25 Februar 2013

Apollonius an der Arbeit, Fritz in Eifersucht

Apollonius geht an die Arbeit, die ihm aufgetragen wird, und ahnt nicht, wie viel Ängste er auslöst.
Er dachte nicht, daß man beleidigen kann, ohne zu wissen und zu wollen, ja daß die Pflicht gebieten könne, zu beleidigen. Er dachte nicht, daß sein Bruder ihn beleidigt haben könnte. Er wußte nicht, man könne auch den hassen, den man beleidigt, nicht bloß den Beleidiger. (S.437)
Er hofft, durch Unterordnung seinen Bruder zu beruhigen  und den - vermeintlichen - Widerwillen seiner Schwägerin "durch Ausdauer redlichen Mühens" überwinden. Aber dessen Angst, dass er ihm die Frau ausspannen wolle, kann er damit nicht überwinden. Im Gegenteil, Fritz glaubt in seiner Eifersucht, ihn und seine Frau ständig überwachen zu müssen.
Ach, es war ein wunderlich schwüles Leben von da in dem Hause mit den grünen Fensterladen, tage-, wochenlang! Die junge Frau kam fast nicht [474] zum Vorschein, und mußte sie, so lag brennende Röte auf ihren Wangen. Apollonius saß vom ersten Morgenschein auf seinem Fahrzeug und hämmerte, bis die Nacht einbrach. Dann schlich er sich leise von der Hintergasse durch Schuppen und Gang auf sein Stübchen. Er wollte ihr nicht begegnen, die ihn floh. Fritz Nettenmair war wenig mehr daheim. Er saß von früh bis in die Nacht in einer Trinkstube, von wo man nach der Aussteigetür und dem Fahrzeug am Turmdache sehen konnte. Er war jovialer als je, traktierte alle Welt, um sich in ihrer lügenhaften Verehrung zu zerstreuen. Und doch, ob er lachte, ob er würfelte, ob er trank, sein Auge flog unablässig mit den Dohlen um das steile Turmdach. Und wie durch einen Zauber fügte es sich, nie schlich Apollonius durch den Schuppen, ohne daß fünf Minuten früher Fritz Nettenmair in die Haustür getreten war. (Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde, S.473-474)


Rückkehr in die Heimat

Apollonius, der jüngste Sohn des Dachdeckermeisters Nettenmair, liebt Christane Walther, traut sich aber nicht, sie anzusprechen Das übernimmt für ihn sein älterer Bruder Fritz, ein Draufgänger.
Da der Vater die Freundin von Fritz ablehnt, sieht dieser seine Chance, statt den Brautwerber zu machen, die attraktive Christiane für sich selbst zu gewinnen. Zwar merkt er bald, dass diese seinen Bruder Apollonius liebt, doch gelingt es ihm, seinem Bruder einzureden, sie hege einen Widerwillen gegen ihn. Entsprechend berichtet es dem Mädchen, Appollonius rede abfällig über sie.
Da beide zu schüchtern sind, miteinander zu sprechen, gelingt die Täuschung so gut, dass Apollonius ihm glaubt, dass seine Liebe hoffnungslos sei und sich überreden lässt, seine geliebte Vaterstadt zu verlassen.

Der Dachdeckermeister will seinen Sohn Fritz verheiratet sehen und fordert ihn auf, Christiane Walther zu heiraten. Jedenfalls schreibt das Fritz an seinen Bruder.
Als auf das Geschäft größere Aufgaben zukommen, ruft der Vater den jüngeren Sohn nach Hause. Nach sechs Jahren kehrt der in seine Vaterstadt zurück.
Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich spinnen die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, solang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind; manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurück. Dann eilt des Wanderers Seele [416] vor ihm her und pocht schon an des Vaterhauses Tür und liegt an warmen Herzen, an Wangen, von Freudentränen feucht, in Armen, die ihn drücken und umfangen und ihn nicht lassen wollen, während sein Fuß noch weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er auf der Flur des Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang, als er geträumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt er zweimal: »Sie sind's«, und zweimal: »Sie sind's nicht«. Dann sucht er die altbekannten lieben Stellen, die Häuser, den Fluß, die Berge, die das Heimatstal umgürten; die müssen doch die alten geblieben sein! Aber auch sie sind anders geworden. Oft sind es die Dinge, die Menschen, oft nur das Auge, das sie wiedersieht. Die Zeit malt anders als die Erinnerung. Die Erinnerung glättet die alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und die, mit denen er in der Erinnerung immer zusammen war, in der Wirklichkeit muß er sich erst wieder an sie gewöhnen. (Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde, S.415-416)

24 Februar 2013

Blick voraus nach 2070


"Ja, wer Prophet wäre, wer erschauen könnte, ob nach hundert Jahren [...] sich ein Leben gebildet hat im Sinn der neuen Gesellschaftslehre?
Aber auch ohne Prophet zu sein, kann man wahrsagen, daß, wenn man 2070 schreiben wird, in Europa und Amerika wenigstens stehende Heere nicht mehr zu finden sein werden, ebenso wenig bureaukratische Polizeistaaten und unduldsame Priestergewalt. Ob der ewige Friede dann gekommen sein wird? Ob die Völker sich wie Brüder die Hand reichen werden? Ob Europa und Amerika dann, gleich Aerzten des Menschengeschlechts, die erstarrten asiatischen und die unmündigen und verwahrlosten afrikanischen Völker unter eine aufrichtige civilisatorische Vormundschaft und Erziehung genommen haben?

Ob das Völkerrecht allgemein geworden und das Menschheitsrecht anerkannt sein wird?
Hoffen wir mit Maß, aber mit Zuversicht!

Die Völker werden begreifen, daß sie alle gewinnen an Macht und Wohlfahrt, wenn sie sich als Freunde ansehen. Leise, aber mit fester Hand, wird der allwaltende Genius der Menschheit sein Band der Versöhnung, des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit um alle Völker und Rassen schlingen, und jene erhabene Idee des Menschheitsbundes, d. i. eines das ganze Menschengeschlecht dieses Planeten umspannenden wohlgegliederten Gemeinwesens, wie es zuerst in der Loge zu den drei Schwertern unsern Freunden vorgestellt wurde, wird eine lebendige Wahrheit werden, das Licht dieser Wahrheit, welches jetzt nur wie aus der Ferne winkende Sterne im Geiste einzelner Denker und Menschenfreunde leuchtet, wird mit Tageshelle das schöne Rund der Erde umstrahlen.

Dir aber, mein deutsches Vatervolk, ist die größte und schönste Aufgabe gestellt für die Herbeischaffung besserer Zeiten! Gedenke deiner Pflicht, der Wahrheit und dem Rechte, der reinen Menschenbildung Bahn zu brechen! An deiner Freiheit und Erstarkung, an deiner thatkräftigen Ermannung hängt das Schicksal unsers Erdtheils. Und sollte ein feindseliger Dämon der Gewaltherrschaft, der Knechtung der Geister, der Lähmung der Arbeit, der Zwietracht und Lüge dein altes Haus in Europa zerstören, so wird der bessere Geist und das echte Leben in dir sich hinüberretten zu den verwandten Brüdern jenseit des Weltmeeres, um mit frischer Kraft von dort aus das europäische Erbland neu zu beleben."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 12. Kapitel

Man kann beklagen, wie Oppermann aus der Sicht von 1870 die kommende Periode des Imperialismus ideologisch rechtfertigt, darauf hinweisen, wie genau sein Bild von Asien und Afrika die Entwicklungshilfekonzeptionen der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts trifft, staunen, wie schön sein Bild zum Völkerbund, der europäischen Einigung und dem Eingreifen der USA in den Kampf gegen das nationalsozialstische Deutschland und Reeducation und Marshallplan passt. 

Leider ist uns sein Optimismus für das Jahr 2070 versagt. Das liegt allein nicht daran, dass das, was für ihn entfernte Zukunft in 200 Jahren war, für die sich rosige Zukunftsträume träumen ließen (so manches hat sich ja erfüllt), sondern vor allem daran, dass uns im Laufe des 20. Jahrhunderts die ökologische Unwissenheit und damit Unschuld abhanden gekommen ist. 
Der neueste Bericht an den Club of Rome sagt bis 2050 noch ein ähnliches Wohlstandsniveau voraus wie heute (teils wachsend, teils stagnierend, teils fallend), aber für die Zeit danach eine unaufhaltsam sich selbst verstärkende Erderwärmung mit katastrophalen Folgen, wenn wir nicht weit energischer als in den letzten 40 Jahren auf nachhaltiges Wirtschaften und das heißt unter anderem auch auf Wachstumsbeschränkung hin umsteuern.

Zwischen Himmel und Erde


"Hoch am Himmel und tief auf der Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem einen brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle Flammen, alle Qualen der Hölle. »Wo ist dein Bruder?« drang es endlich zwischen den Zähnen des einen hervor. »Ich weiß nicht. Wie soll ich's wissen?« bäumt sich im andern der Trotz. »Du weißt nicht?« Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte schlug wie Donner in die Seele des Sohnes. »Ich will dir's sagen. Drüben in Brambach liegt er tot. Das Seil ist über ihm zerrissen, und du hast's mit Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es tun. Die ganze Stadt weiß es; eben tragen sie's in die Gerichte. Der erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der Häscher, der dich vor den Richter führt.« – Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rüstung knackte unter ihm. Der Alte horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüstes zusammen, so stürzte er hinab in die Tiefe, und alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war getan! Eine Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Höhe und streute ihr lustiges Tirill über Bäume und Häuser hin. [...]
»Ich will sehn«, erwiderte der Alte mit pfeifendem Flüstern, »ob ich's tun muß oder ob du's tun wirst, was getan sein muß. Und getan muß es sein. Noch weiß niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich stehen, aber nicht für die, daß sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn du jetzt herabfällst von der Rüstung, so daß die Leute meinen können, du bist ohne Willen verunglückt, dann ist die größte Schande verhütet. Der Schieferdecker, der verunglückt, steht vor der Welt als ein ehrlicher Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben ist. Du bist solchen Tod nicht wert, Bankeruttierer. Dich sollte der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz, Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen das zukünftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das voll Ehre gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du sollst nicht noch mehr Schande darüber bringen. Von mir sollen sie nicht sagen, daß mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem Blutgerüst oder im Zuchthaus gestorben ist. Du betest jetzt ein Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wendest du dich, als wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen, und trittst mit dem rechten Fuß über die Rüstung. Sag' ich, der Schreck über seines Bruders Unglück hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben's die Gerichte und die Stadt. Das ist's, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als deins. Tust du's nicht gutwillig, so stürz' ich mit dir hinab, und du hast auch mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich bin gestrauchelt und hab' mich an dir anhalten wollen und hab' dich mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut erfahren hab', keine Dauer mehr und kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich Nettenmair heiße. Nun besinn' dich, wie es werden soll. Ich zähle fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort!« [...]
Dazwischen sah er schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete ihn über dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im Augenblicke noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte ihm verzeihen. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald da und hatte vergessen warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen der Gesell verschwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des Roten Adlers auf, es klang: »Da kommt er ja! Nun wird's famos!« Er stand an den Straßenecken und zählte, und die Bretter wollten unter Apollonius nicht brechen, die Stricke über ihm nicht reißen; er stand wieder vor der Frau und sagte, über des sterbenden Ännchens Bett gebeugt: »Weißt du, warum du erschrickst?« und holte aus zu dem unseligen Schlage! Selbst daß er vor dem Vater dalag und hin und her sann in gräßlich angstvoller Hast, kam ihm vorüberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war's ihm, als käme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschläge zu zählen begonnen, und jetzt. Es müsse ja alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er über den Vater hinweggeflohen oder ob er sich angehalten, als ihn der Vater mit hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der Vater noch. Er hörte ihn »neun« zählen und dann schweigen. Die Besinnung verließ ihn völlig."
Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde, S. 549-543

Diese Begegnung der beiden Dachdecker ist nicht die einzige Szene in dieser Erzählung, in der es auf dem Kirchendach "zwischen Himmel und Erde" um Tod und Leben geht. 
Dabei fängt sie ganz undramatisch an:]
Das Gärtchen liegt zwischen dem Wohnhause und dem Schieferschuppen; wer von dem einen zum andern geht, muß daran vorbei.  [...] Das Wohnhaus, das zu dem Gärtchen gehört, sieht nicht nach allen Seiten so geschmückt aus als nach der Hauptstraße hin. Hier sticht eine blaß rosenfarbene Tünche nicht zu grell von den grünen Fensterladen und dem blauen Schieferdache ab; nach dem Gäßchen zu die Wetterseite des Hauses erscheint von Kopf zu Fuß mit Schiefer geharnischt;  [...]
Weiter geht es mit einem Dachdecker in blauem Rock, der von allen Bürgern geachtet wird und doch:
Nicht immer wohnte die Sonntagsruhe hier, die jetzt selbst über die angestrengteste Geschäftigkeit der Bewohner des Hauses mit dem Gärtchen ihre Schwingen breitet. Es ging eine Zeit darüber hin, wo bitterer Schmerz über gestohlenes Glück, wilde Wünsche seine Bewohner entzweiten, wo selbst drohender Mord seinen Schatten vor sich her warf in das Haus, wo Verzweiflung über selbstgeschaffenes Elend händeringend in stiller Nacht an der Hintertür die Treppe herauf und über die Emporlaube und wieder hinunter den Gang zwischen Gärtchen und Stallraum bis zum Schuppen und ruhelos wieder vor und wieder hinter schlich. (S.387-392)

22 Februar 2013

Der kurze Weg der hannoverschen Armee in die Kapitulation


Nach dem Bericht des Generalstabes wurde nachmittags ein Uhr in Herrenhausen der Beschluß gefaßt, die Armee bei Göttingen zu sammeln, während die Muthigern eine Zusammenziehung bei Hannover wünschten. Der höchste Kriegsherr entschied für Göttingen, weil er hoffte, von dort Anschluß an hessische und bairische Truppen gewinnen zu können. Die Truppen selbst, welche in Brigaden bei Verden, Harburg, Burgdorf und Liebenau zusammengezogen wurden, befanden sich meistens auf dem Marsche nach dem Norden, als sie die Contreordre bekamen nach Göttingen. In der Residenz liefen die nicht in den Kasernen einquartierten Soldaten nachmittags wie kriegstoll in den Straßen herum, um die kleinen Montirungsstücke aus den Quartieren zu holen, vom Liebchen Abschied zu nehmen, oder von Aeltern, Freunden, Verwandten. Offiziere jagten zu Pferde, in Equipagen und Droschken durch die Straßen, die Zeughäuser spien Kanonen, Munitionswagen aus, die nebst Train- und andern Wagen vor dem Bahnhofe aufgestellt und eingeladen wurden. Es war in alledem wenig Geordnetes, man sah die Hast und Uebereilung an allen Ecken herausgucken, das Unfertige, der Mangel an Uebung, beim Aufladen der Kanonen z. B., fiel selbst dem Laien auf. Auf dem Bahnhofsplatze standen Tausend von Menschen, um den Abzug der ersten Truppen eines Bataillons des Garderegiments anzusehen, Bürger, Frauenzimmer aller Art, Beamte, Mitglieder Erster und Zweiter Kammer. Niemand wußte eigentlich, was da werden sollte. Offiziere eilten nach dem Bahnhofe und wieder zurück; wurde einer derselben von seinem nächsten civilistischen Freunde angerufen, um Aufklärung gebeten, so machte er die Zeichen der höchsten Eile und rief etwa: »Nach Kassel!« oder »Nach Koburg!« Vor dem Abgeordnetenhause nach der Seite der Osterstraße standen schwere Packwagen, auf welche aus der Generalkasse mächtige Geldfässer aufgeladen wurden, die der Armee nach dem Süden folgen sollten. Das war kein Rückzug mehr, das war Flucht, übereilte, kopflose Flucht! [...]
Magistrat und Bürgervorsteher versammelten sich noch um elf Uhr abends zu einer Berathung, und sendeten eine gemeinsame Deputation nach Herrenhausen, den König zu bitten, in seiner Residenz zu bleiben und das preußische Ultimatum anzunehmen, da die Lage des Landes dies fordere. Georg, in Galauniform, erwiderte darauf die bekannten Worte, daß er als König, Welf und Christ auf die preußischen Vorschläge nicht eingehen könne, da sie einen der Mediatisirung gleichen Erfolg haben würden. [...]

Es ist nicht Pflicht dieser Erzählung, die Armee auf ihrem ermüdenden Marsche zu begleiten; wer sich der Hitze, namentlich am 22. und 23. Juni erinnert, des gebotenen langgezogenen Colonnenmarsches auf kalkstaubigen Wegen gedenkt (die Marschordre war abermals geändert, und der Flankenmarsch auf Wanfried, Treffurt, Eschwege fand nicht statt, weil man jeder zugebrachten Nachricht Glauben schenkte), der wird begreiflich finden, daß kaum Wagen zu beschaffen waren, die Zahl der abgelegten Tornister nachzutransportiren und die Maroden aufzunehmen. Man stieß am 22. und 23. auf keinen Feind, erhielt aber eine telegraphische Depesche aus dem Hauptquartier Moltke's, die Waffen zu strecken, da man umzingelt sei.
Lieutenant Ahlefeld war mit Königin-Husaren an diesem Tage in Eisenach gewesen und meldete, daß man dort keine Truppen getroffen; von Gotha her wurde das Gleiche berichtet, und es war im Hauptquartier beschlossen, am folgenden Tage Gotha zu nehmen. Vom 24. bis zum 27. Juni schwebt ein gewisses Dunkel über der Sache; nur so viel steht fest, daß niemand wußte, wer zu entscheiden habe, und bei solcher Leitung der blinde König im Kriegsrath ein entscheidendes Wort mitsprach; von dem, was nothwendig und möglich war, nämlich über Eisenach nach dem Meiningenschen vorzudringen, nichts geschah, sondern die Zeit mit unnützen Verhandlungen in Gotha vertrödelt, die Truppen durch Hin- und Hermärsche ermüdet wurden. Hat man sich durch Preußen oder Gothaer dupiren lassen, so ist das eigene Schuld.
Man hatte Waffenstillstand geschlossen. Als sich die Preußen so stark sahen, einen Angriff der Hannoveraner auf Gotha oder Eisenach mit Aussicht auf Erfolg abwehren zu können, kündigte der General von Fließ den Waffenstillstand und erklärte, in zwei Stunden vorrücken zu wollen. Noch einmal, Mittag, den 26. Juni, ließ Graf Bismarck dem Könige ein Bündniß mit Preußen unter den Bedingungen vom 15. Juni anbieten, durch Oberst von Döring. Der König schwankte sichtbarlich, sein böser Dämon, Graf Schlottheim, stand ihm aber zur Seite und flüsterte von Heinrich dem Löwen. Georg wies das Anerbieten zurück und befahl seinem General, dem Vorrücken Widerstand entgegenzusetzen.
Die Offensive gab man auf. Die Soldaten waren schon drei Nächte nicht zur Ruhe gekommen und gleichzeitig fehlten die Lebensmittel. Hinter der Unstrut und hinter den Ortschaften Thamsbrück, Merxleben, Nägelstedt nahm man eine Defensivstellung, die erste und zweite Brigade hinter Merxleben, die dritte südlich von Thamsbrück bei der Untermühle, die vierte hinter Nägelstedt.
Der König verließ bald nach Mitternacht Langensalza und brachte die Zeit bis zum Morgen nördlich von Merxleben im freien Felde zu; dann, als die Truppen abzukochen begannen, nahm derselbe Quartier in Thamsbrück und versuchte sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken.
Aber der Schlaf wollte nicht kommen, er ließ sich nicht befehlen, der Augenblick der Entscheidung nahte und machte das Herz des Königs stärker klopfen.
Sein Selbstvertrauen verhieß ihm Sieg, er wußte, daß er auf die Tapferkeit seiner Truppen bauen konnte, aber er mußte sich sagen, daß nicht hier, nahe der Grenze seines Landes, in thüringischen Landen, sein Schicksal und das seines Landes entschieden würde, sondern in weiter Ferne, vielleicht in den böhmischen Waldschluchten oder an den Ufern der Moldau und Elbe, oder, wie er hoffte, in der schlachtberühmten Ebene von Leipzig. Gestern konnte er noch unter den Bedingungen vom 15. Juni ein Bündniß mit Preußen und die Garantie seiner Länder erkaufen; heute konnte er das nicht mehr, er mußte siegen oder ruhmvoll untergehen.
Schon in Göttingen hatte sein Cabinetsrath ihm nur dürftig aus Zeitungen vorlesen können, in Langensalza fanden sich nur ältere preußische Blätter, die er haßte, man war im Hauptquartier über die Weltlage sehr schlecht unterrichtet. Die Oesterreich sich zuneigenden Offiziere behaupteten, Benedek sei nach Sachsen marschirt und rücke direct nach Berlin vor, wo eine Revolution in nächster Aussicht stehe. Der Stoß, den Prinz Albrecht von Oberschlesien aus beabsichtige, werde parirt werden, während das Gros der k. k. Armee nach der Spree rücke.
Die preußenfreundlichen Offiziere wollten wissen, daß die Preußen nicht allein ganz Sachsen innehätten, sondern über Zwickau hinaus durch die Hochwälder nach Böhmen eindrängen, und Benedek nur eine Defensivstellung einnähme.
Wir alle sind der Zeitungsnachrichten so gewöhnt, daß es jedem von uns wunderbar und beunruhigend vorkommt, wenn wir mehrere Tage ohne Zeitungsblätter uns behelfen müssen; noch mehr fühlte der König diesen Mangel. Im heiligenstädter Nachtquartier hatte er die letzte Nachricht von Hannover und Herrenhausen bekommen, seit Heiligenstadt hatte ihm auch Dr. Lex keine Zeitung mehr vorlesen können. Ob sich der Blinde überall eine Vorstellung von der Gegend machen konnte, die man Thüringerwald nennt, und von dem, was er Süden nannte? Wir bezweifeln das sehr. Man muß Student gewesen sein und jedes Dörfchen vom Inselberge an bis hinter Salzungen kennen, man muß den Rennstieg begangen haben und nach Ruhla hinuntergestiegen sein, um ein Bild vom Thüringerwalde zu haben. Wer mit der Bahn nach Meiningen und Koburg fährt, der hat eben keine Anschauung des Thüringerwaldes. Ob man sich im Generalstabe einen deutlichen Begriff davon machte, was man erreichte, wenn man bei Mechtersen oder Eisenach die Bahn überschritten hatte? Ob einer der Offiziere einmal von Eisenach nach Altenstein oder Liebenstein gegangen oder gefahren war? Fast sollte man daran zweifeln. Hannoverische Husaren hatten am 19. Juni die Division Beyer in Dassel einrücken sehen; die Bahn über Rottenburg, Bebra, Gerstungen konnte in wenig Stunden Truppen nach Eisenach werfen – die Division Goeben verstärkte Beyer. Als man den großen Zug nach Süden von Göttingen aus begann, waren die Preußen schon bei Northeim sichtbar geworden, und General Vogel von Falckenstein konnte denselben Weg nehmen, den Georg gezogen. Die Manteuffel'sche Division konnte auf Umwegen über Braunschweig, Magdeburg, Erfurt Truppen nach Gotha werfen, oder über Göttingen und Mühlhausen nachmarschiren. Dort stand das Corps des Generalmajors Fließ. Man war in der Falle, wenn nicht heute schon, so doch sicher morgen.
Als der König kaum in Thamsbrück Quartier genommen, erschollen von Hennigsleben her, wo am Morgen noch die Cambridge-Dragoner ihren Stand gehabt, südlich von Langensalza, die ersten preußischen Kanonenschüsse, und als die elfte Stunde gekommen war, sah Oberst von Strube sich genöthigt, Langensalza und den Jüdenhügel dem Feinde zu überlassen, und nun begannen von letzterm Punkte aus preußische Batterien gegen die drei auf dem Kirchberge von Merxleben postirten hannoverischen Batterien zu spielen, und eine dichte preußische Schützenkette entwickelte am rechten Ufer der Unstrut ein heftiges Gewehrfeuer auf die in und um Merxleben befindliche Brigade de Vaux, was man in Thamsbrück sehr deutlich vernahm. Georg erhielt von Zeit zu Zeit Nachricht aus dem Hauptquartier in Merxleben, aber viel zu dürftige für seine mit jedem Augenblick zunehmende Ungeduld; einer der Offiziere der Cambridge-Dragoner, von denen eine Schwadron dem Könige als persönliche Schutzwehr beigeordnet worden, war zwischen Thamsbrück und dem Hauptquartier beständig unterwegs. Der König wollte von seinem Generaladjutanten wissen, warum noch nicht zur Offensive übergangen würde; Victor Justus hatte auf dem Kalkberge eine Position eingenommen, welche nicht nur Merxleben übersehen ließ, sondern auch die Stellung der Preußen in und um Langensalza im Badewäldchen und auf dem Jüdenhügel, und berichtete von dort.
Als dem Könige gemeldet war, daß der Brigade Bülow Befehl gegeben sei, über die Unstrut zu marschiren und den Feind anzugreifen, erließ der König an Haus von Finkenstein den Befehl, sich der Brigade Bülow anzuschließen und ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde Berichte zu senden. Es wurde jenem indeß nicht so leicht wie der Bülow'schen Infanterie, über die Unstrut zu kommen. Er war mit einem feinen Vollblut beritten und das Unstrutufer sehr abschüssig, beinahe funfzehn Fuß steil abfallend. Als er eine günstige Stelle zum Herunterkommen suchte, traf vom Jüdenhügel her eine Shrapnelkugel sein Pferd, tödtete dasselbe, er selbst fiel in die Unstrut, zerbrach den rechten Arm und wurde von den im Badewäldchen befindlichen Preußen gefangen genommen.
Während man hannoverischerseits schon gegen den Jüdenhügel vordrang, die Preußen aus dem Bade, Badewäldchen, Kallenberg's Mühle vertrieben hatte, drang eine feindliche Colonne bei der Untermühle von Thamsbrück vor und beunruhigte den König, der indeß von dort längst aufgebrochen war und sich zu der Stellung zurückgezogen hatte, welche bis dahin, mehr nordöstlich vom Orte, die Brigade Eggers eingenommen.
Bei dieser Affaire hatte sich Graf Schlottheim, um zu recognosciren, zu weit auf dem Wege vorgewagt, welcher auf den Kirchplatz in Thamsbrück führt. Die Kugel eines Koburgers traf ihn hier in die Brust und endete sein Leben, ein nutzloses, für König und Vaterland verderbliches. Seine Leiche ward erst am folgenden Tage in hohem Korne gefunden, sein Pferd wurde eine Beute des Feindes.
Nachmittags vier Uhr war Generalmajor von Fließ geschlagen und zog sich auf Gotha zurück. Um sechs Uhr zog Georg als Sieger in Langensalza ein und dictirte um sieben Uhr im Hoheitsgefühl und Siegestaumel den folgenden Erlaß an seine Armee:
»Hauptquartier Langensalza, den 28. Juni 1866.
Nachdem am gestrigen Tage (27. Juni) meine ruhmreiche Armee ein neues unverwelkliches Reis in den Lorberkranz geflochten, welcher ihre Fahnen schmückt, hat mir der commandirende General, Generallieutenant von Arentsschildt, und mit ihm die sämmtlichen Brigadiers auf ihre militärische Ehre und ihr Gewissen erklärt, daß meine sämmtlichen Truppen wegen der gehabten Anstrengungen und wegen der verschossenen Munition nicht mehr kampffähig seien, ja daß dieselben wegen der Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr im Stande seien zu marschiren. Zu gleicher Zeit haben der Generallieutenant von Arentsschildt und sämmtliche Brigadiers mir erklärt, daß es unmöglich sei, Lebensmittel für die Truppen auf länger als einen Tag herbeizuschaffen. Da nun heute der commandirende Generallieutenant von Arentsschildt ferner die Anzeige gemacht hat: er habe sich überzeugt, daß von allen Seiten sehr bedeutende und meiner Armee bei weitem überlegene Truppenmassen heranrückten, so habe ich in landesväterlicher Sorge für meine in der Armee die Waffen tragenden Landeskinder es nicht verantworten zu können geglaubt, das Blut meiner treuen und tapfern Soldaten in einem Kampfe vergießen zu lassen, welcher nach der auf Ehre und Gewissen erklärten Ueberzeugung meiner Generale im gegenwärtigen Augenblicke ein völlig erfolgloser sein müßte. Ich habe deshalb den Generallieutenant von Arentsschildt beauftragt, eine militärische Capitulation abzuschließen, indem eine überwältigende Uebermacht sich gegenüberbefindet. Schwere Tage hat die unerforschte Zulassung Gottes wie über mich, mein Haus und mein Königreich, so auch über meine Armee verhängt; die Gerechtigkeit des Allmächtigen bleibt unsere Hoffnung, und mit Stolz kann jeder meiner Krieger auf die Tage des Unglücks zurückblicken; denn um so heller strahlt in ihnen die Ehre und der Ruhm der hannoverischen Waffen. Ich habe mit meinem theuern Sohn, dem Kronprinzen, bis zum letzten Augenblick das Los meiner Armee getheilt, und werde stets bezeugen und nie vergessen, daß sie des Ruhms der Vergangenheit sich auch in der Gegenwart werth gezeigt hat. Die Zukunft befehle ich voll gläubiger Zuversicht in die Hand des allmächtigen und gerechten Gottes
Georg V., Rex.«
Das war der letzte freudige Augenblick des armen blinden Mannes, den Selbstüberschätzung, Schmeichelei und Heuchelei zum Verderben führten. Am andern Tage mußte seine siegreiche Armee capituliren.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 10. Kapitel

Hannover vor dem preußisch österreichischem Krieg 1866

Erst als Preußen mit seinen Bundesreformvorschlägen hervortrat, schien man in Hannover aufzuwachen und sich darüber klar zu werden, daß der Bund kein Ding sei, welches einen ernsthaften Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen ertragen könne; und als nun Preußen anfragen ließ, welche Partei Hannover ergreifen würde, wenn es zu einem Bruche zwischen den beiden deutschen Großmächten käme, oder wenn gar Preußen von Oesterreich angegriffen würde, da mußte der Welfennebel, der die Köpfe umdüsterte, wol etwas schwinden. Graf Platen erklärte dem preußischen Gesandten: Hannover werde sich in einem solchen Falle auf den Bundesstandpunkt, auf den Boden stricter Neutralität, zurückziehen. »Gegen Oesterreich kämpfen wir nicht«, sagte der Graf Anfang April zu dem Prinzen Ysenburg, »aber auch nicht gegen Preußen; wir werden weder mit Oesterreich noch mit Preußen eine Allianz schließen; wir stehen auf dem Bundesstandpunkte, und wenn eine deutsche Großmacht mit einem auswärtigen Staate oder mit einem zum Deutschen Bunde gehörigen Staate Krieg führen will, so bleibt der Bund selbst neutral.« Prinz Ysenburg machte bemerklich, daß das Zurückgehen auf den Bundesstandpunkt einem Bündnisse mit Oesterreich ziemlich gleichbedeutend sei, da der Bund seit seinem Wiederauferstehen nur österreichischen Augenwinken nachgelebt habe. Indeß war man damals noch der Meinung, daß ein Bruch vermieden werde, und Frauenhände arbeiteten in Wien, Berlin wie München gar emsig an dem Frieden. Dieser lag niemand mehr am Herzen als der Königin Marie; sie glaubte ihn erbeten zu können, und verdoppelte ihre Betstunden, denn der Herr Gemahl fühlte sich sehr empört, daß Preußen durch die Bundesreform, namentlich die der Militärverfassung, die Sphäre seines Machteinflusses augenscheinlich zu vergrößern suchte. [...] »Es ist Zeit«, sagte der General in vertraulicher Unterredung, »daß man den Preußen den alten Raub abnimmt; hat Se. kaiserliche Majestät die Waffen ergriffen, so wird er sie nicht niederlegen, bis Schlesien wieder an Oesterreich, die Provinz Sachsen an den König von Sachsen abgetreten ist, und stände Hannover treu zu dem Kaiser, so würde Westfalen Ew. Majestät keine unliebsame Vergrößerung sein. Wie große Stücke mein kaiserlicher Herr auf königliche Majestät hält, davon sei Ihnen, königlicher Bruder, dieses eigenhändig Schreiben des Kaisers ein Beweis, welches dem Feldmarschallieutenant von Gablenz befiehlt, die Brigade Kalik zu Ew. Majestät vollkommenster Disposition bereit zu halten. »Es sind Vorbereitungen getroffen, daß in kürzester Zeit auch holsteinische Truppen mobil gemacht werden können, und ein gemeinsames Lager der Brigade Kalik mit den Truppen Ew. Majestät und den Holsteinern an der Niederelbe würde die Preußen in Schleswig nicht nur in Respect halten, sondern die preußischen Combinationen geradezu umstoßen.« [...] Dem Könige fehlte jeder Begriff von der Staatsidee, er fühlte sich nur als souveräner patriarchalischer Herr, dessen Eigenwille über alles entschied. So hatte er nach dem Conseil bis zum Diner am Nachmittage einer Menge Personen Audienzen ertheilt und viele Kleinigkeiten nach selbsteigenen Beschlußnahmen erledigt, als nach dem Diner der Generalconsul Zimmermann sich in dringenden Angelegenheiten zur Audienz melden ließ. Der König, noch zornig darüber, daß dieser Mann es gewagt hatte, zur Neutralität mit Preußen und zur Abstimmung gegen den Antrag der Königreiche zu rathen, weigerte die Audienz.
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 9. Kapitel

21 Februar 2013

David Grossman: Die Umarmung

Nacherzählung von David Grossman: Die Umarmung
(ohne dass mir der Text vorliegt, nach einer Lesung)

Mutter: Du bist einzigartig. Kein Mensch ist so wie du.
Kind: Ich mag aber nicht einzigartig sein. Ich will einen haben wie ich.
Mutter: Du hast doch mich.
Kind: Aber du bist doch nicht wie ich.
Mutter: Aber ich mag dich, denn du bist einzigartig.
Kind: Sag, bist du denn auch einzigartig?
Mutter: Ja, genauso wie du und Papa und ...
Kind: Dann bist du also auch allein?
Mutter: Ja, ein bisschen bin ich auch allein, aber ich habe ja euch: dich und Papa.
Kind kuschelt sich an die Mutter: Ja, du hast ja mich, da bist du nicht allein.
Mutter: Ja, wir haben uns.
[Hier kommt der Hund mit ins Spiel der gegenseitigen Zärtlichkeit.]
Kind umarmt die Mutter: Ja, da sind wir nicht allein.
Mutter umarmt das Kind: Ja, dafür ist sie erfunden, die Umarmung.

Bilder zu Grossman: Die Umarmung


Leseprobe:
"Ich hab dich lieb, keiner auf der ganzen Welt ist so wie du", sagte die Mutter.
"Ich will aber nicht der einzige auf der Welt sein, der so ist wie ich", sagte Ben.

Quelle und Rezension: NDR: Die Umarmung
Rezension in faz.net

13 Februar 2013

Aus Goethes Briefwechsel mit seiner Frau

Goethe schreibt aus der Kampagne in Frankreich:

[Lager bei Hans,] den 27. September 1792. Dein Briefchen mit dem großen Tintenklecks habe ich erhalten und freue mich, daß es Dir und dem Kleinen wohlgeht, und daß Du im Stillen der Bequemlichkeit und des Guten genießest, wie ich Dir es hinterlassen habe. Ich stelle mir vor, wie Du das Judenkrämchen in Stücken schneidest und verarbeitest. Die schönen Spitzen zerschneide nur nicht, denn es ist eben zu einer schönen Krause gerechnet. Wenn Du ein braver Hausschatz bist, so wirst Du erst Freude haben, wenn ich mit allerlei guten Sachen beladen wiederkomme. Ich hoffe bald wieder in Frankfurt zu sein, und das ist alsdann, als ob ich schon wieder bei Dir wäre. Wir erleben viel Beschwerlichkeiten, besonders leiden wir vom bösen Wetter. Davon werde ich mich in Deinen Armen bald erholt haben. Recht wohl bin ich übrigens und munter. In meinem nächsten Brief kann ich Dir vielleicht mehr sagen. Lebe wohl. Küsse den Kleinen und liebe mich und mache schön Ordnung, wenn Du nun hervorziehst. Adieu, mein süßes, liebes Kind. G.

Luxemburg, den 15. October. Wir mußten eilig aus Verdun, und nun sind wir seit vorgestern in Luxemburg, in wenig Tagen geh ich nach Trier und bin wahrscheinlich vor Ende dieses Monats in Frankfurt. Sobald ich dort ankomme, schreib ich Dir. Wie froh ich bin zurückzukehren, kann ich Dir nicht ausdrücken, das Elend, das wir ausgestanden haben, läßt sich nicht beschreiben. Die Armee ist noch zurück, die Wege sind so ruinirt, das Wetter ist so entsetzlich, daß ich nicht weiß, wie Menschen und Wagen aus Frankreich kommen wollen. Wir wollen es uns recht wohl sein lassen, wenn wir nur erst wieder zusammen sind. Lebe recht wohl, liebe mich und küsse den Kleinen. Schreibe mir nun nicht eher, bis Du einen Brief aus Frankfurt erhältst. Es ist gar schön, daß ich hoffen kann, Dir bald näher zu kommen. [...]

Brief Goethes vom 28. Oktober 1792 aus Trier an Johann Heinrich Meyer

„Wer sollte gedacht haben daß mir die Franzosen den Rückzug versperren würden. Sie haben Maynz und Franckfurt wie Sie schon wissen werden. Coblenz nicht, das ist gerettet. Ich dachte zu Ende des Monats in Franckfurt zu seyn und muß nun hier abwarten wo es mit den Sachen hinaus will und wie ich meinen Rückweg anstellen kann.“

Christiane an Goethe
Jena, den 13. Mai [1793]. Lieber, ich wünsche Dir, daß Du glücklich angekommen bist, mit den August geht es sehr gut. Der Herr Hof-Rath hat gesagt, daß mir den 17. Mai wieder nach Weimar zurückkehren könnten. Du wirst Dich sehr freuen, wenn Du wieder zurückkömmst und ihn gar nicht von Blattern verändert siehst, er hat nicht viel und sie schwären nicht tief und er ist auch recht wohl. Mir gefällt es auch in Jena, aber auf den Lande doch noch besser. Gestern sind mir in Burgau gewesen, da hat mir die Gegend sehr wohl gefallen, die Saale und die schönen Berge und die Dörferchen[Fußnote: trüfergen]. Der junge Hage hat uns auch den Wasserbau an der Saale gewiesen, nun weiß ich dann auch, was es ist, ich habe immer davon reden hören. Auf den Mittwoch wollen mir nach Lobeda und wollen den August mitnehmen, der wird sich recht freuen. Es ist sehr gut, daß Du mich nicht in Weimar gelassen, ich sehe hier immer viel Neues, aber ich wünsche mir nur immer, daß ich das alles mit Dir sehen könnte, und wir könnten so ein paar Schlampamps-Stündchen[Fußnote: Schlanbens Stüngen] halten, da wär ich recht glücklich. Ich will aber recht artig sein und mir immer denken, daß die schönen Stunden auch wiederkommen, und wir wollen sie recht genießen. Es ist mir aber sehr lieb, daß mir diese Woche wieder nach Weimar gehen, denn man ist hier doch nicht recht in seiner Ruhe. Schreibe mir nur bald und denke an das Judenkrämichen. In unserm Hause muß man sich ein bißchen stille halten, denn es geht gar zu lose zu, der Jule dauert alle Nacht bis um 12 Uhr. Sobald ich wieder in Weimar bin, schreibe ich. Behalt mich lieb und denke an mich. Leb wohl, Du Süßer. Deine Dich ewig liebende Christel.
[Beilage: August] Lieber Vater, ich bin wieder bald gesund, schicke mir was.

Goethes autobiographische Schrift: Kampagne in Frankreich
Über sein bekanntes Wort: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." (Weites Feld: Kampagne in Frankreich)

10 Februar 2013

Death comes to Pemberley: P.D. James schreibt eine Fortsetzung zu Jane Austen

Ich könnte mir denken, dass P.D. James sich mit knapp 90 Jahren den Luxus gegönnt hat, einen ganzen Roman (eben diesen: "Death comes to Pemberley") zu schreiben, um einen Epilog zu "Pride and Prejudice" (Stolz und Vorurteil) schreiben zu können, der die Hauptpersonen dieses Romans in einer Situation zeigt, die man Jane Austen gegönnt hätte.

CHARLES McGRATH schreibt in der New York Times über diesen Roman:
"The story is set in 1803, six years after “Pride and Prejudice” was finished (though it wasn’t published until 1813) and presumably when the marriage of Elizabeth and Darcy took place. [...] Ms. James cleverly weaves in references to both “Emma” and “Persuasion” in a way that expands the world of her novel, and “Death Comes to Pemberley” also has a descriptive density greater than any of Austen’s books. Austen could take the 19th century, its customs and culture, for granted. Ms. James very satisfyingly recreates them."
Damon Suede kritisiert ihn scharf:
"If you are an Austen fan you'll loathe it; if you are a mystery fan you'll find it juvenile and obvious; if you're an educated reader you'll feel insulted and bored. Neither fish nor fowl, the book exists as a kind of a trout with wings (or sparrow with gills) expiring painfully and repetitively for 280 unwitty pages. About halfway through I realized that this is EXACTLY the kind of Austen pastiche enjoyed by people who don't actually read Austen, and who believe that all period fiction just needs some velvet and horses and servants to thrill us to our middlebrow Masterpiece Theatre marrows. When I'd finished, I tried to imagine the intended audience... Best I could come up with: elderly suburban nonreaders who love telly but can't follow any story without coaching from well-meaning relatives and a repeated peeks at the TV Guide blurb." 
 Nach dieser zweiten Charakterisierung des Romans bin ich ein Jane-Austen-Fan, der nie Jane Austen gelesen hat und Krimis nicht liebt. (Letzteres trifft für mich zu.) Da aber leider kein neues Werk von Jane Austen zu erwarten ist, ziehe ich diese Fortsetzung eines ihrer Romane allen anderen mir bekannten Austen-Imitaten vor.
Anders gesagt: Wenn P.D. James mit diesem Roman als Erstlingswerk herausgekommen wäre, hätte ich Verständnis für die zweite Rezension gehabt: Wie kann eine Autorin mit diesen stilistischen Mitteln und dieser Fähigkeit, Personen zu zeichnen, nur meinen, es wäre besser, sich an eine ganz Große dranzuhängen, statt ein eigenständiges Werk zu schreiben?
Mit ihrem Lebenswerk im Hintergrund finde ich ihr Buch eine sehr sympathische Hommage an eine große Vorgängerin. Es ist nicht häufig, dass ein mit höchsten Ehren ausgezeichneter Autor am Ende seines Lebenswerkes sich bei einem 22jährigen Autor entschuldigt, dass er es gewagt hat, einen Stoff aufzugreifen, den dieser bearbeitet hat, und ihm nachsagt "had she wished to dwell on such odious sbjects, she would have written this story herself, and done ist better." ("Sie hätte es besser gekonnt!") (im Vorwort)
Der Hauptgrund ist wohl nicht, dass es eben nicht um Autoren geht, sondern um Autorinnen, eher ist es wohl der, dass jede(r), der tiefer in das Verständnis von Literatur eingedrungen ist, vor Jane Austens scheinbar so leichtgewichtigem Werk einen großen Respekt hat.

03 Februar 2013

Ein Geheimnis

Philippe Grimbert ist ein ruhiges, würdevolles Buch gelungen, wo doch die Fabel, die dahinter steht, die große Wucht einer antiken Tragödie hat.
Liebe auf den ersten Blick, die dem Untergang weiht: nicht nur die Liebenden, sondern alle, die sie lieben.

Dabei gibt es nichts Heroisches wie im Nibelungenlied, wo die verschmähte Jungfrau sich am Geliebten und dessen Geliebter rächt und diese Rache alle, die sich zu den Nibelungen rechnen, in den Tod treibt.

Vielmehr ist es das große Schicksal, das eine von heutigen Moralverstellungen aus gesehen geringe Schuld zur Tragödie werden lässt.  Doch der, den das unentdeckte Geheimnis zu erdrücken drohte, wird durch die Entdeckung stark.
Hier scheint das Wort von der bewältigten Vergangenheit am Platz, obwohl es um den Holocaust geht.
Denn bewältigt wird nicht die Schuld, sondern das durch fremde Schuld hervorgerufene Schuldgefühl eines Kindes.
Tragisch ist das Schicksal des starken, glücklichen Kindes. Das des schwachen führt zu besonderer Stärke.

Es ist ein gelungenes Buch. Es war gut zu lesen. Aber alles geht - bei aller Tragik - zu gut auf.
Ich denke, es wird mir nicht lange im Gedächtnis bleiben. Es ist die Psychoanalyse, die zu stimmig ist.

Dabei verspricht der Anfang eine große Nähe zu "Die Erfindung des Lebens". Der erfundene Bruder, der ihn begleitet. Der Tod des Bruders, der seine Mutter verstört.

Wie andere es gelesen haben:

Perlentaucher

Dieter Wunderlich

Gisela

Leselust (zu empfehlen "Vor allem an jüngere Leser")

Nina (Aufgabe des Geschichtsunterrichts. Anforderung, "dass der Autor im 19. Jahrhundert gelebt hat". (gemeint: 19xx)

der Film

Mormonen um 1850

" [...] Mormonen, zur Auslug. Der Thürhüter trägt in seinem Gürtel zwei Revolver. Hier wohnen etwa funfzehn von Brigham's dreißig Weibern. Die Salzseeheiligen sind gegen uns Heiden (gentiles) äußerst gastfreundlich und tolerant und haben uns in Beziehung auf die von uns schon durchzogenen Länderstrecken, wie die Länder jenseit der Sierra Nevada, mit sehr vielen Nachrichten versehen, welche für unser Unternehmen von Wichtigkeit sind. [...]
Dort hat er, bei einem Glase selbstgebauten Capweins, der hier vortrefflich gedeiht, mich in die Tiefen der Mormonenmetaphysik eingeführt. Höre, ob Du nicht wohlbekannte Anklänge an Altes und Neues findest.

»Der Menschengeist ist nicht geschaffen«, lehrt er, »er war von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Individuum in Gott. Jedes dieser Geisterindividuen hat die Macht, auf die Erde hinabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, sich mit der Natur zu vergatten. Der Geist durchdringt, belebt, vergeistigt die Materie; der Tod zerstört ihn nicht, sondern von ihm scheidet der sterbliche Leib, wenn die Gesetze der Natur es so bestimmen, das Ich aber kehrt zu Gott zurück und sucht sich einen neuen Leib. »Entspricht ein vom Himmel gestiegener Geist nicht seiner göttlichen Bestimmung und Lebensaufgabe, besteht er in der Prüfungszeit nicht, verscherzt er vielmehr sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach dem Ableben dieses Leibes ein geringerer Leibestempel angewiesen. Geht der Geist auch dann noch nicht in sich, erinnert er sich nicht seines göttlichen Ursprungs, so wird er immer mehr in ein niedriges Dasein, aber nur im Gebiete der menschlichen Gattung, zurückgeführt, bis er sich bessert und Grad um Grad wieder emporwächst zu der Herrlichkeit der Kinder Gottes.« Nun, Bruno, schmeckt das nicht, wenn auch verstümmelt, nach den Lehren, die im philosophischen Kränzchen oft besprochen und mit Lust ausgemalt wurden, die aus altersgrauen Systemen Indiens und pythagoräischer Geheimbünde sich bis zu uns lebendig erhalten haben wie tausendjährige Samenkörner in den Felsengräbern Aegyptens? Doch im Ernst, ist das nicht mindestens eine zehnmal vernünftigere Idee als die aus Altem und Neuem Testament zusammengesetzte von dem Staub zu Staube, Erde zu Erdewerden und Wiedergeborenwerden des nämlichen Staubes am Jüngsten Tage und dessen Auferstehen zu Fleisch und Herrlichkeit, die unsere protestantischen Pfaffen bei ihren Leichenceremonien in unserm Vaterlande vortragen?  [...]
Die Vielweiberei der Mormonen ist ein Stück Indianerbarbarei, allein es hat damit nicht so viel auf sich, als wir in Deutschland glauben, sie kann auch nicht so sehr entarten, wie im Orient, wo es jahrhundertelang vererbte Reichthümer und eine Menge Staatssinecuren gibt. Hier ist, wie man zu sagen pflegt, der Knüppel an den Hund gebunden; wer mehrere Frauen halten will, muß sehr reich sein, und wer von all seinem Einkommen den Zehnten contribuiren muß, der kann selten reich werden. [...]
Das Hauptgebrechen, an welchem der Mormonismus leidet, scheint mir zu sein, daß man die Frauen nicht als gleichberechtigt ansieht, ihnen eine andere Bedeutung als »Mutter zu sein in Israel«, d. h. als Mittel, aus dem Territorium möglichst bald einen Staat zu machen, nicht zuschreibt. Da man aber den Mädchen dieselbe gute Erziehung gibt wie den Knaben, so ist ein Zustand, der das ganze weibliche Geschlecht entwürdigt, auf die Dauer nicht aufrecht zu halten.  [...]
Am Tage vor dem Schulbesuche war im Hause Brigham's eine Geschichte vorgefallen, die mich lebhaft an eine in der Heimat erlebte Begebenheit erinnerte. In Göttingen war ich Augenzeuge, als der Professor der Theologie, Gieseler, in der Barfüßerstraße ein Kind, das in die Gosse gefallen war und schrie, als wenn es am Spieße steckte, emporhob und es tröstend fragte: »Wem gehörst du denn, mein Kind?« – Das Kind, etwa fünf Jahre alt, hörte sofort mit Weinen auf, sah den Mann groß an und sagte: »Kennst du mich denn nicht, Papa? ich bin ja deine Minna!« Der Theologe hatte mehr zu denken, als daß er alle seine vierundzwanzig Kinder hätte kennen sollen.
Zu Brigham gehen alle, die Rath bedürfen, Schlichtung von Streitigkeiten herbeiführen wollen, sich über dieses oder jenes zu beschweren haben. So kommt denn auch eine Frau um Abhülfe gegen die Ungerechtigkeit eines Kirchenältesten. Brigham thut, als ob er sie kenne, als er aber die Beschwerde zu Protokoll zu nehmen beginnt, ist er doch genöthigt zu sagen: »Wart' einmal, Schwester, ich habe deinen Namen vergessen!« »Meinen Namen?« erwidert sie unwillig, »ich bin ja deine Frau!« So war es; das sind die Folgen der Pluralität." [die bei den Mormonen damals gebräuchliche Redeweise für Ehen eines Mannes mit mehreren Frauen]
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 12. Kapitel