29 September 2015

Bücher am Sonntag NZZ 27.9.15 und Die Seidenstraße (Kirgistan)

Bücher am Sonntag NZZ 27.9.15

Die Seidenstraße (Kirgistan)

Kindheit

Kindheit

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit 
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. 
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen... 
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen 
und auf den Plätzen die Fontänen springen 
und in den Gärten wird die Welt so weit -. 
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, 
o Einsamkeit. 

Und in das alles fern hinauszuschauen: 
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen 
und Kinder, welche anders sind und bunt; 
und da ein Haus und dann und wann ein Hund 
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen -: 
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen, 
o Tiefe ohne Grund. 

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen 
in einem Garten, welcher sanft verblaßt, 
und manchmal die Erwachsenen zu streifen, 
blind und verwildert in des Haschens Hast, 
aber am Abend still, mit kleinen steifen 
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt -: 
O immer mehr entweichendes Begreifen, 
o Angst, o Last. 

Und stundenlang am großen grauen Teiche 
mit einem kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche 
und schönere Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. 
Wohin? Wohin? 

Aus: Das Buch der Bilder

(Rainer Maria Rilke)

28 September 2015

Rilke: Der Schwan

Der Schwan 

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes 
schwer und wie gebunden hinzugehn, 
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen 
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn, 
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen: 

in die Wasser, die ihn sanft empfangen 
und die sich, wie glücklich und vergangen, 
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut; 

während er unendlich still und sicher 
immer mündiger und königlicher 
und gelassener zu ziehn geruht.

(Rainer Maria Rilke)

Rilke: Die Flamingos

Die Flamingos 
Jardin des plantes, Paris 

In Spiegelbildern wie von Fragonard
 ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte 
nicht mehr gegeben, als dir einer böte, 
wenn er von seiner Freundin sagt: sie war 

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne 
und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht, 
beisammen, blühend, wie in einem Beet, 
verführen sie verführender als Phryne 

sich selber;  bis sie ihres Auges Bleiche
 hinhalsend bergen in der eignen Weiche, 
in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt. 

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Voliere; 
sie aber haben sich erstaunt gestreckt 
und schreiten einzeln ins Imaginäre.

(Rainer Maria Rilke)

Rilke: Morgue

Morgue 

Da liegen sie bereit, als ob es gälte, 
nachträglich eine Handlung zu erfinden, 
die mit einander und mit dieser Kälte 
sie zu verwöhnen weiß und zu verbinden; 

denn das ist alles noch wie ohne Schluß. 
Was für ein Name hätte in den Taschen 
sich finden sollen? An dem Überdruß 
um ihren Mund hat man herumgewaschen: 

er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein. 
Die Bärte stehen, noch ein wenig härter, 
doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,

nur um die Gaffenden nicht anzuwidern. 
Die Augen haben hinter ihren Lidern 
sich umgewandt und schauen jetzt hinein.

(Rainer Maria Rilke)

27 September 2015

Zueignungen

Zueignung (zur Ausgabe seiner gesammelten Werke)

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.
Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.
Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.
Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.
Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?
Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!
Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.
Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!
Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?
Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.
Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.
Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.
Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.
So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.


Zueignung (zu Faust 1. Teil)

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.



Vertraut sind mir die Anfangszeilen beider Gedichte, doch so vieles aus dem ersten ist mir unvertraut. Und wie irritiert war ich, als ich im Verzeichnis der Titel und Gedichtanfänge nur diese eine Zueignung fand. Wie hat denn die zum Faust gehießen? Jetzt bin ich wieder beruhigt. Wie vertraut sind doch diese Zeilen: "Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten."


Religionsgespräch in Byzanz

Mit sehr verschiedenartigen Empfindungen nahmen die Hauptstadt und das Reich die Nachricht auf, daß der Herrscher eine allgemeine Kirchenversammlung nach Byzanz berufen habe, auf der Bischöfe und Priester der katholischen Kirche wie aller christlichen Sekten, aber auch Lehrer der Juden erscheinen und ihre Lehrmeinungen in einem Religionsgespräch vertreten sollten. Der Imperator selbst behielt sich Vorsitz und Leitung vor, um, wie er verkünden ließ, die Freiheit jeder Meinung, den unparteilichen Gang der Verhandlungen zu sichern.
Am meisten erstaunt waren über diesen Beschluß Julians nächste Freunde, Jovian und Serapio; Lysias hatte schon lange die Hauptstadt verlassen und seine Amtstätigkeit, zunächst in den Provinzen Pontus und Bithynien, begonnen. Bei dem Lustwandeln in dem Haine der Artemis vor dem Westtore der Stadt blieb Serapio plötzlich stehen und fragte: »Warum tust du das, o Julian?« – »Was?« – »Das mit den vielen Geistlichen.« – »Ja«, unterstützte Jovianus lebhaft die Frage. »Warum? Denn an Erfolg glaubst du ja doch nicht!«
Mit feinem Lächeln antwortete der Schalk: »Und warum nicht? Irgendein Erfolg wird schon herauskommen! Aber, bitte, beschleunigt eure Schritte. Die Arbeit ruft mich in den Palast zurück. Unter all den vielen Dingen, daran es mir gebricht, steht obenan die Zeit.« – [...]
 »Ei, sie sollen hier Duldung lernen und Nächstenliebe.« – »Die Katholiken von den Ketzern?« fragte Jovian. »Oder umgekehrt?« zweifelte der Franke. »Beides wird schwerhalten!« – »Nein, sondern alle von uns Hellenisten. Und übrigens: Wenn das Gegenteil erreicht werden sollte, wenn die alten Feinde, stehen sie sich nun alle gegenüber und hört jeder die verhaßte Lehre des andern, in tobenden Streitzorn ausbrechen, heißer als je zuvor...« – »Nun dann?« – »Ja, was dann?« forschte Serapio.
»Denn das wird doch höchstwahrscheinlich geschehen!« – »Dann ist's erst recht gut«, lachte Julian nun laut auf. »Dann beweist sie sich wieder einmal, die vielgepriesene Liebe, Milde, Einigkeit der Kirche vor den Augen der ganzen Welt; und ganz besonders vor den meinen. Diesen Augen aber – ist ihnen bei dem vielen Verdruß, den ihnen die Galiläer tagtäglich bereiten, nicht auch einmal eine kleine Freude durch die Galiläer zu gönnen?«

An dem bestimmten Tag eröffnete der Augustus die Versammlung, zu der in heiligem Eifer die frommen Väter aller Bekenntnisse, auch Vertreter des Judentums, in so großer Menge aus allen Provinzen des Reiches zusammengeströmt waren, daß keine Basilika sie aufzunehmen vermochte.
So war von vornherein das Anstößige ausgeschlossen, daß der »hellenistische« Imperator in einem christlichen Gotteshaus den Vorsitz einnahm. Und auch die Frömmsten konnten nicht dawider eifern, daß aus dem Grund solch zwingender Not die Beratungen in ein weltliches Gebäude verlegt wurden; man wählte den weitesten Raum, der in der Hauptstadt zu finden war: die Säulenhalle des vom großen Constantin erbauten Gymnasiums.
Zartfühlig ließ Julian aus dem Haus und dem umgebenden schönen Hain für diesen Tag die Götterbilder entfernen, die Artemidor auch hier bereits wieder aufgestellt hatte. »Ich bin der Wirt, ich darf nicht unwirtlich scheinen«, sprach er, »nicht meine ohnehin so leicht reizbaren Gäste verletzen.«
Bis auf den letzten Platz waren die Stühle und Bänke besetzt, die, in sieben Reihen hintereinander aufgestellt, einen Halbkreis bildeten, geöffnet gegen den purpurbehangenen Thron, den der Herrscher, gekleidet in die volle Festgewandung des Imperators, nun feierlichen Ganges bestieg.
Zu Füßen des auf mehreren Stufen erhöhten Sitzes nahmen die ersten weltlichen Würdenträger Platz. Eine Schar von Kriegern – meist blondhaarige, Julian selbst hatte sie ausgesucht – stand in vollen Waffen, befehligt von Sigiboto und Sigibrand, hinter dem Thron; und draußen, vor dem nun geschlossenen Eingang, in dem weiten Garten, waren zweitausend weitere unter Garizo und Ekkard aufgestellt.
Lange musterte Julian die Versammlung schweigend – manch hochehrwürdige Gestalt, manch edles, vergeistigtes Antlitz erschaute er; aber auch viele Eiferer, deren Züge, von Glaubenshaß und Verfolgungswut, von Rachgier und von andern üblen Leidenschaften entstellt, durchaus nicht Frieden atmeten oder ankündeten. Endlich hob der Imperator an: »Ehrwürdige, fromme, ja vielleicht zum Teil schon heilige Väter der Kirche, Häupter der verschiedenen Lehrmeinungen, auch ihr, o weise Lehrer der Juden! Ich heiße euch alle willkommen. Ich habe euch hier versammelt, euch Gelegenheit zu geben, eure Glaubenssätze vorzutragen und zu vertreten. Ich wünsche, aber ich wage (nach früheren Erfahrungen) freilich nicht stark zu hoffen«, hier spielte, kaum merklich, ein Lächeln um den feinen Mund, »daß aus euren Verhandlungen, wenn auch nicht Versöhnung, doch gegenseitige Duldung hervorgehen möge. Bevor ihr beginnt, möchte ich euch (als Mahnung) ein paar Sätze vorlesen, die sich in einer eben veröffentlichten Geschichte unserer Tage finden. Ihr Verfasser ist der ausgezeichnete Grieche Ammianus Marcellinus, dessen Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit noch niemand bezweifelt hat. Seine Worte sind vielleicht geeignet, jenen geistigen Stolz ein ganz klein wenig zu dämpfen, den manche Zeitgenossen euch, heilige Bischöfe (gewiß mit Unrecht), vorwerfen. Ein wenig Demut ist gewiß uns allen (auch mir gebricht es leider daran) zu wünschen. Und wo die Demut fehlt, da ist so recht am Platz: die Demütigung.
Ammianus also schreibt – gib die Rolle, bitte, Serapio: ›Nicht reißende Bestien, nicht Raubtiere zerfleischen sich untereinander mit solcher Wut wie die Christen verschiedner Bekenntnisse. Hätte Mark Aurel unsere Tage erlebt, nicht von den zanksüchtigen Juden in Ägypten, von den sich zerreißenden Christen hätte er sein berühmtes Wort gesprochen: O Markomannen, Quaden und Sarmaten, endlich habe ich noch ärgere Wüteriche gefunden als ihr seid.‹ Ferner: ›Papst Liberius und Papst Felix der Zweite streiten schon lange miteinander um den römischen Bischofstuhl; da wurden neulich in der Basilika des Sicinius, wo sich die römische Christenschaft zum frommen Gottesdienst zu versammeln pflegt, an einem Tage hundertundsiebenunddreißig Menschen erschlagen.‹
Aber das ist ja nur ein kleines Vorfrühstück des Glaubenseifers gewesen! Stattlich war seine Hauptfestmahlzeit hier, in der Stadt Constantins; das erste Blut, das die neue Hauptstadt befleckte, von Gläubigen aus Gläubigen um des Glaubens willen ward es vergossen: ›Vor kurzem lieferten sich die beiden Bischöfe von Byzanz, Paulus der katholische, und Makedonius der arianische, eine regelrechte Schlacht in diesen Straßen. Auf dem Platz vor der Bischofskirche allein lagen dreitausendeinhundertfünfzig Tote. Der Magister Equitum Hermogenes, der Frieden stiften wollte, ward von den Katholischen aus seinem brennenden Palast an den Füßen durch die Straßen geschleift und die Leiche auf das scheußlichste (sehr unanständig) verstümmelt. Aber als später die Arianer gesiegt hatten, erfanden sie eine hölzerne Hebelmaschine, mit der sie den gefangenen Katholiken die Zähne des geschlossenen Mundes aufbrachen, und nun die arianisch geweihte Hostie ihnen in den Schlund hinabzwängten. Katholischen Jungfrauen verbrannten sie die Brüste mit glühenden Eisenschalen oder quetschten sie ab mit scharfen Brettern.‹ Weiter: ›Die Arianer in Edessa sind vor drei Monaten über andere Galiläer, die Valentinianer, hergefallen und haben mit Mord und Brand gegen sie gewütet.‹ (Der Statthalter beantragte die in den Gesetzen gedrohte Todesstrafe gegen die Überführten; aber ich halte alle glaubenswütigen Galiläer für nicht ganz zurechnungsfähig und habe sie begnadigt. Nur ihr Vermögen ward eingezogen, die Verletzten zu entschädigen.) ›Bald darauf hat die katholische Sekte der Novatianer in Paphlagonien viertausend römische Legionäre erschlagen.‹ Ihr werdet nun vielleicht zugeben, heilige Väter, der Staat muß doch ein wenig den Kopf schütteln über eine Religion der Liebe, welche so befremdliche Früchte zeitigt. So sagt Ammianus nicht zuviel mit den Worten: ›Der Haß der Christen untereinander übersteigt die Wut reißender Bestien gegen den Menschen.‹ Aber er ist ›Hellenist‹, werdet ihr sagen. Wohl, so führe ich ein Wort eines eurer Bischöfe an, jenes liebenswürdigen Gregor von Nazianz (um dessen Beifall ich mit so geringem Erfolg ringe); er sagt (alle Grazien standen an seiner Wiege und daneben der Engel der Nächstenliebe) in seiner jüngsten Schrift (ich studiere so gern seine an Kraftworten reiche Sprache, ohne sie doch erreichen zu können): ›Das Königreich des Himmels (das ist nämlich die Kirche) ist durch Zwietracht in ein Chaos, in einen nächtlichen Orkan, ja sogar in die Hölle selbst umgewandelt.‹
Dieser Freund der Wahrheit hat auch in einer Predigt behauptet (es ist die dritte in seiner jüngst veröffentlichten Sammlung; ich habe sie mir sofort – wegen der starken Nachfrage – gekauft, obwohl sie ziemlich teuer ist, da meine galiläischen Untertanen jeder Lehrmeinung so was gern lesen), ich, Julianus, pflege ziemlich häufig Knaben und Mädchen zu schlachten, aus ihrem Blut die Zukunft zu erforschen; die Leichen lasse ich dann – wie ich erfuhr – in die Flüsse versenken.
(Warum ich ihn nicht bestrafe, diese Schriften nicht unterdrücke, fragen meine Freunde. O nein, ich freue mich darüber, daß ein Feind von uns Hellenisten, trotz hoher Weihen, so lügt, so haßt und so verleumdet!)
Übrigens – Gerechtigkeit vor allem! Die Rechtgläubigen treiben es nicht ärger als die Arianer und die andern Ketzer; man kann homoiusios sagen oder homousios, und gleich streitsüchtig, blutdürstig und verfolgungswütig sein. Zu vielen Tausenden habt ihr euch gegenseitig geschlachtet! Aber hören wir weiter unsern trefflichen Ammian: ›Es gibt‹, sagt er, ›ausgezeichnete Bischöfe in den Provinzen; aber in Rom und in andern Großstädten bieten sie die ganze Kraft ihrer Lungen nur zum Zanken auf. Sie sammeln sich Schätze aus den Spenden alter Weiblein, zeigen sich nur in prachtvollen Gewanden, die aller Augen auf sich ziehen, und ihre schwelgerischen Gastmahle überbieten die Tafeln der Könige.‹
Und ein frommer Kirchenvater – Eusebius von Cäsarea – klagt, daß ›unaussprechliche Heuchelei und Verstellung es unter den Christen zum höchsten Grade der Bosheit gebracht haben‹; so schreibt er wörtlich. (Es sind euer überhaupt ein bißchen viele: Achtzehnhundert Bischöfe zählt man in meinem Reich.)
›Diese achtzehnhundert haben‹, berichtet Ammian, ›behufs ihrer Verständigung, in zweiundzwanzig Jahren neunzehn Kirchenversammlungen gehalten.‹ Verständigt habt ihr euch, wie es scheinen will, dabei nicht erheblich, wohl aber, klagt Ammian, durch das Hin- und Herfahren die ganze Post des Staates zugrunde gerichtet. Also (offen bekenn ich's, und ihr wißt es ja von mir) ich kann euch nicht so recht lieben und auch euch nicht glauben! Aber wie könnt ihr mir aus meinem Unglauben einen Vorwurf machen, da ihr selbst lehrt, den Glauben kann man weder erlernen noch erzwingen; er ist eine freie Gnade, die am Menschenherzen Gott wirkt, der von Ewigkeit her im voraus weiß (also unabänderlich vorherbestimmt hat), welche Seelen er so begnadigen wird. Ich zähle offenbar nicht zu den Begünstigten, bin also im voraus von Ewigkeit her zur Hölle verurteilt gewesen, bevor ich geboren ward, bevor ich in die Möglichkeit kam, eure Lehre anzunehmen oder zu verwerfen. Das ist doch nicht hübsch von eurem Gott! Vernehmt zum Schluß noch, was ich neulich den Bostrenern geschrieben habe, es gilt euch allen: ›Wieviel besser als Constantius behandle ich die Priester und Bischöfe der Galiläer. Er hat sie in Scharen verbannt, Athanasianer und andere (so daß in Samosata, in Kyzikus, in Paphlagonien, Bithynien, Galatien gar keiner mehr zu finden war), hat eure Kirchengüter eingezogen; ich habe allen die Rückkehr gestattet, allen die Güter zurückgegeben. Ja, den wackeren Bischof Aëtius von Ephesus hier, der sich um den Frieden zwischen den Seinen und den Hellenisten bemüht, hab ich längst als meinen Gast hierher geladen. Nur laß ich euch nicht, wie das früher geschah, untereinander und gegen uns Götterverehrer wüten. Gerade darüber aber toben viele von euch, frevelnd gegen die Götter und gegen unsere Gesetze. Sowenig zwing ich einen Galiläer an unsere Altäre, daß ich vielmehr von jedem, der zu den Göttern zurückkehren will, vorher Buße, Entsühnung fordere, Reinigung an Leib und Seele, die er durch den Abfall – zu den Gräbern – befleckt hat vor den hochheiligen Göttern. Aber viele Bischöfe, die nun seit Jahrzehnten geherrscht haben, wollen nicht aufhören zu herrschen, Gericht zu halten, alten Weiblein Testamente zu diktieren, Erbschaften an sich zu reißen. Gar häufig hetzen sie das dumme Volk und lassen es mit Steinen werfen auf unsere Götterbilder. Und doch ermahne ich immer wieder und wieder: Vergeltet nicht den Galiläern Gewalt mit Gewalt! Nicht Haß, Mitleid verdienen sie, belehren muß man sie, nicht verfolgen.‹
Beginnt nun eure Verhandlungen. Diese unmittelbar zu leiten, steht mir nicht zu. Ich übertrage dies Geschäft dem den Jahren nach ältesten unter den Anwesenden; es ist, wie festgestellt ward, Aëtius, der ehrwürdige Bischof der Katholiken von Ephesus.«
Sofort erhob sich ein dumpfes, grollendes Murren auf den Bänken aller Andersgläubigen.
»Ruhe, meine Lieblinge!« bat Julian. »Einer muß es nun doch wohl sein. Und bei jeder Wahl hätte der Rangstreit kein Ende genommen. Übrigens bleibe ich hier, in eurer Mitte, und sollte (was ich aber durchaus nicht annehme) der greise Aëtius nicht mit voller Unparteilichkeit seines Amtes walten, so werde ich selbst eingreifen. Ich – von dem ihr wisset, daß ich all euren abweichenden Lehrmeinungen mit gleicher – nun sagen wir, mit gleicher Unvoreingenommenheit gegenüberstehe. Mit Schmerz vermisse ich aber manch teures Haupt. So meinen gütigen Gönner, meinen Mitschüler einst zu Athen, den vorbelobten sanftmütigen Bischof Gregor von Nazianz, der in seiner jüngsten Schrift bewiesen hat, ich trage neun lebendige Teufel im Leibe. Schade, daß er nicht kam! Es hätte mich doch so lebhaft angezogen, deren richtige Namen zu erfahren; und wo im Leibe mir jeder einzelne sitzt.
Auch sind leider ausgeblieben (wohl zu stark miteinander selbst beschäftigt) die beiden heiligen Bischöfe, die sich, wie vorher beklagt, seit nunmehr sechs Jahren um den heiligen Stuhl von Rom recht lebhafte Straßengefechte liefern: Felix der Zweite und zumal der demutvolle Liberius, den ich an eine frühere Begegnung, eine (selbstverständlich nur für mich selbst) lehrreiche Unterhaltung über die Grenze von Kirchen- und von Staatsgewalt sowie über Urkundeneinführung würde gern erinnert haben. Ich behalte mir vor, bei meinem längst geplanten Besuch bei ihm in Rom darauf zurückzukommen. Ich höre übrigens mit Bedauern, ihr Katholiken, daß Papst Liberius aus Menschenfurcht in der letzten Zeit des Constantius diesem zuliebe von dem katholischen Glaubensbekenntnis (dem von Nicäa, dem athanasianischen) abgefallen ist und sich einer arianischen Sekte zugewendet hat. Ist er, der Irrgläubige, nun doch noch Haupt der rechtgläubigen Kirche? Aber das ist eure Sache! Verzeiht, ich bitte, die Frage.
Allein auch ihn, den eben genannten, den berühmten Athanasius von Alexandria (ja, ihr Arianer, brummt nicht! ›Berühmt‹ ist er doch jedenfalls und von Alexandria ist er auch; nämlich das heißt: bald zu Alexandria, bald von euch vertrieben – also von Alexandria weg), auch Athanasius also nicht hier zu sehen, bedaure ich lebhaft. Um so tiefer beklage ich das, als ich beschlossen habe, zur Grundlage eurer Verhandlungen zu machen...«, hier hielt er eine Weile inne und fuhr dann, als alle mit größter Spannung an seinem Munde hingen, mit erhobener Stimme fort, »das von ihm verfaßte und nach ihm benannte Glaubensbekenntnis: Das Athanasianum von Nicäa.«
Da brach's los.
Tobender, höllischer Lärm und wildes, wüstes, ohrenzerreißendes Geschrei. Mit Ausnahme der Katholiken und der Juden sprangen alle Anwesenden von ihren Sitzen, sprachen, riefen, zischten, schrien, brüllten zugleich gegen die Reihen der Katholiken hin, wütend und drohend auch gegen den Thron des Imperators. Der verzog keine Miene; ruhig sah er in den brodelnden, schäumenden, häßlichen Kessel hinab; nur ein Lächeln konnte er nicht ganz unterdrücken.
Der Vorsitzende, Aerius, der wackere Bischof von Ephesus, bemühte sich vergebens, die Ordnung wiederherzustellen: Alle sprachen, schrien, mit den Händen dem Gegner bis nah an die Nase fuchtelnd. Ja, aus den Reihen der heißblütigen Afrikaner flogen schon die Papyrusrollen als Wurfgeschosse gegen die Köpfe der katholischen Amtsgenossen, auf welchen die heiligen Schriften verzeichnet standen. Ein Neues Testament streifte mit scharfer Kante das Ohr des noch jugendlichen Bischofs Fortunatian von Aquileja; er blutete stark.
Lange hatte Julian von seinem erhöhten Thron herunter dem ausgebrochenen Wirrwarr zugesehen, ohne sich einzumischen: Er hatte sie recht lange gewähren lassen! Jetzt aber, als der verwundete Bischof auf den Werfer, Adherbal von Ruspe, mit geballten Fäusten losfuhr, gab er Sigiboto und Ekkard einen Wink. Die sprangen dazwischen und rissen die bereits Raufenden auseinander; zugleich hob der Imperator den rechten Zeigefinger. Da schmetterte von dem hohen Bogengang oberhalb der Säulen herab der eherne Klang der römischen Tuba, das fromme, aber lebhafte Gespräch übertönend. Alle verstummten und sahen erschrocken nach oben; totenstill ward's in der weiten Halle.
Nun erhob sich Julian vom Thron und sprach: »Nein, ihr frommen Herren, beruhigt euch. Es ist noch nicht die Posaune des Weltgerichts; freilich war es kein Wunder, brach es strafend über euch herein. Vergeblich bat ich euch, als ihr so ... nun, sagen wir, so angeregt, so eifrig wurdet: ›Hört auf mich! Selbst trotzige Alemannen und wilde Franken haben auf mich gehört.‹ Ihr nicht! Ihr gehorcht nicht meinem Wort. So muß euch die Tuba mahnen. Haltet doch Frieden, ihr Herren! ›Kindlein, liebet euch doch untereinander‹ (mahnt der Lieblingsjünger eures Gottes), statt euch die Ohren blutig zu werfen. ›Friede sei auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‹, so sangen ehemals die Engelein. Muß ich euch Bibelsprüche lehren, ich, der von neun Dämonen Besessene? Für heute muß ich's wohl aufgeben, euch zu versöhnen. Fast besorge ich, ihr werdet auch morgen, ja noch einige Jahrhunderte so weiterstreiten. Streitet mit Gründen, aber, ich bitte sehr, nur die feineren Fragen entscheidet mit Fäusten. Und die heiligen Schriften wirken doch nur innerlich, nicht äußerlich angewendet. Eure Gewissen sind frei, eure Lehren sind mir unantastbar; wer aber den Frieden meines Reiches bricht, der wird lernen: ›Irret euch nicht, auch der Staat läßt sich nicht spotten!‹ Und da ich eurer Sanftmut nicht ganz trauen darf – nach dem eben Erlebten – kann ich euch nicht unbehütet auf die Straßen von Byzanz entlassen; leicht könnte dort der heilige Eifer neu erwachen. Deshalb (Serapio, rufe die befohlenen Germanen dort vor, die anderen stehen draußen bereit!) wird jeder von euch in seine Herberge geleitet von je zwei heidnischen Alemannen, Franken, Friesen, Sachsen, Quaden, Markomannen – die werden gewiß nicht Partei ergreifen für Athanasius oder für Arius! Dir, Sachse Sigibrand (ich kenne deine Theologie – heute ward sie beinahe hier angewandt), dir anbefehl ich den heiligen Bischof von Ruspe da. Aber sei auf deiner Hut, Kriegshauptmann! Er ist ein streitbarer Herr, er wirft gar kräftig.«
Der rotblonde Riese in seinem Wisentfell trat vor und legte nur leicht die Hand auf des Afrikaners Schulter; der knickte zusammen.
»So führe mir, Serapio, die frommen Priester durch die Straßen von Byzanz, jeden mit einer Ehrenwache von zwei Heiden. Sonst könnte euer Ansehen leiden bei dem Volk, sähe es euch werfen, schlagen und raufen auf den Gassen! Friede sei mit euch!«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, II,12 (77))

26 September 2015

Religionsgespräch im Lager von Julian Apostata

Wenn Felix Dahn auch das Konzept der translatio imperii vom Römischen Reich auf die Germanen vertritt, so ist er den Germanen gegenüber doch nicht völlig unkritisch. Das zeigt sich auch an dem folgenden Religionsgespräch:

»Es ist, wie ich euch sage«, begann aufs neue der eine von ihnen, den der runde Schädel, die dunkle Farbe von Haar, Haut und Augen als Sproß Italiens kennzeichneten. »Er ist ein Sohn Appollons. In Gestalt eines goldnen Gusses von Sonnenstrahlen nahte der Gott Frau Irenen, als diese einsam am Meeresstrande dahinwandelte, und sie gebar ihm unsern Imperator. Deshalb ja verehrt er mehr denn alle andern Götter den unbesiegten Sonnengott Apoll. Deshalb gewährt ihm dieser Sieg in allen Schlachten, wie ihr's ja miterlebt, Glück auf allen seinen Wegen und den leuchtenden Blick, der ihm die Seelen der Menschen gewinnt.« Der Mann zu seiner Linken machte mit leisem Grauen das Zeichen des Kreuzes über der bleichen Stirn und dem Panzer: »Die Heiligen mögen uns behüten! Welch frevle Rede! Da wär er ja ein Sohn des übeln Höllendämons. Der Bischof meiner Vaterstadt Antiochia hat es gepredigt, ich hab es selbst gehört, Apollon ist Lucifer, der Bringer des Lichts und alles Unheils. Glaubte ich das, heute noch verließ ich seine Fahnen. Was sagst du dazu, Simon? Bist ja ein scharfer Kopf, ein halber Gelehrter!« Der Angeredete schmunzelte wohlgefällig und rieb die scharf gebogene Nase: »Nu, ist's meine Schuld, daß ich nicht bin geworden ein Ganzer? Gar fleißig lernte ich bei dem Rabbi zu Gazza! Auswendig hatte ich gelernt die Hälfte von seinen Rollen, die hebräischen und die griechischen aus Alexandria! War es meine Schuld, daß kamen auf einmal in der Nacht die römischen Kriegsknechte auf der Suche nach einem jüdischen Mann, der sollte gelästert haben den – nu ihr wißt schon – ich nenn ihn nicht gern – den von Golgatha – fanden ihn nicht, und verbrannten in ihrem großen Zorn die Schule und alle Bücher, auch die ich noch nicht hatte gelesen! Und weil ich die guten Rollen hatte wollen schützen vor ihrer Wut, schlugen sie mich – grausam schlugen sie mich – und rissen mich mit sich fort, gebunden, vor ihren Kriegsobersten. Der lachte und sagte: ›Wähle, Jud! Kopf ab, weil du hast trotzen wollen dem Imperator (Gott du gerechter, wer bin ich, zu trotzen dem großmächtigen Imperator?) oder – du hast ja starke, gesunde Knochen – diene dem Imperator mit dem Speer. Wähle.‹ Wie heißt wählen? Nu, ich wählte! Den grauslichen Speer hab ich gewählt! Und so bin ich denn geblieben a halber Gelehrter und geworden a halber Held.« »Nun, so sage, was hältst du von des Cäsars göttlicher Abkunft?« wiederholte der Christ. »Was ich dervon halt? Was werd ich dervon halten! Nix halt ich dervon.« – »Da hörst du's, Torquatus! Da hast du's mit deinem Apollo!« »Frohlocke nix, Christophore!« unterbrach der Jude. »Denn warum halt ich nix dervon? Weil es arge Gotteslästerung ist und arger Greuel vor dem Herrn, von Gott zu sagen, daß er zeuge wie ein Mann oder wie ein Stier. Und weil, weil nur ein Gott ist, nicht zwölf! Aber auch nicht drei! Und weil Gott der Herr nicht hat einen Sohn, sei er nun gezeugt durch einen Sonnenstrahl, Torquate, oder, Christophore, durch einen Taubenvogel. – Nicht! Nicht mich schlagen, Torquate! Gewalt! Gewalt! Schläge sind nicht Gründe. Hilf mir doch, Sigbrand, hilf, Sachse, du langer.« Da warf der vierte, der bisher geschwiegen hatte, die mächtige Sturmhaube aus Büffelleder, aus welcher er soeben einen ganzen Strom Rotwein geschluckt hatte, zu Boden, wischte sich den feuerroten Bart und hielt den gewaltigen nackten Arm über den Juden: »Laßt mir den Klugen in Ruhe. Zwei gegen einen? Schämt euch. Er hat recht in dem einen. Das mit dem Sonnenstrahl und das mit dem Tauberich, das ist dumm. Will ein Gott sich einen Sohn zeugen, hei, da tut er es selbst, braucht dazu keinen Sonnenstrahl und kein Federgeflügel. Was verziehst du das Maul, Jude? Was zuckst du?« – »Wehe, weh geschrien! Was redest du da von einem Gott und einen Sohn zeugen?« – »Wie, du Hund?« schrie der Riese und packte seinen Schützling am spitzigen Bart. »Ist Sassenot vielleicht nicht Wodans Sohn? Sag nein, trau dir! Und dein kluges Hirn spritzt im Zelt umher.«
– »Ja, ja doch! Wie wird er nicht sein, was du so laut sagst? Und so deutlich! Ich kenn ihn nit, den Sassenochs! Er soll sein was de willst! Da! Nu hab ich auch nur noch den halben Bart zu der halben Gelehrtheit.« – »Haltet Friede!« sprach Christophoros. »Nicht mit Gewalt soll man aufzwingen den Glauben, der von selbst kommen muß. So spricht Julianus unser Imperator. Er schützt Christen und Heiden wider Verfolgung.« – »Jawohl«, grollte Torquatus. »Hätten doch auch eure Bischöfe hiernach getan seit Constantin! Aber verbrannt haben sie unter Constantius unsere Haine, sobald ...« – »Sobald man die Bischöfe selbst nicht mehr verbrannt hat«, schloß der Jude. »Nu, etwas muß doch immer brennen bei euch anderen, euch Gewaltmenschen.«
»Überzeugen soll man die Ungläubigen«, begann Christophoros aufs neue. »Kommt, laßt jeden von uns von seinem Gott die stärksten Zeichen der Macht erzählen, die er weiß; und wessen Gott die größten Kräfte bewiesen hat, an den sollen auch die andern glauben. Fang an, Sigbrand.« – »Fällt mir gar nicht ein!« erwiderte dieser, die schon halb leer getrunkene Amphora neigend, die am Eck des Zeltes lehnte, und sich wieder die Sturmhaube füllend. »Schwatzt ihr nur! Seid ihr zu Ende, werd ich entscheiden. Ich weiß doch im voraus, wessen Gott der stärkste ist.« – »Nu, welcher ist es?« forschte neugierig der Jude. – »Der meine, Wodan.«
»Und warum, wenn man darf fragen?« spöttelte Simon. »Warum? Weil ich euch alle drei miteinander aus diesem Zelte werfe, wenn ihr den nicht als den stärksten anerkennt. Er ist stärker als eure Götter, weil ich stärker bin als ihr. Und ich bin stärker als ihr, weil ich sein Enkel bin, wessen Enkel immer ihr sein mögt.«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, III 5 (70))

Zur Stellung dieses Romans unter den Romanen F. Dahns sieh hier.

18 September 2015

Felix Dahns Romane aus der Völkerwanderungszeit

Felix Dahns Romane aus der Völkerwanderungszeit gehören zu den Professorenromanen* des 19. Jahrhunderts, kulturhistorischen Romane, die unter möglichst getreuer Berücksichtigung an den (damaligen) Kenntnisstand der Geschichtswissenschaft vergangene Zeiten literarisch zu vergegenwärtigen suchten. 
Dahns erfolgreichster Roman aus diesem Genre ist Ein Kampf um Rom (historischer Roman, 4 Bände 1876) Darin beschreibt er den Untergang des von Theoderich dem Großen begründeten Ostgotenreiches in Italien auf der Grundlage der Geschichte des Gotenkrieges des spätantiken griechischen Geschichtsschreibers Prokop von Caesarea

Stilicho, der vorletzte der Romane aus der Völkerwanderungszeit, teilt die Problematik, ob die Germanen sich der römischen Zivilisation anpassen können, so dass eine Mischkultur entsteht, mit dem ersten Werk "Ein Kampf um Rom". Anders als dort kommt Dahn hier aber ohne eine unhistorische Gegenfigur zum germanischen Helden aus. Der Konflikt ist in den germanischen Heermeister Stilicho selbst hinein verlegt. Dabei geht Dahn davon aus, dass dieser in der Tat vom sterbenden Imperator die Verantwortung für das Gesamtreich und eine Art Vormundschaft über die beiden unmündigen Kaiser Ost- und Westroms übertragen bekommen habe. Von daher fühlt er sich für das Römische Reich verantwortlich. Bei seinen germanischen Freunden stößt es bei seiner Werbung für den Reichsgedanken freilich auf wenig Gegenliebe. Insbesondere Alarich, der mit seinen Westgoten schon länger auf römischen Territorium lebt, fühlt sich viel zu eng seinem Volk verbunden, um sich auf Stilichos Werbung einzulassen.
So sehr Dahn seinen Helden mit positiven Eigenschaften ausstattet. In seiner mangelnden Bindung an sein Volk sieht er Stilichos entscheidende Schwäche, und er lässt ihn am Schluss auch einsehen, dass sein Weg ein Fehler war. 
Diese Verherrlichung des Germanentums und die Kritik am Reichsgedankens dürfte ein wichtiger Grund gewesen sein, weshalb Dahn seine Vorliebe für die Behandlung der Völkerwanderungszeit entdeckt hat.

17 Jahre nach seinem Bericht über den Untergang des Ostgotenreiches ("Kampf um Rom", 1876) legt Dahn dann die Anfänge der Translatio imperii vom Römischen Reich zu den Germanen schon in die Zeit kurz vor Beginn der Völkerwanderung im engeren Sinne, nämlich in das Jahr 360 mit der Schilderhebung Julians des Abtrünnigen (Roman 1893). Der geheime Held dieses Romans ist die (erfundene) Gestalt Merowech, der Sohn eines Bataverkönigs, der trotz tiefen Eindringens in die römische, ja sogar die ägyptische Kultur an seiner Bindung an sein Volk (und seiner Vorstellung, dass früher oder später in Gallien die Germanen an die Stelle der Römer treten werden) festhält. Dahn lässt ihn ein Abkomme des Julius Civilis (bei Dahn noch unter dem Namen Claudius Civilis) sein, der im Jahre 69 einen Germanenaufstand gegen die römische Herrschaft unter Führung der Bataver organisierte. (Hier ein Abschnitt aus dem Roman)

Weitere Romane Dahns aus der Völkerwanderungszeit:
    • Bd. I – Felicitas. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 476 n. Chr.) 1882
    • Bd. II – Bissula. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 378 n. Chr.), 1884
    • Bd. III – Gelimer. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 534 n. Chr.), 1885
    • Bd. IV – Die schlimmen Nonnen von Poitiers. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 589 n. Chr.), 1885
    • Bd. V – Fredigundis. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (Ende VI. Jahrhundert), 1886
    • Bd. VI – Attila. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 453 n. Chr.), 1888
    • Bd. VII – Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.)
    • Bd. VIII – Chlodovech. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 481–511), 1895
    • Bd. IX – Vom Chiemgau. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 596 n. Chr.), 1896
    • Bd. X – Ebroin. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1897
    • Bd. XI – Am Hof Herrn Karls. Vier Erzählungen, 1901
    • Bd. XII – Stilicho. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1900
    • Bd. XIII – Der Vater und die Söhne. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1901
In das Umfeld dieser Romane gehört auch der Roman Julian der Abtrünnige von 1893.

* Zu dem Professorenroman "Die Ahnen" von Gustav Freytag finden sich acht Artikel auf diesem Blog.

13 September 2015

Was schlimm ist

GOTTFRIED BENN
Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann. [...]
Meine Empfehlung von Planet Lyrik

Grenzen der Menschheit

Gränzen der Menschheit.

Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
5
Segnende Blitze
Ueber die Erde sä’t,
Küss’ ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
10
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts,
15
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
20
Wolken und Winde.

Steht er mit festen
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde;
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[82] Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
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Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
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Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begränzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
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Reihen sich dauernd
An ihres Daseyns
Unendliche Kette.

04 September 2015

Goethe und der Herzog (Ilmenau 1783)

Sei mir gegrüßt, der hier in später Nacht
Gedankenvoll an dieser Schwelle wacht!
Was sitzest du entfernt von jenen Freuden?
Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht.
Was ist's, daß du in Sinnen dich verlierest
Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest?
»O frage nicht! denn ich bin nicht bereit,
Des Fremden Neugier leicht zu stillen;
Sogar verbitt ich deinen guten Willen;
Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit.
Ich bin dir nicht imstande, selbst zu sagen,
Woher ich sei, wer mich hierher gesandt;
Von fremden Zonen bin ich her verschlagen
Und durch die Freundschaft festgebannt.

Wer kennt sich selbst?
Wer weiß, was er vermag?
Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen?
Und was du tust, sagt erst der andre Tag,
War es zum Schaden oder Frommen.
Ließ nicht Prometheus selbst die reine Himmelsglut
Auf frischen Ton vergötternd niederfließen?
Und konnt er mehr als irdisch Blut
Durch die belebten Adern gießen?
Ich brachte reines Feuer vom Altar;
Der Sturm vermehrt die Glut und die Gefahr,
Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme.


Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sang
Und Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang,
Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen,
Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst:
Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst,
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen.
Nun sitz ich hier, zugleich erhoben und gedrückt,
Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt.


Doch rede sacht! denn unter diesem Dach
Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach:
Ein edles Herz, vom Wege der Natur
Durch enges Schicksal abgeleitet,[374]
Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur
Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet
Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt,
Mit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt.
Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllen
Und kein Gesang die hohen Wogen stillen.


Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,
Von ihrem künft'gen Futter sprechen?
Und wer der Puppe, die im Boden liegt,
Die zarte Schale helfen durchzubrechen?
Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los
Und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.


Gewiß, ihm geben auch die Jahre
Die rechte Richtung seiner Kraft.
Noch ist bei tiefer Neigung für das Wahre
Ihm Irrtum eine Leidenschaft.
Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
Der Unfall lauert an der Seite
Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus,
Und von unmutiger Bewegung
Ruht er unmutig wieder aus.
Und düster wild an heitern Tagen,
Unbändig, ohne froh zu sein,
Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
Auf einem harten Lager ein:
Indessen ich hier still und atmend kaum
Die Augen zu den freien Sternen kehre
Und, halb erwacht und halb im schweren Traum,
Mich kaum des schweren Traums erwehre.«

Goethe: Ilmenau (entstanden 3. 9.1783 - Erstdruck 1815), S.372-374

In diesem Gedicht auf den 26. Geburtstag seines Herzogs stellt Goethe in diesen Zeilen sich selbst vor und deutet Jugendsünden an, die er zusammen mit dem Herzog beging,  bevor er ihn in den Schlusszeilen des Gedichts zur Verantwortung als Fürst aufruft. Die Hervorhebungen im Text sind von mir hinzugefügt. 

So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes
Ein Vorbild deiner Tage sein!
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren.

So wandle du – der Lohn ist nicht gering –
Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;
Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
Den Segen aus auf ein geackert Land;
Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen
Und dich beglücken und die Deinen. (S.375-376)