25 Juni 2014

Bruchstücke aus Musils Nachdenken über "Der Mann ohne Eigenschaften"

Daß sich die Gespräche über Liebe so ausgebreitet haben, hat den Hauptfehler, daß der zweite Lebenspfeiler, der des Bösen oder des Appetitiven und so weiter, zu wenig und zu spät in Erscheinung tritt! Die Teilprobleme, wie sie zwischen Ulrich und Agathe auftauchen, schraube sie auf ihre Kleinheit zurück! [...]
Die Schwierigkeiten, die mir durch Jahre alle berührten Probleme bereiten, die immer erneuten Umarbeitungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, haben mich die Sache immer prinzipieller anfassen lassen. Obwohl das nun gedanklich noch beiweitem nicht genügt, hat sich darstellend-stilistisch eine unangenehme Umständlichkeit eingeschlichen. Ich muß unbekümmerter und kürzer schreiben. Das ist der Sinn der irgendwo notierten Bemerkung, daß die Einfalle aphoristischer auszudrücken seien. [...]
Der Mann, der alles prüft und sich nach seinem Gewissen entscheidet, ist ein Atavismus. Der naturwissenschaftliche Mensch ist das Kind, das sein Spielzeug auseinandernimmt, der geisteswissenschaftliche der, der sich an ihm erregt. Ohne und mit Phantasie spielen ----- Aber jeder weiß, daß man das Zerlegen nicht mehr wirklich verbieten kann. Also ist es wichtig, den entscheidenden Unterschied zu isolieren, das Hormon der Phantasie zu gewinnen, und das ist das ganze Bemühen um den »anderen Zustand«. [...]
Ironische Abwehr des Einwands, daß nur böse Menschen geschildert werden: Die guten Menschen sind für den Krieg. Die bösen gegen ihn! Im Ganzen muß der Roman wohl das »gute Böse« erfinden und darlegen, da es die Welt mehr braucht als die utopische »gute Güte«. [...]
1870 hatte sich ein großer europäischer Organismus konstituiert. Bis 1890 zehrte er den übernommenen Ideenfond auf; war im Kampf gegen Grün-dertum, Kriegsnachrausch und dergleichen tugendhaft, bis alle Ideen leer waren. Dann kam um 1890 die geistige Krisis, Wehen einer eigenen Seele. Dieser Versuch mißlingt. Die um 1910 auftretende Erlöseridee ist bereits Resignation, ebenso die Wendung zu Religion und Seele. Die Synthese Seele-Ratio ist mißlungen. Das führt in direkter Linie zum Kriege. [...]
Das war die geistige Situation vor dem Krieg; sie war ohne innere Direktion. Menschen, die das auf den verschiedenen Linien mitgemacht haben, gehören in den Roman. Auch Vertreter des Georgetypus und so weiter. Außer diesen geistigen Sphären dann noch die beziehungslosen der Wissenschaft und so weiter. Der Druck des kommenden wissenschaftlichen, objektiven Zivilisationszeitalters, wo alle Menschen weise und gemäßigt sein werden, lastet schon auf dieser Generation, deren letzte Zuflucht die Sexualität und der Krieg ist. [...]

Eine fingierte Biographie erzählen. Und zwar so, wie wenn ich die Essays schreiben wollte. Die Geschwisterliebe muß sehr verteidigt werden. Als etwas ganz Tiefes mit seiner Ablehnung der Welt Zusammenhängendes empfindet sie Ulrich. Die autistische Komponente seines Wesens schmilzt hier mit der Liebe zusammen. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten von Einheit, die ihm gegeben sind ----- Ich hatte keinen Freund (das Verhältnis zu Walter ist sehr wenig freundschaftlich wird der Leser sagen!). Das ist ein Grund für Agathe. [...]
Menschen wollen, daß andre handeln, wie es ihrer literarisch typisch bestimmten Vorstellung entspricht, ob diese mögen oder nicht. So Klementine Fischel von Leo Fischel, daß er der feine und überlegene Financier sei ----- Schmeißer, Hagauer, Lindner von Agathe jeder in seiner Art. Rachel vom romantischen Soliman. Nicht in Zeitreihe erzählen. Sondern hintereinander, zum Beispiel: ein Mensch denkt a, tut Wochen später das Gleiche, aber denkt b. Oder sieht anders aus. Oder tut das Gleiche in einer anderen Umwelt. Oder denkt das Gleiche, aber es hat eine andere Bedeutung und so weiter. Die Menschen sind Typen, ihre Gedanken, Gefühle sind Typen; nur das Kaleidoskop ändert sich. Dann aber so Zusammengehöriges in continuo erzählen. Vorgreifend. Oder zurück- und nochmals aufgreifend. ----- Nicht sich schildern, sich immer versetzen. Nicht sich als erkennendes, sondern als erlebendes, erleidendes, sonderbar fühlendes und wollendes Objekt schildern. Zeit als unwirklich darstellen. Technik daher holen, daß ich wahrer Zeitschilderung gar nicht fähig bin. (Parallelaktion müßte zum Beispiel an Eucharistischen Kongreß anknüpfen und dergleichen, wovon ich zu wenig weiß. Aus diesem Fehler unbedingt die Technik machen!) Schreiben ist eine Verdoppelung der Wirklichkeit. Die Schreibenden haben nicht den Mut, sich für utopische Existenzen zu erklären. Sie nehmen ein Land Utopia an, in dem sie auf ihrem Platz wären; sie nennen es Kultur, Nation und so weiter. Eine Utopie ist aber kein Ziel, sondern eine Richtung. Aber alle Erzählungen fingieren, daß es etwas gibt, das gewesen oder gegenwärtig ist, wenn auch an einem unwirklichen Ort. Es muß gesagt werden: Ulrich hatte keine Sympathie für die guten Menschen. Gründe: sie sind unwahr, Literaten, man findet sie nicht, sie sind tot, bewegungslos, sie ver-balhornen (!) den seltenen Fall der großen Güte — — [...]
Wenn Ulrich zur Zeit gelebt hätte, wo die deutsche Nation durch Reformation und Gegenreformation gespalten wurde, so wäre er gewiß weder Katholik noch Protestant gewesen. Wie denkt er sich den Dichter? Jedenfalls nicht aus der Intuition heraus schaffend. Dem in der Eingebung die Gedanken wachsen wie Haare oder Blätter. Sondern aus dem Wissen der Zeit heraus und aus ihren Interessen. Bloß rascher als sie, im Tempo ihr so weit voraus, daß er sich im Gegensatz zu ihr fühlt. Ihr besseres Ich, der Anwalt der Zeit gegen die Zeit. Ihre Privatgefühle entwickeln sich planlos, anarchisch, Aus den Schieberinteressen heraus. Ihre offiziellen Gefühle sind weit hinter ihren Gedanken und Interessen zurück. Der Dichter muß aus dem Schieberkreis so viel annehmen wie die Hochsprache aus dem Argot, wenn sie leben bleiben will. Er muß es aber mit der Mathematik in Einklang setzen. Ulrich will kein Dichter sein, sondern ein Essayist.

Der Leser Jörg Mielczarek über "Der Mann ohne Eigenschaften"

24 Juni 2014

Wilhelm Speyer: Der Kampf der Tertia

Was hat der Große Kurfürst mit Agamemnon und Achilles mit Daniela zu tun?
In meiner Jugendzeit war mir das klar. Schließlich hatte ich Wilhelm Speyer: Der Kampf der Tertia gelesen.

Nachdem die Tertianer zu ihrem Anführer den "Großen Kurfürsten" statt Daniela, das einzige Mädchen aus der Tertia, gewählt haben, zieht diese sich aus den Aktivitäten der Klasse zurück wie der zürnende Achilles aus den Kämpfen der Griechen unter ihrem "Völkerfürst"(Ilias, 9. Gesang Z.96) Agamemnon bei der Belagerung Trojas.
Was "Seid gut zu den Tieren", Knötzingianer und Danielas Pfeile (hier versendet Achill die Pfeile, statt von Paris' Pfeil in der Achillessehne getroffen zu werden), das mag man hier in Kurzform nachlesen. Am besten aber doch in Speyers Büchern selbst.

Wilhelm Speyer in der Wikipedia

Auszug aus Ilias, 9. Gesang:


       Atreus' Sohn nun führte die edleren               Fürsten Achaias
ἐς κλισίην, παρὰ δέ σφι τίϑει μενοεικέα δαῖτα·90All' ins Gezelt, und empfing sie mit herzerfreuendem Schmause.
οἳ δ' ἐπ' ὀνείαϑ' ἑτοῖμα προκείμενα χεῖρας ἴαλλον.Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
αὐτὰρ ἐπεὶ πόσιος καὶ ἐδητύος ἐξ ἔρον ἕντο,Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
τοῖς ὁ γέρων πάμπρωτος ὑφαινέμεν ἤρχετο μῆτινJetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
Νέστωρ, οὗ καὶ πρόσϑεν ἀρίστη φαίνετο βουλή·Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
ὅ σφιν ἐὺ φρονέων ἀγορήσατο καὶ μετέειπεν·95Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
    »Ἀτρεΐδη κύδιστε, ἄναξ ἀνδρῶν Ἀγάμεμνον,    Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
ἐν σοὶ μὲν λήξω, σέο δ' ἄρξομαι, οὕνεκα πολλῶνDir soll beginnen das Wort, dir endigen; weil du so vielen
λαῶν ἐσσι ἄναξ καί τοι Ζεὺς ἐγγυάλιξενVölkern mächtig gebeutst, und dir Zeus selber verliehn hat
σκῆπτρόν τ' ἠδὲ ϑέμιστας, ἵνα σφίσι βουλεύῃσϑα.Scepter zugleich und Gesetz, daß aller Wohl du beratest.
τῷ σε χρὴ πέρι μὲν φάσϑαι ἔπος ἠδ' ἐπακοῦσαι,100Drum ziemt dir's vor allen, zu reden ein Wort, und zu hören,
κρηῆναι δὲ καὶ ἄλλῳ, ὅτ' ἄν τινα ϑυμὸς ἀνώγῃAuch zu vollziehn dem andern, wem sonst sein Herz es gebietet,
εἰπεῖν εἰς ἀγαϑόν· σέο δ' ἕξεται, ὅττι κεν ἄρχῃ.Daß er rede zum Heil; denn du entscheidest, was sein soll.
αὐτὰρ ἐγὼν ἐρέω, ὥς μοι δοκεῖ εἶναι ἄριστα.Aber ich selbst will sagen, wie mir's am heilsamsten dünket.
οὐ γάρ τις νόον ἄλλος ἀμείνονα τοῦδε νοήσει,Denn kein anderer mag wohl besseren Rat noch ersinnen,
οἷον ἐγὼ νοέω ἠμὲν πάλαι ἠδ' ἔτι καὶ νῦν,105Als mein Herz ihn bewahrt, nicht vormals, oder anjetzt auch,
ἐξ ἔτι τοῦ ὅτε, διογενές, Βρισηίδα κούρηνSeit dem Tag, da du, Liebling des Zeus, die schöne Briseïs
χωομένου Ἀχιλῆος ἔβης κλισίηϑεν ἀπούραςAus dem Gezelt entführtest dem zürnenden Peleionen:
οὔ τι καϑ' ἡμέτερόν γε νόον. μάλα γάρ τοι ἐγώ γεNicht nach unserem Sinne fürwahr; denn ich habe mit großem
πόλλ' ἀπεμυϑεόμην· σὺ δὲ σῷ μεγαλήτορι ϑυμῷErnste dich abgemahnt. Doch du, hochherziges Geistes,
εἴξας ἄνδρα φέριστον, ὃν ἀϑάνατοί περ ἔτισαν,110Hast den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten,
ἠτίμησας· ἑλὼν γὰρ ἔχεις γέρας. ἀλλ' ἔτι καὶ νῦνSchmählich entehrt; denn du nahmst sein Geschenk ihm. Aber auch jetzo
φραζώμεσϑ', ὥς κέν μιν ἀρεσσάμενοι πεπίϑωμενSinnt umher, wie wir etwa sein Herz versöhnend bewegen
δώροισίν τ' ἀγανοῖσιν ἔπεσσί τε μειλιχίοισιν.«Durch gefällige Gaben, und sanft einnehmende Worte.
    τὸν δ' αὖτε προσέειπεν ἄναξ ἀνδρῶν Ἀγαμέμνων·    Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
»ὦ γέρον, οὔ τι ψεῦδος ἐμὰς ἄτας κατέλεξας·115Greis, nicht unwahr hast du mir meine Fehle gerüget.
ἀασάμην, οὐδ' αὐτὸς ἀναίνομαι. ἀντί νυ πολλῶνJa ich fehlt', und leug'n es auch nicht! Traun, vielen der Völker
λαῶν ἐστιν ἀνήρ, ὅν τε Ζεὺς κῆρι φιλήσῃ·Gleicht an Stärke der Mann, den Zeus im Herzen sich auskor:
ὡς νῦν τοῦτον ἔτισε, δάμασσε δὲ λαὸν Ἀχαιῶν.Wie nun jenen er ehrt', und niederschlag die Achaier.
ἀλλ' ἐπεὶ ἀασάμην φρεσὶ λευγαλέῃσι πιϑήσας,Aber nachdem ich gefehlt, dem schädlichen Sinne gehorchend;
ἂψ ἐϑέλω ἀρέσαι δόμεναί τ' ἀπερείσι' ἄποινα.120Will ich gern es vergelten, und biet' unendliche Sühnung.

22 Juni 2014

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Robert Musil)

51 Liebe deinen Nächsten wie dich selbst
Bruder und Schwester waren nun des Fühlens müde; und es geschah manchmal, daß sie über einem Gespräch, das nur von ihren Empfindungen handelte, das Empfinden verabsäumten. Auch weil die Überfülle des Gefühls, wenn sie nirgends einen Ausweg fand, eigentlich schmerzte, vergalten sie es ihr gelegentlich mit ein wenig Undankbarkeit. Als sie aber beide so gesprochen hatten, sah Agathe ihren Bruder wieder von der Seite an und beeilte sich zu widerrufen: »Bloß wie bei Schulfratzen, die die ganze Welt umarmen möchten und nicht wissen warum, ist es immerhin auch nicht!«
[...] Es war allerdings eine merkwürdig kernlose, nur halbgreifliche Wirklichkeit, deren sie sich gewärtig fühlten, und eine ebenso vertraute, wie vertraut-unvollendbare Halbwahrheit, was um Glaubwürdigkeit buhlte: keine Allerweltswirklichkeit und Wahrheit für alle Welt, sondern eben bloß eine geheime für Liebende. Aber offenbar war sie auch nicht bloß Willkür oder Täuschung; und ihre geheimste Einflüsterung sprach: Du hast dich mir bloß ohne Mißtrauen zu überlassen, so wirst du die ganze Wahrheit erfahren! Schwer war es aber, das in deutlichen Worten zu hören; denn die Sprache der Liebe ist eine Geheimsprache, und in ihrer höchsten Vollendung so schweigsam wie eine Umarmung. [...]
Ulrich [...] fragte sie: »Bringst du es denn anders als schattenhaft fertig, jemand zu lieben, wenn weder eine moralische Überzeugung noch ein sinnliches Begehren dabei ist?« Es geschah, seit sie diese Ausgänge unternahmen, zum erstenmal, daß er so unverschleiert fragte. Agathe gab zuerst keine Antwort darauf. Ulrich fragte: »Und was geschähe, wenn wir jetzt einen hier anhielten und zu ihm sagten: ›Bleib bei uns, Bruder!‹ oder: ›Halte still, vorbeieilende Seele! Wir wollen dich lieben wie uns selbst!‹?« »Er sollte uns verblüfft anschauen« erwiderte Agathe. »Und dann seine Schritte verdoppeln!« »Oder grob werden und einen Schutzmann herbeirufen« ergänzte Ulrich. »Denn entweder wird er meinen, gutmütige Irre vor sich zu haben, oder Leute, die sich mit ihm einen Witz erlauben.« [...]
52 Gespräche über Liebe 
Der Mensch, recht eigentlich das sprechende Tier, ist das einzige, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf. Und nicht nur, weil er ohnehin spricht, tut er es auch dabei; sondern anscheinend ist seine Liebseligkeit mit der Redseligkeit im Wesen verbunden, und das so tief geheimnisvoll, daß es fast an die Alten gemahnt, nach deren Philosophie Gott, Menschen und Dinge aus dem »Logos« entstanden sind, worunter sie abwechselnd den Heiligen Geist, die Vernunft und das Reden verstanden haben. Nun, nicht einmal die Psychoanalyse und die Soziologie haben Wesentliches darüber gelehrt, obwohl diese beiden jüngsten Wissenschaften schon mit dem Katholizismus wetteifern dürfen, sich in alles Menschliche eingemischt zu haben. Man muß sich also selbst den Reim darauf bilden, daß Gespräche in der Liebe fast eine größere Rolle spielen als alles andere. Sie ist das gesprächigste aller Gefühle und besteht zum großen Teil ganz aus Gesprächigkeit. [...]
53 Schwierigkeiten, wo sie nicht gesucht werden 
Wie steht es um das so berühmte wie gern erlebte Beispiel der Liebe zwischen sogenannten zwei Personen verschiedenen Geschlechts? Es ist ein besonderer Fall des Gebotes, Liebe deinen Nächsten, ohne zu wissen, wie er ist; und eine Probe auf das Verhältnis, das zwischen Liebe und Wirklichkeit besteht. Man macht sich aus einander die Puppen, mit denen man schon in Liebesträumen gespielt hat. Und was der andere meint, denkt und wirklich ist, hat keinen Einfluß darauf? Solange man ihn liebt und weil man ihn liebt, ist alles bezaubernd; aber umgekehrt gilt das nicht. Noch nie hat eine Frau einen Mann wegen seiner Meinungen und Gedanken geliebt, oder ein Mann eine Frau wegen der ihren. Diese spielen bloß eine wichtige Nebenrolle. Überdies gilt davon das gleiche wie vom Zorn: versteht man unvoreingenommen, was der andere meint, ist nicht bloß der Zorn entwaffnet, sondern wider ihre Erwartung meist auch die Liebe. Aber namentlich anfangs spielt es doch oft die Hauptrolle, daß man von der Übereinstimmung der Meinungen entzückt ist? Der Mann hört sich, wenn er die Stimme der Frau hört, von einem wunderbaren versenkten Orchester wiederholt, und die Frauen sind die unbewußtesten Bauchredner; ohne daß es aus ihrem Mund käme, hören sie sich die klügsten Antworten geben. Es ist jedesmal eine kleine Verkündigung; da tritt ein Mensch aus den Wolken einem andern an die Seite, und alles, was er äußert, dünkt diesen eine himmlische, nach seinem eigenen Kopfmaß gemachte Krone zu sein! Später fühlt man sich natürlich wie ein Betrunkener, der seinen Rausch ausgeschlafen hat. Dann doch die Werke! Sind die Werke der Liebe, ihre Treue, ihre Opfer und Aufmerksamkeiten, nicht ihr schönster Beweis? Aber Werke sind zweideutig wie alles Stumme! Erinnert man sich seines Lebens als einer bewegten Kette von Geschehnissen und Taten, so kommt es einem Theaterstück gleich, von dessen Dialog man sich nicht ein einziges Wort gemerkt hat und dessen Auftritte recht einförmig die gleichen Höhepunkte haben! Also liebt man nicht nach Verdienst und Lohn, und im Wechselgesang der sterblich verliebten unsterblichen Geister? Daß man nicht so geliebt wird, wie man es verdient, ist der Kummer aller alten Jungfern beider Geschlechter! [...]
54 Es ist nicht einfach zu lieben
Der Gesprächsgegenstand selbst war so beschaffen, daß sich in der unendlichen Erfahrung, durch die der Begriff der Liebe erst deutlich wird, die verschiedensten Verbindungswege bemerken ließen, die von einer Frage zur andern führen. So führten denn auch die zwei Fragen, wie man seinen Nächsten liebe, den man nicht kenne, und wie sich selbst, den man noch weniger kennt, die Neugierde zu der beide umfassenden Frage, wie man überhaupt liebe; oder anders gesagt, was Liebe wohl »eigentlich« sei. Das mag auf den ersten Blick etwas altklug anmuten und wahrlich auch eine allzu verständige Frage für ein Liebespaar sein. Aber sie gewinnt an Geistesverwirrung, sobald man sie auf Millionen Liebespaare und ihre Verschiedenheit ausdehnt.  Diese Millionen sind nicht nur persönlich (was ihr Stolz ist), sondern auch nach Arten des Tuns, Gegenstands und der Beziehung verschieden. Manchmal kann man von Liebespaaren überhaupt nicht sprechen, und doch von Liebe; manchmal von Liebespaaren, aber nicht von Liebe, wobei es etwas gewöhnlicher zugeht. Und das Wort im ganzen umfaßt so viel Widersprüche wie der Sonntag in einer kleinen Landstadt, wo die Bauernburschen um zehn Uhr des Morgens zur Messe gehn, um elf Uhr in einer kleinen Nebengasse das Freudenhaus besuchen und um zwölf Uhr am Hauptplatz ins Wirtshaus zum Essen und Trinken eintreten. Hat es Sinn, ein solches Wort rund herum zu untersuchen? Aber indem man es benutzt, handelt man unbewußt, als ob man bei allen Unterschieden etwas Gemeinsamem inne wäre! – Es ist tausend und eins, einen Spazierstock oder die Ehre zu lieben, und niemand fiele es ein, das in einem Atem zu nennen, wenn man nicht gewohnt wäre, es alle Tage zu tun. Andere Spielarten dessen, was tausend und eins, und doch ein und dasselbe ist, lassen sich mit den Worten anreden: die Flasche, den Tabak und noch schlimmere Gifte zu lieben. Den Spinat und die Bewegung in freier Luft. Den Sport oder den Geist. Die Wahrheit. Die Frau, das Kind, den Hund. Sie ergänzten es, die darüber sprachen: Gott. Die Schönheit, das Vaterland und das Geld. Die Natur, den Freund, den Beruf und das Leben. Die Freiheit. Den Erfolg, die Macht, die Gerechtigkeit oder schlechthin die Tugend. Alles das liebt man; und kurz, es wird fast ebenso vieles mit Liebe verbunden, als es Strebens- und Redensarten gibt. Was ist aber die Unterscheidung und was die Gemeinsamkeit der Lieben? Vielleicht ist es dienlich, an das Wort Gabeln zu erinnern. Es gibt Eß-, Mist-, Ast-, Gewehr-, Weg- und andere Gabeln; und allen diesen ist ein bildendes Merkmal »Gabeligsein« gemeinsam. Es ist das entscheidende Erlebnis, das Gegabelte, die Gestalt der Gabel an den höchst verschiedenen Dingen, die so heißen. Kommt man von diesen, so erweist sich, daß sie alle unter denselben Begriff gehören; geht man vom anfänglichen Eindruck des Gabeligseins aus, so zeigt sich, daß er durch die Eindrücke der verschiedenen bestimmten Gabeln ausgefüllt und ergänzt wird. Das Gemeinsame ist also eine Form oder Gestalt, und das Unterschiedliche liegt zunächst an den mannigfaltigen Formen, die sie annehmen kann; sodann aber auch an den Gegenständen, die eine solche Form haben, an ihrem Stoff, Zweck und dergleichen. Aber derweil sich jede Gabel mit jeder unmittelbar vergleichen läßt, und sinnlich gegeben ist, wäre es auch nur in einem Kreidestrich oder in der Vorstellung, verhält es sich nicht so mit den verschiedenen Gestalten der Liebe; und der ganze Nutzen des Beispiels schränkt sich auf die Frage ein, ob es nicht doch auch da, entsprechend dem Gabeligsein der Gabeln, ein Haupterlebnis, etwas Liebeliges, Liebseiendes und Liebeartiges, in allen Fällen gebe. Aber die Liebe ist kein Gegenstand sinnlicher Erkenntnis, daß sie mit einem Blick, oder denn auch mit einem Gefühl, zu erfassen wäre, sondern ist ein moralisches Ereignis, wie es vorsätzlicher Mord, Gerechtigkeit oder Verachtung sind; und das hat unter anderem zu bedeuten, daß eine vielfach abbiegende und mannigfach gestützte Kette von Vergleichen zwischen ihren Beispielen möglich ist, deren entferntere einander ganz unähnlich sein können, ja bis zum Gegensatz von einander verschieden, und doch durch einen vom einen ans andere anklingenden Zusammenhang verbunden werden. Von der Liebe handelnd, läßt sich also gar bis zum Haß gelangen; und doch ist nicht etwa die vielberufene »Ambivalenz« davon die Ursache, die Gespaltenheit des Fühlens, sondern gerade die volle... [...]
Ulrich erwiderte nun mit einer anderen Umschreibung. »Eigentlich malen alle Stilleben die Welt vom sechsten Schöpfungstag; wo Gott und die Welt noch unter sich waren, ohne den Menschen!« [...]
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Dritter Teil, Kapitel 51 -54

15 Juni 2014

Ortheil: Die Berlinreise

Die Berlinreise schreibt ein knapp Dreizehnjähriger. Der literarische Anspruch ist hoch.
Mir legt sich der Vergleich mit Anne Franks "Tagebuch" nahe. Beide Male sehr genaue Beobachtung und das Bemühen, dem Leser Zusammenhänge zu erklären. Beide Autoren waren um 13 Jahre alt, als sie ihren Text begannen.
Freilich: Ortheil beschreibt eine kurze Reise. Am Ende der Reise ist er noch 12 Jahre. Anne Frank macht ein unfreiwilliges soziales Experiment in dauernder latenter Lebensgefahr durch, das ihre soziale Beobachtungsgabe weit über ihr Alter hinaus reifen lässt. Ihre Texte hat sie mit 14 oder 15 Jahren noch einmal überarbeitet.
In Ortheils Text geht mehr sprachliche Reflexion ein. Anne beschreibt intensive soziale Erfahrungen, die ihr viel zu verarbeiten geben.

Auch Ortheils Buch berührt ungemein sympathisch. Eindrucksvoll die Motive (vier unbekannte tote Brüder, empfindliche Mutter, fürsorglicher, zugewandter Vater), die erst spät in Ortheils literarischer Laufbahn intensiv aufgearbeitet werden. Aber wie!

Was die Bücher unterscheidet, ist,  dass Anne eine glückliche Kindheit hatte und dann ermordet wurde, während Ortheil eine schwierige Kindheit hatte und ihm sein Vater so half, dass er ein erfolgreicher Schriftsteller werden konnte.
Annes Schicksal wurde von vielen 100 000 Kindern und Jugendlichen geteilt. Ortheils Schicksal ist eine Ausnahme.  Anne steht für viele, denen man die Zukunft genommen hat, Ortheil hat ein Sonderschicksal und einen Vater, der durch schier unglaubliche Zuwendung zu einer sehr erfolgreichen Zukunft verholfen hat. Annes Tagebuch ist Weltliteratur. Ortheils Buch ist nicht so bedeutend, doch zeigt es einen Schriftsteller im Werden und ist so faszinierender als viele seiner späteren Werke. 

Doch genug des Vergleichs. Was ich über Annes Tagebuch zu sagen weiß, ist ohnehin bekannt. Was Ortheils Berlinreise so liebenswert macht, wird wohl am deutlichsten durch ein paar Zitate: 


Das Leben am WasserAn einem großen Wasser fühlt man sich freier als sonst, einfach nur, weil das große Wasser da ist. Das große Wasser verscheucht die ewigen kleinen Gedanken und das Drandenken an dies und das und sagt einem, dass man einmal still und ruhig werden soll. Man wird plötzlich ganz "spiegelglatt", ich meine im Innern. Und man atmet ganz ruhig und spürt die Luft vom vom Wasser her, wie sie das Gesicht kühlt und dafür sorgt, dass die Sonne sich einbrennen  kann in das Gesicht. (S.109/110)
Das Knistern von Ost-BerlinOst-Berlin wird auf einen ahnungslosen Besucher aus dem Westen sehr fremd. Das besonders Fremde entsteht dadurch, dass man hinter vielen Dingen etwas Russisches vermutet. Das Russische im Deutschen und das Deutsche im Russischen führen zu einem Knistern, wie bei elektrischen Strom . Minus und Plus, Plus und Minus. Dadurch bekommt der ahnungslose Besucher aus dem Westen immer wieder kleine Stromschläge mit und zuckt zusammen. (S.143/144)
Wir frühstückten dann wieder ziemlich lange, und Papa in unterhielt sich mit Paul und Hanna (diesmal vor allem über den Osten), und ihrer Unterhaltung war eine richtig politische, so dass Papa sogar ein Zigarillo rauchte (was zu der politischen Unterhaltung sehr gut passte). [...] Ich habe zwei oder dreimal im Fernsehen die Sendung der Internationale Frühschoppen mit Werner Höfer gesehen. Diese Sendung ist auch eine richtig politische Unterhaltung, und zwar mit mehreren Journalisten aus verschiedenen Ländern. Werner Höfer leitet die Sendung und spricht immer einen anderen Journalisten an, und dann sagt der Journalist etwas nippt an seinem Glas und raucht eine Zigarette oder ein Zigarillo. (S.159/160)



12 Juni 2014

Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne

Ich spreche keine Leseempfehlung aus, denn die Erzählung ist nichts für empfindliche Leute.
Dennoch darf ich Kehlmanns Erinnerung an die Schwarze Spinne (von Albert Bitzius) zum Anlass nehmen, sie zu verlinken.
Eine meisterhafte Erzählung des zu Unrecht fast vergessenen Erzählers Jeremias Gotthelf, mit bürgerlichem Namen Albert Bítzius.

Ein Zitat (S.72/73)
Da loderte im Priester auf der heilige Kampfesdrang, der, den Bösen ahnend, über die kömmt, die Gott geweihten Herzens sind, wie der Trieb über das Samenkorn kömmt, wenn das Leben in dasselbe dringt, wie er in die Blume dringt, wenn sie sich entfalten soll, wie er über den Helden kömmt, wenn sein Feind das Schwert erhebt. Und wie der Lechzende in des Stromes kühle Fluth, wie der Held zur Schlacht, stürzte der Priester den Stalden nieder, stürzte zum kühnsten Kampf, drang zwischen den Grünen und Christine, die eben das Kindlein in des andern Arme legen wollte, mitten hinein, schmetterte zwischen sie die drei höchsten heiligen Namen, hält das Heiligste dem Grünen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und trifft Christine zugleich. Da fährt mit fürchterlichem Wehegeheul der Grüne von dannen, wie ein glutrother Streifen zuckt er dahin, bis die Erde ihn verschlingt; vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft zischend, Flammen sprühend zusammen, bis auf die schwarze, hochaufgeschwollene, grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend trotzig mitten auf dem Kinde, und sprüht aus ihren Augen zornige Blicke dem Priester entgegen. Dieser sprengt ihr Weihwasser entgegen, es zischt wie auf heißem Steine gewöhnliches Wasser; immer größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine aus über das Kind, glotzt immer giftiger den Priester an; da faßt dieser in feuriger Glaubenswuth nach ihr mit kühner Hand. Es ist als wenn er griffe in glühende Stacheln hinein, aber unerschüttert greift er fest, schleudert das [73] Ungeziefer weg, faßt das Kind, und eilt mit ihm sonder Weile der Mutter zu.
Wikipedia über die Erzählung: Die schwarze Spinne

05 Juni 2014

Wahrheit, Gutsein, Mystik (Ulrich und Agathe II)

Er erinnerte sich, schon einmal auf den Gedanken gekommen zu sein, es käme heute jede Wahrheit in ihre Halbheiten geteilt auf die Welt, und trotzdem könnte sich auf diese windige und bewegliche Weise eine größere Gesamtleistung ergeben, als wenn jeder ernst und einsam nach ganzer Pflicht strebe. [...]
Wenn man ihr sagte, etwas sei nötig oder wahr, so richtete sie sich danach und nahm alles, was man von ihr forderte, willig hin, weil es ihr so am mindesten anstrengend vorkam, und es wäre ihr unsinnig erschienen, etwas gegen feste Einrichtungen zu unternehmen, die mit ihr keinen Zusammenhang hatten und offenbar zu einer Welt gehörten, die nach dem Willen von Vätern und Lehrpersonen aufgebaut war. Sie glaubte aber kein Wort von dem, was sie lernte, und weil sie trotz ihres scheinbar willigen Betragens keineswegs eine Musterschülerin war und dort, wo ihre Wünsche ihren Überzeugungen widersprachen, in gelassener Weise das tat, was sie wollte, genoß sie die Achtung ihrer Mitschülerinnen, ja sogar jene bewundernde Neigung, die in der Schule findet, wer es sich bequem zu machen versteht. [...]
Denn sie hatte wenig Begabung zur Untreue bewiesen: Liebhaber kamen ihr, sobald sie sie erst kennen gelernt hatte, nicht bezwingender vor als Gatten, und es dünkte sie bald, daß sie ebensogut die Tanzmasken eines Negerstamms ernstnehmen könnte wie die Liebeslarven, die der europäische Mann anlegt. Nicht, daß sie niemals darüber von Sinnen gekommen wäre: aber es ging schon bei den ersten Wiederholungsversuchen verloren! Die ausgeführte Vorstellungswelt und Theatralik der Liebe ließ sie unberauscht. Diese hauptsächlich vom Mann ausgebauten Regievorschriften der Seele, die alle darauf hinauslaufen, daß das harte Leben hie und da eine schwache Stunde haben soll, – mit irgendeiner Unterart des Schwachwerdens: dem Versinken, dem Ersterben, dem Genommenwerden, dem sich Geben, dem Erliegen, dem Verrücktwerden und so weiter – kamen ihr schmierenhaft übertrieben vor, da sie sich in keiner Stunde anders empfand als schwach, in einer von der Stärke der Männer so vortrefflich erbauten Welt. [...]
»Es scheint, daß eigentlich nur Menschen, die nicht viel Gutes tun, imstande sind, sich ihre ganze Güte zu bewahren«! Aber in dem Augenblick, wo sie diesen Satz hatte, einleuchtend so, wie ihn Ulrich gesprochen haben mußte, kam er ihr durchaus unsinnig vor. Man konnte ihn nicht aus dem vergessenen Zusammenhang des Gesprächs allein herausnehmen. Sie versuchte die Worte anders zu stellen und tauschte sie gegen ähnliche um; aber da zeigte sich nun doch, daß der erste Satz der richtige war, denn die anderen waren wie in den Wind gesprochen und es blieb gar nichts von ihnen zurück. [...]
Manchmal, wenn sie als Pensionsmädchen des Morgens im Halbdunkel erwacht war, hatte sie den Eindruck gehabt, sie treibe in ihrem Körper wie zwischen den Planken eines Kahns der Zukunft entgegen. Jetzt war sie ungefähr doppelt so alt wie damals. Und es war im Wagen ebenso halbdunkel wie damals. Aber sie konnte sich noch immer nicht ihr Leben vorstellen und hatte keinen Begriff, wie es sein müßte. Männer waren eine Ergänzung und Vervollständigung des eigenen Körpers, aber kein seelischer Inhalt; man nahm sie, wie sie einen nahmen. [...]
In Wahrheit hätten wir nicht Taten von einander zu fordern, sondern ihre Voraussetzungen erst zu schaffen; so ist mein Gefühl!« [...]
»Ich habe bei unsrer Kusine einmal Graf Leinsdorf den Vorschlag gemacht, daß er ein Weltsekretariat der Genauigkeit und Seele gründen solle, damit auch die Leute, die nicht in die Kirche gehn, wüßten, was sie zu tun haben. Natürlich habe ich das nur zum Spaß gesagt, denn wir haben zwar seit langer Zeit für die Wahrheit die Wissenschaft geschaffen, aber wenn man für das, was übrig bleibt, etwas Ähnliches verlangen wollte, müßte man sich heute beinahe noch einer Torheit schämen. [...]
Fast könnte man sagen, unsere bösen Wünsche seien die Schattenseite des Lebens, das wir wirklich führen, und das Leben, das wir wirklich fuhren, sei die Schattenseite unserer guten Wünsche. [...]
Die Gesetzlosigkeit ihres Wesens hatte bis dahin die traurige und ermüdete Gestalt der Überzeugung gehabt: »Ich darf alles, aber ich will ohnehin nicht«, und so machten die Fragen seiner jungen Schwester nicht unberechtigterweise zuweilen auf Ulrich einen ähnlichen Eindruck, wie es die Fragen eines Kindes tun, die so warm sind wie die kleinen Hände dieses hilflosen Wesens. [...]
Moral ist nichts anderes als eine Ordnung der Seele und der Dinge, beide umfassend, und so ist es nicht sonderbar, daß junge Menschen, deren Lebenswille noch allseitig unabgestumpft ist, viel von ihr reden. [...]
Er kannte natürlich den Unterschied, der zwischen Natur- und Sittengesetzen so gemacht wird, daß man die einen der sittenlosen Natur ablese, die anderen aber der weniger hartnäckigen Menschennatur auferlegen müsse; doch war er der Meinung, daß irgendetwas an dieser Trennung heute nicht mehr stimme, und hatte gerade sagen wollen, daß sich die Moral dabei in einem um hundert Jahre verspäteten Denkzustand befinde, weshalb sie den veränderten Bedürfnissen so schwer anzupassen sei. [...]
»Es steckt eine paradoxe Sinnlosigkeit in diesen guten Menschen« meinte Ulrich. »Sie machen aus einem Zustand eine Forderung, aus einer Gnade eine Norm, aus einem Sein ein Ziel! In dieser Familie der Guten gibt es lebenslang nur Reste zu essen, und dazu geht das Gerücht um, daß einmal ein Festtag gewesen sei, von dem sie herrühren! Gewiß, von Zeit zu Zeit werden ein paar Tugenden von neuem Mode, aber sobald das geschehen ist, verlieren sie auch schon wieder die Frische.« [...]
»In früheren Jahrhunderten« dachte sie »wäre ein Mensch in meiner Stimmung in ein Kloster eingetreten« und daß sie statt dessen geheiratet hatte, war nicht frei von einer unschuldigen Komik, die ihr bisher entgangen war. Diese Komik, die ihr jugendlicher Sinn nicht früher bemerkt hatte, war allerdings keine andere als die der gegenwärtigen Zeit, die das Bedürfnis nach Weltflucht schlimmstenfalls in einem Touristengasthof, gewöhnlich aber in einem Alpenhotel befriedigt und sogar das Bestreben hat, die Strafanstalten nett zu möblieren. Es spricht daraus das tiefe europäische Bedürfnis, nichts zu übertreiben. Kein Europäer geißelt sich, beschmiert sich mit Asche, schneidet sich die Zunge ab, gibt sich wirklich hin oder zieht sich auch nur von allen Menschen zurück, vergeht vor Leidenschaft, rädert oder spießt heute noch; aber jeder hat zuweilen das Bedürfnis danach, so daß es schwer zu sagen ist, worin eigentlich das Vermeidenswerte liege, ob im Wünschen oder im Nichttun. [...]
Agathe vergewisserte sich, daß Ulrich nicht auf sie achte, und öffnete vorsichtig ihr Kleid an der Brust, wo sie auf der Haut die Kapsel mit dem kleinen Bild verwahrte, das sie durch Jahre nicht von sich gelassen hatte. Sie ging ans Fenster und tat als sähe sie hinaus. Behutsam ließ sie den scharfen Rand der winzigen goldenen Auster aufspringen und betrachtete verstohlen ihren toten Geliebten. Er hatte volle Lippen und weiches, dichtes Haar, und der kecke Blick des Zwanzigjährigen sprang aus einem Gesicht, das noch halb in der Eischale stak. Sie wußte lange nicht, was sie dachte, aber mit einem Mal dachte sie: »Mein Gott, ein einundzwanzigjähriger Mensch!« Was sprechen so junge Leute miteinander? Welche Bedeutung geben sie ihren Angelegenheiten? Wie komisch und anmaßend sind sie oft! Wie täuscht sie die Lebhaftigkeit ihrer Einfälle über deren Wert! Agathe wickelte neugierig alte Aussprüche aus Seidenpapier der Erinnerung, die sie als wunder wie klug darin aufbewahrt hatte: Mein Gott, das war ja beinahe bedeutend, dachte sie; aber eigentlich ließ sich selbst das nicht mit Sicherheit behaupten, wenn man sich nicht den Garten vorstellte, worin es gesprochen worden war, mit den sonderbaren Blumen, deren Bezeichnung sie nicht wußten, den Schmetterlingen, die sich wie müde Trunkenbolde auf jene setzten, und dem Licht, das über ihre Gesichter floß, als ob Himmel und Erde darin aufgelöst wären. Wenn sie sich daran maß, so war sie heute eine alte und erfahrene Frau, obwohl die Zahl der vergangenen Jahre nicht gar groß war, und sie bemerkte ein wenig verwirrt das Mißverhältnis, daß sie, die Siebenundzwanzigjährige, bis jetzt noch den Zwanzigjährigen geliebt hatte: er war viel zu jung für sie geworden! Sie fragte sich: »Welche Gefühle müßte ich eigentlich haben, wenn mir, in meinem Alter, dieser knabenhafte Mann wirklich das Wichtigste sein sollte?!« Es wären wohl recht sonderbare Gefühle gewesen; sie bedeuteten ihr nichts, sie vermochte sich nicht einmal eine deutliche Vorstellung von ihnen zu bilden. Eigentlich löste sich alles in nichts auf. Agathe anerkannte in einer großen, schwellenden Empfindung, daß sie in der einzigen stolzen Leidenschaft ihres Lebens einem Irrtum erlegen war, und der Kern dieses Irrtums bestand aus einem feurigen Nebel, der sich nicht berühren und fassen ließ, mochte man nun sagen, daß Glauben nicht eine Stunde alt werden dürfe, oder es anders nennen; und immer war es das, wovon ihr Bruder sprach, seit sie beisammen waren, und immer war es sie selbst, von der er sprach, auch wenn er allerhand begriffliche Umstände machte und seine Vorsicht für ihre Ungeduld oft viel zu langsam war. Sie kamen immer wieder auf das gleiche Gespräch zurück, und Agathe brannte selbst vor Verlangen, daß sich seine Flamme nicht verkleinere. Als sie nun Ulrich ansprach, hatte er die lange Dauer der Unterbrechung gar nicht bemerkt. Aber wer das, was zwischen diesen Geschwistern vorging, nicht schon an Spuren erkannt hat, lege den Bericht fort, denn es wird darin ein Abenteuer beschrieben, das er niemals wird billigen können: eine Reise an den Rand des Möglichen, die an den Gefahren des Unmöglichen und Unnatürlichen, ja des Abstoßenden vorbei, und vielleicht nicht immer vorbei führte; ein »Grenzfall«, wie das Ulrich später nannte, von eingeschränkter und besonderer Gültigkeit, an die Freiheit erinnernd, mit der sich die Mathematik zuweilen des Absurden bedient, um zur Wahrheit zu gelangen. [...]
»Man braucht durchaus kein Heiliger zu sein, um etwas davon zu erleben! Man kann auch auf einem umgestürzten Baum oder einer Bank im Gebirge sitzen und einer weidenden Rinderherde zusehn und schon dabei nichts Geringeres mitmachen, als wäre man mit einemmal in ein anderes Leben versetzt! Man verliert sich und kommt mit einemmal zu sich: du hast ja selbst schon davon gesprochen!« [...]
Was auf der Bildfläche bleibt, könnte man am ehesten ein Gewoge von Empfindungen nennen, das sich hebt und senkt oder atmet und gleißt, als ob es ohne Umrisse das ganze Gesichtsfeld ausfüllte. Natürlich sind darin auch noch unzählige einzelne Wahrnehmungen enthalten, Farben, Hörner, Bewegungen, Gerüche und alles, was zur Wirklichkeit gehört: aber das wird bereits nicht mehr anerkannt, wenn es auch noch erkannt werden sollte. Ich möchte sagen: die Einzelheiten besitzen nicht mehr ihren Egoismus, durch den sie unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, sondern sie sind geschwisterlich und im wörtlichen Sinn ›innig‹ untereinander verbunden. Und natürlich ist auch keine ›Bildfläche‹ mehr da, sondern irgendwie geht alles grenzenlos in dich über.« Nun übernahm wieder Agathe lebhaft die Beschreibung: »Jetzt brauchst du bloß statt Egoismus der Einzelheiten Egoismus der Menschen zu sagen,« rief sie aus »so ist es das, was man so schwer ausdrücken kann: ›Liebe deinen Nächsten!‹ heißt nicht, liebe ihn so, wie ihr seid, sondern es bezeichnet eine Art Traumzustand!« »Alle Sätze der Moral« bestätigte Ulrich »bezeichnen eine Art Traumzustand, der aus den Regeln, in die man ihn faßt, bereits entflohen ist!« »Eigentlich gibt es dann gar kein Gut und Bös, sondern nur Glaube – oder Zweifel!« rief Agathe aus, der jetzt der sich selbst tragende ursprüngliche Zustand des Glaubens so nahe zu sein schien und ebenso sein Verlust in der Moral, von dem ihr Bruder gesprochen hatte, als er sagte, Glaube könne nicht eine Stunde alt werden. [...]
»Einmal im Leben« antwortete Agathe darauf schwärmerisch entschieden »geschieht alles, was man tut, für einen anderen. Man sieht für ihn die Sonne scheinen. Er ist überall, und selbst ist man nirgends. Und doch ist das kein ›Egoismus zu zweien‹, denn dem anderen muß es genau so gehn. Zuletzt sind beide kaum noch für einander da, und was übrig bleibt, ist eine Welt für lauter zwei Menschen, die aus Anerkennung, Hingabe, Freundschaft und Selbstlosigkeit besteht!« [...]
»Das sind christliche, jüdische, indische und chinesische Zeugnisse; zwischen einzelnen von ihnen liegt mehr als ein Jahrtausend. Trotzdem erkennt man in allen den gleichen vom gewöhnlichen abweichenden, aber in sich einheitlichen Aufbau der inneren Bewegung. Sie unterscheiden sich von einander fast genau nur um das, was von der Verbindung mit einem Lehrgebäude der Theologie und Himmelsweisheit herrührt, unter dessen schützendes Dach sie sich begeben haben. Wir dürfen also einen bestimmten zweiten und ungewöhnlichen Zustand von großer Wichtigkeit voraussetzen, dessen der Mensch fähig ist und der ursprünglicher ist als die Religionen.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften,