28 Februar 2015

King Lear (vorgestellt in Stifters Nachsommer)

Der König trat ein, und war, wie er später von sich sagte, [194] jeder Zoll ein König. Aber er war auch ein übereilender und bedaurungswürdiger Tor. Regan, Goneril und Cordelia redeten, wie sie nach ihrem Gemüte reden mußten, auch Kent redete so, wie er nicht anders konnte. Der König empfing die Reden, wie er nach seinem heftigen, leichtsinnigen und doch liebenswürdigen Gemüte ebenfalls mußte. Er verbannte die einfache Cordelia, die ihre Antwort nicht schmücken konnte, der er desto heftiger zürnte, da sie früher sein Liebling gewesen war, und gab sein Reich den beiden anderen Töchtern, Regan und Goneril, die ihm auf seine Frage, wer ihn am meisten liebe, mit übertriebenen Ausdrücken schmeichelten, und ihm dadurch, wenn er der Betrachtung fähig gewesen wäre, schon die Unächtheit ihrer Liebe dartaten, was auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfüllte, daß sie auf die Frage, wie sie den Vater liebe, weniger zu antworten wußte, als sie vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig öffnete, gesagt hätte. Gegen Kent, der Cordelia verteidigen wollte, watete er, und verbannte ihn ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und kindischen Gemütsart des Königs üblen Dingen entgegen.
Ich kannte dieses Schauspiel nicht, und war bald von dem Gange der Handlung eingenommen.
Der König wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei der einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein, und so abwechselnd fortzufahren, wies es bedungen war. Die Folgen dieser schwachen Maßregel zeigten sich auch im Lande. In dem hohen Hause Glosters empört sich ein unehelicher Sohn gegen den Vater und den rechtmäßigen Bruder und ruft unnatürliche Dinge in die Welt, da auch in des Königs Hause unnatürliche und unzweckmäßige Dinge geschahen. In dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt eingepflanzten zweiten Hofhaltung des Königs und seiner [195]hundert Ritter entstehen Anstände und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das Tun des Königs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast unheimlich. Beinahe herzzerreißend ist nun die treuherzige, fast blöde Zuversicht des Königs, womit er die eine Tochter, die mit schnöden Worten seinen Handlungen entgegen getreten war, verläßt, um zu der anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch härterem Urteile abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber findet keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die andere Schwester erwartet, die man aufnehmen muß, man rät dem König, zu der verlassenen Tochter zurückzukehren und sich ihren Maßregeln zu fügen. Bei dem Könige war vorher blindes Vertrauen in die Töchter, Übereilung im Urteile gegen Cordelia, Leichtsinn in Vergebung der Würden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei. Er will nicht zu der Tochter zurückkehren, eher geht er in den Sturm und in das Ungewitter auf die Haide hinaus, die gegen ihn wüten dürfen, denen er ja nichts geschenkt hat. Er tritt in die Wüste bei Nacht, Sturm und Ungewitter, der Greis gibt die weißen Haare den Winden preis, da er auf der Haide vorschreitet, von niemanden begleitet als von dem Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da er sich in Ausdrücken erschöpft hat, weiß er nichts mehr als die Worte: Lear! Lear! Lear! aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene Geschichte und liegen seine ganzen gegenwärtigen Gefühle. Er wirft sich später dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde rasend – ich möchte nicht rasend werden – nur nicht toll! Da er die drei letzten Worte milder sagte, gleichsam bittend, so flossen mir die Tränen über die Wangen herab, ich vergaß die Menschen herum, und glaubte die Handlung als eben geschehend. Ich stand, und sah unverwandt auf die Bühne. Der König wird nun wirklich [196] toll, er kränzt sich in den Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen, schwärmt auf den Hügeln und Haiden, und hält mit Bettlern einen hohen Gerichtshof. Es ist indessen schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden, daß Regan und Goneril den Vater schnöd behandeln. Diese war mit Heeresmacht gekommen, um ihn zu retten. Man hatte ihn auf der Haide gefunden, und er liegt nun im Zelte Cordelias und schläft. Während der letzten Zeit ist er in sich zusammengesunken, er ist, während wir ihn so vor uns sahen, immer älter, ja gleichsam kleiner geworden. Er hatte lange geschlafen, der Arzt glaubt, daß der Zustand der Geisteszerrüttung nur in der übermannenden Heftigkeit der Gefühle gelegen war, und daß sich sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder stimmen werde. Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet knieend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung. Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam zermalmt, ich wußte mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen. Das hatte ich nicht geahnt, von einem Schauspiele war schon längst keine Rede mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir. Der günstige Ausgang, welchen man den Aufführungen dieses Stückes in jener Zeit gab, um die fürchterlichen Gefühle, die diese Begebenheit erregt, zu mildern, tat auf mich keine Wirkung mehr, mein Herz sagte, daß das nicht möglich sei, und ich wußte beinahe nicht mehr, was vor mir und um mich vorging.
Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast scheu einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam, um mich zu überzeugen, ob man mich beobachtet [197] habe. Ich sah, daß alle Angesichter auf die Bühne blickten, und daß sie in starker Erregung gleichsam auf den Schauplatz hingeheftet seien. Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe bei mir saß ein Mädchen, welches nicht auf die Darstellung merkte, sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie beschäftigt. Sie kam mir unbeschreiblich schön vor. Das Angesicht war von Tränen übergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor der Betrachtung zu decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die Augen weg.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Der Besuch, S.193-197

Wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre seinen Protagonisten eine Begegnung mit einem von Shakespeares Meisterdramen erfahren lässt (bei Goethe: Hamlet), so auch Stifter in Der Nachsommer seinen Protagonisten. Hier ist es King Lear. Freilich, Heinrich wird von dem Bühnengeschehen so ergriffen, dass er es als "wirklichste Wirklichkeit" erlebt. Von einer Analyse künstlerischen Konzeption (und Anpassung an die besondere Situation der geplanten Aufführung), wie sie Wilhelm in Wilhelm Meister unternimmt, ist hier keine Rede. Überhaupt spielt das Shakespearedrama im Nachsommer nur eine sehr untergeordnete Rolle. Das Bühnenerlebnis führt allerdings dazu, dass er ein schönes Mädchen intensiv wahrnimmt. - Was der Leser vermuten könnte, wird erst sehr viel später  (knapp 400 Seiten) aufgeklärt, er sieht seine zukünftige Geliebte.


Nach einer geraumen Weile sagte Natalie: »Und von dem Abende im Hoftheater habt Ihr auch nie etwas gesprochen.«
»Von welchem Abende, Natalie?«
»Als König Lear aufgeführt wurde.«
»Ihr seid doch nicht das Mädchen in der Loge gewesen?« »Ich bin es gewesen.«
»Nein, Ihr seid so blühend wie eine Rose, und jenes Mädchen war blaß wie eine weiße Lilie.«
»Es mußte mich der Schmerz entfärbt haben. Ich war kindisch, und es hat mir damals wohlgetan, in Euren Augen allein unter allen denen, die die Loge umgaben, [571] ein Mitgefühl mit meiner Empfindung zu lesen. Diese Empfindung wurde durch Euer Mitgefühl zwar noch stärker, so daß sie beinahe zu mächtig wurde; aber es war gut. Ich habe nie einer Vorstellung beigewohnt, die so ergreifend gewesen wäre. Ich sah es als einen günstigen Zufall an, daß mir Eure Augen, die bei dem Leiden des alten Königs übergeflossen waren, bei dem Fortgehen aus dem Schauspielhause so nahe kamen. Ich glaubte, ihnen mit meinen Blicken dafür danken zu müssen, daß sie mir beigestimmt hatten, wo ich sonst vereinsamt gewesen wäre. Habt Ihr das nicht erkannt?«
»Ich habe es erkannt, und habe gedacht, daß der Blick des Mädchens wohlwollend sei, und daß er ein Einverständnis über unsere gemeinschaftliche Empfindung bei der Vorstellung bedeuten könne.«
»Und Ihr habt mich also nicht wieder erkannt?« »Nein, Natalie.«
»Ich habe Euch gleich erkannt, als ich Euch in dem Asperhofe sah.«
»Es ist mir lieb, daß es Eure Augen gewesen sind, die mir den Dank gesagt haben; der Dank ist tief in mein Gemüt gedrungen. Aber wie konnte es auch anders sein, da Eure Augen das Liebste und Holdeste sind, was für mich die Erde hat.« 
 »Ich habe Euch schon damals in meinem Herzen höher gestellt als die andern, obwohl Ihr ein Fremder waret, und obwohl ich denken konnte, daß Ihr mir in meinem ganzen Leben fremd bleiben werdet.«

Stifter: Der Nachsommer, 2. Band, 5. Der Bund, S.570-571

25 Februar 2015

Martin Walser: Unser Auschwitz - Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld

Martin Walser: Unser Auschwitz, 1965
Quelle: Kursbuch Nr. 1, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Juni 1965, S. 189 - 200

Martin Walser

Unser Auschwitz

Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld
Rowohlt Verlag, Reinbek 2015

"Darin versammelt sind Texte und Textstellen aus fast 60 Jahren, in denen Walser jüdisches Leben und den Holocaust erörtert. Wer es noch nicht wusste, weiß es nach der Lektüre: Die deutsche Vergangenheit ist eines der Lebensthemen des Schriftstellers (und Historikers)." (Aus fortwährend aktuellem Anlass Von MARTIN OEHLEN, FR 25.2.2015)

22 Februar 2015

Über Mehemed Alis Massaker an den Mamelukenbeys

Man hatte durch einen glücklichen Verrat erfahren, daß in drei Tagen, bei Gelegenheit einer großen Revue, die Mehemed Ali angeordnet, die Mamlucken mit ihrer ganzen Macht dort über ihn herzufallen beabsichtigten, um ihn womöglich mit allen seinen Getreuen auf einen Schlag zu beseitigen. Es galt, ihnen zuvorzukommen, wozu man offen nicht die Macht besaß, und doch war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren. Jedermann kennt das verzweifelte Auskunftsmittel, dessen man sich bediente, doch herrschte über die Details in Europa viel Irrtum. So stellt zum Beispiel das durch Kupferstiche überall verbreitete Gemälde Forbins die Szene so dar, als habe ihr Mehemed Ali, seinen Nargileh gelassen rauchend, wie einem Theaterstück zugesehen. Die Wahrheit ist aber, daß er gar nicht dabei gegenwärtig war, noch, der Lokalität nach, füglich sein konnte. Sobald die Beys Abschied von ihm genommen hatten und sich im Hofe auf ihre Pferde schwangen, sagte Mehemed Bey zu ihm: «Nun ist deine Rolle vorüber und meine beginnt, ich beschwöre den Pascha, sich in sein Harem zurückzuziehen.» Dies geschah sogleich, und Augenzeugen, Eunuchen aus dem Serail, haben mich versichert, daß der Vizekönig, verstört und schweigend, in großer Gemütsbewegung den Ausgang abwartete, kein Wort sprach, nur mehrmals kaltes Wasser zu trinken begehrte, während der Lärm des Schießens und der Tumult der reiterlosen Pferde mit dem Angstgeschrei der Fallenden von fern zu seinen Ohren drang. Dies ist auch nur menschlich wahrscheinlich, und Mehemed Ali wahrlich so wenig blutdürstig, als es Napoleon war, aber er ist auch kein Ludwig der Sechzehnte und scheut daher selbst Blutvergießen nicht, wo es sein muß und wo es, zu rechter Zeit angewendet, durch wenige Opfer später das Leben Hunderttausender erspart, ja oft das künftige Heil ganzer Nationen begründet, während weichliche Unterlassung sie nicht selten zugrunde gerichtet hat. [...] 
Wenn man nun, die Zitadelle verlassend, nach dem Platz von Rumeli hinabsteigt, kommt man durch die berüchtigte Felsengasse, in der die Mamluckenbeys ihren zwar verdienten, aber allerdings schauderhaften Tod fanden. Man kann sich das Geschehene auf das Lebhafteste hier vergegenwärtigen. Der Leser denke sich nur einen langen gewundenen Gang, auf beiden Seiten von Felsen und hohen darauf errichteten Mauern und Häusern umgeben, in dem ein abschüssiges glattes Steinplattenpflaster den Berg hinunterführt. Die Tore vor und hinter den Beys sind schon geschlossen, den Opfern unbewußt, die man jetzt, im zurückgerufenen Bilde, über Hundert an der Zahl, auf wilden und mutigen Pferden in dem engen Raum dicht zusammengedrängt erblickt, alle strahlend in ihrem höchsten Kriegerschmuck, wohlgemut einherziehend, ohne eine Ahnung von dem, was ihnen bevorsteht, während schon alle Terrassen, alle Felsenvorsprünge, die Galerien der obern Häuser wie in schuldiger Ehrenbezeigung mit Soldatenreihen besetzt sind, bewaffnet zur Salve festlichen Grußes. Jeder von diesen stolzen Beys mochte vielleicht gerade jetzt Gedanken des nahen Verrats von seiner Seite mit Wohlgefallen Raum geben, sich im voraus an dem unvermeidlichen Fall des sichern Feindes weidend, aber für die eigne Sicherheit fürchtete, wie mit Blindheit geschlagen, keiner – da plötzlich richteten sich alle Gewehre auf die vergoldete, schimmernde Schar, und ein Kugelregen schmettert auf sie nieder, von dem schon der erste Schuß die Beys mit der Verzweiflung gänzlicher Hoffnungslosigkeit erfüllen mußte. Denn weder Rettung noch Verteidigung noch Rache war möglich! Das Getümmel der Stürzenden, das Rasen der verwundeten Pferde, das Geschrei und die Verwünschungen der Fallenden, das länger als eine Viertelstunde andauernde Schlachten aus gefahrloser Ferne, der erschütternde Anblick endlich so vieler Fürsten, übermächtiger Herren des Landes, vor deren zürnendem Blicke gestern noch jeder mit Zittern gewichen wäre, jetzt in der Mitte aller sie umgebenden Pracht in Staub und Blut sich wälzend, von ihren eignen Rossen zerstampft, unter dem Hohn gemeiner Albanesen ihren Geist aushauchend, und die im Tode noch umklammerte treue Waffe selbst, nur ein herber Spott in der verteidigungslosen Hand – gewiß, es muß eine Szene von furchtbarer Wirkung gewesen sein. [...]
In späterer Zeit zeichnete sich Mehemed Bey noch durch eine andere, nicht weniger kühne Tat aus, indem er einen Abgesandten des Sultans, der in Abwesenheit Mehemed Alis nach Kahira kam, um ihm die seidne Schnur zu überbringen, ohne langes Besinnen noch Einholen einer Instruktion, provisorisch den Kopf abschlagen ließ. [...]
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

Zitate aus Pückler-Muskau: "Aus Mehemed Alis Reich"

Es kamen neulich zwei englische Mädchen nach Ägypten, die einen Prospektus austeilten, worin sie versprachen, gegen gute Bezahlung die Weiber in den Harems auf europäische Weise zu bilden, nach welcher Vervollkommnung die muselmännischen Ehemänner jedoch wenig Lust bezeugten. [...]
Herr Reinlein lebt und webt nur in Musik und Theater, und da ich glaube, daß eine große Passion dieser Art, wenn sie hinlängliche Befriedigung findet, einen wahren Teil des Lebensglückes ausmacht, so ist Herr Reinlein nur dazu Glück zu wünschen; denn die Reiter auf Steckenpferden sind immer mehr zu beneiden als die, welche den Pegasus oder das Schlachtroß des Ehrgeizes wählten. [...]
In den äußern, dem Publikum offnen Gärten dieses Palastes, welche nach allen Seiten hin einen sehr großen Raum einnehmen, aber, wie fast alle Gärten des Orients, bloß verzierte Gemüse- und Obstplantagen sind, [...]
Von vielen Tausenden junger Ölbäume zum Beispiel, die er vor einigen Jahren gratis verteilen ließ, steht fast kein einziger mehr, weil man sie auf liederliche Weise pflanzte und dann nicht im geringsten unterhielt. [...]
Die Hauptpracht der Muselmänner ist immer für den Harem reserviert; dieser Teil der Residenz blieb uns aber unzugänglich, da leider einige der ausrangierten Damen hier zurückgeblieben waren. [...]
der berühmte schwedische Naturforscher Hedenborg, der vor Russegger der Region der Mondgebirge von allen Reisenden am nächsten gekommen ist und dies ohne alle Unterstützung der Behörden, seitdem jedoch durch eine schwere klimatische Krankheit, von der er sich noch bis jetzt nicht völlig erholen konnte, einstweilen untätig geblieben ist. [...]
Die Arbeiter beiderlei Geschlechts, Kinder und einige Greise für die leichtere, Erwachsene für die schwerere Arbeit, verdienen hier täglich, wie ich aus ihrem eignen Munde hörte, einen bis vier Piaster, was in diesem wohlfeilen Lande unserm Tagelohn völlig gleichkommt. Sie verrichten ihr Tagwerk in großen, luftigen und reinlichen Sälen, sind weit besser gekleidet als die Fellahs außerhalb, und es war mir eine Freude zu bemerken, wie gesund und heiter sie aussahen und mit welcher Milde sie durchgängig von den Aufsehern behandelt zu werden schienen.  [...]
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

Mehemed Alis Macht

Seine Hoheit [Muhammad Ali Paschaerhält überdem alle männlichen Kinder der Seeleute und gewährt ihnen vom Augenblick der Geburt an eine volle Ration, dieselbe wie dem Vater, nebst fünf Piaster monatlich an Geld.  [...]
Schiffskapitäne gibt es erster und zweiter Klasse. Die der ersten sind Beys und haben den Rang als Obersten in der Armee; die zweiter Klasse den eines Oberstleutnants.  [...]
Diese kurzen, aber ganz zuverlässigen Nachrichten werden genügen, einen richtigen Begriff von dem Belang der Seemacht Mehemed Alis zu geben, und verbunden mit dem, was ich im Verlauf dieses Werks über die Landarmee, den Länderumfang, die Einkünfte und Ressourcen des ägyptisch-nubisch-syrischen Reiches (wie es damals war) noch zu berichten haben werde, berechtigten sie mich wohl zu dem Glauben, daß es nur eine allen Parteien nachteilige Anomalie herbeiführe, einem Manne, welcher de facto ein mächtiger selbständiger Monarch ist, fortdauernd in der offiziellen Stellung eines abhängigen Pascha erhalten zu wollen. Ich dachte mir beim Anblick dieser großen, reellen Macht, daß wir in Europa mehrere Könige haben, deren Königreich kaum einer Provinz des Pascha an Umfang gleich kommt, so wie ihre Einkünfte nicht den zehnten Teil der Mehemed Alis erreichen, und so viel andere Souveräne außerdem, die nicht einmal mit einem Statthalter Mehemed Alis, wie zum Beispiel denen von Kandia und Sudan, an Macht und Glanz wetteifern können, ja von denen einige in der Tat nur als umfassungsreichere Grundbesitzer, wie es zum Beispiel die Herzöge Englands sind, mit einer von Gottes Gnaden hinzugefügten Souveränität erscheinen. Es mußte daher fortwährend zu gewaltsamen Folgen führen, daß ein so unnatürliches Verhältnis wie das jetzige aufrechterhalten wurde, und eine gesunde Politik hätte vielleicht einen solchen Zustand wohl nicht einmal zu erhalten wünschen sollen, selbst die der Pforte nicht, der ein mächtiger, durch gleiche Religion und folglich in der Hauptsache (Erhaltung der muselmännischen Herrschaft überhaupt) auch durch gleiches Interesse verbundener, unabhängiger Freund nötiger tut als ein – solange er seine Selbständigkeit nicht erreicht hat – stets gefährlich ihr gegenüberstehender Vasall, der es nur dem Namen nach ist und der an reeller kompakter Gewalt sie schon einmal weit überragte.
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

Fürst Pückler-Muskau rät an, sich selbst ein Bild zu machen

Der größte Teil der europäischen Kaufmannschaft zum Beispiel, namentlich in Alexandrien, ist dem Vizekönig aufsässig, aus Brotneid, weil er als einziger Kolossalkaufmann seines Landes sie durch sein System verhindert, die unwissenden Ägypter nach Belieben im freien Handel zu bevorteilen, und dies wohl zum Teil selbst übernimmt, überdies aber die Spekulanten mit überlegner Schlauheit und Macht häufig zwingt, ihm seine eignen Waren teurer abzukaufen, als es ihnen nachher Profit bringt. [...]
endlich in ehrlichen, aber imbezillen Philantropen, meistens Engländern, die, sobald sie einen Mann ohne Hosen am Leibe und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Roastbeef im Magen antreffen, Zeter schreien und die Grausamkeit des Pascha verwünschen, der solche Greuel veranlasse, ohne dabei zu untersuchen, welche Schuld bei allen hiesigen Mängeln den gebieterischen Umständen, eingewurzelten Mißbräuchen und unbesieglichen Nationalfehlern beizumessen ist und welche dem Willen des Pascha. – Noch weniger aber denken sie daran, daß es bei ihnen selbst oft viel schlimmer in dieser Hinsicht hergeht, ohne daß dieselben Entschuldigungsgründe stattfinden.  [...]
aber so viel rate ich doch wohlmeinend jedem Fremden: Er höre, wenn er nach Ägypten kommt, auf kein Geschwätz, es komme von seinem Konsul oder seinem Schneider, sondern er sehe selbst, unterrichte sich selbst und urteile dann auch selbst. Es gibt einen neueren Reisenden, der in fließendem Stil und nicht ohne Darstellungstalent alles, gleich Evangelien, niedergeschrieben hat, was ihm seine guten Freunde und sein Dragoman teils erzählend, teils angeblich übersetzend über Mehemed Ali und den Zustand Ägyptens aufbanden. Einem solchen Werk kann man in Europa Beifall und Glauben schenken – denn was weiß dort die Masse vom Orient? Wir sind wahrlich über die dortigen Verhältnisse und Zustände noch heute ebenso unwissend, als es die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten über alles außer Frankreich waren, und die ganze Welt hat leider hiervon die kläglichsten Beispiele im größten Maßstabe erst kürzlich gesehen, wird auch die Folgen noch lange zu bejammern haben; – wer aber in Ägypten mit solchen Büchern in der Hand reist und die geringste Ader eines Beobachters in sich hat, der möchte oft zweifelhaft werden, ob nicht das Ganze eine Mystifikation sei und die Verfasser, mit Champollion, Burkhard, Belzoni, Cailliaud usw. nebst einigen historischen Werken auf ihrem Schreibtische, ganz ohne diesen zu verlassen, Ägypten beschrieben haben. [...]
Da eine der größten Schwierigkeiten, mit denen der Vizekönig zu kämpfen hat, in der Immoralität seiner Behörden, ihrer Raubsucht und Bestechlichkeit besteht, deren üble Folgen dann von kurzsichtigen Reisenden alle dem Herrscher selbst beigemessen werden, so versuchte er, die türkischen Ortsvorsteher auf dem Lande durch arabische abzulösen. Der Erfolg hat aber der Absicht so wenig entsprochen, daß man wahrscheinlich zu den ersten wird zurückkehren müssen, die, wie sich einer meiner Berichterstatter in dieser Angelegenheit ausdrückte, «immer noch dezenter gestohlen hätten als die letztern». Mehemed Ali kennt dieses Grundübel in seiner Administration sehr wohl, aber eben dessen Allgemeinheit wie manche andre politische Gründe, die seine ungewisse Stellung zur Pforte und zu Europa mit sich bringen, machen die Ausrottung desselben höchst schwer.
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

Die Fellachen wirken in westlichen Augen ärmer, als sie sind

Die Häuser der Fellahs sind meistens kleine Hütten von an der Sonne gedörrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgeführt, ohne eine andere Öffnung als die Türe. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, geschützt, schattengebend im Sommer und geräumig genug für die geringen Bedürfnisse dieser Leute, während in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach besitzen, das nicht Schnee und Regen durchließe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angefüllten Schweineställe, in denen die armen Irländer hungern und die in jenem verhältnismäßig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gewähren, so richtet sich das Mitleid nach einer ganz andern Seite. Die Fellahs sind arm; aber in den geringsten Dörfern Ägyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, Käse, Eier, Gemüse in Fülle, auch Geflügel, in den größeren selbst Schlachtfleisch, was man uns gern für einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamitäten Ägyptens gehört – während in Griechenland häufig Zwiebeln und ein fast ungenießbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben müssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich hörte ich noch nie, daß ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag. Die Fellahs sind ferner höchst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bedürfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, daß die hiesigen Weiber, gleich den irländischen Frauen und Mädchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besaßen, um ihre Blöße soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gewändern, doch immer wie die übrigen Morgenländerinnen bis an den Mund verhüllt, wozu sie meisten 5-6 Goldstücke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgenäht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht übereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im fremden Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, daß mitten in Paris und London teilweise gräßlicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz Ägypten gefunden werden kann. Auch hörte ich nie von Selbstmorden, die bei uns so häufig sind, und die außerordentliche Abneigung der Fellahs, Soldaten zu werden, die sie zu den grausamsten Selbstverstümmlungen treibt, ist gleichfalls kein Beweis, daß sie sich in ihrem jetzigen Zustande so überschwenglich elend fühlten. Wer aber frisch aus Europa hier debarkiert und zum erstenmal das gemeine Volk in Schmutz und Lumpen gehüllt sieht, was im Orient gang und gäbe, in Europa aber nur die Livree des höchsten Elends ist, dessen Einbildungskraft wird zu leicht ergriffen, und er sieht von nun an mit gefärbter Brille, im Fall er nicht gar absichtlich falsch sehen will. Dahin gehören aber viele.
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

21 Februar 2015

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus
42 Berichte über Elternhäuser vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg liefern ein erstaunlich vielgestaltiges Bild:

Bittere Armut im Arbeiterhaushalt von Loki Schmidt, geb. Glaser (*1919), die aber durch vielseitige Fähigkeiten, Charakterstärke und hohes Bildungsinteresse der Eltern und einen guten Familienzusammenhalt sowie durch eine gute Schule einen fruchtbaren Bildungshintergrund schufen.
"Die Sommerferien verbrachte die ganze Familie in der Heide. Dort hatten meine Großeltern sich vor der Stadt am Nordrand der Lüneburger Heide (heute gehört es zum Stadtgebiet Hamburg) ein Grundstück gekauft (zwei Pfennig pro Quadratmeter). Die Heidetrockentäler mit kleinen Moorlöchern waren unser Spielplatz." (S.228)
Natürlich hatte der Vater dort ein kleines Holzhaus mit vier Schlafgelegenheiten gebaut, zwei Tanten wohnten nebenan in einem entsprechenden Holzhäuschen. Und der Geburtstag der Großmutter wurde am 28.7. von den 25 Mitgliedern der Familie mit einem selbstgemachten Theaterstück oder Singspiel gefeiert.

Bürgerliche Atmosphäre bei Egon Bahr (*1922), der als Grundschüler beim Zuhören und Zusehen beim väterlichen Stenographieunterricht für Erwachsene spielerisch lernte, was ihn dann von der Sekundarschule bis ins Alter selbstverständlich begleitete.
Er erhielt 50 Pfennig Taschengeld in der Woche und als Sänger des Torgauer Kirchenchores in der Oberstufe 27,50 Reichsmark "Chorgeld" (unklar, auf welchen Zeitraum bezogen). "Wir verreisten zweimal im Jahr", zu Verwandten in Schlesien oder Ostpreußen. (S.241)

Iring Fetscher (*1922) erlebte im bürgerlichen Dresden 1933 die Vertreibung seines Vaters von der Universität und seine Einstufung als "wehrunwürdig", was ihn nicht hinderte, seinerseits an eine Offizierslaufbahn zu denken. Als Arzt hat sein Vater an maßgeblicher Stelle mit der Versorgung der Bombenopfer zu tun, bemüht sich aber in vielen riefen, die Verbindung seines Sohnes zur Familie zu halten. Anfang April wurde der Vater "von einer SS-Streife erschossen, als er - zusammen mit anderen Nazigegnern - auf dem Weg zum sowjetischen Kommandanten war, um ihm die Zusammenarbeit der Antifaschisten anzubieten und so der Stadt Leiden zu ersparen." (S.253)

Der erste Bericht, der der Schauspielerin Ida Ehre, setzt kräftig ein: Nach dem Tod ihres Mannes mit nur 38 Jahren steht die Ungarin Bertha Ehre ohne Versorgung da. Sie entschließt sich aber, sich und ihre sechs Kinder mit Näharbeiten durchzubringen. Das gelingt ihr, auch wenn sie dafür u.a. ihren Ehering ins Pfandhaus tragen muss. So - hält Ida Ehre fest - ist sie nicht in einem Elternhaus aufgewachsen, sondern in ihrem Mutterhaus.
Ida kommt über eine Schauspielerin in höchst prominente Kreise (Grafen, Minister und andere Berühmtheiten) und erhält schließlich ein Stipendium für eine Ausbildung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Zu ihrem Standardsatz bei der Ausbildungssuche "Bezahlen kann ich aber nicht." tritt in der Nazizeit der Satz "Ich lebe in einer privilegierten Mischehe." (S.19)
Ihr Mutterhaus verliert Ida, als sie ihre Mutter in der Nazizeit nicht mehr zu sich einladen kann. Aus innerem Drang fährt sie 1938 nach Wien, erfährt, dass ihre Mutter in einem Gestapogefängnis auf ihre Deportation wartet. Ida kann sie noch bei ihrem Abtransport sehen ("Auf Wiedersehen, meine geliebten Kinder").

Der letzte schriftliche Gruß der Mutter enthält den Satz:
"Mein geliebtes Kind - die Welt kann nur miteinander leben, wenn das Wort Liebe groß geschrieben ist - Liebe und Toleranz - nicht hassen - nur lieben."
(Zweite Lektüre nach 1999) 

sieh auch: 
"Meine Heimat ist mein Elternhaus", Interview mit der Armenierin Sesede Terziyan, 6.3.15

Clark in "Preußen" zu Friedrich II.

Friedrich II. schaffte die Folter 1740 schon drei Tage nach Regierungsantritt ab, zunächst freilich mit der Ausnahme von "Majestätsverbrechen und Landesverrat sowie Massenmord", um Komplizen ausfindig machen zu können. (S.300) 1750 nahm er diese Einschränkung des Folterverbots zurück.

Er nahm Johann Christian Edelmann, der in ganz Europa verfolgt wurde, in Berlin auf, ließ freilich seine Schriften verbrennen und erteilt ihm ein Publikationsverbot. (S.301) 

Trotz dieser Ambivalenzen sahen Aufklärer ihn als Verbündeten, und argumentierten "dass die Liebe des Königs bloße Untertanen in aktive Teilnehmer am öffentlichen Leben des Vaterlandes verwandeln könne" (S.302).
"Der berühmte Satz, den Kant Friedrich in den Mund legte, 'Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!', wurde nicht als Wahlspruch eines Despoten aufgefasst. Vielmehr sah man darin das Potential zur Selbstveränderung in einer aufgeklärten Monarchie." (S.302)

Die preußische Regierung stützte sich bei der Abfassung von Gesetzen sehr stark auf Konsultationen, auch wurde die Gesetzesreform, die zum preußischen Landrecht führen sollte, nicht nur Experten vorgelegt, sondern sogar ein öffentlicher Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, der zur Diskussion der Reform aufrief (S.303).

Im siebenjährigen Krieg vertraute Friedrich die staatliche Münzverwaltung zwei Juden an und ließ sie eine Münzverschlechterung einführen, die dem Staat 29 Millionen Taler einbrachte, dabei freilich auch Itzig und Ephraim den reichsten Männern Preußens zuführte. (S.305)

Von den Juden profitierte freilich nur der geringste Teil von dieser Offenheit. Die Masse blieb hoher Diskriminierung ausgesetzt, die viele in Kleinstwarenhandel oder offene Bettelei trieb. Schließlich hatte Friedrich seinerseits ein starkes antisemitisches Vorurteil und sah die Juden - wie frühere Herrscher vor ihm - primär als "Hilfe die Staatseinnahmen zu steigern" (S.306)

19 Februar 2015

Brandenburg-Preußen: Vom 30-jährigen zum siebenjährigen Krieg

Christopher Clark berichtet in "Preußen" (2006), dass die Kabinettskriege Friedrichs II. weit weniger Verheerungen als die im 30-jährigen Krieg verursachten, dass aber dennoch die Freikorps, die russischen Kosaken, die österreichischen Panduren und auch französische Korps, die nicht vom Staat mit Nachschub versehen wurden, sondern sich selbst "bezahlt" machten, schreckliche Gräueltaten vollbrachten. (S.251)
Schon im siebenjährigen Krieg, deutlicher noch im Bayerischen Erbfolgekrieg wusste Friedrich sich zum Vormann der Protestanten in Deutschland zu machen und dadurch sein Gegengewicht gegen den katholischen Kaiser zu verstärken. (S.259/60)
Erstmals im siebenjährigen Krieg kommt ein energischer preußischer Patriotismus auf, der sich extrem von der kritischen Haltung der lutherischen Brandenburger gegenüber ihren calvinistischen Kurfürsten in der Zeit des 30-jährigen Krieges und der Folgezeit unterschied. (Begeisterung für Fehrbellin war 1675 nur Sache einer kleinen Elite gewesen.) (S.261-274)
Christopher Clark: Preußen (2006)

Ein Kuriosum:
Kant hatte bei seinem Tode 1804 nur 450 eigene Bücher. Alle übrigen muss es sich über soziale Netzwerke ausgeliehen haben. (S.296)

17 Februar 2015

Das Glück im Rückblick (Irrungen, Wirrungen)

Ja, der Ausflug nach Hankels Ablage, von dem man sich so viel versprochen und der auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war in seinem Ausgange nichts als eine Mischung von Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen, und nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein sein »Gute Nacht, Lene« gesagt hatte, war diese noch einmal auf ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm geküßt: »Ach, Botho, es war heute nicht so, wie's hätte sein sollen, und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht.« »Laß es, Lene.« »Nein, nein. Es war niemand schuld, dabei bleibt es, daran ist nichts zu ändern. Aber daß es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.« »Lene...« »Du mußt noch einen Augenblick hören. Ach, mein einziger Botho, du willst es mir verbergen, aber es geht zu End'. Und rasch, ich weiß es.« »Wie du nur sprichst.« »Ich hab' es freilich nur geträumt«, fuhr Lene fort. »Aber warum hab' ich es geträumt? Weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur, was mir mein Herz eingab. Und was ich dir noch sagen wollte, Botho, und warum ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: Es bleibt doch bei dem, was ich dir gestern abend sagte. Daß ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glück und bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von heut' ab unglücklich werde.« »Lene, Lene, sprich nicht so...« »Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen, und will es nicht wahr haben. Aber ich weiß es: Gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«
(Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, 14. Kapitel)

Botho wird dringlich von seiner Mutter ermahnt, dass er - um die Finanzen der Familie zu retten - reich heiraten müsse, und schreibt Lene den Abschiedsbrief:

»Liebe Lene. Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell... Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen. Gegen neun bin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehn. Dein B. v. R.«
Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.
»Es ist recht, daß du kommst... Ich freue mich, daß du da bist. Und du mußt dich auch freuen.«
Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht, und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte: »Nein, Frau Dörr ist drin...«
»Und ist uns noch bös?«
»Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was sollen wir heut mit ihr? Komm, es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allein sein.«
Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hof auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach, als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten.
Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still, nur vom Felde her hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen.
Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: »Und das ist nun also das letzte Mal, daß ich deine Hand in meiner halte?«
Und nun komm und laß uns ins Feld gehn. Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und find es kalt hier im Stillsitzen.«
Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich sichtbar unter dem sternklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier.
»Weißt du noch«, sagte Botho, »wie wir mit Frau Dörr hier gingen?«
Sie nickte. »Deshalb hab ich dir's vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen: ›Denkst du daran‹. Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir dabei leicht zumute wird.« 
(Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, 15. Kapitel)


15 Februar 2015

Martin Walser: Verteidigung der Kindheit (Quellen)

Manfred Ranft wurde 1929 in Dresden geboren. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde sein Zuhause vernichtet und mit ihm alle Erinnerungen an seine Kindheit. Auch seine Großeltern sind in dieser Nacht verbrannt. Dieser Verlust lässt Ranft nie wieder los, verzweifelt versucht er, ihn zu kompensieren. Als Erwachsener beginnt er alles zu sammeln, was ihm diese Zeit zurückbringt: Er versucht, alte Fotos von seiner Familie und Erinnerungsstücke zu ergattern, er notiert aus dem Gedächtnis Sätze, die früher gesagt wurden. So verteidigt er die Kindheit gegen die Zukunft – besonders nach dem Tod seiner Mutter, die für ihn das letzte Bindeglied zur Vergangenheit gewesen ist. [...] Das Sammeln bleibt, bis zu seinem Tod 1987, Ranfts große Leidenschaft.
Der Schriftsteller Martin Walser hat Manfred Ranfts Geschichte in dem biografischen Roman Die Verteidigung der Kindheit erzählt, der 1991 erschien und von dem Marcel Reich-Ranicki sagte, er sei eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun sind die Dokumente, auf die sich Walsers Buch stützt, im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen: Bilder und Aufzeichnungen von Manfred Ranft. Sie sind Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen,die sich anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Bombardierung mit literarischen Zeugnissen der Zerstörung beschäftigt. [...]
(Martin Walser: "Eine unersättliche Gier nach Vergangenheit")