30 Oktober 2015

Goethe 1800 über die Helenatragödie

"Wirklich fühle ich nicht geringe Lust eine ernsthafte Tragödie auf das Angefangene zu gründen; allein ich werde mich hüten die Obliegenheiten zu vermehren, deren kümmerliche Erfüllung ohnehin schon die Freude des Lebens wegzehrt."

773. An Schiller

Jena, den 12. September 1800

Gogol: Die toten Seelen (weitere Ausschnitte aus dem 5. Kapitel und über das treffende russische Wort)

Seine Gesichtsfarbe war glühend rot wie die einer Kupfermünze. Bekanntlich gibt es auf der Welt viele solche Gesichter, bei deren Vollendung sich die Natur nicht allzu viele Mühe machte und keinerlei feinere Instrumente, wie Feilen, Bohrer usw., gebrauchte, sondern einfach mit einer Axt ausholte. Mit einem Hieb machte sie die Nase, mit einem anderen die Lippen, dann machte sie mit einem großen Bohrer die Augen und ließ den Menschen, ohne weitere Bearbeitung, mit den Worten: »Er lebe!« in die Welt laufen. So ein kräftiges und wunderbar fest gefügtes Antlitz hatte auch Ssobakewitsch: er hielt es eher gesenkt als aufrecht, bewegte den Hals gar nicht und blickte infolgedessen denjenigen, mit dem er sprach, nur in seltenen Fällen an; meistens sah er auf die Ofenecke oder auf die Tür. [...]
Fast fünf Minuten schwiegen sie alle; man hörte nur, wie die Amsel auf dem Holzboden des Käfigs die Getreidekörner aufpickte. Tschitschikow musterte noch einmal das Zimmer und alles, was darin war: alles war dauerhaft, im höchsten Grade plump und hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Hausherrn selbst. [...]
Es gibt Personen, die in der Welt nicht als selbständige Individuen leben, sondern nur als Flecken auf anderen Gegenständen. Sie sitzen immer auf dem gleichen Platz, halten den Kopf gleich, man hält sie leicht für ein Möbelstück und denkt sich, daß sie noch nie im Leben auch nur ein Wort gesprochen haben; doch im Gesindezimmer oder in der Vorratskammer sind sie gar nicht so schweigsam!

»Er steht noch immer da, der Schuft!« sagte Tschitschikow durch die Zähne und befahl Sselifan, den Wagen zu den Bauernhäusern zu wenden, so daß man ihn vom Herrenhause aus nicht mehr sehen könne. Er wollte nämlich zu Pljuschkin fahren, bei dem, nach Ssobakewitschs Worten, die Leute wie die Fliegen starben; aber er wollte nicht, daß Ssobakewitsch es wisse. Als der Wagen schon das Ende des Dorfes erreicht hatte, rief er den ersten besten Bauern zu sich heran, welcher gerade einen dicken Balken von der Straße aufgehoben hatte und gleich einer unermüdlichen Ameise zu sich ins Haus schleppte.
»He, du Bart! Wie kommt man von hier zu Pljuschkin, ohne am Herrenhause vorbei zu müssen?«
Die Frage machte dem Bauern anscheinend einige Schwierigkeiten.
»Nun, weißt du es nicht?«
»Nein, Herr, ich weiß es nicht.«
»Ach, du! Und dabei hast du schon graue Haare! Kennst du denn den Geizhals Pljuschkin nicht, der seinen Leuten nichts zu essen gibt?«
»Ach so, den Geflickten, den Geflickten!« rief der Bauer aus. Dem Worte ›Geflickter‹ ließ er noch ein Substantivum folgen, das zwar äußerst gelungen war, aber in anständiger Sprache nicht gebraucht wird; darum wollen wir es hier nicht wiedergeben. Der Ausdruck war wohl übrigens ungemein treffend, weil Tschitschikow, als er auch schon eine ganze Strecke weitergefahren war und den Bauern längst hinter sich gelassen hatte, noch immer, in seinem Wagen sitzend, grinste. 

[Das treffende russische Wort]
Das russische Volk hat eben solche kräftigen Ausdrücke. Und wenn es einem ein solches Wörtchen angehängt hat, so geht es dann von Geschlecht zu Geschlecht, folgt ihm in den Staatsdienst, nach Petersburg, bis ans Ende der Welt und bleibt ihm auch dann, wenn er schon seinen Dienst quittiert hat. Man mag dann klügeln, soviel man will, um den Spitznamen zu veredeln, man mag sogar einen Federfuchser gegen Bezahlung veranlassen, den Namen von einem altfürstlichen[149] Geschlecht abzuleiten – es nützt alles nichts: der Spitzname krächzt ganz von selbst aus seiner Rabenkehle und bezeugt unzweideutig, woher der Vogel stammt. Was einmal treffend ausgesprochen ist, das kann, ebenso wie was schwarz auf weiß geschrieben steht, auch nicht mit einer Axt ausgelöscht werden. Wie treffend ist aber alles, was aus den tiefsten Gründen Rußlands stammt, wo es weder deutsche, noch finnische, noch irgendwelche andere Volksstämme gibt, wo lauter urwüchsiges Volk mit seinem lebendigen, schlagfertigen russischen Verstand lebt, das das treffende Wort immer fertig zur Hand hat, das solch ein Wort nicht erst ausbrüten muß,[150] wie die Glucke ihre Kücken, und es einem wie einen Paß fürs ganze Leben mitgibt; dann braucht man nicht noch eigens zu erwähnen, was für eine Nase und was für Lippen der Mensch hat: mit dem einen Worte ist er ganz vom Kopfe bis zu den Füßen gekennzeichnet!

Wie viele Kirchen, Klöster mit Kuppeln und Türmen und Kreuzen über das ganze fromme Rußland verstreut sind, so viele Völker, Stämme und Geschlechter bewegen sich auf dem Antlitze der Erde. Und jedes Volk, das in sich das Pfand der Kraft trägt und von schöpferischen Eigentümlichkeiten seiner Seele, seiner grellen Eigenart und anderen Gottesgaben erfüllt ist, zeichnet sich auch durch seinen eigenen Wortschatz aus: wenn es einen Gegenstand mit einem Namen bezeichnet, so spiegelt diese Bezeichnung auch einen Teil des Volkscharakters wider. Herzenskenntnis und Lebensweisheit spricht aus dem Worte des Briten; leicht und elegant blitzt das kurzlebige Wort des Franzosen auf, das sofort wieder verschwindet; kompliziert und schwer verständlich ist das superkluge und dürre Wort des Deutschen; aber es gibt kein Wort, das mit solchem Schwung und kühn direkt aus dem Herzen käme, das so brodelte und zappelte wie das treffende russische Wort.
Gogol: Die toten Seelen, 5. Kapitel


28 Oktober 2015

Der Kutschenunfall (Gogol: Die toten Seelen)

Alle, auch der Kutscher, kamen erst dann zur Besinnung, als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen sie überrannte und fast über ihren Köpfen das Geschrei der im Wagen sitzenden Damen und die Flüche und Drohungen des fremden Kutschers erklangen: »Ach, du Spitzbube! Ich habe dir doch laut zugeschrien: ›Wende nach rechts, du Krähe!‹ Bist du gar betrunken?« Sselifan sah sein Versehen wohl ein, aber da der Russe seine Schuld vor anderen nicht gerne zugibt, so nahm er eine stolze Haltung ein und sagte: »Und was fährst du so schnell? Hast du deine Augen etwa in der Schenke versetzt?« Gleich darauf versuchte er, seinen Wagen zurückzuziehen, um sich aus dem fremden Gespann zu befreien; es war aber nichts zu machen: alles war durcheinandergeraten. Der Schecke beschnüffelte neugierig die neuen Freunde, die plötzlich rechts und links von ihm standen. Die Damen, die im Wagen saßen, verfolgten all dies mit ängstlichen Mienen. Die eine war alt, die andere blutjung, vielleicht sechzehnjährig mit goldfarbenem Haar, das hübsch und geschickt um ihr niedliches Köpfchen angeordnet lag. Das hübsche Oval ihres Gesichts rundete sich und schimmerte in einem durchsichtigen Weiß wie ein frisches Eichen, das frisch gelegt, von den braunen Händen der prüfenden Haushälterin gegen das Licht gehalten wird und die leuchtenden Sonnenstrahlen durchläßt; so durchsichtig waren auch ihre feinen Ohren, die im warmen Lichte, das sie durchdrang, erglühten. Der Schreck, den ihre offenen, gleichsam erstarrten Lippen ausdrückten, und die Tränen in den Augen – alles war an ihr so reizend, daß unser Held sie einige Minuten lang betrachtete, ohne dem Durcheinander von Menschen und Pferden auch die geringste Beachtung zu schenken. »Zurück, du Nowgoroder Krähe!« schrie der fremde Kutscher. Sselifan zog die Zügel an, der fremde Kutscher machte dasselbe, die Pferde wichen ein wenig zurück, sogleich vermischte sich aber alles von neuem. Dem Schecken gefiel die neue Bekanntschaft, die er bei dieser Gelegenheit machte, so sehr, daß er nicht mehr vom Flecke wollte, auf den er durch die Macht des Schicksals geraten war; er legte seine Schnauze seinem neuen Freunde auf den Hals und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern; vermutlich einen großen Unsinn, denn der Fremde schüttelte beständig die Ohren.[125]
Der Skandal lockte die Bauern aus dem Dorfe herbei, das zum Glück in der Nähe lag. Da solch ein Schauspiel für einen Bauern ein Segen Gottes ist, wie für den Deutschen die Zeitung oder der Klub, so sammelte sich bald um die Equipagen eine ganze Menge; nur die alten Weiber und die kleinen Kinder blieben im Dorfe zurück. Man entwirrte die Stranghölzer und versetzte dem Schecken einige Püffe auf die Schnauze, so daß er zurückwich;[126] mit einem Worte, die Wagen und die Pferde wurden getrennt. War es der Ärger, der die fremden Pferde befiel, weil man sie von ihren Freunden getrennt hatte, oder war es bloßer Eigensinn – sie blieben jedenfalls wie angewurzelt stehen, wie wütend der Kutscher auf sie auch einhieb. Die Teilnahme der Bauern nahm ungeheure Ausmaße an. Ein jeder kam mit seinem Ratschlag: »Geh, Andrjuschka, nimm du das rechte Beipferd am Zaum, Onkel Mitjaj soll sich aber aufs Mittelpferd setzen! Setz dich, Onkel Mitjaj!« Der hagere, lange, rotbärtige Onkel Mitjaj bestieg das Mittelpferd und wurde sofort dem Glockenturm einer Dorfkirche ähnlich oder richtiger einem Haken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufholt. Der Kutscher hieb wieder auf die Pferde ein, doch ohne jeden Erfolg: Onkel Mitjaj hatte nicht viel erreicht. »Halt, halt!« schrien die Bauern. »Onkel Mitjaj, setz du dich auf das Beipferd, und auf das Mittelpferd soll sich Onkel Minjaj setzen!« Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit pechschwarzem Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem das wärmende Getränk für einen ganzen frierenden Markt gekocht wird, bestieg nicht ungern das Mittelpferd, das sich unter ihm fast bis zur Erde senkte. »Jetzt geht die Sache!« schrien die Bauern. »Hau zu, hau zu! Gib ihm die Peitsche, dem Braunen! Was zappelt er wie eine Mücke?« Als sie aber sahen, daß die Sache gar nicht vorwärtsging und all das Hauen nichts half, bestiegen Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj gemeinsam das Mittelpferd, während sich auf das Beipferd Andrjuschka setzte. Schließlich verlor der Kutscher die Geduld und jagte wie den Onkel Minjaj so auch den Onkel Mitjaj davon; und er tat gut daran, denn von den Pferden stieg sofort solch ein Dampf auf, als hätten sie, ohne Atem zu holen, mindestens eine Station zurückgelegt. Er ließ sie eine Minute ausruhen, und dann begannen sie ganz von selbst zu laufen. Während dieser Ereignisse betrachtete Tschitschikow sehr aufmerksam die junge Unbekannte. Er versuchte einigemal, mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber es gelang ihm nicht. Die Damen fuhren indessen davon, das hübsche junge Mädchen mit den feinen Gesichtszügen und der feinen Taille verschwand wie eine Vision, und nur der Wagen, die Straße, die dem Leser schon bekannten drei Pferde, Sselifan, Tschitschikow und die leeren, glatten Felder blieben zurück. Überall im Leben, wie in seinen rohen, armseligen,[127] verschimmelten, unappetitlichen Schichten, so auch unter den eintönig kalten, langweilig sauberen Ständen, überall begegnet dem Menschen wenigstens einmal im Leben eine Erscheinung, die allem, was er bisher gesehen hat, unähnlich ist und die in ihm wenigstens einmal ein Gefühl weckt, das von allen Gefühlen, die er je empfunden, verschieden ist. Überall, allen Leiden zum Trotz, aus denen unser Leben gewebt ist, fliegt plötzlich eine schimmernde Freude vorbei, wie eine glänzende Equipage mit goldenem Geschirr, herrlichen Rossen und funkelnden Spiegelscheiben, die unerwartet an einem entlegenen armen Dörfchen vorüberjagt, das außer den Bauernwagen nie etwas gesehen hat: lange stehen die Bauern mit weitaufgerissenen Mündern und entblößten Köpfen da, obwohl die wunderbare Equipage schon längst ihren Blicken entschwunden ist. Ebenso unerwartet ist auch diese Blondine in unserer Erzählung aufgetaucht und dann ebenso plötzlich verschwunden. Wäre an Tschitschikows Stelle irgendein zwanzigjähriger Jüngling – ein Husar, ein Student oder sonst irgendein junger Fant, der erst eben ins Leben tritt – mein Gott! – was wäre da in ihm nicht alles erwacht! Lange stünde er wie erstarrt am gleichen Fleck, die Augen wie geistesabwesend in die Ferne gerichtet, gleichgültig gegen den Weg und die ihn erwartenden Vorwürfe und Rügen wegen der Versäumnis, ohne an sich selbst, an den Dienst, an die Welt und alles in der Welt zu denken.
Unser Held war aber schon in mittleren Jahren und von einem kühlen und umsichtigen Charakter. Er versank zwar in Gedanken, doch diese waren nicht so phantastisch, sondern gründlich und mehr positiver Natur. ›Ein nettes Mädel!‹ sagte er sich, indem er seine Tabaksdose öffnete und eine Prise nahm. ›Was ist aber an ihr so schön? Schön ist an ihr, daß sie soeben aus einer Pension oder einem Institut kommt und daß ihr noch alles Weibische fehlt, also gerade das, was an den Frauen am unangenehmsten ist. Sie ist jetzt wie ein Kind; alles an ihr ist einfach: sie sagt, was ihr in den Sinn kommt, und lacht, wenn sie eben lachen will. Aus ihr kann man alles machen: sie kann zu einem wahren Wunder heranwachsen und auch zu einem Ekel, und es wird aus ihr auch sicher ein Ekel werden! Wenn nur alle die Mamachen und Tantchen sie in Behandlung nehmen – in einem einzigen Jahre werden sie sie dermaßen mit allerlei Weibereien vollstopfen,[128] daß ihr eigener Vater sie nicht mehr erkennen wird. Sie wird plötzlich aufgeblasen und geziert werden, wird sich darüber den Kopf zerbrechen, wie, wie lange und mit wem sie sprechen darf und wen sie anschauen soll; sie wird jeden Augenblick fürchten, mehr zu sagen, als nötig; sie wird sich in allen diesen Dingen verstricken und zuletzt ihr ganzes Leben zu einer Lüge machen; weiß der Teufel, was aus ihr werden wird!‹ Tschitschikow hielt in seinen Gedanken inne und fuhr dann fort: ›Es wäre doch interessant zu wissen, aus welcher Familie sie ist? Was mag ihr Vater sein? Ist er ein angesehener reicher Gutsbesitzer oder einfach ein wohlgesinnter Mann mit einem im Staatsdienste erworbenen Vermögen? Wenn dieses Mädchen so an die zweihunderttausend Rubelchen mitbekäme, wäre sie ein recht leckerer Bissen. Dann könnte sie sozusagen ein Glück für einen anständigen Menschen bilden.‹ Die zweihunderttausend Rubelchen malten sich so verlockend in seinem Kopfe, daß er sich schon zu ärgern begann, daß er während der Geschichte mit den Equipagen vom Vorreiter oder Kutscher nicht erfragt hatte, wer die durchreisenden Damen waren. Das Gut Ssobakewitschs, das bald vor ihm auftauchte, zerstreute jedoch seine Gedanken und lenkte sie auf den einzigen, ihn immer interessierenden Gegenstand.
Gogol: Die toten Seelen, 5. Kapitel, S.124-128

27 Oktober 2015

"Kleist ist kein Mann für Kompromisse"

Für meinen Direktor, Lehrer für Deutsch und Geschichte, war Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" einer der wichtigsten Texte für den Deutschunterricht. Für mich ist es ein Stück des übertriebenen Nationalismus und eine fragwürdige Verherrlichung preußischen Pflichtgehorsams. Nicht des Kadavergehorsams, aber der Unterwerfung unter die höhere Idee des Staates und des nationalen Interesses, ähnlich dem des antiken Roms.
Ob mein Direktor es für eine grandiose Darstellung der Akzeptanz des Kantschen Pflichtgedankens hielt, ich weiß es nicht. So recht habe ich seine Wertschätzung des Stückes nie nachvollziehen können.
Dass Kleist aber - trotz fragwürdiger Stücke wie der Herrmannsschlacht - einer der besten deutschen Dramatiker war und ein begnadeter Sprachkünstler und Meister der Verdichtung, das würde ich schon vertreten. Mehr dazu in dem Spiegelartikel "Kleist ist kein Mann für Kompromisse", in dem bezeichnenderweise Prinz Friedrich von Homburg nicht vorkommt (vielleicht, weil er vor der Salzburger Aufführung von 2012 entstanden ist?), der aber eine sehr gelungene Charakteristik und Würdigung Kleists bietet.

23 Oktober 2015

Lektürebericht

Ich lese gegenwärtig so viel parallel wie selten. Wegen politisch bewegter Zeiten benutze ich meine A-Zeiten meist für Aufgaben vor Ort und politischer Lektüre in Zeitungen und Internet.
Als Bettlektüre lese ich gegenwärtig russische Literatur: Gogol Die toten Seelen und Puschkin (nach Boris Godunow jetzt Die Pique Dame und Der Postmeister <bekannter der Film mit Heinrich George*>). Die Kalevala, als Bettlektüre mit einer Leseprobe im E-Reader angefangen, kann ich gegenwärtig nur online lesen. Da sie so mit politischer Internetlektüre konkurriert, kommt sie kaum voran.
Das Kinderbuch Als Adam in die Falle ging lese ich, um es auf seine Eignung als Schullektüre zu prüfen. Wegen der guten Lesbarkeit könnte es Bettlektüre sein,  dabei tritt es freilich auf die Konkurrenz der russischen Literatur. Außerdem braucht es wegen der unmittelbaren Auswertung der Lektüre zur Bewertung A-Zeiten. - Dass ich nebenher als historische Sachlektüre gegenwärtig Portal: Die Slawen lese, hat manche(r) sicher schon bemerkt, auch wenn es sich nur in einem anderen Blog niederschlägt. (Die Lektüre von Osterhammel ist nur unterbrochen, nicht abgeschlossen.)

*Die Erzählung habe ich in einer deutschen Übersetzung, wo sie Der Stationsaufseher heißt, gelesen und mich dann besonnen, dass mein Bruder den Film zu dieser Erzählung unter dem Titel Der Postmeister vor rund 60 Jahren gesehen hat und dass ich die  - gegenüber der Erzählung stark veränderte - Story des Films damals von ihm und wohl noch genauer aus dem Filmprogrammheft (Bilder1, Bilder2) kennengelernt habe.

22 Oktober 2015

Als Adolf in die Falle ging

Hier möchte ich über das Buch "Als Adolf in die Falle ging" von Brigitte Endres berichten.

Brigitte Endres sagt über ihre Arbeit:
James Krüss hat einmal über sich und Erich Kästner gesagt, da sie beide Lehramt studiert hatten:
„Wir wurden den Lehrern untreu und hielten den Kindern die Treue.“
Was mich angeht, möchte ich weder den Lehrern noch den Kindern untreu werden.
So kam ich auf die Idee, Kinderbücher zu schreiben, die sich als Klassenlektüren eignen und dazu Lehrerhandbücher zu entwickeln, die Ihnen die Arbeit erleichtern.
 Diese Absicht merkt man dem Buch an. Es ist aus der Perspektive eines Kindes leicht verständlich geschrieben. Schon im Buch findet sich kurzes ergänzendes Material für die Leser.
Für den Unterricht gibt es dann für die Hand des Lehrers sehr ausführliche weitere Materialien.

(Der Bericht wird nach und nach ergänzt.)

20 Oktober 2015

Ein finnischer und ein jüdischer Schöpfungsmythos im Vergleich

[...]
Ukko, du, o Gott der Höhe,
Du der Himmelswölbung Träger!
Komm herbei, du bist vonnöten,
Komm herbei, du wirst gerufen,
Lös' das Mädchen von den Qualen,
Von den argen Wehn das Weib du,
Komm geschwind, herbei komm eilend,
Eilend her, denn man bedarf dein!

Wenig Zeit war hingegangen,
Kaum ein Augenblick verflossen,
Sieh, herbei eilt eine Ente,
Fliegt heran der schöne Vogel,
Sucht zum Nest sich eine Stelle,
Späht nach einem Platz zur Wohnung.

Fliegt nach Osten, fliegt nach Westen,
Fliegt nach Norden und nach Süden,
Kann kein solches Plätzchen finden,
Nicht die allerschlechtste Stelle,[6]
Wo ihr Nest sie machen könnte,
Eine Stätte sich bereiten.

Langsam schwebt sie, schaut rings um sich,
Sie besinnt und überlegt es:
Baue ich mein Haus im Winde,
Auf den Wogen meine Wohnung,
Wird der Wind das Haus zerstören,
Weit die Wogen es entführen.

Da erhebt die Wassermutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter,
Aus dem Meere ihre Kniee,
Aus der Flut die Schulterblätter,
Wo die Ent' ein Nest sich bauen,
Wo sie friedlich weilen könnte.

Entlein nun der schöne Vogel
Schwebt herbei und schaut rings um sich,
Sieht das Knie der Wassermutter
Auf dem blauen Meeresrücken,
Hält's für einen Wiesenhügel,
Meint, es wäre frischer Rasen.

Hin nun fliegt sie, schwebet langsam,
Läßt sich auf das Knie dann nieder;
Bauet dort ihr Nestlein fertig,
Legt hinein die goldnen Eier,
Goldner Eier ganze sechse,
Siebentes ein Ei von Eisen.

Setzt sich brütend auf die Eier,
Wärmt gemach des Kniees Wölbung;
Brütet einen Tag, den zweiten,
Brütet auch am dritten Tage;
Schon bemerkt's die Wassermutter,

Sie, der Lüfte schöne Tochter,[7]
Spürt nun, daß es heißer wurde,
Daß die Haut beginnt zu glühen,
Meint, daß ihr die Kniee brennen,
Alle Adern ihr zerschmelzen.


Hastig rührt sie ihre Knie,
Schüttelt heftig ihre Glieder,
Daß die Eier in das Wasser,
In die Flut des Meeres stürzen,
In der Flut in Stücke brechen
Und in Splitter sich zerschlagen.


Nicht verkommen sie im Schlamme,
Nicht die Stücke in dem Wasser,
Sondern werden schön verwandelt,
Schön gestaltet alle Splitter:
Aus des Eies untrer Hälfte
Wird die niedre Erdenwölbung,
Aus des Eies obrer Hälfte
Wird des hohen Himmels Bogen;
Was sich Gelbes oben findet,
Fängt als Sonne an zu strahlen,
Was sich Weißes oben findet,
Das beginnt als Mond zu scheinen;
Von dem Sprenkligen im Eie
Werden Sterne an dem Himmel,
Von dem Dunkeln in dem Eie
Wird Gewölke in den Lüften.


Und die Zeiten schwinden rascher,
Immer fort und fort die Jahre
Bei der jungen Sonne Leuchten,
Bei des jungen Mondes Glanze;
Immer schwimmt die Wassermutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter,
In den schlummerstillen Wellen,[8]
Auf der nebelreichen Fläche,
Vor sich hat sie nur die Fluten,
Hinter sich den hellen Himmel.


Endlich in dem neunten Jahre,
Zu der Zeit des zehnten Sommers
Hebt ihr Haupt sie aus dem Meere,
Ihre Stirn sie aus den Wogen,
Sie fängt an, ein Werk zu schaffen,
Anzufertigen beginnt sie
Auf dem klaren Meeresrücken,
Auf der weiten Wogenfläche.


Wo die Hand nur hin sie streckte,
Hoben sich schon Landesspitzen,
Wo sie mit dem Fuße rührte,
Bildeten sich Fischesgruben,
Wo ins Wasser sie sich tauchte,
Senkten sich des Meeres Tiefen,
Wo die Hüfte hin sie wandte,
Da erschienen ebne Ufer,
Wo den Fuß zum Land sie lenkte,
Wurden Lachsessammelplätze,
Wo der Kopf dem Lande nahte,
Da erwuchsen breite Buchten.


Schwamm noch weiter von dem Lande,
Ruht' ein wenig auf dem Rücken,
Schuf so Klippen in dem Meere,
Riffe, die dem Aug' verborgen,
Wo die Schiffe oft zerschellen,
Wo der Männer Leben endet.


Schon gebildet waren Inseln,
Klippen in dem Meer begründet,
Festgestellt der Lüfte Pfeiler,
Flur und Felder schon geschaffen,[9]
Bunt die Steine schon gesprenkelt,
Wohlgefurchet schon die Felsen,
Wäinämöinen nur der Sänger
War und blieb noch ungeboren.



Psalm 104
1Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt.
2Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest aus den Himmel wie einen Teppich;
3du wölbest es oben mit Wasser; du fährest auf den Wolken wie auf einem Wagen und gehest auf den Fittichen des Windes
4der du machest deine Engel zu Winden und deine Diener zu Feuerflammen;
5der du das Erdreich gründest auf seinen Boden, daß es bleibt immer und ewiglich.
6Mit der Tiefe deckest du es wie mit einem Kleid, und Wasser stehen über den Bergen.
7Aber von deinem Schelten fliehen sie, von deinem Donner fahren sie dahin.
8Die Berge gehen hoch hervor, und die Breiten setzen sich herunter zum Ort, den du ihnen gegründet hast.
9Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie nicht, und müssen nicht wiederum das Erdreich bedecken.
10Du lässest Brunnen quellen in den Gründen, daß die Wasser zwischen den Bergen hinfließen,
11daß alle Tiere auf dem Felde trinken und das Wild seinen Durst lösche.
12An denselben sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.
13Du feuchtest die Berge von oben her; du machest das Land voll Früchte, die du schaffest.
14Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, daß du Brot aus der Erde bringest,
15und daß der Wein erfreue des Menschen Herz und seine Gestalt schön werde von Öl, und das Brot des Menschen Herz stärke;
16daß die Bäume des Herrn voll Safts stehen, die Zedern Libanons, die er gepflanzet hat.
17Daselbst nisten die Vögel, und die Reiher wohnen auf den Tannen.
18Die hohen Berge sind der Gemsen Zuflucht und die Steinklüfte der Kaninchen.


Der große Unterschied zwischen beiden Mythen: Während beim finnischen mehrere Wesen zusammenwirken, gibt es beim jüdischen nur ein handelndes Wesen, den einen Herrn. Außerdem gibt es beim finnischen Mythos einiges, was vor der Schöpfung existiert, während beim jüdischen am Anfang alles Seins nur der Herr steht.
Andererseits gibt es bei den hier vorliegenden Mythen eine Gemeinsamkeit, die sie von dem uns allen bekannten aus dem 1. Kapitel des 1. Buches Mose unterscheidet. Während dort alles abstrakt ist, geradezu von Energiezuständen zu  Aggregatzuständen und dann zu Materie und Lebewesen übergegangen wird, eint diese beiden Berichte die Liebe zum Detail.

18 Oktober 2015

Dahn: Julian der Abtrünnige - das Ende

Kein Krieger sah im Augenblick die Gefahr. Der tödliche Streich traf, aber nicht Julian, sondern eine braune Mönchskutte und ein kleines greisenhaftes Männlein darin, das sich im letzten Augenblick vor den Betäubten geworfen hatte.
Nun bemerkte Sigibrand, der Sachse, den nahen Feind. Er stach das Streitroß des Surenas nieder. Aber, aber! Unzählig drängten neue Perser heran. »Ein frisches Pferd für den Feldherrn!« schrie Hippokrenikos, dessen eigener Gaul längst gefallen war. »Wir müssen ihn auf den Sattel binden und mit ihm zurückjagen«, mahnte Ekkard. »Hier ist mein Pferd!« rief Garizo abspringend. »Und nun, Kleeblatt, vor den Herrn, bis ihn die andern festgebunden und zurückgebracht haben!« schrie Sigiboto. »Haltet aus. Hierher zu mir, Sachse! Mein Schild ist hin!« Und wirklich gelang es, den Bewußtlosen auf dem Pferde festzuschnallen und, Schritt für Schritt, in den Wald zurückzuführen.
Aber alle, fast alle Leibwächter, die diesen Rückzug deckten, fielen. Und auch die wenigen von ihnen, die noch in den Wald zurückgelangten, hätten den Verwundeten nicht retten können vor der Gefangennahme durch die wütend nachdrängenden Perser, hätten nicht endlich Jovian und Serapio die schreiend um Hilfe rufenden Trompeten der verzweifelt ringenden Leibwächter vernommen. Sie ließen sofort von den Flüchtlingen ab, sprengten von beiden Flanken gegen den Saum des Waldes zurück, und die Kunde, daß der Imperator gefallen sei, entflammte ihre Scharen zu solchem Zorn, daß sie wie ein rächendes Gewitter die Perser vor sich niederwarfen. Die früher verstellte Flucht ward nun zu blutiger Wahrheit.
Serapio langte zuerst in dem Wald bei dem kleinen Geleit des Verwundeten an. Gerade zur rechten Zeit und nicht, ohne hart getroffen, sein eigenes Blut zu vergießen, hieb er den bereits Verlorenen heraus. Hier fiel, tapfer kämpfend, von des Franken Schwert der Surenas. Aber hier im Walde sanken auch vor Serapios Augen die allerletzten Leibwächter. Der Sieg der Römer war vollkommen. Mit eigener Hand verband den wankenden Freund Jovianus, dann übernahm er die Leitung der abermaligen Verfolgung. Grimmig rächte das Heer den Fall des geliebten Führers. Bis in die Nacht hinein währte die hitzige Jagd.

In sein mitgeführtes Zelt zurückgebracht, fand der Verwundete das Bewußtsein wieder. Bei dem ersten Ton der Tuba der Verfolger, der an sein Ohr drang, wollte er aufspringen, laut rief er nach seinen Waffen, seinem Roß. Aber bei dem Versuch, sich aufzurichten, sank er in die Arme des Oribasius zurück.
Da erkannte er, daß er sterben müsse.
Er sagte es dem Arzt lächelnden Mundes. »Weine nicht! Mißgönne mir doch nicht, in höherem Lichte zu wandeln, mit Helena, mit Maximus, mit Eusebia, mit den versöhnten Meinen, denn auf jenem Sterne kennt man nicht Groll noch Vorwurf. Nun aber, da es gewiß ist, daß ich scheide – vor allem: die Sorge für das verwaiste Reich! In mir erlischt der Constantier waffengewaltiges und einst so männerreiches Geschlecht. Das Reich – das Heer auf seinem gefahrenumdräuten Rückzug –, bedarf eines tapferen Kriegers, eines Feldherrn, und – ich seh' es ein –: eines Galiläers!« – »Du siehst es ein?« fragte Oribasius erstaunt, ja bestürzt. Denn er, der Schüler des Philippus, war kein Freund der Kirche. »Ja, mein Treuer. Nicht sehe ich ein – (wahrhaftig nicht!) –, daß der Galiläer recht hat. Seine Lehre hat dem Reiche der Römer schwer geschadet und muß der Menschheit schaden, wohin sie gelangt, denn sie ist widermenschlich und krank. Also, er hat nicht die Wahrheit für sich: aber den Sieg. Das hab ich schon lang erkannt oder doch gefühlt, bevor ich es, vom Pferde stürzend, ausrief. Mutter, Schwester, Freund, Volk, alles hat mir der Galiläer genommen. Mein Lehrer, der Verkünder der alten Götter, erwies sich als ein gaukelnder Betrüger. Meine Lehre, meine Götter – nicht eine einzige Menschenseele hat sie wirklich angenommen. Denn die Elenden, die mir zuliebe heuchelten – (wie andere dem Constantius zuliebe!) –, die zählen nicht.«
»Doch: eine Seele.«
»Helena! – Serapio hat recht, von Philosophie kann kein Volk leben, auch von der meinen nicht und von meinen gedankenhaften Göttern. Es verlangt das Brot und den Wein des Glaubens. Nun spendet ihnen die Kirche ja Brot und Wein und – Glauben! So stand ich ganz allein. Gegen mich zwei Welten, die alten Götter und der neue Gott. Erobern kann man die Welt, nicht überzeugen. Ich hab's erkannt... seit... seit Circesium ... seit Ktesiphon. Und darum wollt ich weichen von dem Kampfplatz, auf dem der Galiläer so zweifellos und unbedingt gesiegt hat, gesiegt hatte, ach lange bevor dieser Wurfspieß flog.«
»O Herr! Du hast den Tod gesucht. Das ist unrecht. ›Man soll Gott nicht versuchen‹, sprach der Mönch Johannes, als er dich ohne Schutzwaffen in den Kampf reiten sah. Ich mußte ihm ein Pferd verschaffen. Er – das Männlein – wollte dich beschützen! Und er hat's getan, berichten sie. Er starb, um dich zu retten!« – »O Johannes! Soll mich auch dieser Galiläer überwinden!« – »Du hast den Tod gesucht«, wiederholte der Arzt vorwurfsvoll. »Doch nicht! Nur die Entscheidung der Götter, ob sie mich schützen wollten. Nun, sie haben's recht deutlich gezeigt«, er griff zuckend vor Schmerz nach der Wunde, »daß sie das nicht wollten. Freilich, ich darf nicht klagen, sie verkündeten mir's vorher.« – »Wie? Wodurch?« – »Abermals durch einen Traum – (den letzten) –, den sie mir gesandt. Nicht mehr Glück und Sieg verheißend – (wie in den schönen Zeiten von Mailand und von Straßburg!) –, nein, trauervoll, den Tod mir kündend, erschien mir diese Nacht der Genius Roms, zum letztenmal! Ein grauschwarzer Trauerschleier verhüllte sein Haupt, ein schwarzes Tuch sein goldenes Horn der Fülle, und dreimal mit der Hand mir Abschied winkend wich er rückwärtsschreitend weiter – immer weiter, von mir – und war verschwunden. Und wieder rief sofort die Tuba mich aus dem Schlaf – zum letztenmal! Da wüßt ich es: Die Götter haben mich verlassen, haben mich und das Reich dem Galiläer preisgegeben.
Und so ... so muß denn mein Nachfolger ein Galiläer sein. Aber ein maßvoller, der nun nicht die armen Hellenisten verfolgt, die unter meinem Schutz in den alten Glauben zurückgefallen waren. Auch dafür ist der Beste – Jovian.
Ich glaube nicht, das Recht zu haben, ihn dem Reich der Römer durch letztwillige Verfügung aufzudrängen, es würde ihm auch schaden bei den Galiläern. Aber ich wünsche, rate, empfehle ihn. Da! Nimm diesen meinen Siegelring, falls ich den Freund nicht mehr sehe. Damit übergeb ich ihm – nach meinem Wunsch – das Reich.«

Er beschied nun seinen Geheimschreiber und diktierte ihm, über sein Privatvermögen verfügend, seinen Letzten Willen. »Ein römischer Bürger«, lächelte er, »ein richtiger, stirbt nicht ohne Testament, bleibt ihm durch die Gnade der Götter dazu die Zeit. Und es kann ja – nach dem Recht der Römer – für Krieger im Felde ganz formlos geschehen. Ich war doch ein Stück von einem Krieger, nicht, Oribasius? Und wir kommen frisch aus der Schlacht!«

Währenddessen erschienen, von der Verfolgung zurückkehrend, tief erschüttert von der Trauerkunde, Jovian, Severus, Nevitta, Dagalaif und andere Führer. Sie traten in stummem Schmerz an das Lager von Schilf mit der blutüberströmten Löwendecke.
Lächelnd streckte er ihnen beide Hände entgegen: »Gesiegt! Ich vernahm es schon! Gesiegt wieder einmal! Zum letzten Male freilich! Nicht wahr, mein Jovian, es ist ein großer Sieg?«
»Viel größer als der bei Straßburg!«
»Der größte Sieg«, ergänzte der alte Severus, »den je römische Waffen über Perser und Parther erfochten. Viele Tausende der Feinde bedecken den blutigen Boden jenes Waldes und die weiten Gefilde dahinter im Norden und Süden, darunter Nahordates!« – »Ja, das weiß ich!« rief Julian mit leuchtenden Augen. »Auch der Surenas selbst – ihn traf Serapio – und, auf der Flucht eingeholt und erschlagen von Nevitta und Dagalaif, die beiden Königssöhne Varanes und Varahanes und sechsundvierzig Satrapen und Vornehme.«
»Ah! Das tut wohl, im Siege darf ich sterben! So ist mir ein Tod gelungen, wie ich ihn schon so lang erstrebte. Wo ist – (er allein fehlt!) –, wo ist Serapion?« – »Er liegt«, meldete Jovian, »verwundet in seinem Zelt. Er fing mit seinem Schild drei Wurfspeere auf, die dir galten. Der eine drang ihm durch den Schild in die Schulter. Der Arzt gebot ... aber trotz des Verbotes, da ist er doch!«
Sehr bleich, den Schmerz verbeißend, der sich nur manchmal durch ein Zucken durch den ganzen Körper und sein verzerrtes Gesicht verriet, trat der Germane langsam heran.
»Julian!« sprach er. »Mein geliebter Freund!« – »Tapferer Franke, jetzt sind wir quitt für Straßburg. – Nein, du tatst viel mehr für mich als ich damals für dich: Dein Blut floß für mich.« – »Mein Herzblut gab ich, dich zu retten.« – »Sieh, wie warm! Im Leben – nie sprach er so. Man muß erst sterben, um diesen felsharten Germanen ihr verborgenes Gefühl abzuzwingen. – Wo ... ist das Kleeblatt? Mir ist, ich sah sie dicht bei mir – bei jener einsamen Palme – hinter dem Walde. Wo ... wo sind sie geblieben?«
Eine kleine Pause entstand. Endlich sprach Serapio: »Dort! – Dort sind sie geblieben ... bei der Palme, alle vier. Alle. Auch der Tod hat das Kleeblatt nicht zu trennen vermocht. Sie deckten dich mit ihren Leibern, bis sie dich auf einem andern Roß geborgen hatten. Sie fielen dabei alle!« – »Bis zum Tode getreu«, sprach Julian gerührt, mit den Tränen kämpfend. »Auch der tapferste aller Theologen liegt dort, Sigibrand! Er hat sich ganz zerhacken lassen von persischen Schwertern, dich vor der Gefangenschaft zu schützen. Und von deinen sechshundert Germanen, die noch lebten, sind fünfhundertfünfzig gefallen. Siehst du, Julian, du fragtest einmal danach: das ist Germanentreue!«
Da konnte Julian die Tränen nicht mehr zurückhalten, er reichte Serapio die Rechte hin. »Vergib. Ich hab euch vielfach unrecht getan, euch unterschätzt. Ihr ... ihr seid doch unsre ... besten Feinde. Kein übler Witz, nicht?« lächelte er schmerzlich. »Ach, nun kann ich nicht mehr, Priscus ... Wo ist Priscus, mein Lagerphilosoph?« – »Hier, Herr«, sprach eine von Tränen erstickte Stimme. »Was klagst und jammerst du, Freund? Als ob ich mein Leben so schlimm geführt hätte, daß mich die Strafen des Tartarus erwarten! Ich meine doch, ich habe mir – (durch Leiden und Taten) – das Emporsteigen zu einem schöneren, den Göttern näheren Sterne und zu seliger Verklärung verdient!« – »Er tröstet uns!« sprach Priscus der Philosoph. »Wahrlich, dieses Zelt gemahnt mich an den Kerker des Sokrates, und dieses Sterben an des Sokrates letzte Worte!« – »Nun kann ich nicht mehr dich vollends widerlegen! Deine Auslegung jener Stelle des Maximus – (zweites Buch, fünftes Kapitel) – über die Unsterblichkeit ist falsch. Nicht auf alle Planeten werden die Seelen verteilt, so zum Beispiel nicht die Krieger nur auf den Mars. Und Gatten, die sich bis ans Ende treu geliebt, kommen beide in den Stern der Hera. Nun werde ich nächstens erleben – (und kann dir's doch nicht schreiben, von der Hera herunter, so gern ich es auch täte) –, daß ich recht hatte und du unrecht. Das ist bitter.
Und auch meine Schrift gegen des Galiläers Lehre bleibt nun unvollendet, abgebrochen in der Mitte, gescheitert, wie mein werktätiger Kampf gegen ihn!
Es ist heute ein schöner, glücklicher Tag gewesen, einer der freudigsten meines Lebens. Ich möchte heute noch sterben – am Siegestag –, vor Mitternacht. Sieh, auch dieser letzte Wunsch wird mir von den Göttern erfüllt. Die Sanduhr dort hat noch lange bis zur Mitternacht zu rinnen, und ich – ich fühl es –, ich ... scheide. Lebt wohl, ihr Freunde! Leb wohl, du Reich der Römer! Für dich hab ich gekämpft, geirrt, gelebt, für dich sterb ich jetzt! Nehmt meine Seele auf, ihr großen Götter. O Helena, bald ...! Helios – nur ich bin besiegt, nicht du –, du rufst – ich höre ... Dein Priester kommt freudig zu dir.«
Und er atmete noch einmal tief auf und starb, ein Lächeln umsäumte seine Lippen.
Schöner als im Leben, da es selten volle Ruhe gefunden hatte von wechselnden Erregungen, schöner war nun – im Tode – sein Antlitz. Keine Spur von Schmerz entstellte es; der Friede einer mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt versöhnten Seele lag darauf.
Tief ergriffen umstanden die Freunde, die Waffengenossen die Leiche. Über manches bärtige Angesicht rann eine Zähre.
Jovianus faßte die Hand des Toten: »Leb wohl, Julian! Die Kirche hast du bekämpft – dein Vaterland hast du gerettet. Friede sei mit dir!«
»Ein großer Geist«, schloß Serapio, die andere Hand ergreifend, »und eine edle Seele. Von manchem Wahn betört, doch nie von Unschönem. Das Gemeine hatte keinen Teil an dir. Abtrünnig von der Kirche, nicht von Gott! Der Frömmsten einer, welche je gelebt. Du größter Feind und liebster Freund: Julian – leb wohl!«

Dem letzten Wunsche des geliebten Toten gemäß ward Jovian von dem Heer einstimmig zum Imperator ausgerufen.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 44. Kapitel (109)

Hunger und der Tod des Schützlings Infortunatus

Allein, schrecklicher noch als die Partherpfeile, schwerer als die Mittagshitze bedrohte das schwer leidende Heer der Hunger. Die für zwanzig Tage berechneten Vorräte gingen rasch zu Ende, und noch immer war die ersehnte Grenze von Corduene nicht erreicht! Längst hatte Julian die Wagen mit Brot und getrocknetem Fleisch bei Tag und besonders bei Nacht durch verläßliche Krieger bewachen lassen müssen. Nicht gegen die Perser, gegen Diebstahl und Raub der eigenen hungernden Scharen, denen schon nach den verlorenen ersten zehn Tagen der Tagesteil auf die Hälfte herabgemindert war. Nur das täglich sich steigernde Zusammenschmelzen der Kopfzahl ermöglichte die karge Ernährung der noch Weiterstapfenden.
Der Imperator begnügte sich mit einem Viertelteil. Und dieses teilte er redlich mit seinem kleinen Schützling, dem Knaben Infortunatus, für den er außerdem den achten Teil einer Tagesnahrung in Anspruch nahm. Der Knabe hing an ihm mit der Dankbarkeit eines geretteten und liebevoll gepflegten jungen Tierleins.
Alle entbehrlichen Pferde waren längst geschlachtet. Das Fleisch wurde nicht frisch verzehrt, sondern an den Lagerfeuern gedörrt und dann in kleinste Stücke zerschnitten, sorgfältig verwahrt, mitgeführt. Eine ähnliche, nur noch viel todesgefährlichere Plage als die Mücken bereitete in diesen Gegenden die unerhörte Zahl giftiger Schlangen, von der Art der Sandviper, die in dem heißen Boden ganz besonders zu gedeihen schienen und deren Biß bei der großen Hitze gar vielen der Unvorsichtigen, wenn sie, ermüdet, sich in dem Nachtlager der Sandalen entledigt hatten, raschen, qualvollen Tod brachte. Eines Abends betrat der Feldherr mit dem Perserknaben das eben für ihn auf freiem Feld errichtete Zelt; ein Teppich bedeckte den glutheißen Boden. Er legte die Beinschienen ab und warf sie neben sich. Da raschelte etwas zischend unter dem Teppich hervor. Eine Viper schoß, sich halb aufrichtend, gegen seine Wade; schnell fuhr der Knabe mit dem nackten Arm dazwischen und ergriff die Schlange. Augenblicklich war sein Arm umringelt und gebissen. Er streifte sie ab und zertrat ihren Kopf, und er nickte lächelnd dem erschrockenen Freunde zu, der jetzt erst die Gefahr erkannte und eilig die Wunde aussog. Aber alsbald begannen, trotz des Oribasius Heilversuchen, die tödlichen Zuckungen. Bevor der Knabe die dankenden Augen schloß – unverwandt hielt er sie auf seinen Herrn gerichtet –, malte er mit zitternden Fingern in den Sand der Steppe die Worte: »Für dich!« Nun nicht mehr Infortunatus ... Fortunatus! Unter Tränen setzte der Imperator selbst den Scheiterhaufen, aus Zeltstangen und Steppengestrüpp geschichtet, in Brand, der den kleinen Leib verzehrte.
»Maximus ... Artemidor ... Infortunatus! Ich habe kein Glück mit meinen Schützlingen«, sprach er traurig im Hinwegschreiten. »Oder vielmehr: Mein Schutz bringt ihnen Unglück.«
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 40. Kap. (105)

Der große Brand

»Ihr wißt, meine Waffenbrüder«, begann der Augustus, mit einem müden, trüben Lächeln auf dem zuckenden Mund, »ich pflege nur mit meinen Göttern Kriegsrat zu halten, nicht mit meinen Feldherren. Diese erfahren nur meine fertigen Beschlüsse. So auch jetzt. Diese Nacht offenbarten mir die Götter im Traume das Notwendige. Alle Vorräte und die ganze Flotte –, sie werden hier verbrannt.«
Ein Ruf, nein, ein Schrei des Staunens, des Schreckens, der Mißbilligung entrang sich aller Munde. Nur der Perser schwieg, er wußte offenbar schon um den Beschluß. »Mein Imperator«, begann der alte Severus, das ist...« – »Beschlossen. Also getan.« – »Über zweihundert Stunden weit«, sprach Jovian warnend, »haben wir, mit unendlicher Mühe, mit vielem Schweiß und Blut, Schiffe und Vorräte von Antiodiia bis Ktesiphon geschleppt...« – »Gut also, daß wir sie nicht nochmal schleppen müssen. Mit Mühe fuhren sie zu Tal, zu Berg den Tigris, den Euphrat hinauf, sind sie gar nicht zu fahren. Kein Schiff geht über Ktesiphon stromaufwärts über Wehre, Stromschnellen und Wasserfälle: Weder Segel noch Ruder noch angestemmte Schultern und gestraffte Seile leisten das. Sollen wir unsere Flotte dem neuen Surenas schenken, sie kampflos, als Beute stromabwärts zu führen? Und fehlen die Schiffe, wer soll die Lasten der Vorräte tragen? Für sechzigtausend hab ich mitgeführt – fünfundzwanzigtausend habe ich. Sollen diese, bepackt wie Lasttiere, zugleich die Parther abwehren? Unmöglich!«
»Je die Hälfte ...« warf Serapion ein, »muß tragen, die andere fechten.« Aber eigenwillig fuhr der Feldherr fort: »Ganz unmöglich. Aber, meint ihr, wovon wir leben sollen? Ei, mag nun der Krieg den Krieg ernähren. Reich und fruchtbar sind die Landschaften, durch die unser Rückzug führt. Ich weiß es aus den Büchern, und Freund Nohordates hier hat es bestätigt.«
Tief verneigte sich der Perser und sprach: »Es ist die Wahrheit.« – »Ja«, entgegnete Severus, »ich weiß es auch. Ich durchzog das Land einst im Frieden als Gesandter. Aber die Einwohner werden im Krieg ...« – »Entweder gutwillig verkaufen oder gezwungen hergeben, was wir brauchen. Daß sie es haben, steht fest. Und fest steht mein Entschluß. Den besten landeskundigen Führer gewannen wir an unserem Freunde hier. Er versprach mir, unsere Vorhut nach Corduene zu leiten. Nun, was zögert ihr? Was habt ihr noch auf dem Herzen?«
»Herr, das Heer! Wie wird es diesen Beschluß – diese ungeheure Brandstiftung – aufnehmen?« wagte Severus zu fragen. »Ich fürchte, sie werden murren«, meinte Nevitta.
»So werde ich ihnen selbst den Beschluß eröffnen. Wie ich selbst die erste Fackel in das erste Schiff, in den ersten Getreidewagen werfen werde. Und verkünden auch werd ich ihnen, was meinen Entschluß entschied: meinen Traum von heute nacht! Der Traumgott, dem ich geopfert habe, zeigte mir in den Morgenstunden den Gott Hephaistos in flammender Lohe. ›Dieser‹, erscholl eine Stimme, ›wird dein Helfer sein.‹ Und als ich dem bärtigen Gott ins Antlitz sah; die Züge dieses Persers wies er auf. Mit Schwanken über den Brand, mit Zweifeln auch an dem Überläufer war ich eingeschlafen. Der göttergesandte Traum hat – (wie in Zabern damals) – mein Schwanken, meine Zweifel überwunden. Blind vertraute ich allem, was die Götter sandten: dem Traum, dem Brandbeschluß und dem Satrapen als Wegführer. Geht nun! Ruft das Heer zusammen! In einer Stunde steht hier alles in Flammen und wir ziehen ab, nach Norden, nach Armenien, die treulosen Galiläer zu bestrafen.«
Mit schwerem Herzen verabschiedeten sich die Führer von Julian, der nur den Perser bei sich im Zelt zurückbehielt, mit ihm über die Straßen des Rückzugs Rat zu pflegen, und Lysias zu sich beschied, ein großes Opfer für Hephaistos vorzubereiten.
»Das größte Opfer für Hephaistos«, sprach Serapio zu Jovian, »sind unsere Flotte, unser Getreide und unsere Rettung. Er ist wie mit Blindheit geschlagen! Ach, gegen seine ›Götter‹ kämpft seine Weisheit vergebens!«
Die kunstvolle Rede, in welcher der Augustus dem versammelten Heer jenen verhängnisvollen Beschluß verkündete und zu begründen versuchte, ward mit eisigem Schweigen, mit stets steigendem Staunen, mit Besorgnis, zuletzt mit laut murrendem Unwillen angehört. Und, als gegen Abend, nach vollendetem Opfer für den Feuergott, von Julians eigener Hand entzündet, die mächtige Kriegsflotte und die auf den Lastschiffen sowie in dem Lager aufgehäuften vielen tausend Wagen, Kisten und Säcke voll Getreide in Flammen aufgingen – ein schauerlich prachtvoller Anblick –, da begrüßten ihn die Perser auf den Wällen von Ktesiphon mit Jubel. Sie sagten, Ormuzd habe Stolz, Macht und Hoffnung der Feinde durch himmlisches Feuer von oben zerstört.
Die Römer aber wurden von Furcht, von Entsetzen über das selbstzerstörerische Tun ihres Feldherrn ergriffen: »Er ist von Dämonen besessen«, flüsterten die Christen unter ihnen. »Es ist die Strafe seiner Abtrünnigkeit, seines Eidbruches. Die Weissagung des großen Athanasius erfüllte sich. Er raset gegen sich selbst.«
Und eine Wandlung, eine Verdüsterung des Geistes war allerdings in Julian eingetreten seit jenem Tage zu Circesium. Schwermut und Übererregung wechselten rasch in ihm ab, und der gesteigerte Haß gegen die Christen erhöhte merklich den Einfluß des Lysias.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 39. Kap. (104)

Julians Rückzug

Allein nun verdunkelte sich der Himmel für den so siegessicheren Imperator.
Denn während das Heer, froh der erfochtenen Siege, voll Vertrauen auf den erfolggekrönten Führer, verschwenderisch schwelgend in dem Überfluß von erbeuteten und mitgeführten Vorräten, in freudigster Stimmung und Hoffnung sich wiegte, schickte der Feldherr Boten über Boten nach Norden aus, gegen Nisibis. Ja, er selbst ritt, von Ungeduld, von Hast getrieben, gar oft allein auf der Straße nach jener Richtung aus, den sehnlich erwarteten Nachrichten entgegen.
Eines Tages traf er hier auch wirklich auf einige Reiter, denen er sofort ihre Briefe aus den Händen riß. Er las sie sogleich, auf der Straße, im Sattel, fuhr erbleichend zusammen und jagte spornstreichs in das Lager zurück. Hier wies er die Freunde, die seine Verstörung bemerkten, mit einer Handbewegung ab und verbrachte den Abend und die Nacht durchwachend, allein in seinem Zelt, wohin ihm Oribasius alle Straßenkarten von diesen Landschaften bringen mußte.
Am anderen Morgen beschied er die Führer zu sich. Sie fanden ihn mehr angegriffen als eine durchwachte Nacht allein bewirken konnte; hatte er doch schon gar manche bei den Büchern verbracht. Matt, klanglos tönte seine Stimme, als er begann: »Die Belagerung von Ktesiphon ist aufgehoben. Der Feldzug ist gescheitert. Das Heer tritt den Rückzug an.«
»Das wolle Gott nicht!« rief Jovian erschrocken. »Die Götter haben es leider schon gewollt«, erwiderte Julian bitter. »Was ist geschehen? Was zwingt dich?« fragten die Feldherren durcheinander. »Verrat. Höllischer Verrat. Selbstverständlich die Galiläer! Hier. Lest diese Briefe! Ich fing sie gestern auf der Straße ab. Die Armenier – ihr König Tiranes –, sie sind doch gar fromme Christgläubige, haben uns verraten. Mein ganzer Plan beruhte darauf, auch diesmal ›zangengleich‹, von zwei Seiten, von Westen und von Norden, den Feind zu fassen. Hier sollte sich das Heer des Sebastianus von Norden, von Nisibis, kommend, sich mit uns vereinen, verstärkt durch zwanzigtausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter der Armenier, die mir König Tiranes versprochen hat. Wohlan, der fromme Schurke von einem König hat mich verraten. Als eifrigster Galiläer, ein Freund des Constantius, der ihm Olympias, eine Verwandte, vermählte, hat er sich wohl von Anfang an nur widerstrebend mir angeschlossen, von Anfang an mit der Absicht des Verrats den Bundesvertrag mit mir vereinbart, jene Hilfsscharen mir zugesichert. Vor kurzem soll nun, schreibt Sebastianus, bei Tiranes ein vornehmer Armenier im Dienste Sapors, ebenfalls ein Christ, eingetroffen sein, der, unterstützt von dem Bischof von Kárana, dem König meine Vernichtung als ein Gott höchst wohlgefälliges Werk darwies. Sie drangen durch, gegen Treue und Ehre – wie schon so oft! –, die Priester des Galiläers! O wie ich sie jetzt erst hasse! Tiranes gebot seinem Heer, auf dem Marsche zu Sebastianus haltzumachen und erklärte, mir, dem Ungläubigen, dem Apostaten, dem schlimmsten Feind Gottes und seiner heiligen Kirche, schulde niemand Treue. Gottesleugnern zu helfen sei Frevel! Er habe Frieden und Freundschaft geschlossen mit Sapor, und sein Heer werde, wenn es gezwungen wird, sich am Krieg zu beteiligen, nicht für, sondern gegen mich kämpfen.
Mit vollem Recht schreibt Sebastianus, daß er unter diesen Umständen seine Stellungen im Norden nicht verlassen, nicht zu uns stoßen könne. Ich kann aber auch nicht hier stehenbleiben, geschweige noch tiefer in das Perserreich vordringen. Von meinen einunddreißigtausend Mann, mit denen ich aus Circesium abzog, habe ich viertausend verloren. Mit siebenundzwanzigtausend Speeren kann ich diese weitgestreckte Doppelstadt nicht einschließen; ich zählte so fest auf Sebastianus, auf die Verstärkung von vierundfünfzigtausend Mann! Noch weniger kann ich, diese beiden Festungen unbezwungen im Rücken, den drei Heeren entgegenziehen, die Sapor aus allen Provinzen seines Reiches, bis aus Skythien und Indien her, unter einem neuen Surenas und zweien seiner Söhne gegen uns ausschickt.
Wir müssen zurück!
Wie dieses Wort schmerzt, das weiß nur der unbesiegte Gott. Ich bin schon besiegt, nicht in einer Schlacht, nein, für den ganzen Feldzug; er ist verloren. Ich bin besiegt, ja, aber nicht durch weisere Feldherrnschaft oder kühnere Heldenschaft, ich bin besiegt durch scheußlichen Verrat der Galiläer. Oh, ich werd's ihnen gedenken! Ein milder Feind war ich ihnen bisher, aber wenn kraft dieses Glaubens Heer und Reich verraten und mit Vernichtung bedroht werden, dann erheischt die Pflicht des Imperators, die Selbsterhaltung dieses Reiches, ein anderes. Wehe den Galiläern! Wir brechen morgen auf, aber nicht nach Circesium zurück; nein, gegen diese höllenfalschen Christusdiener in Armenien! Ich zermalme ihren König. Ihren Bischof von Kárana häng ich auf am Hochaltar seiner eigenen Kirche. Dann – nächstes Jahr (wenn das vernichtete Armenien uns nicht mehr verraten kann!) –, dann ziehen wir wiederum auf Ktesiphon. Ihr seid entlassen. Geht! – Auch ihr, Jovian und Serapion. Ich muß jetzt allein sein! In einer Stunde schickt mir Lysias. Mit dem will ich die Bestrafung der Galiläer in Armenien beraten. Er – er ist jetzt mein Mann.«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 38. Kap. (103)

Julians erfolgreiches Vordringen bis zur persischen Hauptstadt Ktesiphon

Der Unermüdliche hatte in mancher Nachtstunde, wenn er sich in Maximus müde geforscht, durch Abwechslung Erholung suchend, über allerlei Verbesserungen der althergebrachten Geschütze und Geschosse nachgesonnen. Und einzelne der von ihm eingeführten Neuerungen an Ballist, Skorpion oder »Wildesel« (Onager) und an Widder, Katapult und »Hämmerlein« (malleolus) – eine Art von hohlen Brandpfeilen – wurden von den römischen Heeren dauernd beibehalten, noch lange nach dem Tode des sinnreichen Erfinders. [...]
Damals erfüllte der Name Julians die Perser mit solchem Schrecken, daß er von ihren Malern dargestellt wurde als ein rasender Löwe, aus dessen aufgerissenem Rachen ein allverzehrender Feuerstrom sprühte. [...]
Julian hatte sich richtig erinnert, daß Trajan bei seiner Belagerung von Ktesiphon einen Kanal vom Euphrat in den Tigris oberhalb der beiden Städte gezogen hatte. Dieser lag seit langem verschüttet und versandet, aber durch die Arbeit von dreißigtausend Händen, unter Julians unermüdlicher Anspornung und Mitwirkung, ward der Wasserlauf in wenigen Tagen wieder befahrbar gemacht. Und zum Entsetzen der Perser und Assyrer auf den Wällen der Festen rauschte die Römerflotte triumphierend auf dem erneuerten Kanal vom Euphrat in den hoch aufschäumenden Tigris. Julian stand in vollem Schmuck und Gewand des Imperators am Bugspriet der vordersten Triere und brachte, unter einem Hagel von Perserpfeilen, den beiden Stromgöttern einen Weiheguß aus goldener Schale dar, die er, von ihm selbst gedichtete griechische Verse sprechend, schließlich in die Fluten des Tigris warf. [...]
Heer und Flotte waren nun oberhalb der Zwillingsburgen vereint. Jetzt galt es aber, das Landheer auf das nordöstliche Ufer des Tigris zu schaffen. Auch diese Aufgabe schien unlösbar. Denn nun war endlich ein Perserheer, ein ungeheures, eingetroffen, entschlossen, nicht so sehr Ktesiphon zu entsetzen als vielmehr der Einschließung zuvorzukommen, indem es den Römern bereits das Überschreiten des Tigris verwehrte. Der Übergang mußte also durch Gefecht erzwungen werden; das aber schien unmöglich.
Der Strom ist hier sehr breit und sehr reißend, die Nordostufer, von schlüpfrigem Lehm, fallen steil, fast senkrecht ab; die ganze Linie war in wochenlanger Arbeit durch starke Schanzen gekrönt worden. Und auf und hinter diesen Schanzen standen einhundertsechzigtausend Perser, erlesene Bogenschützen aus Karduchia, Panzerreiter, ein Wald von Speeren des Fußvolks und hundertachtzehn Kriegselefanten, die, sagt ein Zeitgenosse, ein Feld voll Gerste oder voll Legionen mit gleicher Ruhe und Verläßlichkeit zerstampften. Ein Brückenschlag angesichts solcher Abwehr war ausgeschlossen, ebenso eine Landung der tiefgehenden Kriegstrieren an den flachen Ufern. Niemand wußte Rat; auch Julian schien diesmal betreten. Er schalt über die schlechte Verpackung der Vorräte auf den Flachbooten und befahl, achtzig solche zu entlasten, den Zustand des ausgeladenen Getreides zu prüfen. Zugleich hielt er vor den Mauern von Koche, die Aufmerksamkeit der Feinde abzulenken, glänzende kriegerische Spiele, auch einen Schwerttanz seiner Germanen, zum Staunen der Asiaten.
Am Abend lud er alle Befehlshaber in sein Zelt zur Tafel, und als er sie eine Stunde vor Mitternacht entließ, eröffnete er ihnen, daß um Mitternacht das Heer den Strom überschreiten werde. Schreck befiel die Kühnsten; Severus, Jovian wagten zu mahnen. Aber Julian sprach: »Sieg und Rettung liegen in dieser Stunde. Jeder Aufschub verstärkt den Feind! Vorwärts! Stellt eure Scharen!«
Eine Fackel, um Mitternacht in hohem Bogenschuß in den Strom geworfen, gab das Zeichen. Fünf jener Flachboote, besetzt von Legionären, stießen ab; in lautloser Stille stand das Römerheer unter dem Schutz der Nacht dicht an dem Strom. Plötzlich flammte drüben auf dem Nordufer ein gewaltiges Feuer auf, und lautes Geschrei drang herüber. Julian erschrak bis ins tiefste Herz. Er begriff recht wohl, seine kühnen Schifflein waren vom Feind entdeckt und mit Feuerpfeilen in Brand gesteckt worden.
Aber rasch faßte er sich und rief: »Seht das Zeichen, das ich den Unsern befahl! Sie sind gelandet, haben die Uferhöhe erklommen. Nach! Alle nach!«
Sofort rauschten alle Schiffe in die Flut, auch die zur Landung nicht bestimmten. Denn der Widerstand von so viel tausend Kielen sollte die Gewalt der Strömung brechen für alle – und sie brachen diese auch! Die flachergehenden Boote erreichten das Nordostufer noch gerade recht, um ihre verwegenen Vorläufer herauszuhauen. Zwar war das Erklimmen der steilen Ufer in der schweren Rüstung, in einem Hagel von Wurfspeeren, Pfeilen, Feuerbränden und Steinen ein hartes Stück Arbeit, aber das leichte Fußvolk der Germanen, geführt von Julian selbst, erkletterte zuerst den Höhenrand und hielt da oben das mörderische Gefecht so lange, bis die Massen, zuletzt auch die schweren Legionäre der Jovianer und der Herculianer, nachdrangen und nun das ganze Römerheer enggeschlossen, Mann an Mann, in eherner Reihe auf die Feinde traf.
Diesem Anprall hielten Perser und Parther, Araber und Assyrer nicht stand. Zumal als ihre Elefanten, scheu geworden durch die ihnen entgegengeschleuderten Feuerbrände, kehrtmachten, ihre Führer abwarfen und nun die Reihen des eigenen Fußvolks, laut trompetend, mit wild geschwungenen Rüsseln niederstampften. Da war's zu Ende.
Nur wenige der Elefantenhüter behielten bei der Wut ihrer Tiere die Ruhe und den Mut, die Weisung auszuführen, die sie alle für diesen Fall erhalten hatten, dem wild rasenden Elefanten den scharfen Lenkstachel in den obersten Rückenwirbel zu stoßen, wodurch das riesige Untier sofort getötet werden kann.
In wilder Flucht entschart, jagten die vielen Zehntausende, der Surenas zuerst und dann der Emir der Ghasaniden, das Ufer entlang stromabwärts. Bis vor die Tore von Ktesiphon hieben sie nach, die verfolgenden Reiter des Siegers Julian.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 34.-36. Kapitel (99-101)