29 August 2014

Aus dem Leben einer Hansestadt

Wer hinter einem Ladentisch stand, war ein Krämer und gehörte in die Kategorie des Handwerks. Die alten Unterschiede zwischen Kaufleuten und Krämern, die einen Laden hatten, bestanden also immer noch. Als Mitte der fünfziger Jahre meine älteste Tochter, die als Studentin bei mei­ner in Hamburg verheirateten Cousine wohnte, sagte, sie gehe zum Kaufmann, um einzuholen, korrigierte diese: »Das heißt 'Krämer'.« [...]
Die Tradition in den Hansestädten war eine andere als in den monarchisch regierten Gliedstaaten des deutschen Reiches. [...]
Höfisches Leben hatte es nie gegeben. Ein Herrscherhaus fehlte und wurde nicht entbehrt. Die Obrigkeit war der Rat, später der Senat; Mitglieder waren Handelsherren, nach und nach auch Juristen. Die Ratsgeschlechter, wie sie ehedem hießen, kamen und vergingen. Sie beruhten auf Herkunft und Bewährung zugleich. Die materielle Existenz der Handelsher­ren hing auch von der Obrigkeit ab, sie achteten deshalb bei Bestellung der Senatoren auf deren Leistungsfähigkeit. Nepo­tismus war zu teuer.
[...] Das Universitätsstudium war bis ins 19. Jahrhundert hinein sehr kostspielig. Eine Ausnahme machte die Theologie. Für sie flossen beachtliche Stipendien, die als gottgefällige Leistung galten. Der erste Handwerkersohn, der auf die Universität ging, wurde meist Pastor, dessen Sohn Lehrer, Arzt oder Jurist. Letzteres vielfach erst der Enkel. Dagegen spielte das Militärische in Lübeck — im Unterschied zu seiner Hochschätzung im übrigen Deutschland — kaum eine Rolle. [...] Ein reicher Handelsherr aus unserer Familie, auch er Senator, hatte in seinem Testament diejenigen Töchter, die Offiziere heirateten, auf den Pflichtteil beschränkt, und das wurde nach seinem Tod 1921 strikt eingehalten. Er war kein Gegner des Militärs, aber er mißtraute diesem Beruf, der »eben doch nicht ganz solide« sei.

(Theodor Eschenburg: Also hören Sie mal zu, 1995)

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27 August 2014

Raffael, Titian und Machiavelli - Kunstschätze auf Warwick Castle

Die Kunstschätze sind unzählbar, und die Gemälde, unter denen sich auch nicht ein mittelmäßiges befand, sondern die fast alle von den größten Meistern sind, haben überdem zum Teil ein ganz besonderes Familien-Interesse, da sehr viele Portraits der Ahnen sich darunter befinden, von der Hand Titians, Van Dycks und Rubens gemalt. Der größte Schatz, und zwar ein unschätzbarer, ist eins der bezauberndsten Bilder Raphaels, die schöne Johanna von Aragonien (eine nicht genau historisch auszumittelnde Person) von der es, seltsam genug, vier Bilder gibt, alle höchst vortrefflich, und die alle für das echte Original ausgegeben werden, drei davon jedoch ohne Zweifel Kopien sein müssen, dem Vorbilde aber so gut wie gleich geworden sind. Das eine ist in Paris, das andere in Rom, das dritte in Wien, das vierte hier. Ich kenne sie alle vier, und muß unbedingt dem hiesigen den Vorzug geben. Es liegt ein Zauber in diesem herrlichen Weibe, der nicht auszusprechen ist! Ein Auge, das in die Tiefen der Seele führt, königliche Hoheit, verbunden mit der weiblichsten Liebesempfänglichkeit, wollüstiges Feuer im Blick, zugleich mit süßer Schwermut gepaart, dabei eine schwellende Fülle des schönsten Busens, eine durchsichtige Zartheit der Haut, und eine Wahrheit, Glanz und Grazie der Gewänder, wie des ganzen Schmucks der Bekleidung – so, wie es nur ein so göttliches Genie in himmlischer Schöpferkraft vollständig hervorrufen konnte. Zu den interessantesten Portraits, durch das historische Interesse, welches man an den Personen nimmt, noch erhöht, gehören folgende: Zuerst Machiavelli, von Titian. Ganz, wie ich mir ihn gedacht. Ein feines und kluges, und doch dabei leidendes Gesicht, wie trauernd über die so tief erkannte, nichtswürdige Seite des menschlichen Geschlechts, jene hündische Natur, die nur liebt, wenn sie getreten wird, nur folgt, wo sie fürchtet, nur treu ist, wo sie Vorteil davon hat. Ein Zug mitleidigen Spottes umschwebt die schmalen Lippen, während das dunkle Auge nachdenkend in sich selbst hineinzuschauen scheint. Es deucht einem im ersten Augenblick sonderbar und auffallend, daß dieser große und klassische Schriftsteller so lange auf die abgeschmackteste Weise mißverstanden worden ist, entweder als ein moralisches Scheusal geschildert (und wie albern ist in dieser Hinsicht die Refutation Voltaires) oder gar die abenteuerliche Hypothese aufgestellt, daß sein Buch eine Satire sei! Bei näherer Betrachtung erlangt man indes bald die Überzeugung: daß nur die neuere Zeit, welche endlich anfängt, die Politik aus einem höhern, wahrhaft menschlichen Gesichtspunkte zu verstehen und zu behandeln, Machiavellis ›Fürsten‹ richtig beurteilen konnte . Dieser tiefe und scharfsinnige Geist gibt wirklich den Fürsten der Willkür – so nenne ich aber alle die, welche sich nur par la grâce de Dieu, um ihrer selbst willen, ›Fürsten‹ glauben; alle Eroberer, auch alle Glückspilze der Geschichte, denen durch ein blindes Ohngefähr Völker geschenkt wurden, die sie für ihr Eigentum ansahen – dieser Art Fürsten also, sage ich, gibt er die einzige und wahre Weise an, wie sie prosperieren, die einzigen erschöpfenden Regeln, die sie befolgen müssen, um ihre, von Haus aus auf dem Boden der Sünde und des Irrtums erwachsene Macht erhalten zu können. Sein Buch ist und bleibt für ewige Zeiten das unübertreffliche, das wahre Evangelium für solche, und wir Preußen insbesondere mögen uns Glück wünschen, daß in neuester Zeit Napoleon ›seinen Machiavelli‹ so schlecht inne hatte, weil wir sonst wohl noch unter seinem Joche seufzen möchten! Wie herrlich geht aber über diesem Abgrund, dem seine relative Wahrheit nicht abzustreiten ist, die Sonne des repräsentativen Volksfürsten neuerer Zeit auf! Wie nichtig wird dann, von dieser Basis ausgehend, das ganze Gebäude der Finsternis, welches Machiavelli so meisterhaft entwickelt, und sinkt vor ihren Strahlen in Nichts zusammen, denn es braucht ja nun weder mehr der List und Unwahrheit, noch der despotischen Gewalt und Furcht, um zu regieren....

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

22 August 2014

Warwick Castle

Warwick den 28sten Dez. 1826
 Teuere Julie! 
Beim Himmel! diesmal erst bin ich von wahrem und ungemeßnem Enthusiasmus erfüllt. Was ich früher beschrieben, war eine lachende Natur, verbunden mit allem, was Kunst und Geld hervorbringen können. Ich verließ es mit Wohlgefallen, und obgleich ich schon Ähnliches gesehen, ja selbst besitze, nicht ohne Verwunderung. Was ich aber heute sah, war mehr als dieses, es war ein Zauberort, in das reizendste Gewand der Poesie gehüllt, und von aller Majestät der Geschichte umgeben, dessen Anblick mich noch immer mit freudigem Staunen erfüllt. Du erfahrne Historienkennerin und Memoirenleserin weißt besser als ich, daß die Grafen von Warwick einst die mächtigsten Vasallen Englands waren, und der große Beauchamp, Graf von Warwick, sich rühmte, drei Könige entthront, und ebenso viele auf den leeren Thron gesetzt zu haben. Sein Schloß steht schon seit dem 9ten Jahrhundert und ist seit Elisabeths Regierung im Besitz derselben Familie geblieben. Ein Turm der Burg, angeblich von Beauchamp selbst erbaut, hat sich ohne alle Veränderung erhalten, und das Ganze steht noch so kolossal und mächtig, wie eine verwirklichte Ahnung der Vorzeit da.
 Schon von weitem erblickst Du die dunkle Steinmasse [Bild], über uralte Zedern vom Libanon, Kastanien, Eichen und Linden, senkrecht aus den Felsen am Ufer des Avon, mehr als 200 Fuß hoch über die Wasserfläche emporsteigen. Fast ebenso hoch noch überragen wieder zwei Türme von verschiedener Form das Gebäude selbst. Der abgerissene Pfeiler einer Brücke, mit Bäumen überhangen, steht mitten im Fluß, der, tiefer unten, grade wo die Schloßgebäude beginnen, einen schäumenden Wasserfall bildet, und die Räder der Schloßmühle treibt, welche letztere, mit dem Ganzen zusammenhängend, nur wie ein niedriger Pfeilervorsprung desselben erscheint. Jetzt verlierst Du im Weiterfahren eine Weile den Anblick des Schlosses, und befindest Dich bald vor einer hohen krenelierten Mauer aus breiten Quadern, durch die Zeit mit Moos und Schlingpflanzen bedeckt. Die Flügel eines hohen eisernen Tors öffnen sich langsam, um Dich in einen tiefen, durch den Felsen gesprengten Hohlweg einzulassen, an dessen Steinwänden ebenfalls von beiden Seiten die üppigste Vegetation herabrankt. Dumpf rollt der Wagen auf dem glatten Felsengrunde hin, den in der Höhe alte Eichen dunkel überwölben. Plötzlich bricht bei einer Wendung des Weges das Schloß im freien Himmelslichte aus dem Walde hervor, auf einem sanften Rasenabhang ruhend, und zwischen den ungeheuren Türmen, an deren Fuß Du Dich befindest, verschwindet der weite Bogen des Eingangs zu dem Schein einer unbedeutenden Pforte. Eine noch größere Überraschung steht Dir bevor, wenn Du durch das zweite eiserne Gittertor den Schloßhof erreichst. Etwas Malerischeres und zugleich Imposanteres läßt sich beinah nicht denken! Laß Dir durch Deine Phantasie einen Raum hinzaubern, ungefähr noch einmal so groß als das Innere des römischen Colosseums, und versetze Dich damit in einen Wald voll romantischer Üppigkeit. [...]
Vor Dir jedoch erwartet Dich, wenn Du jetzt den Blick nach der Höhe erhebst, von allem das erhabendste Schauspiel. Denn auf dieser vierten Seite steigt aus einem niedrigen bebuschten Kessel, den der Hof hier bildet, und mit dem sich auch die Gebäude eine geraume Strecke senken, das Terrain von neuem, in Form eines konischen Berges steil empor, an dem die gezackten Mauern des Schlosses mit hinan klimmen. Dieser Berg, der ›Keep‹, ist bis oben dicht bewachsen mit Gesträuch, das jedoch nur den Fuß der Türme und Mauern bedeckt. Dahinter aber ragen, hoch über alle Steinmassen, noch ungeheure uralte Bäume hervor, deren glatte Stämme man wie in der Luft schwebend erblickt, während auf dem höchsten Gipfel eine kühne Brücke, auf beiden Seiten von den Bäumen eingefaßt, gleich einem hehren Himmelsportal plötzlich die breiteste, glänzendste Lichtmasse, hinter der man die Wolken fern vorüberziehen sieht, unter dem Schwibbogen und den dunklen Baumkronen durchbrechen läßt. Stelle Dir nun vor: diese magische Dekorationen auf einmal zu übersehen, verbinde die Erinnerung damit, daß hier neun Jahrhunderte stolzer Gewalt, kühner Siege und vernichtender Niederlagen, blutiger Taten und wilder Größe, vielleicht auch sanfter Liebe und edler Großmut, zum Teil ihre sichtlichen Spuren, oder wo das nicht ist, doch ihr romantisch ungewisses Andenken, zurückgelassen haben – und urteile dann, mit welchem Gefühl ich mich in die Lage des Mannes versetzen konnte, dem solche Erinnerungen des Lebens seiner Vorfahren durch diesen Anblick täglich zurückgerufen werden, und der noch immer dasselbe Schloß des ersten Besitzers der Veste Warwick bewohnt, desselben halb-fabelhaften Guy, der vor einem Jahrtausend lebte, und dessen verwitterte Rüstung mit hundert Waffen berühmter Ahnen in der altertümlichen Halle aufbewahrt wird. Gibt es einen so unpoetischen Menschen, in dessen Augen nicht die Glorie dieses Andenkens, auch den schwächsten Repräsentanten eines solchen Adels, noch heute umglänzte? [...]
War ich nun vorher, schon seit dem ersten Anblick des Schlosses, von Überraschung zu Überraschung fortgeschritten, so wurde diese, wenngleich auf andre Weise, fast noch in den Zimmern überboten. Ich glaubte mich völlig in versunkene Jahrhunderte versetzt, als ich in die gigantische baronial-hall trat, ganz wie sie Walter Scott beschreibt, die Wände mit geschnitztem Zedernholz getäfelt, mit allen Arten ritterlicher Waffen angefüllt, geräumig genug um alle Vasallen auf einmal zu speisen, und ich dann vor mir einen Kamin aus Marmor erblickte, in dem ich ganz bequem mit dem Hute auf dem Kopf, noch neben dem Feuer stehen konnte, das auf einem 300 Jahre alten eisernen, seltsam gestalteten Roste, von der Form eines Korbes, wie ein Scheiterhaufen aufloderte. Seitwärts war, der alten Sitte getreu, auf einer Unterlage, gleichfalls von Zedernholz, mitten auf dem steinernen Fußboden, den nur zum Teil verschossene hautelisse-Teppiche deckten, eine Klafter ungespaltenes Eichenholz aufgeschichtet. Durch einen in Braun gekleideten Diener, dessen Tracht, mit goldnen Kniegürteln, Achselschnüren und Besatz hinlänglich altertümlich aussah, wurde von Zeit zu Zeit dem mächtigen Feuer, vermöge eines drei Fuß langen Klotzes, neue Nahrung gegeben. Hier war überall der Unterschied zwischen der echten alten Feudalgröße, und der nur in moderner Spielerei nachgeahmten ebenso schlagend, als zwischen den bemoosten Trümmern der verwitterten Burg auf ihrer Felsenspitze, und der gestern aufgebauten Ruine im Lustgarten eines reich gewordnen Lieferanten. Fast alles in den Zimmern war alt, prächtig und originell, nirgends geschmacklos, und mit der größten Liebe und Sorgfalt unterhalten. Es befanden sich die seltsamsten und reichsten Zeuge darunter, die man jetzt gar nicht mehr auszuführen im Stande sein möchte, in einer Mischung von Seide, Samt, Gold und Silber, alles durcheinander gewirkt.
Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

Warwick Castle als Touristenattraktion
Bildergalerie

Pückler Muskaus Reisebeschreibungen erschienen zwei Jahre vor dem ersten Baedeker-Reiseführer. Doch Karl Baedeker folgte seinerseits dem Vorbild des ersten Rhein-Reiseführers von 1827.

17 August 2014

Wieder einmal: Jürgen Habermas

85 ist er geworden und so gibt es eine ausführliche Biographie von Stefan Müller-Doohm.
Die Rezensionen bei Perlentaucher kritisieren fast durchweg, dass die Lektüre ziemlich trocken sei und unkritisch.
Ich bin dankbar, dass Müller-Doohm auf so viele Einzelheiten eingeht und (fast) alle Werke von Habermas vorstellt. Anders als bei mir wichtigen Schriftstellern habe ich nie daran gedacht, mir die gesammelten Werke anzuschaffen, und so kann ich den Denkprozess dieses wichtigen Theoretikers doch etwas vollständiger nachvollziehen, als es mir mit der sporadischen Lektüre von Aufsätzen, Würdigungen, Werkausschnitten und Rezensionen gelungen ist.

vgl. Jürgen Habermas (2009)

Stefan Müller-Doohm

Jürgen Habermas

Eine Biografie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
ISBN 9783518424339
Gebunden, 784 Seiten, 29,95 EUR

Vielleicht bei Gelegenheit mehr. 

15 August 2014

Punch, der englische Kasperle

Es ist dies ›Punch‹, der englische, ganz vom italienischen verschiedene Pulcinella, dessen getreue Abbildung ich hier beifüge, wie er eben seine Frau totschlägt, denn er ist der gottloseste Komiker, der mir noch vorgekommen ist, und so complet ohne Gewissen, wie das Holz, aus dem er gemacht ist, und ein wenig auch die Klasse der Nation, welche er repräsentiert. Punch hat, wie sein Namensvetter, auch etwas von Arrak Zitronen und Zucker in sich, stark, sauer und süß, und dabei von einem Charakter, der dem Rausche, welchen jener herbeiführt, ziemlich gleich ist. Er ist überdies der vollendetste Egoist, den die Erde trägt, et ne doute jamais de rien. Mit dieser unbezwingbaren Lustigkeit und Laune besiegt er auch alles, lacht der Gesetze, der Menschen, und selbst des Teufels, und zeigt in diesem Bilde zum Teil, was der Engländer ist, zum Teil, was er sein möchte, nämlich Eigennutz, Ausdauer, Mut, und wo es sein muß, rücksichtslose Entschlossenheit auf der vaterländischen Seite, unerschütterlichen leichten Sinn und stets fertigen Witz auf der ausländischen – aber erlaube, daß ich, sozusagen mit Punchs eignen Worten, ihn weiter schildere, und aus seiner Biographie noch einige fernere Nachrichten über ihn mitteile. Als ein Nachkomme Pulcinellas aus Acerra ist er für's erste unbezweifelt ein alter Edelmann, und Harlekin, Clown, der deutsche Kasperle selbst u.s.w. gehören zu seiner nahen Vetterschaft, er jedoch paßt, wegen seiner großen Kühnheit, am besten zum Familien-Chef. Fromm ist er leider nicht, aber als guter Engländer geht er doch ohne Zweifel Sonntags in die Kirche, wenn er auch gleich darauf einen Priester totschlägt, der ihn zu sehr mit Bekehrungsversuchen ennuyiert. Es ist nicht zu leugnen, Punch ist ein wilder Kerl, keine sehr moralische personnage, und nicht umsonst von Holz. Niemand z. B. kann besser boxen, denn fremde Schläge fühlt er nicht, und seine eignen sind unwiderstehlich. Dabei ist er ein wahrer Türke in der geringen Achtung menschlichen Lebens, leidet keinen Widerspruch, und fürchtet selbst den Teufel nicht. Dagegen muß man aber auch in vieler andern Hinsicht seine großen Eigenschaften bewundern. Seine admirable Herzens-Unempfindlichkeit und schon gepriesene, stets gute Laune, sein heroischer Egoismus, seine nicht zu erschütternde Selbstzufriedenheit, sein nie versiegender Witz und die konsommierte Schlauheit, mit der er aus jedem mauvais pas sich zu ziehen, und zuletzt als Sieger über alle Antagonisten zu triumphieren weiß, werfen einen glänzenden lustre über alle die kleinen Freiheiten, die er sich im übrigen mit dem menschlichen Leben herauszunehmen pflegt. Man hat in ihm eine Verschmelzung von Richard III. und Falstaff nicht ganz mit Unrecht gefunden. In seiner Erscheinung vereinigt er auch die krummen Beine und den doppelten Höcker Richards mit der angehenden Beleibtheit Falstaffs, zu welcher noch die italienische lange Nase und die feuersprühenden schwarzen Augen sich gesellen. Seine Behausung ist ein auf vier Stangen gestellter Kasten mit gehörigen innern Dekorationen, ein Theater, das in wenigen Sekunden am beliebigen Orte aufgeschlagen wird, und dessen über die Stangen herabgelassene Draperie Punchs Seele verbirgt, die seine Puppe handhabt, und ihr die nötigen Worte leiht. Dieses Schauspiel, in dem er täglich, wie gesagt, in der Straße auftritt, variiert daher auch nach dem jedesmaligen Talente dessen, der Punch dem Publikum verdolmetscht, doch ist der Verlauf desselben im wesentlichen sich gleich, und ohngefähr folgender: Sowie der Vorhang aufrollt, hört man hinter der Szene Punch das französische Liedchen ›Marlborough s'en va-t-en guerre‹ trällern, worauf er selbst tanzend und guter Dinge erscheint, und in drolligen Versen die Zuschauer benachrichtigt, wes Geistes Kind er sei. Er nennt sich einen muntern, lustigen Kerl, der gern Spaß mache, aber nicht viel von andern verstehe, und wenn er ja sanft werde, ihm dies nur vis-à-vis des schönen Geschlechts arriviere. Sein Geld vertue er frank und frei, und seine Absicht sei überhaupt,... 

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

Wir Deutsche, die wir von unserem Kasperle nur das Tri, tra, trullala kennen, entdecken bei Punch zwar den großen Knüppel und den Holzkopf wieder, doch das deftige Erbe der Shakespearezeit ist von Gottsched mit dem Hanswurst offenbar nicht nur von der Theater, sondern auch von der Puppenbühne vertrieben worden. Jedenfalls ist Pückler-Muskau schon 1826 aufgefallen, wie stark der Geschmack des Publikums der Ränge damals außerhalb der italienischen Oper noch das Theatergeschehen prägte:

Was den Fremden in den hiesigen Theatern gewiß am meisten auffallen muß, ist die unerhörte Rohheit und Ungezogenheit des Publikums, weshalb auch, außer der italienischen Oper, wo sich nur die höchste und bessere Gesellschaft vereinigt, diese Klasse nur höchst selten und einzeln die Nationaltheater besucht, ein Umstand, von dem es noch zweifelhaft sein möchte, ob er gut oder nachteilig auf die Bühne selbst wirkt. Englische Freiheit also artet hier in die gemeinste Lizenz aus, und es ist nichts Seltenes, mitten in der ergreifendsten Stelle einer Tragödie, oder während dem reizendsten cadence der Sängerin, mit Stentorstimme eine Zote ausrufen zu hören, der, nach Stimmung der Umstehenden, in der Galerie und obern Logen, entweder Gelächter und Beifallsgeschrei, oder eine Prügelei und Herauswerfen des Beleidigers folgt. In jedem der beiden Fälle hört man aber lange nichts mehr vom Theater, wo Schauspieler und Sänger sich jedoch aus alter Gewohnheit von dergleichen keineswegs unterbrechen lassen, sondern comme si de rien n'était ruhig fortdeklamieren, oder mit der Stimme wirbeln. Und solches fällt nicht einmal, nein zwanzigmal während einer Vorstellung vor, und belustigt manche mehr als diese. [...]

Ich fand Mozarts ›Figaro‹ im Drury Lane angekündigt, und freute mich, die süßen, vaterländischen Töne wieder zu hören, ward aber nicht wenig von der unerhörten Behandlung überrascht, die des unsterblichen Komponisten meisterhaftes Werk hier erfahren mußte. Du wirst es mir gewiß kaum glauben wollen, daß weder der Graf, noch die Gräfin, noch Figaro sangen, sondern diese Rollen von bloßen Schauspielern gegeben, und die Hauptarien derselben, mit einiger Veränderung der Worte, von den übrigen Sängern vorgetragen wurden, wozu der Gärtner noch eingelegte englische Volkslieder zum besten gab, die sich zu Mozarts Musik ohngefähr wie ein Pechpflaster auf dem Gesichte der Venus ausnahmen. Die ganze Oper war überdies von einem Herrn Bischoff (was ich auch auf der affiche bemerkt sah, und zuerst gar nicht verstand) ›arrangiert‹, d.h. englischen Ohren durch die abgeschmackten Abänderungen gerechter gemacht. Die englische National-Musik, deren plumpe Melodien man keinen Augenblick verkennen kann, hat, für mich wenigstens, etwas ganz ausnehmend Widriges – einen Ausdruck brutaler Gefühle in Schmerz und Lust, der sich von rostbeef, plum-pudding und Porter ressentiert. Du kannst Dir also denken, welchen angenehmen Effekt diese Verschmelzung mit den lieblichen Kompositionen Mozarts hervorbringen mußte. Je n'y pouvais tenir, der arme Mozart kam mir vor wie ein Märtyrer auf dem Kreuze, und ich selbst litt nicht weniger dabei.

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

Exzellenz von Lychow unterschreibt ein Todesurteil

Der Divisonskommandeur von Lychow ist wie ein Vater zu seiner Truppe. Die Regelungen, die der Oberkommandierende Ober Ost, Schlieffenzahn (steht für Ludendorff) getroffen hat, hält er für falsch, seine Umgebung auch.
Warum unterschreibt er das Todesurteil und legt sich ruhig schlafen?

Arnold Zweig versteht es, von Lychow - wie Fontanes Stechlin - als einen grundgütigen Menschen erscheinen zu lassen, der sein Schicksal mit gutem Humor zu tragen weiß, jedem das Seine und auch sich selbst mal etwas Gutes gönnt. Der Leser begleitet ihn voller Sympathie. Auch jetzt in den Schlaf.
Eben hat er ein Todesurteil unterschrieben.

Nun ja, nur der unbedarfte Leser wird ihn ganz ohne Hintergedanken in den Schlaf begleiten.*
Zwar ist er außer dem Titelhelden bisher die Identifikationsfigur, die sich am leichtesten anbietet, aber er hat eben gesagt:

"[...] Ich bin ein preußischer General und tue, was meine Pflicht ist. Nicht blindlings, denn wir Junker haben Augen im Kopf und sehen den Dingen auf die Leber, aber wat sien möt, möt sien. Der Mann mag bedauernswert in seiner Falle sitzen. Wir haben die größeren Dinge zu bedenken: Manneszucht, Preußen, Reich."
Zwar sagt er das nur, weil ihm als Alternative Befehlsverweigerung, Kampf mit dem Vorgesetzten, Umsturz des Systems vorgestellt worden ist, und deshalb gehört ihm unreflektiert die Sympathie.

Dann freilich folgt der Satz: "Was kommt es da auf einen Ruski mehr oder weniger an?"

Da läuten denn doch die Alarmglocken. Auch wenn bei der gegenwärtigen Nachrichtenlage in Deutschland alle Opfer mehr zählen als die russischen Opfer der Angriffe der ukrainischen Regierungstruppen beim Kampf gegen die Separatisten in der Ostukraine, (Wer will schon Putinversteher sein?)

"Was kommt es auf einen Menschen mehr oder weniger an?" Zu sehr widerspricht das der geläufigen Formel "Jeder ist einer zu viel, aber ..."

Arnold Zweig wird dafür sorgen, dass von Lychow umdenkt. Und zumindest die Krimileser, werden das bei "Was kommt es da auf einen Ruski mehr oder weniger an?" voraussehen.

Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa

*Kenner der klassischen Literatur wird jedes Todesurteil, das in einem literarischen Text unterschrieben werden soll, an das Wort  Camillo Rotas aus Emilia Galotti erinnern "Recht gern! Recht gern! – Es geht mir durch die Seele dieses gräßliche Recht gern!" (Emila Galotti I,8)

14 August 2014

Ursachen des Reichtums der Grundbesitzer in Großbritannien

Der große Reichtum der Gutsbesitzer in England muß immer die Kontinentalen frappieren, wo jetzt größtenteils gerade die Gutsbesitzer die ärmste und die am wenigsten von den Gesetzen und Institutionen protegierte Klasse sind. Hier konkurriert alles zu ihrem Vorteil. Es ist äußerst schwer, für den Rentier freies Grundeigentum in England zu akquirieren, da fast aller Grund und Boden der Krone, oder dem hohen Adel gehört, die es in der Regel nur auf eine Art Erbpacht ausgeben, so daß zum Beispiel, wenn ein Großer ein Städtchen sein nennt, dies nicht, wie bei uns, bloß die Oberherrschaft darüber bedeutet, sondern jedes Haus das wirkliche Eigentum des Besitzers ist, dem Inhaber nur, wie ich gleich auseinandersetzen werde, auf bestimmte Zeit überlassen. Man kann sich denken, welche ungeheure, immer steigende Revenuen dies in einem außerdem so industriellen Lande hervorbringen muß, und kann nicht umhin, zu bewundern, wie die dortige Aristokratie sich, in großer Übereinstimmung, seit Jahrhunderten alle Institutionen zu ihrem besten Vorteil einzurichten gewußt hat. Der freie Kauf eines Grundstücks erfordert mehrere schwierige Bedingungen, und jedenfalls kann er nur zu so hohen Preisen stattfinden, daß kleinere Kapitalisten sie nicht daran wenden können, und wie es einmal ist, bei der Erbpacht für ihre Person immer noch mit besserem Nutzen dazu kommen, und diese daher auch fortwährend vorziehen. Die hiesige Erbpacht ist aber sehr verschieden von der bei uns üblichen. Es wird nämlich dem Anbauer der nötige Platz auf 99 Jahren dergestalt überlassen, daß er, bei Häusern pro Fuß der Front, eine gewisse Rente jährlich, von einigen Schillingen bis zu 5 bis 10 Guineen, bei größern Grundstücken soundsoviel per acre (englischer Morgen) an den Grundbesitzer zahlt. Er schaltet nun damit wie er will, baut auf wie er Lust hat, macht Gärten, Parkanlagen u. s. w.; nach dem Verlauf der 99 Jahre aber fällt alles, wie es steht und liegt, und was niet- und nagelfest ist, der Familie des Verkäufers wieder zu, ja noch mehr, der Pächter muß sein Haus u. s. w. im besten Stand erhalten, und sogar den Ölanstrich alle 7 Jahre erneuern, wozu er durch Visitationen polizeilich angehalten wird. Übrigens kann er während der ihm zugemessenen Frist auch wieder an andere verkaufen, aber immer nur bis zu jener festgesetzten Epoche, wo der eigentliche Herr wieder in Besitz tritt. Alle Landstädte, Villen u. s. w., die man sieht, gehören also, wie gesagt, auf diese Weise Haus für Haus einzelnen großen Gutsbesitzern, und obgleich die Erbpächter nach umgelaufener Frist gewöhnlich das prekäre Eigentum von neuem erstehen, so müssen sie doch, im Verhältnis als der Wert der Grundstücke seitdem gestiegen, oder sie selbst sie verbessert haben, die Rente verdoppeln und verdreifachen. Selbst der größte Teil der Stadt London gehört unter solchen Verhältnissen einzelnen Adeligen, von denen z. B. Lord Grosvenor allein über 100 000 L. St. Kanon ziehen soll. Daher ist, außer der Aristokratie, fast kein Hausbewohner in London wahrer Grundeigentümer des seinigen. Selbst der Bauquier Rothschild besitzt kein eignes, und wenn einer, dem Sprachgebrauch nach, eins kauft, so fragt man ihn: ›auf wie lange?‹ Der Preis variiert dann, nachdem es aus erster Hand, gewöhnlich auf Rente, oder aus zweiter und dritter für ein Kapital erstanden wird. Der größte Teil des Erwerbs der Industrie fällt durch diesen Gebrauch ohnfehlbar der Aristokratie zu, und vermehrt notwendig den unermeßlichen Einfluß, den sie schon ohnedem auf die Regierung des Landes ausübt. [...]
[Laß mich hier ein für allemal bemerken, daß wer England nur nach seinem Aufenthalte daselbst im Jahre 1813 beurteilt, sich ganz darüber irren muß, denn damals war eine Epoche des Enthusiasmus, eine grenzenlose Freude der ganzen Nation von ihrem gefährlichsten Feinde durch uns befreit worden zu sein, die sie zum ersten, und vielleicht letztenmale allgemein liebenswürdig machte. ] [...]
Auch mir, von dem die Engländer wie von jedem Heiratsfähigen, der hier herkommt, steif und fest glauben, es geschehe nur, um eine reiche Engländerin zur Frau zu suchen, hat man einen coup fourré machen wollen, und einen satirischen Artikel, jene Materie berührend, aus einer heimatlichen Fabrik erborgt, und in verschiedene hiesige Zeitungen gesetzt. Ich bin aber schon längst in der Schule eines alten Praktikers in diesem Punkt aguerriert worden, und lachte daher selbst zuerst am lautesten darüber, indem ich öffentlich harmlose Scherze über mich und andere dabei nicht sparte. Dies ist das einzige sichre Mittel, dem ridicule in der Welt zu begegnen, denn zeigt man sich empfindlich oder embarrasiert, dann erst wirkt das Gift, sonst verdampft es, wie kaltes Wasser auf einem glühenden Stein. Das verstehen auch die Engländer vortrefflich. [...]

Da der Eigentümer also nur auf 99 Jahre Besitz im besten Falle rechnen kann, baut er auch so leicht als möglich, und dies hat zur Folge, daß man öfters in den Londner Häusern seines Lebens nicht sicher ist. So fiel denn auch diese Nacht, ganz nahe von mir in St. James Street ein gar nicht altes Gebäude plötzlich wie ein Kartenhaus ein, und nahm auch die Hälfte des andern noch mit sich, wobei mehrere Menschen gefährlich beschädigt worden sein sollen, aber doch größtenteils noch Zeit zur Rettung fanden, da drohende Vorzeichen sie avertierten. Bei der Schnelligkeit, mit der man hier aufbaut, wird ohne Zweifel das Gebäude in vier Wochen wieder stehen, wenngleich ebenso unsicher wie vorher.

 Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Dritter Teil [chronologisch der erste]

13 August 2014

In London trifft Pückler u.a. Rothschild

London, den 5ten Oktober 1826 
Ich habe eine sehr unglückliche Überfahrt gehabt. Eine bourrasque, die leidige Seekrankheit, 40 Stunden Dauer statt 20, und zu guter Letzt noch das Festsitzen auf einer Sandbank in der Themse, wo wir 6 Stunden verweilen mußten, ehe uns die Flut wieder flott machte, waren die unangenehmen événements dieser Reise. Ich weiß nicht, ob ich früher (es sind 10 Jahre seit ich England zum letztenmal verließ), alles mit verschönernden Augen ansah, oder meine Einbildungskraft seitdem, mir unbewußt, das entfernte Bild sich mit reizenderen Farben ausmalte – ich fand diesmal alle Ansichten, die wir von beiden Ufern erhielten, weder so frisch noch pittoresk als sonst, obgleich zuweilen doch herrliche Baumgruppen und freundliche Landsitze sichtbar wurden. Auch hier verstellt, wie im nördlichen Deutschland, das Lauben der Bäume gar oft die Landschaft, nur daß ihre Menge in den vielfachen Hecken, die alle Felder umgeben, und die Rücksicht, daß man ihnen wenigstens die äußersten Kronen und Wipfel läßt, den Anblick weniger trostlos machen, wie z. B. in dem sonst so schönen Schlesien. Unter den Passagieren befand sich ein Engländer, der erst kürzlich aus Herrnhut zurückkehrte, und auch das Bad von M... besucht hatte. Es divertierte mich sehr, ungekannt von ihm, seine Urteile über die dortigen Anlagen zu hören. Wie der Geschmack verschieden ist, und man daher bei nichts verzweifeln darf, kannst Du daraus abnehmen, daß dieser Mann jene düstern Gegenden ungemein bewunderte, bloß wegen der Immensität ihrer ›evergreen woods‹, womit er die endlosen monotonen Kieferwälder meinte, die uns so unerträglich vorkommen, in England aber, wo die Kiefern mühsam in den Parks angepflanzt werden, obgleich sie in der Regel schlecht gedeihen, eine sehr geschätzte Seltenheit sind. [...]
Den 7ten Oktober 
Was Dich hier sehr ansprechen würde, ist die ausnehmende Reinlichkeit in allen Häusern, die große Bequemlichkeit der meuble, die Art und Artigkeit der dienenden Klassen. Es ist wahr, man bezahlt alles was zum Luxus gehört, (denn das bloß Notwendige ist im Grunde nicht viel teurer als bei uns) sechsfach höher, man findet aber auch sechsfach mehr comfort dabei. So ist auch in den Gasthöfen alles weit reichlicher und im Überflusse, als auf dem Kontinent. Das Bett z.B., welches aus drei übereinandergelegten Matratzen besteht, ist groß genug, um zwei bis drei Personen darauf Platz zu geben, und sind die Vorhänge des viereckigen Betthimmels, der auf starken Mahagoni-Säulen ruht, zugezogen, so befindest Du Dich wie in einem kleinen cabinet, ein Raum, wo in Frankreich jemand ganz bequem wohnen würde. [...]
Alles präsentiert sich so behaglich vor Dir, daß Dich sofort beim Erwachen eine wahre Badelust anwandelt. Braucht man sonst etwas, so erscheint auf den Ruf der Klingel entweder ein sehr nett gekleidetes Mädchen mit einem tiefen Knicks, oder ein Kellner, der in der Tracht und mit dem Anstand eines gewandten Kammerdieners respektvoll Deine Befehle entgegennimmt, statt eines ungekämmten Burschen in abgeschnittener Jacke und grüner Schürze, der mit dummdreister Zutätigkeit Dich fragt: ›Was schaffen's, Ihr Gnoden‹, oder: ›haben Sie hier geklingelt?‹ und dann schon wieder herausläuft, ehe er noch recht vernommen hat, was man eigentlich von ihm wollte. Gute Teppiche decken den Boden aller Zimmer, und im hellpolierten Stahl-Kamin brennt ein freudiges Feuer, statt der schmutzigen Bretter und des rauchenden oder übelriechenden Ofens in so vielen vaterländischen Gasthäusern. [...] die Dienerschaft ist stets da, wenn man sie braucht, und drängt sich doch nicht auf, der Wirt selbst aber erscheint gewöhnlich beim Anfang des dinner, um sich zu erkundigen, ob man mit allem zufrieden sei; kurz, man vermißt in einem guten Gasthofe hier nichts, was der wohlhabende gereiste Privatmann in seinem eignen Hause besitzt, und wird vielleicht noch mit mehr Aufmerksamkeit bedient. Freilich ist die Rechnung dem angemessen, und auch die waiters müssen ziemlich ebensohoch wie eigne Diener bezahlt werden. In den ersten Hotels ist ein Kellner, für seine Person allein, mit weniger als zwei Pfund Trinkgeld die Woche durchaus nicht zufrieden. Die Trinkgelder sind überhaupt in England mehr als irgendwo an der Tagesordnung, und werden mit seltner Unverschämtheit selbst in der Kirche eingefordert. [...]
Überdies macht das bequeme Gehen auf den vortrefflichen Londoner Trottoirs, die bunten fortwährend wechselnden Bilder in den Straßen und die vielen reichen Läden, welche die meisten zieren, die Spaziergänge in der Stadt, besonders bei Abend, für den Fremden sehr angenehm. Außer der glänzenden Gasbeleuchtung sind dann vor den vielen Apothekerläden große Glaskugeln von tief roter, blauer und grüner Farbe aufgehangen, deren prachtvolles Licht meilenweit gesehen wird, und oft zum Leitstern, aber auch zuweilen zum Irrstern dient, wenn man unglücklicherweise eines mit dem andern verwechselt. [...]
Wie hätte ich aber die City verlassen können, ohne ihren wahren lion (englischer Ausdruck für jedes Außerordentliche in seiner Art) ihren Beherrscher – mit einem Wort: Rothschild, besucht zu haben. Auch er bewohnt hier nur ein unscheinbares Lokal (denn im West End of the town befindet sich sein Hotel), und in dem kleinen Hof des comptoirs wurde mir durch einen Frachtwagen, mit Silberbarren beladen, der Eingang zu diesem Haupt-Alliierten der heiligen Allianz ziemlich schwierig gemacht. Ich fand den russischen Konsul daselbst, der eben seine Cour machte. Es war ein feiner und gescheiter Mann, der seine Rolle perfekt zu spielen, und den schuldigen Respekt cum dignitate zu verbinden wußte. Dies wurde um desto schwerer, da der geniale Selbstherrscher der City eben nicht viel Umstände machte, denn, nachdem er gegen mich, der ihm seinen Kreditbrief überreicht hätte, ironisch geäußert: wir wären glückliche reiche Leute, daß wir so umherreisen und uns amüsieren könnten, während auf ihm armen Manne Weltlasten lägen, fuhr er damit fort, sich bitter zu beklagen, daß kein armer Teufel nach England käme, der nicht von ihm etwas haben wolle. So habe noch gestern wieder ein Russe bei ihm gebettelt, eine Episode, die dem Gesicht des Konsuls einen bittersüßen Stempel aufdrückte, »und«, setzte er hinzu, »die Deutschen lassen mir vollends gar keine Ruhe!« Hier kam die Reihe an mich, gute contenance zu halten. Als sich nachher das Gespräch auf politische Gegenstände richtete, gaben wir beide gern zu, daß ohne ihn Europa nicht mehr bestehen könne; er lehnte es aber bescheiden ab, und meinte lächelnd: »Ach nein, da machen Sie nur Spaß, ich bin nichts mehr als ein Bedienter, mit dem man zufrieden ist, weil er die Geschäfte gut macht, und dem man dann aus Erkenntlichkeit auch was zufließen läßt.« Dies wurde in einer ganz eigentümlichen Sprache, halb englisch, halb deutsch, das Englische aber ganz mit deutschem Akzent, vorgetragen, jedoch alles mit einer imponierenden assurance, die dergleichen Kleinigkeiten unter ihrer Aufmerksamkeit zu finden scheint. Mir erschien gerade diese originelle Sprache sehr charakteristisch an einem Manne, dem man Genialität, und sogar einen in seiner Art großen Charakter gar nicht absprechen kann.

 Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Dritter Teil [chronologisch der erste]

12 August 2014

Fürst Pückler auf Englandreise macht Station bei Goethe

In der Wikipedia heißt es über Pücklers zweite Englandreise:
1822 wurde Pückler in den Fürstenstand erhoben. 1826 kam es pro forma zur Scheidung von Lucie, mit der er dessen ungeachtet lebenslang freundschaftlich zusammen blieb. Der verschuldete Park- und Gartengestalter wollte nach England reisen, um erneut reich zu heiraten. Auf der Suche nach einer vermögenden Erbin verbrachte Pückler zwischen 1825 und 1829 viele Monate dort. Seite „Hermann von Pückler-Muskau“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. Juni 2014, 18:16 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hermann_von_P%C3%BCckler-Muskau&oldid=131358522 (Abgerufen: 12. August 2014, 20:59 UTC)
Seine tagebuchartigen Berichte bracht er anonym unter dem Titel Briefe eines Verstorbenen heraus, doch wurde seine Autorschaft recht bald aufgedeckt. Zugrunde liegen seine realen Briefe an seine Frau Lucie, die er in der Druckausgabe aber als Freundin und als Julie anspricht. Es war auch von Anfang an geplant, die Briefe zu veröffentlichen. Daher der bewusst auf Wirkung ausgerichtete Stil. 

Leipzig, den 11ten In einem recht schönen Zimmer mit wohlgebohntem Parkett, eleganten meubles und seidenen Vorhängen, alles noch in der ersten fraicheur, deckt man soeben den Tisch für mein dîner, während ich die Zeit benütze, Dir ein paar Worte zu schreiben. Ich verließ heute früh um 10 Uhr Dresden in ziemlich guter Stimmung, das heißt, bunte Phantasiebilder für die Zukunft ausmalend, nur die Sehnsucht nach Dir, gute Julie, und die daraus folgende Vergleichung meines faden und freudelosen Alleinseins gegen die herrliche Lust, mit Dir in glücklicheren Verhältnissen diese Reise machen zu können, griffen mir oft peinlich an's Herz. Vom Wege hieher ist nicht viel zu sagen, er ist nicht romantisch, selbst nicht die, mehr Sand als Grün zur Schau tragenden, Weinberge bis Meißen. Doch erregt die zu offene, aber durch Fruchtbarkeit und Frische ansprechende Gegend zuweilen angenehme Eindrücke, unter andern bei Oschatz, wo der schön bebuschte Culmberg, wie ein jugendlich gelocktes Haupt in das Land hineinschaut. Die Chaussee ist gut, und es scheint, daß auch in Sachsen das Postwesen sich verbessert, seitdem in Preußen der vortreffliche Nagler eine neue Post-Ära geschaffen hat. [...]
Unterwegs aber geben mir die hellen Kristallfenster vom größten Format, die kein Gepäck und kein Bock verbaut, ebenso freie Aussicht als eine offene Kalesche, und lassen mich zugleich Herr der Temperatur, die ich wünsche. Die Leute auf ihrem hinter dem Wagen befindlichen hohen Sitze, übersehen von dort alles Gepäck und die Pferde, ohne in das Innere neugierige Blicke werfen, noch eine Konversation daselbst überhören zu können, wenn ja, im Lande der Brobdingnags oder Lilliputs angelangt, einmal Staatsgeheimnisse darin verhandelt werden sollten. [...]
Die Fluren von Jena und Auerstädt betrat ich mit eben den Gefühlen, die zwischen den Jahren 1806 und 1812 ein Franzose der großen Armee gehabt haben mag, wenn er über Roßbachs Felder schritt, denn der letzte Sieg bleibt (wie das letzte Lachen) immer der beste – und als nach so vielen Schlachterinnerungen mich der Musensitz, das freundliche Weimar in seinen Schoß aufnahm, segnete ich den edlen Fürsten, der hier ein Monument des Friedens aufgerichtet, und einen Leuchtturm im Gebiete der Literatur aufbauen half, der so lange in vielfarbigem Feuer Deutschland vorgeflammt hat. [...]
Der Großherzog hatte am Morgen die Güte, mir seine Privatbibliothek zu zeigen, die elegant arrangiert, und besonders reich an prächtigen englischen Kupferwerken ist. Er lachte herzlich, als ich ihm erzählte, kürzlich in einem Pariser Blatte gelesen zu haben, daß auf seinen Befehl Schiller ausgegraben worden sei, um sein Skelett in des Großherzogs Bibliothek in natura aufzustellen. Die Wahrheit ist, daß bloß seine Büste mit denen anderer die Säle ziert, sein Schädel aber dennoch, wenn ich recht hörte, im Postamente derselben verwahrt wird, allerdings eine etwas sonderbare Ehrenbezeugung. [...]
Diesen Abend stattete ich Goethe meinen Besuch ab. Er empfing mich in einer dämmernd erleuchteten Stube, deren clair-obscur nicht ohne einige künstlerische Koketterie arrangiert war. Auch nahm sich der schöne Greis mit seinem Jupiters-Antlitz gar sittlich darin aus. Das Alter hat ihn nur verändert, kaum geschwächt, er ist vielleicht weniger lebhaft als sonst, aber desto gleicher und milder, und seine Unterhaltung mehr von erhabener Ruhe als jenem blitzenden Feuer durchdrungen, das ihn ehemals, bei aller Grandezza, wohl zuweilen überraschte. Ich freute mich herzlich über seine gute Gesundheit, und äußerte scherzend, wie froh es mich mache, unsern Geister-König immer gleich majestätisch und wohlauf zu finden. »O, Sie sind zu gnädig«, sagte er mit seiner immer noch nicht verwischten süddeutschen Weise, und lächelte norddeutsch, satirisch dazu, »mir einen solchen Namen zu geben.« – »Nein«, erwiderte ich, wahrlich aus vollem Herzen, »nicht nur König, sondern sogar Despot, denn Sie reißen ja ganz Europa gewaltsam mit sich fort.« Er verbeugte sich höflich, und befrug mich nun über einige Dinge, die meinen früheren Aufenthalt in Weimar betrafen, sagte mir dann auch viel Gütiges über M... und mein dortiges Streben, mild äußernd, wie verdienstlich er es überall finde, den Schönheitssinn zu erwecken, es sei auf welche Art es wolle, wie aus dem Schönen dann immer auch das Gute und alles Edle sich mannigfach von selbst entwickele, und gab mir zuletzt sogar, auf meine Bitte, uns dort einmal zu besuchen, einige aufmunternde Hoffnung. Du kannst Dir vorstellen, Liebste, mit welchem empressement ich dies aufgriff, wenn es gleich nur eine façon de parler sein mochte. Im fernern Verlauf des Gesprächs, kamen wir auf Sir Walter Scott. Goethe war eben nicht sehr enthusiastisch für den großen Unbekannten eingenommen. ›Er zweifle gar nicht‹, sagte er, ›daß er seine Romane schreibe, wie die alten Maler mit ihren Schülern gemeinschaftlich gemalt hätten, nämlich, er gäbe Plan und Hauptgedanken, das Skelett der Szenen an, lasse aber die Schüler dann ausführen, und retouchiere nur zuletzt.‹ Es schien fast, als wäre er der Meinung, daß es gar nicht der Mühe wert sei, für einen Mann von Walter Scotts Eminenz seine Zeit zu so viel fastidiösen Details herzugeben 
[Fußnote: Sir Walters offizielle Erklärung, daß alle jene Schriften von ihm allein seien, war damals noch nicht gegeben. A. d. H. ]. [...]
Von Lord Byron redete er nachher mit vieler Liebe, fast wie ein Vater von seinem Sohne, was meinem hohen Enthusiasmus für diesen großen Dichter sehr wohl tat. Er widersprach unter andern auch der albernen Behauptung, daß ›Manfred‹ eine Nachbetung seines ›Faust‹ sei, doch sei es ihm allerdings als etwas Interessantes aufgefallen, sagte er, daß Byron unbewußt sich derselben Maske des Mephistopheles wie er bedient habe, obgleich freilich Byron sie ganz anders spielen lasse. Er bedauerte es sehr, den Lord nie persönlich kennengelernt zu haben, und tadelte streng, und gewiß mit dem höchsten Rechte, die englische Nation, daß sie ihren großen Landsmann so kleinlich beurteile und im allgemeinen so wenig verstanden habe. [...]
Ich grolle meinem schlechten Gedächtnis, daß ich mich nicht mehr aus unsrer ziemlich belebten Unterhaltung eben erinnern kann. Mit hoher Ehrfurcht und Liebe verließ ich den großen Mann, den dritten im Bunde mit Homer und Shakespeare, dessen Name unsterblich glänzen wird, solange deutsche Zunge sich erhält, und wäre irgend etwas von Mephistopheles in mir gewesen, so hätte ich auf der Treppe gewiß auch ausgerufen: Es ist doch schön von einem großen Herrn, mit einem armen Teufel so human zu sprechen  
[Fußnote: Ich glaube nicht, daß der erhabene Greis die Bekanntmachung dieser Mitteilung tadelnd aufnehmen wird. Jedes Wort, auch das unbedeutendere, seinem Munde entfallen, ist ein teures Geschenk für so viele, und sollte mein seliger Freund ihn irgendwo falsch verstanden, und nicht vollkommen richtig wiedergegeben haben, so ist wenigstens nichts in diesen Äußerungen enthalten, was, meines Bedünkens, eine Indiskretion genannt werden könnte. A. d. H.]
Fürst Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen Dritter Teil [chronologisch der erste]

05 August 2014

Die Nacht am Øresund

Wir wissen: Von den dänischen Juden haben trotz der deutsche Besetzung "fast alle" überlebt. Über das Schicksal der Deportierten wissen wir wenig, wenig auch darüber, wie viele Helfer notwendig waren, damit die dänischen Juden fliehen konnten, als trotz des Rückhalts in der dänischen Bevölkerung ihre Deportation sonst nicht hätte verhindert werden können.
Einen eindrucksvollen Bericht darüber hat Hanne Kaufmann geschrieben in "Die Nacht am Øresund".

Mehr dazu mit wörtlichen Zitaten von Arne Melchior, dem Sohn des Oberrabinners von Kopenhagen, hier.
Es ist ein Heer von Unbekannten, das da Menschenleben rettet. Eine spontane Aktion anonymer Helden, denen nachher niemand Dank sagen kann, weil man nicht einmal ihre Namen weiß. Es sind Junge und Alte, Bauern, Handwerker und Fischer, Studenten, Unternehmer, Polizisten, Pfarrer und Schüler, die sich alle in einem einig sind: der grausamen Menschenjagd in ihrem Land nicht tatenlos zusehen zu wollen. (Deutschlandfunk, 21.10.13)
Beginnend mit dem 13. April 1945 wurden die überlebenden dänischen Juden aus dem Konzentrationslager Theresienstadt im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse des Schwedischen Roten Kreuzes in einem Konvoi durch Deutschland über die dänische Grenze bei Padborg nach Schweden in Sicherheit gebracht. (Seite „Rettung der dänischen Juden“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. Juli 2014, 18:20 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rettung_der_d%C3%A4nischen_Juden&oldid=132146881 (Abgerufen: 5. August 2014, 09:49 UTC). Mehr dazu: The Rescue of the Danish Jews)

03 August 2014

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Es sind sympathische Gestalten, Évi, die in einem Garten mit ihrer Tochter Aya gestandet/gelandete Artistin, das Erzählermädchen, das seine Tage bei Aya und Évi verbringt, fasziniert vom Reiz des anderen, die Mutter der Erzählerin, die sich Évi annähert und der Junge Karl, der darunter leidet, dass sein Bruder Ben verschwunden ist. Nicht zuletzt Zigi, der Artist, der ständig dazu lernt.
Im Zirkusmilieu werden sie mir schablonenhafter. Auch das Wanderjahr erreicht mich nicht recht. Nicht weil es unglaubwürdig wäre, aber weil die Liebe des Erzählermädchens zu diesen Figuren fehlt. Sie erlebt sie nicht, sie hört nur von ihnen in Erzählungen. 

Klappentext:
"Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben."

Nichts gegen die Mütter, vor allem nichts gegen die zauberhafte Évi. Die Gestalten leben für mich bis zum Kapitel "Ein Jahr", so weit sie überhaupt leben, vom Erzählermädchen, das über sie staunt. 

Andreas Isenschmid nennt den Roman Zsuzsa Banks "glücksverzaubert". 

Ist es nicht eher die Sehweise der Erzählerin als das Glück?

Wilmes von der Frankfurter Rundschau findetdass die Schilderungen der mittlerweile erwachsenen Seri, die eifersüchtig und verletzt der Zweisamkeit ihrer Freunde zuschaut, seltsam "blass" und unanschaulich bleiben und beim Entzaubern der heilen Kindheitswelt mysteriöser herumgeraunt wird, als dem Roman gut tut.

Ich werde meinerseits eine Unterbrechung einlegen, bevor ich weiter lese.

Meike Fessmann von der Süddeutschen Zeitung "trauert ein bisschen dem selten gewordenen auktorialen Erzähler hinterher, besonders angesichts der in ihren Augen "eigenschaftslosen" Erzählerfigur von Zsuzsa Banks jüngstem Roman."

Ich vermisse nicht den auktorialen Erzähler, sondern, wie bereits erwähnt, im Zirkusteil mein Erzählermädchen. 

Zunächst sind es durchaus nicht die Mütter, die die Kinder lotsen (vgl. Klappentext), sondern die Erzählerin gibt die Richtung vor:
Ich hatte mich in Ajas Leben begeben, als sei ein fester Platz für mich immer schon darin vorgesehen gewesen. (S.179)
Lange duldet die Mutter der Erzählerin  nur, dass ihre Tochter zu Aja und deren Mutter Évi geht, doch als Aja in Lebensgefahr gerät, rettet sie diese und fühlt sich bald darauf auch für ihre Mutter Évi zuständig, bringt ihr das Lesen bei und besorgt ihr Arbeit für den Lebensunterhalt.
Meine Mutter fragte nicht mehr, warum ich mir ausgerechnet Aja hatte aussuchen müssen, und mit den Jahreszeiten, die über Kirchblüt kamen und es verkleideten, hatte sie es aufgegeben, Évis Leben an ihrem zu messen, an den vielen Dingen, aus denen es zusammengefügt war. (S. 180)
Évi lernt mit großem Enthusiasmus lesen und bäckt für den ganzen Ort für alle möglichen Gelegenheiten Kuchen. Doch legt sie großen Wert darauf, dass ihre Tochter nie außer Hause schläft. Doch dann ändert sich das.
Aja wurde krank, nachdem zum ersten Mal Schnee gefallen war [...] (S.  182)
Als Ajas Zustand sich in ihrer zugigen Baracke nicht ändert, entschließt sich Évi, sie doch zur Mutter der Erzählerin Seri zu bringen.
Aja wurde in unserem Wohnzimmer, auf unserem roten Sofa gesund. (S. 186)

Nachdem zunächst Seris Mutter Verantwortung für Aja und Évi übernommen hat, übernimmt Évi Verantwortung für Karls Eltern. Sie bringt Karls Mutter dazu, in ihr Haus zu kommen. Und Karls Vater dazu, zu reden und ihre Kuchen auszufahren. Karls Vater beginnt auch für Évi zu handwerken. 
Als Zigi zu seinem jährlichen Besuch eintrifft, hebt er die meisten Änderungen von Karls Vater wieder auf. Karl nimmt sich zurück und beginnt mit Zigi zu reden, was er anderen gegenüber immer vermieden hatte.

Die Mütter halten lange Zeit eine vorsichtige Distanz zueinander, doch dann bricht das Eis.
Unserer Mütter hatten darauf geachtet, sich nie nahe zu kommen, keine hatte ihre vorgezeichneten Wege aufgegeben, selbst wenn diese sich berührt hatten, wenn sie einmal wie auf Glatteis ins Leben der anderen gerutscht waren, hatte sie schnell wieder etwas getrennt. [...] seit Karls Mutter an den Sonntagen in Évis Küche versucht hatte, die Dunkelheit vor ihren Augen zu vertreiben, hatten unsere Mütter ihre Wege nicht länger versperrt und angefangen, die Schranken davor langsam hochgehen zu lassen. [...] Plötzlich hatten sie Vornamen, Karls Mutter war jetzt Ellen und meine Mutter Maria, und Karls Mutter sagte zu Évi nicht mehr Frau Kalócs, wie sie es über Jahre getan hatte, sondern Évi. (S.223-225) 
Aus den Kindern werden Jugendliche. Aja wird ihrer Mutter gegenüber recht aggressiv. Doch die schlägt nicht zurück. Wenn Zigi dabei ist, hält Aja sich zurück. 

Andres Kilb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Ein Buch, dessen einziger Makel darin besteht, dass es irgendwann aufhört."

Als die Handlung in Rom spielt, wird mir deutlich, dass mein zentrales Interesse bei Évi liegt. Ihr Verhalten und ihr Verhältnis zu anderen sind ungewöhnlich und interpretationsbedürftig. Die anderen Personen bleiben blass.

Das Motiv der Leerstelle wird m.E. überreizt.* Nach den Vätern und Kind/Bruder tritt jetzt auch die Mutter in Gestalt einer Filmspule als Leerstelle auf. Dabei hat Aja mit Évi gerade die Frau als Mutter gehabt, die nicht nur an zwei zusätzlichen Kindern, sondern auch noch an zwei Erwachsenen Betreuungsaufgaben übernimmt. 

Die letzten 80 Seiten las ich nicht mehr mit Interesse für die Personen, sondern nur noch kursorisch unter der Fragestellung: Wie schließt die Autorin die zwei für die jüngere Generation ins Spiel gebrachten Probleme ab.

Leider fehlt eine Behandlung der Frage: Wie gehen Évi und ihre Bezugspersonen mit Évis Demenz um? - Dazu gibt es nur trockenen Bericht.

* Außer Aja empfindet sogar Libelle eine Leerstelle: "Libelle aber stieg aus ihrem Zirkuswagen, als sei auch ihr Leben um eine Lücke gebaut." (S.461)

02 August 2014

Neil Young

"Wie die Musik hat die Welt der Kunst ihre eigenen Regeln, die es zu brechen gilt." (S.53)
Neil Young in seiner Autobiographie "Waging Heavy Peace" (dt. Ein Hippie-Traum) über Bob Dylans Malexperimente.

Neils Mutter hat ihn bei seinen musikalischen Anfängen unterstützt, wo sie nur konnte. Sein Vater hat versucht, ihn einen richtigen Beruf ergreifen zu lassen. Niel über seine Eltern:
"Sie hat ihm nie verziehen, dass er uns verlassen hat. Ich schon. [...] Er hat immer getan, was in seinen Augen das Beste für mich war." (S.56-58)

David L. Ulin schreibt in der Los Angeles Times über das Buch
"surely one of the most idiosyncratic rock star autobiographies I've encountered, [...] A 500-page free-form series of digressions, it is by turns exhilarating and enervating, less a memoir than a self-portrait" (Hervorhebung von mir)
Mehr über das Buch in der Wikipedia, insbesondere in den Anmerkungen zur Rezeption des Werks.

Nun aber: Ahnung und Gegenwart, Dichter und ihre Gesellen und Neil Young.

Ständig unterwegs, ob wandernd, reitend oder on the road im Leichenwagen Mort.
Sehnsucht nach dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht. 
Erzählung ohne Erzählstrang, irrlichternd von einem Ort, einem Thema zum anderen. 
Die enge Verbindung von Musik und Text (in Eichendorffs Romanen wird ständig gesungen).

So wenig Youngs Musikstil etwas mit Schubert oder Schumann zu tun hat, Gemeinsamkeiten zwischen dem Fragmentarischen der Romantik und Neil Youngs Stil gibt es viele.
"Regeln, die es zu brechen gilt"  -  Nicht, dass ich damit etwas Neues sagte. Nur Neil Young ist mir ganz neu.

Zur "Sehnsucht" Neil Youngs Song Pocahontas (Gesang und Text)

Aurora borealis
 The icy sky at night
 Paddles cut the water
 In a long and hurried flight
 From the white man to the fields of green
 And the homeland we've never seen. (Hervorhebung von mir)

Dazu sehr hilfreich Kermanis Erläuterungen in Das Buch der von Neil Young Getöteten, S.34-41

Dichter und ihre Gesellen II

»In der Tat, ein philosophischer Pinsel«, erwiderte Fortunat. Denn diese anmaßlichen, affektierten Heldengestalten voll Männerstolz und Männerwürde wollten ihm nicht im mindesten behagen, und die Jungfrauen mit ihrer langgesstreckten, anmutlosen Tugendlichkeit kamen ihm gar wie gemalte Begriffe der Jungferschaft vor. [...]
Fortunaten aber hatte unterdes eines von den kleinern Bildern angezogen. Man sah Rom in der Ferne mit seinen phantastischen Trümmern und Palästen in der vollen Glut des südlichen Abendhimmels. Im Vorgrunde, von Rom fort, schritt einsam durch das schon dunkelnde, öde Feld ein einzelner Mann mit antikem Faltenwurf des Mantels und feierlich ernster Miene, an der Fortunat sogleich den Maler selbst erkannt hätte, wenn er auch nicht zum Überfluß noch mit dem obengedachten Schwerte vom Jahre 1813 umgürtet gewesen wäre. – »Aber warum in aller Welt kehren Sie dieser leuchtenden Wunderpracht hier so eilfertig den Rücken?« fragte er erstaunt. – »Dieses Bild«, erwiderte Albert, mit seinem allerlängsten Gesicht, »bezeichnet eigentlich die dunkle Führung überhaupt, die in meinem Leben waltet. Rom ist herrlich, und ich nahte voll Ehrfurcht den alten Heldenmalen. Aber das leichtsinnige Geschlecht und das Klingeln der Bonzen über den Gräbern versunkener Größe störte und empörte mich. Ich konnte mich den Anmutungen des Aberglaubens, auch nur zum Scheine, nicht gefällig erweisen und hatte beständig Verdruß. [...]
(Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen)