28 September 2014

Aus dem Wandsbecker Boten und "Freund Hain"

’n fröhlichs Neujahr, ’n fröhliches Neujahr für mein liebes Vaterland, das Land der alten Redlichkeit und Treue! ’n fröhlichs Neujahr, für Freunde und Feinde, Christen und Türken, Hottentotten und Kannibalen! für alle Menschen über die Gott seine Sonne aufgehen, und regnen lässet! und für die armen Mohrensklaven, die den ganzen Tag in der heißen Sonne arbeiten müssen! ’s ist ein gar herrlicher Tag, der Neujahrstag! ich kann’s sonst wohl leiden, dass einer ’n bisschen patriotisch ist, und andern Nationen nicht hofiert. Bös muss man freilich von keiner Nation sprechen; die Klugen halten sich allenthalben stille, und wer wollte um der lauten Herren willen ’n ganzes Volk lästern? wie gesagt, ich kann’s sonst wohl leiden, dass einer so ’n bisschen patriotisch ist, aber Neujahrstag ist mein Patriotismus mausetot, und ’s ist mir an dem Tage, als wenn wir alle Brüder wären und Einer unser Vater der im Himmel ist, als wären alle Güter der Welt Wasser, das Gott für alle geschaffen hat, wie ich mal habe sagen hören usw.
Ich pflege mich denn wohl alle Neujahrsmorgen auf einen Stein am Weg hinzusetzen, mit meinem Stab vor mir im Sand zu scharren und an dies und jens zu denken. Nicht an meine Leser; sie sind mir aller Ehren wert, aber Neujahrsmorgen auf dem Stein am Wege denk ich nicht an sie, sondern ich sitze da und denke dran, dass ich in dem vergangnen Jahr die Sonne so oft hab aufgehn sehen, und den Mond, dass ich so viele Blumen und Regenbogen gesehn, und so oft aus der Luft Odem geschöpft und aus dem Bach getrunken habe [...] (Wandsbecker Bote Nr. 1, 1772)
Freund Hain ist ein Roman über Matthias Claudius von Hans-Peter Kraus.
Freund Hain spielt darin wie im Leben von Claudius eine wichtige Rolle und Claudius' Werke, nicht zuletzt der Wandsbecker Bote,  auch, wie man sieht.

Ist Claudius nicht auffallend politisch unkorrekt mit seinen "Hottentotten und Kannibalen"?Aber wieso nur will er so gar nicht zu AfD und NPD passen?

27 September 2014

Ein Traum

Als ich endlich um 4 Uhr zu Haus kam und beim rosigen Tageslicht eingeschlafen war, bildete ich mir ein, mein Lager sei das Moos eines Waldes. Da weckte mich ein klägliches Geschrei. Ich sah mich um und erblickte einen armen Teufel, der eben von der Spitze eines hohen Baumes schräg durch die Luft fuhr, und neben mir zur Erde stürzte. Stöhnend und leichenblaß raffte er sich auf und jammerte schmerzlich: nun sei es aus mit ihm! Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, als ein Wesen, das einem zugestöpselten Tintenfaß glich, herbeikam und dem halbtoten Menschen unter Flüchen noch mehrere Stöße mit dem Stöpsel gab. Ich packte es aber, zog den Stöpsel heraus, und wie die Tinte nachströmte, verwandelte es sich in einen Mohren in glänzend silberner Jacke und prächtigem costume, der lachend rief: ich sollte ihn nur in Frieden lassen, er wolle mir Sachen zeigen, wie ich noch nie gesehen. 
Jetzt fingen auch sogleich Zaubereien an, die alle Pinettis und Philadelphias der Welt weit hinter sich zurückließen. Ein großer Schrank, unter andern, veränderte seinen Inhalt jeden Augenblick und alle Schätze Golkondas mit den unerhörtesten Seltenheiten kamen nacheinander zum Vorschein. Ein dicker Mann mit vier hübschen Töchtern, welcher eifrig zusah, und den ich sogleich als einen Herrn erkannte, der früher in Brighton Bälle gab, und Rolls hieß, weshalb man ihn (seiner Korpulenz wegen) ›double-rolls‹, seine Töchter aber ›hot-rolls‹ nannte, äußerte indes, das Ding daure ihm zu lange, er sei hungrig. 
Sogleich rief der beleidigte Zauberer mit zorniger Miene, indem sein Anzug sich vor unsern Augen scharlachrot färbte: Zwei wird fünf und sieben zehn. Augen eßt! Der Mund soll seh'n, Vorn und hinten wechselt schnell. Fitzli butzli very well. 
Kaum war diese Verschwörung ausgesprochen, als ein prächtiges Mahl erschien, und der arme Rolls sich eifrig frische grüne Erbsen in die Augen steckte, die auch ohne alle Umstände heruntergingen, während er, mit dem lorgnon vor dem Munde, alle die übrigen Wunderdinge, die sich auf der Tafel ausbreiteten, betrachtete und in Gedanken verschlang. Jetzt wollte er Frau und Töchter auch dazu einladen, konnte aber über kein anderes Sprechorgan als dasjenige disponieren, dem gewöhnlich das Lautwerden untersagt ist, so daß alle ›hot-rolls‹ sich über Papas sonderbare ›propos‹ fast totlachen wollten. 
Zu guter Letzt ging er noch, in der groteskesten Verdrehung, auf den Händen zum Zauberer hin, um sich zu bedanken, und langte en passant mit den Füßen in eine Schüssel tutti frutti, die sein neues Sprachorgan mit einem melodischen: »Delicious!« begleitete. (Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen)

14 September 2014

Die Brüder Mann und Brecht

Max Frisch hat einmal gesagt, Thomas Mann habe zwar lange in seiner Nähe gewohnt, aber er (Frisch) habe nie seine Nähe gesucht, er habe nicht geglaubt, dass Mann ihm etwas zu geben haben würde. Dagegen sei Brecht der Mann gewesen, dessen Größe immer einschüchternder gewesen sei, wenn man ihn nicht gesehen habe. Aushaltbar nur durch Nähe.
Und Frischs Texte über Brecht zeigen dann einen wahrhaft Großen. Eine Figur, von der man kaum glauben kann, dass sie heute - wo viele seiner Texte so aktuell sind - im literarischen Leben so wenig Aufmerksamkeit findet.

Doch was hat das mit Heinrich und Thomas Mann zu tun?

Thomas kann mit 25 Jahren auf ein - in seiner Art - unübertreffliches Meisterwerk zurückblicken, das ihm den Nobelpreis einbringen sollte. Aber er bleibt dabei nicht stehen, entwickelt sich fort in Zeitromanen, seiner großen mythologischen Tetralogie Joseph und seine Brüder, seiner höchst individuellen Bearbeitung des Fauststoffs und den großartigen humorgetränkten Alterswerken.

Heinrich schafft später als Thomas die großen Werke, die seinen Ruhm begründen: Professor Unrat  1905 und Der Untertan 1918 und sein Hauptwerk, den Henri Quatre 1935. Dazwischen und danach durchaus Bemerkenswertes, aber nichts, was wie Thomas Manns Werke fast alle bleibende allgemeine Aufmerksamkeit erregt hätte. 

Gegenwärtig lese ich parallel in Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger, Hanser 1995 und Manfred Flügge: Heinrich Mann. Eine Biographie. Rowohlt 2006.

Später mehr, z.B. dazu, wie Thomas Mann immer wieder an Goethe angeknüpft hat und dazu, wie Brecht anders als Thomas Mann das poetische Universalgenie des 20. Jahrhunderts wurde. (Freilich, unter den Labels  und  habe ich schon einiges dazu gesagt, mehr, als mir beim Schreiben dieses Eintrags bewusst war.)

10 September 2014

Unfallgefahr für Arbeiter

Die armen Arbeiter sind doch mitunter übel daran! Sie verdienen zwar hinlänglich, aber mehrere ihrer Beschäftigungen sind auch, bei der geringsten Nachlässigkeit, bei dem kleinsten Versehen, oft furchtbar gefährlich. So sah ich heute einen, dessen Geschäft es ist, bei dem Stampfen der Livree-Knöpfe den Würfel zu halten, und dem bei dieser Gelegenheit schon zweimal der Daumen zerschmettert wurde, welcher jetzt nur noch einen kleinen unförmlichen Fleischklumpen bildete. Wehe denen, die den Dampf- und andern Maschinen mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere faßte diese unerbittliche Macht, und zerquetschte sie, wie die grausame Boa ihre hilflose Beute. Dabei sind viele Arbeiten so ungesund wie in den Bleiwerken Sibiriens, und bei manchen ist ein Geruch auszustehen, den der ungewohnte Besucher kaum minutenlang ertragen kann. Es hat alles seine Schattenseite, auch diese hochgesteigerte Industrie, doch ist sie deshalb nicht zu verwerfen. Hat doch selbst die Tugend ihre Nachteile, wo sie im geringsten das Maß überschreitet, und dagegen das Schlimmste, ja das Laster nicht ausgenommen, seine lichteren Stellen.

Pückler-Muskau, Briefe eines Verstorbenen

09 September 2014

Ferien

Wie anders sehen sie sich an, ob man an ihrem Beginn oder an ihrem Ende steht.
Doch wenigstens durch Perspektivwechsel kann man etwas von ihren Wonnen sich auch kurz vor Ferienende sich vergegenwärtigen. Schlüpfen wir also in zwei Teenager, die von PISA noch nichts gehört haben:
"Da haben wir die Fähre und den Fährmann und schwimmen auf dem Wasser. Zwei eben dem Knabenalter entwachsende und ihren Röcken und Hosen anscheinend spargelhaft über Nacht entwachsene Jünglingsmenschen – Obertertianer oder Untersekundaner jedenfalls – fahren mit über, und der eine spricht zum andern:
»Du, Karl, ich weiß einen, der wird sich heute über vier Wochen wundern.«
»Na?«
»Mein Alter naturellement! Trotz allem Büffeln und Ochsen ist das Vierteljahr durch kein Tag alle geworden, an dem er nicht behauptet hat, ich stänke vor Faulheit: uh, laß ihn mich nur erst mal nach diesen großen Ferien, heute über vier Wochen, riechen! Wenn er sich da nicht die Nase zuhält, so hat er sicher einen borstigen Schnupfen.«
Das andere Ideal einer zärtlichen Mutter, das sich so lang als möglich auf einer Bank des Fahrzeuges hingeflegelt hat, antwortet gar nicht im unendlichen Genuß des Daseins. Nur durch ein grunzendes Gestöhn gibt es seiner Billigung und seinem Behagen Ausdruck.
Die großen Ferien – die Hundstagsferien haben ihren Anfang genommen; die beiden holden Knaben kehren mit ihren grünen Botanisierkapseln und Turnäxten vom ersten freien Ausflug in die himmlische rand- und bandlose Natur unter das väterliche Hausdach zurück, und ach, was gäbe man darum, wenn man in der Haut und den Gefühlen eines der zwei Lümmel steckte! Am liebsten steckte man in den Gefühlen und Häuten beider; denn wer hat je der Lebensseligkeiten genug gehabt, wenn sie ihm mit vollen Löffeln geboten wurden?!"
Das führt uns Wilhelm Raabe vor, denn: "Wir wünschen eine vergnügliche Geschichte zu schreiben, ..." etwas, was Raabe nicht gar so häufig vorzuhaben scheint, auch wenn Emilie seine Romane denen ihres Gatten Theodor - Fontane natürlich - vorzuziehen pflegte.

"Vergnüglich", dann wird es wohl Horacker sein und in der Tat, er ist es. (Unser Text ist hier zu finden.)

08 September 2014

Hawkstone Park

Hawkstone Park, den 2ten Januar 1827 

Geliebte Freundin! Obgleich ich gestern mich sehr parkblasiert fühlte, und nicht glaubte, noch irgendein lebhaftes Interesse für dergleichen fassen zu können, so bin ich doch heute wieder umgewandelt worden, und muß Hawkstone sogar vor dem bisher Gesehenen den Vorzug geben, welchen ihm, nicht Kunst, noch Pracht und aristokratischer Glanz, sondern die Natur allein verleiht, die hier Außerordentliches getan hat, ja in einem Grade, daß ich, selbst mit der Macht begabt der Schönheit dieser Gegend noch etwas hinzuzusetzen (Gebäude ausgenommen), nicht aufzufinden wüßte, was. Es scheinen hier durchaus alle Elemente für die günstige Lage vereinigt, wie Du aus einer einfachen Beschreibung selbst entnehmen wirst. Wirf also Deine Geistesaugen auf einen Erdfleck von solchem Umfang, daß Du von dem höchsten Punkt darin, rund umher den Blick über 15 verschiedene Grafschaften schweifen lassen kannst. Drei Seiten dieses weiten Panoramas heben und senken sich in steter Abwechselung mannigfacher Hügel und niedriger Bergrücken, gleich den Wogen der bewegten See, und werden am Horizont von den höchst seltsam geformten, zackigen Felsen und hohen Gebürgen von Wales umgeben, die sich auf ihren beiden Enden sanft nach der vierten Seite der Aussicht, einer fruchtbaren, von Tausenden hoher Bäume beschatteten Ebene abdachen, welche in dämmernder Ferne, da, wo sie mit dem Himmelsgewölke zusammenfließt, von einem weißen Nebelstreife, dem Meere, begrenzt wird. Das Waliser Gebürge ist zum Teil mit Schnee bedeckt, und alles fruchtbare Land dazwischen so eng mit Hecken und Bäumen durchwirkt, daß es in der Ferne mehr den Anblick eines lichten Waldes gewährt, den nur hie und da Gewässer, mit unzähligen größeren und kleineren Wiesen und Feldern durchschneiden. Grade in der Mitte dieser Szene siehst Du nun auf einer Berggruppe, über die nahen Wipfel alter Buchen- und Eichwälder hinschauend, die oft mit den üppigsten Wiesenabhängen abwechseln, und deren Inneres 5-600 Fuß hohe Felsenwände mit hellgrün glänzenden, zutage gehenden Kupferadern, nach mehreren Richtungen durchkreuzen, und vielfache tiefe Gründe und freundliche Täler bilden. An einer der finstersten Stellen dieser Wildnis erheben sich die uralten Ruinen der ›Roten Burg‹, ein prachtvolles Andenken aus den Zeiten Wilhelm des Eroberers. Nun denke Dir noch, daß diese ganze romantische Berggruppe, die sich, ganz für sich allein bestehend, aus der Ebene erhebt, fast in regelmäßigem Kreise von den silberhellen Wellen des Hawk-Flusses umströmt wird, und dieser so natürlich eingeschlossene Raum eben der Park von Hawkstone ist, ein auch in der Umgegend so anerkannt reizender Ort, daß die jungen Ehepaare aus den nahen Städten Liverpool und Shrewsbury seit lange die Gewohnheit haben, wenn ihre Trauung in die schöne Jahreszeit fällt, die ersten Wochen des neuen süßen Glücks in Hawkstone zuzubringen. Vielleicht ist dies die Ursache, daß dieser Park, ganz wider die englische Sitte, mehr dem Publikum als seinem Besitzer gewidmet ist, der gar nicht hier wohnt, ja dessen Haus verfallen und unansehnlich in einem Winkel des Parks, gleich einem hors d'œuvre, verborgen liegt. Dagegen ist ein schöner Gasthof darin erbaut, der besagte Ehepaare, sowie Liebende aller Art, nebst andern Naturfreunden, mit den ausgesuchtesten Betten und solider Stärkung durch Speise und Trank versorgt. Hier schlugen auch wir unser Lager auf, und begannen, nach einem guten Frühstück à la fourchette, den langen Weg zu Fuß – denn wegen des schwierigen Terrains kann der Park nicht befahren werden. Die kletternde Promenade, die im Winter sogar nicht ganz ohne Gefahr ist, dauerte vier Stunden. Über einen weiten Wiesenplan, von Eichen beschattet und von weidenden Herden bedeckt, wanderten wir auf sehr nassem Boden (denn es hatte leider die ganze Nacht geregnet und geschneit) den Kupferfelsen zu. Diese erheben sich über einen hohen Abhang alter Buchen, wie eine darüberhängende Mauer, und sind oben wieder mit schwarzem Nadelholz gekrönt,...

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen