihren anmutigsten Narren wieder gescheit machen wollt. Seht Ihr denn nicht, Señor, daß der Nutzen, welcher aus der Klugheit des Don Quixote entspringt, bei weitem nicht so groß sein könne als das Vergnügen, welches seine Unsinnigkeiten hervorbringen? Ich denke aber, daß alle Anstrengung des Herrn Baccalaureus nicht hinreichend sein wird, einen Mann wieder vernünftig zu machen, der so durch und durch ein Narr ist, und wenn es nicht gegen die christliche Liebe wäre, so möchte ich sagen, mag Don Quixote doch nie geheilt werden, denn mit seiner Heilung verlieren wir nicht nur seine Possen, sondern auch die des Sancho Pansa, seines Stallmeisters, wovon eine jede die Melancholie selbst lustig machen könnte. Aber dennoch will ich schweigen und ihm nichts sagen, um zu sehen, ob meine Vermutung nicht eintrifft, daß die Mühe keine Wirkung haben wird, die sich der Herr Carrasco gegeben hat.«
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 10. Buch 13. Kapitel)

Don Quijotes Abenteuer mit dem Ritter vom silbernen Monde

[...] Aber an einem Morgen, als Don Quixote am Strande spazierenritt, mit allen seinen Waffenstücken bewaffnet, weil, wie er oftmals sagte, sie sein Schmuck seien und sein Ausruhen das Streiten, weshalb er sich nie ohne sie befand, sah er gegen sich einen Ritter kommen, ebenfalls ganz in schimmernden Waffen gekleidet, der auf dem Schilde einen glänzenden Mond abgebildet führte; als dieser so nahe gekommen, daß er gehört werden konnte, sprach er mit lauter Stimme, seine Rede gegen Don Quixote gewendet: »Erlauchter Ritter und niemals genug so, wie er es verdient, gepriesener Don Quixote von la Mancha, ich bin der Ritter vom silbernen Monde, dessen unerhörte Taten dir vielleicht seinen Namen bekannt gemacht haben; ich komme, mit dir zu streiten und die Kraft deiner Arme zu versuchen, aus der Ursache, dich erkennen und bekennen zu machen, daß meine Dame, welche es auch sei, ohne Vergleich schöner ist als deine Dulcinea von Toboso, welche Wahrheit, wenn du sie freiwillig zugestehst, deinen Tod verhindert und mich der Mühe überhebt, dich umzubringen; willst du aber kämpfen und ich überwinde dich, so verlange ich keine andere Genugtuung, als daß du die Waffen niederlegst und dich enthältst, Abenteuer zu suchen, dich in deine Heimat zurückbegibst auf die Zeit eines Jahres, wo du leben sollst, ohne das Schwert in die Hand zu nehmen, im stillen Frieden und in heilsamer Ruhe, denn so ist es dir zuträglich zur Vermehrung deiner Habe und Errettung deiner Seele; wirst du mich aber überwinden, so fällt mein Haupt deiner Willkür anheim, deine Beute sind meine Waffen und mein Roß, und zu dir wird der Ruhm meiner Taten hinübergehen. Erwäge, was dir heilsamer sei, und antworte mir alsbald: denn den heutigen ganzen Tag habe ich dazu bestimmt, um diesen Handel zu Ende zu führen.«
Don Quixote war in Verwunderung und Erstaunen, sowohl über den Stolz des Ritters vom silbernen Monde als auch über die Ursache seiner Ausforderung; er antwortete ihm mit ruhigem, strengem Anstande: »Ritter vom silbernen Monde, dessen Taten bis jetzt noch nicht zu meiner Kundschaft gelangt sind, ich will Euch schwören machen, daß Ihr niemals die erlauchte Dulcinea gesehen habt, denn wenn Ihr sie gesehen hättet, so weiß ich, daß Ihr hierüber keinen Zwist beginnen würdet, weil Euch ihr Anblick überzeugte, daß es niemals eine Schönheit gegeben habe noch geben könne, die sich mit der ihrigen in eine Vergleichung einlassen dürfe; darum, nicht sagend, daß Ihr lügt, sondern nur, daß Ihr von dem Rechten abirrt, nehme ich unter den genannten Bedingungen die Ausforderung an, und zwar sogleich, damit der Tag nicht verstreiche, welchen Ihr dazu bestimmt habt, und allein nehme ich von den Bedingungen die aus, daß zu mir der Ruhm Eurer Taten übergehe, denn ich weiß nicht, welche noch welcher Art sie seien; ich begnüge mich mit den meinigen, welche und welcher Art sie sind. Nehmt übrigens den Teil des Feldes, welchen Ihr wollt, denn ich werde das nämliche tun, und wem es Gott verleiht, dem mag es Sankt Peter gesegnen.«
Von der Stadt hatten sie den Ritter vom silbernen Monde gesehen und dem Vizekönige gesagt, daß er mit Don Quixote von la Mancha im Gespräch begriffen sei. Der Vizekönig, welcher glaubte, es sei ein neues Abenteuer, welches von Don Antonio Moreno oder von einem andern Ritter aus der Stadt angestellt worden, begab sich sogleich mit Don Antonio und vielen andern Rittern, welche ihn begleiteten, nach dem Strande, wo er eintraf, als Don Quixote eben den Rozinante umschwenkte, um das nötige Feld zu gewinnen. Als der Vizekönig nun sah, daß sie Anstalten machten, aufeinanderzutreffen, stellte er sich in die Mitte und fragte, welches die Ursache sei, die sie bewegen könne, so plötzlich einen Kampf zu beginnen. Der Ritter vom silbernen Monde antwortete, sie beruhe auf dem Vorzuge der Schönheit, und sagte ihm kürzlich ebendas, was er dem Don Quixote gesagt hatte, nebst den Bedingungen, unter welchen sie die Ausforderung angenommen und welche sie von beiden Seiten festgesetzt hätten. Der Vizekönig ritt zum Don Antonio und fragte ihn leise, ob er wisse, wer dieser Ritter vom silbernen Monde sei, und ob es ein Spaß wäre, den man mit Don Quixote anstellen wolle. Don Antonio antwortete ihm, daß er weder wisse, wer er sei noch ob diese Ausforderung Spaß oder Ernst vorstelle. Diese Antwort verwirrte den Vizekönig so, daß er nicht wußte, ob er den Zweikampf sollte vor sich gehen lassen oder nicht; da er aber gar nicht anders glauben konnte, als daß es ein Scherz sei, so trat er zurück und sagte: »Meine Herren Ritter, wenn es hier kein anderes Mittel gibt, als zu bekennen oder zu sterben, und der Herr Don Quixote schwarz ausspielt und der edle Ritter von dem silbernen Monde rot, so sei es, und frisch daran!«
Der vom silbernen Monde dankte mit zierlichen und höflichen Redensarten dem Vizekönige für die gegebene Erlaubnis, und Don Quixote tat das nämliche. Dieser, sich dem Himmel und seiner Dulcinea von ganzem Herzen empfehlend, wie er beim Beginnen aller Schlachten, welche er ausfocht, zu tun pflegte, wandte noch einmal um, um etwas mehr Feld zu gewinnen, weil er sah, daß sein Gegner es ebenso machte, und ohne daß eine Trompete oder ein anderes kriegerisches Instrument geblasen wurde, ließen beide in dem nämlichen Augenblicke ihren Pferden den Zügel schießen, und da das Roß des vom silbernen Monde flüchtiger war, so traf es auf Don Quixote, bevor dieser ein Dritteil des Weges gemacht hatte, und zwar mit solcher heftigen Gewalt, daß, ohne ihn mit der Lanze zu berühren – die er dem Anscheine nach mit Vorsatz aufhob –, Rozinante samt dem Don Quixote mit einem erschrecklichen Falle zur Erde niedergestürzt wurden. Er machte sich sogleich über ihn, stellte ihm die Lanze auf das Visier und sagte: »Ihr seid überwunden, Ritter, und auch tot, wenn Ihr nicht die Bedingungen unsers Kampfes erfüllt.«
Don Quixote, betäubt und zermalmt, ohne das Visier zu erheben, als wenn er aus einem Grabe heraus gesprochen hätte, sagte mit schwacher und kranker Stimme: »Dulcinea ist das schönste Weib auf der Welt und ich der unglücklichste Ritter auf Erden, und es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheit verleugne; stoßt zu mit der Lanze, Ritter, und raubt mir ebenso das Leben, wie Ihr mir die Ehre geraubt habt.«
»Dieses werde ich wahrlich nicht tun«, sagte der vom silbernen Monde; »es lebe, es lebe im vollen Glanze ihres Ruhmes die Schönheit der Dame Dulcinea von Toboso, denn ich begnüge mich damit, daß der große Don Quixote sich auf ein Jahr nach seiner Heimat zurückbegebe, oder auf so lange, als es ihm von mir geboten wird, wie wir vorher ausgemacht haben, ehe wir diesen Zweikampf unternahmen.«
Alles dieses hörten der Vizekönig und Don Antonio nebst vielen andern, die zugegen waren, sie hörten auch, wie Don Quixote antwortete, daß, weil nichts gefordert würde, das zur Herabsetzung der Dulcinea gereichte, er alles übrige, als ein gewissenhafter und wahrhafter Ritter, erfüllen wolle. Nachdem dieses Geständnis abgelegt war, lenkte der vom silbernen Monde um, verneigte das Haupt gegen den Vizekönig und ritt in einem kurzen Galopp nach der Stadt. Der Vizekönig sagte dem Don Antonio, daß er ihm folgen möchte und auf alle Weise erfahren, wer er sei.
Man nahm Don Quixote auf, machte ihm das Gesicht frei und fand, daß er blaß und voller Schweiß war. Rozinante konnte sich von dem schlimmen Falle für jetzt nicht von der Stelle bewegen. Sancho, ganz traurig, ganz schwermütig, wußte nicht, was er sagen, nicht, was er tun sollte.
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 10. Buch 12. Kapitel)

Don Quijote hält sich an die Abmachung, legt die Waffen ab und macht sich auf den Heimweg.