31 Mai 2012

Hadwiga trauert, dass sie Ekkehard verloren hat


»Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen«, erzählte Praxedis, »der sagte: ›Wisset Ihr auch etwas Neues? Den Alpen ist Heil widerfahren, das Joch des Säntis ertönt von Lyraklang und Dichtergezwitscher, ein neuer Homer hat sich droben eingenistet, und wenn er wüßte, in welchen Höhlen die Musen hausen, so könnt' er ihren Reigen anführen wie ein cynthischer Apollo.‹ Und wie Herr Spazzo kopfschüttelnd erwiderte: ›Was geht das mich an?‹ da sprach der Abt: ›Es ist Euer Ekkehard, aus der Klosterschule von Sankt Gallen hat's die Fama zu uns getragen.‹ Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt: ›Wie kann der singen, der nicht einmal erzählen kann?‹«
Die Herzogin war aufgestanden. »Schweig!« sprach sie, »ich will nichts davon wissen.« Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrübt von dannen.
Frau Hadwigs Herz aber dachte anders, als ihre Zunge sprach. Sie trat an des Gärtleins Mauerwehr und schaute hinüber nach den helvetischen Bergen. Dämmerung war eingebrochen, schwerfällige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen unbeweglich über dem Abendrot, wie darauf genagelt, das zitterte und flammte wehmütig drunter vor. Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch ihr Denken weich. Ihr Auge blieb drüben auf dem Säntis haften, – es war ihr, als hätte sie eine Erscheinung, als täte sich der Himmel auf und seine Engel kämen durch die Lüfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Höhen und brächten einen Mann getragen im wohlbekannten Mönchsgewand – und der Mann war blaß und tot und ein Lichtglanz, schön und lauter, umschwebte das luftige Geleit ...
Aber Ekkehard war nicht gestorben.
Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf, ihr Auge streifte an dem Felsabhang vorüber, über den einst der Gefangene entronnen, eine dunkle Gestalt entschwand im Schatten, ein Pfeil kam über Frau Hadwigs Haupt geflogen und sank langsam zu ihren Füßen nieder.
Sie hob das wundersame Geschoß auf. Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen entschnellt, seine Blätter Pergamentes waren um den Schaft gewunden, die Spitze umhüllt mit einem Kränzlein von Wiesenblumen. Sie löste die Blätter und kannte die Schrift.
Es war das Waltharilied. Auf dem ersten Blatt stund mit blaßroten Buchstaben geschrieben: »Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgruß!« und dabei stund der Spruch des Apostel Jakobus: »Selig der Mann, der die Prüfung bestanden!«
Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich. –

(Scheffel: Ekkehard, 25. Kapitel)

30 Mai 2012

Ekkehard muss den Hohentwiel verlassen

[...] »Ekkehard!« sprach sie, »Ihr sollt nicht vom Tod sprechen. Das ist Wahnsinn. Wir leben, Ihr und ich ...«
Er bewegte sich nicht. Da legte sich ihre Hand leicht über das fieberheiße Haupt. Es strömte und flutete durch sein Gehirn. Er sprang auf.
»Ihr habt recht!« rief er, »wir leben. Ihr und ich!« Tanzende Nacht legte sich um seinen Blick; er tat einen Schritt vor, seine Arme schlangen sich um das stolze Frauenbild, wütend preßte er sie an sich, sein Kuß flammte auf ihre Lippen, ungehört verklang der Widerspruch.
Er hob sie hoch gegen den Altar, als wäre sie ein Weihgeschenk, das er darbringen wollte: »Was hältst du die goldglänzenden Finger so ruhig und segnest uns nicht?« rief er zum düster ernsten Mosaikbild hinauf ...
Die Herzogin war zusammengeschrocken wie ein wundes Reh; – ein Augenblick, da ballte und bäumte sich alles in ihr von gekränktem Stolz; sie stieß den Rasenden mit starker Hand vor die Stirn und entstrickte sich seinem Arm.
Noch hielt er ihre Hüfte umschlungen, da tat sich die Pforte der Kirche auf; ein greller Strahl Tageslicht drang ins Düster – sie waren nicht mehr allein.
[367] Rudimann, der Kellermeister von Reichenau, trat über die Schwelle, Gestalten erschienen im Grunde des Burghofs.
Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn, eine Flechte ihres dunkeln Haupthaars wallte aufgelöst über den Nacken.
»Entschuldigt«, sprach der Mann von Reichenau mit grinsend höflichem Ausdruck, »meine Augen haben nichts geschaut!«
Da rang Frau Hadwig sich von Ekkehard los. »Doch – und doch – und doch! Einen Wahnsinnigen habt Ihr geschaut, der sich und Gott vergessen ... Es wär' mir leid um Eure Augen, ich müßte sie ausstechen lassen, wenn sie nichts erschaut ...«
Es war eine unsäglich kalte Hoheit, mit der sie's dem Betroffenen entgegenrief.
Da erklärte sich Rudimann den seltsamen Vorgang.
»Ich habe vergessen«, sprach er mit Hohn, »daß dort einer von denen steht, auf die weise Männer das Wort des heiligen Hieronymus gezogen: ›Ihr Gebaren ziemt sich mehr für einen Stutzer und Bräutigam denn für einen Geweihten des Herrn.‹«
Ekkehard stand an eine Säule gelehnt, die Arme in die Luft erhoben wie Odysseus, da er den Schatten seiner Mutter umfahen wollte; Rudimanns Wort riß ihn aus dem Fiebertraum. »Wer tritt zwischen mich und sie?« rief er drohend. Aber Rudimann klopfte ihm mit unverschämter Vertraulichkeit auf die Schulter: »Beruhigt Euch, guter Freund, wir haben nur ein Brieflein an Euch abzugeben, der heilige Gallus kann seinen weisesten Schüler nicht länger draußen lassen in der wankenden, schwankenden Welt, Ihr seid heimgerufen! – Vergeßt den Stock nicht, mit dem Ihr die Mitbrüder mißhandelt, die im Herbst gern einen Kuß pflücken, keuscher Sittenrichter!« flüsterte er ihm ins Ohr.
Ekkehard trat zurück. Sehnsucht, Wut der Trennung, glühend Verlangen und daraufgegossener Hohn stürmten in ihm; er rannte auf Frau Hadwig, aber schon füllte sich die Kapelle. Der Abt von Reichenau war selber gekommen, [368] die Freude von Ekkehards Heimrufung zu erleben. »Es wird schwer halten, daß wir ihn losbekommen«, hatte er zum Kellermeister gesagt. Es ward leicht. Mönche und Gefolgsleute traten mit ein.
»Sacrilegium!« rief ihnen Rudimann entgegen, »er hat vor dem Altar die buhlerische Hand zu seiner Gebieterin erhoben!«
Da schäumte Ekkehard auf. Der Herzens heiligst Geheimnis von frecher Roheit entweiht, eine Perle vor die Schweine geworfen ... er riß die ewige Lampe herunter, wie eine Schleuder schwang er das eherne Gefäß; das Licht darin erlosch – ein dumpfer Schrei hallte auf, der Kellermeister lag blutigen Hauptes auf den Steinplatten, die Lampe klirrte neben ihm ... Ringen, Zerren, wilde Verwirrung ... es ging mit Ekkehard zu Ende.
(Scheffel: Ekkehard, 21. Kapitel)

Scheffels Ekkehard

Scheffels Ekkehard, der noch zu Lebzeiten des Dichters 86 Auflagen erlebte, hat laut Friedrich Panzer eine Verbreitung gefunden, "wie kein anderer Roman des 19. Jahrhunderts sie genossen hat". Auch wenn das Wort allenfalls für die deutschen historischen Romane gelten sollte, immerhin beachtenswert genug.
"Das ist das Bedeutende am Ekkehard", daß er uns zu dramatischer, ja tragischer Höhe gesteigerte Menschenschicksale vorführt, die unsere Herzen bewegen und erschüttern." (Alfred Biese, 1912)

Der historische Ekkehard  wurde um 973 von Hadwig, Witwe von  Herzog Burchard III. von Schwaben, auf den Hohentwiel berufen, um sie in Latein zu unterrichten. Hadwig ebnete Ekkehard später den Weg an den kaiserlichen Hof als Kaplan ihres Onkels Ottos I. Zuletzt war er Dompropst in Mainz. (sieh: Wikipedia zu Ekkehard II.) Scheffel schreibt seinem Ekkehard freilich auch die Dichtung des Walthari-Liedes zu, das nach heutigem Forschungsstand allenfalls von Ekkehard IV. stammen kann, aus dessen Casus Sancti Galli wir unsere Informationen über Ekkehard II. beziehen. 
Scheffel fügt seinerseits eine gereimte deutsche Fassung des Walthari-Liedes in seinen Roman ein.


Text des Romans bei zeno.org


Es war vor beinahe tausend Jahren. Die Welt wußte weder von Schießpulver noch von Buchdruckerkunst.
Über dem Hegau lag ein trüber, bleischwerer Himmel, doch war von der Finsternis, die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete, im einzelnen nichts wahrzunehmen. Vom Bodensee her wogten die Nebel übers Ries und verdeckten Land und Leute. [...]


Zur Zeit, da unsere Geschichte anhebt, trug der hohe Twiel schon Turm und Mauern, eine feste Burg. Dort hatte Herr Burkhard gehaust, der Herzog in Schwaben. Er war ein fester Degen gewesen und hatte manchen Kriegszug getan; die Feinde des Kaisers waren auch die seinen, und dabei gab es immer Arbeit: wenn's in Welschland ruhig war, fingen oben die Normänner an, und wenn die geworfen waren, kam etwann der Ungar geritten, oder es war einmal ein Bischof übermütig oder ein Grafe widerspenstig, – so war Herr Burkhard zeitlebens mehr im Sattel als im Lehnstuhl gesessen. Demgemäß ist erklärlich, daß er sich keinen sanften Leumund geschaffen.
In Schwaben sprachen sie, er habe die Herrschaft geführt, sozusagen als ein Zwingherr, und im fernen Sachsen schrieben die Mönche in ihre Chroniken, er sei ein kaum zu ertragender Kriegsmann gewesen.
Bevor Herr Burkhard zu seinen Vätern versammelt ward, hatte er sich noch ein Ehgemahl erlesen. Das war die junge Frau Hadwig, Tochter des Herzogs in Bayern. Aber in das Abendrot eines Lebens, das zur Neige geht, mag der Morgenstern nicht freudig scheinen. Das hat seinen natürlichen Grund. Darum hatte Frau Hadwig den alten Herzog in Schwaben genommen ihrem Vater zu Gefallen, hatte ihn auch gehegt und gepflegt, wie es einem grauen Haupt zukam, aber wie der Alte zu sterben ging, hat ihr der Kummer das Herz nicht gebrochen.
Da begrub sie ihn in der Gruft seiner Väter und ließ ihm von grauem Sandstein ein Grabmal setzen und stiftete eine ewige Lampe über das Grab; kam auch noch etliche Male zum Beten herunter, aber nicht allzuoft.
Dann saß Frau Hadwig allein auf der Burg Hohentwiel; es waren ihr die Erbgüter des Hauses und mannigfalt Befugnis, im Land zu schalten und zu walten, verblieben, sowie die Schutzvogtei über das Hochstift Konstanz und die Klöster um den See, und hatte ihr der Kaiser gebrieft und gesiegelt zugesagt, daß sie als Reichsverweserin in Schwaben gebieten solle, solange der Witwenstuhl unverrückt bleibe. [...]



Scheffels Fassung des Walthari-Liedes bei zeno.org


Das war der König Etzel im fröhlichen Hunnenreich,
Der ließ das Heerhorn blasen: »Ihr Mannen, rüstet euch!
Wohlauf zu Roß, zu Felde, nach Franken geht der Zug,
Wir machen zu Worms am Rheine uneingeladen Besuch!«


Der Frankenkönig Gibich saß dort auf hohem Thron,
Sein Herze wollt' sich freuen, ihm war geboren ein Sohn,
Da kam unfrohe Kunde gerauscht an Gibichs Ohr:
Es wälzt ein Schwarm von Feinden sich von der Donau vor,
Es steht auf fränkischer Erde der Hunnen reisig Heer,
Zahllos wie Stern' am Himmel, zahllos wie Sand am Meer.


Da blaßten Gibichs Wangen. Die Seinen rief er bei
Und pflog mit ihnen Rates, was zu beginnen sei.
Da stimmten all' die Mannen: »Ein Bündnis nur uns frommt,
Wir müssen Handschlag zollen dem Hunnen, wenn er kommt;
Wir müssen Geiseln stellen und zahlen den Königszins,
Des freuen wir noch immer uns größeren Gewinns,
Als daß, ungleiche Kämpfer, wir Land zugleich und Leben
Und Weib und Kind und alles dem Feind zu Handen geben.«
Des Königs Söhnlein Gunther war noch zu schwach und klein,
Noch lag's an Mutterbrüsten, das mocht' nicht Geisel sein;
Doch war des Königs Vetter, Herr Hagen hochgemut
Von Trojer Heldenstamme, ein adlig junges Blut.
Sie richteten viel Schätze und fassen drauf den Schluß,
Daß der als Pfand des Friedens zu Etzel ziehen muß.


Zur Zeit als dies geschah, da trug mit fester Hand
Den Szepter König Herrich in der Burgunden Land.
Ihm wuchs die einzige Tochter, benamst jung Hildegund,
Die war der Mägdlein schönstes im weiten Reich Burgund.
Die sollt' als Erbin einst, dem Volk zu Nutz und Segen,
So Gott es fügen wollt', der alten Herrschaft pflegen.


Derweil nun mit den Franken der Friede gefestigt war,
So rückt' auf Herrichs Grenzmark der Hunnen kampfliche Schar.
Voraus mit flinkem Zügel lenkt' König Etzel sein Roß,
Ihm folgt' im gleichen Schritte der Heeresfürsten Troß.
Von Rosseshuf zerstampft die Erde gab seufzenden Schall,
Die zage Luft durchtönte Schildklirren als Widerhall.
Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald,
Wie wenn die Frührotsonne auf tauige Wiesen strahlt,
Und so ein Berg sich türmte: er wurde überklommen,
Die Saone und die Rhone: es wurde durchgeschwommen.


Zu Chalons saß Fürst Herrich, da rief der Wächter vom Turm:
»Ich seh' von Staub eine Wolke, die Wolke kündet Sturm,
Feind ist ins Land gebrochen, ihr Leute, seht euch vor,
Und wem ein Haus zu eigen, der schließe Tür und Tor!«


Der Franken Unterwerfung, dem Fürsten war sie kund;
Er rief die Lehenträger und sprach mit weisem Mund:
»Die Franken, niemand zweifelt's, sind tapfre Kriegesleute,
Doch mochte keiner dort dem Hunnen stehn zum Streite,
Und wenn die also taten, da werden wir allein
Dem Tode uns zu opfern auch nicht die Narren sein.
Ich hab' ein einzig Kind nur, doch für das Vaterland
Geb' ich es hin, es werde des Friedens Unterpfand.«

Da gingen die Gesandten, barhäuptig, ohne Schwert,
Den Hunnen zu entbieten, was Herrich sie gelehrt.
Höflich empfing sie Etzel, es war das so sein Brauch,
Sprach: »Mehr als Krieg taugt Bündnis, das sag' ich selber auch,
Auch ich bin Mann des Friedens, nur wer sich meiner Macht
Töricht entgegenstemmt, dem wird der Garaus gemacht.
Drum eures Königs Bitte gewähret Etzel gern.«
Da gingen die Gesandten, es kündend ihrem Herrn.
Dem Tor entschritt Fürst Herrich, viel köstliches Gestein
Bracht' er den Hunnen dar, dazu die Tochter sein –
Der Friede ward beschworen, – fahr' wohl, schön Hildegund!
So zog in die Verbannung die Perle von Burgund.

[...]

Betrübt saß König Alpher itzt bei der Hunnen Not:
»O weh mir, daß ich Alter nicht finde Schwertes Tod –
Ein schlechtes Beispiel gaben Burgund und Frankenland,
Itzt muß ich gleiches tun, und ist doch eine Schand'.
Ich muß Gesandte schicken und Friede heischen und Bund,
Und muß den eignen Sprossen als Geisel stellen zur Stund'.«
So sprach der strenge Alpher, und also ward's getan,
Mit Gold belastet traten die Hunnen den Rückzug an,
Sie führten Walthari und Hiltgund und Hagen in sichrer Hut
Und grüßten wildfroh jauchzend die heimische Donauflut.
[...]

Dieser Walthari wird mit Hildegund aus der Gefangenschaft der Hunnen fliehen und sie gegen eine ihm entgegengestellte Übermacht verteidigen.

29 Mai 2012

In den Sabiner Bergen


Item so ritten wir am 1. January auf Eseln über den Felsberg von Civitella nach dem Klösterlein San Francesco und gedachten bei denen Mönchen, so wir in früheren Zeiten bereits um eyn paar Steinkrüg Weines gekränkt, wenn thunlich eyn Frühstück zu erpressen. Zogen auch die Glocken scharf an und harreten in kalter Luft, dass aufgetan werde; – ward aber nit aufgetan, also dass wir schier dastanden wie Kaiser Heinrich im Hof von Canossa; – und waren nüchtern und froren, stellete sich auch eyn linder Jammer eyn, also dass sehr unziemliche Redensarten laut wurden und wir mit eynem wohlgemeinten »Kreuzdonnerwetter!« zum Klosterhof hinausritten. Und so ich an meine guten Freund, die Franciskaner in Palazzuola am Albanersee denk, mit denen ich manch Krüglein geleeret und manch Schelmenliedlein Gesungen, so möcht ich diesen sabinischen Thorverschliessern schier die Kränk auf den Hals wünschen.
Kommen sodann in das Felsnest rocca di san Stefano eyngezogen, so führt uns das gut Glück den pizzicarol von San Stefano in die Händ, und hatt derselbig in Vorahnung der Dinge eyn paar Tag zuvor am Meer unten eyn paar Fässlein gesalzener Meerfisch heraufgeholet, und stand eyn lieblich Fass Sardellen, so strahlenförmig eynmariniert waren, in seiner bottega, also dass Meister Andrée, so vom Jammer am schwersten molestiert war, dem pizzicarol eyn dreymaliges, feierliches Heil! zurief und ihm mit seinem roten Seidentuch, so er an eynen Spiess gebunden, grüssend zuwinkte. Und auch Laocoon der Alte zehrte sechs schwer gesalzner Fisch auf und sprach: »non c'è male!« Und war der Körper- und Seelenzustand der fünf Männer in kürzester Frist gebessert, und ritten in scharfem Eselstrab heimwärts, so im Sabinerland bei dem schlechten Zustand von Sattel und Riemen und gänzlichem Abmangel des Steigbügels schier eyn halsbrechend Stück ist. Hatte aber die Regina zum Abschied eyn herrliches Mittagsmahl bereitet und mir und dem Sir Guglielmo aus besonderer Hochachtung eynen zweyjährigen Rotwein, eynen wirklichen vino capitale vorgesetzt, und werd ich ihr diese Aufmerksamkeit zeytlebens gedenken.
Item so frag ich die braun Lala, was ich ihrem Freund, dem Sir Otto in Rom ausrichten soll, so sagt sie, wie sie's oft im Ritornel gesungen hat:
Quante stelle stann' al cielo
Tanti bacci ti darò,
Non abbasta uno solo
Per poter mi consolar.

und damit ich's nicht vergesse, will sie anheben, mir selber eyn paar herzhafte Küss zu geben, die ich dann wieder geeygneten Orts abgeben sollt. Hat mich aber diese naive welsche Manier schier gerühret, und hab daraus meinem Tübinger Freund die ethnographische Notiz abstrahieret: dass die Sabinerinnen, beim Abmangel der erforderlichen Schulkenntnis zur Abfassung von Liebesbriefen, sich seltsamer Surrogate zu bedienen wissen, also dass etwannen der Bot von Schwetzingen fragen könnt: Schreibt man hierzuland den Leuten die Brief ins Gesicht?
Des andern Tags hat Scherz und Spiel eyn End genommen und sind wir insgesamt von dannen gezogen und haben eyn grossen Gebirgsmarsch gemacht. Und stiegen durch die Schlucht von San Vito und liefen eyn Stück in der Irr herum, und war schlimme Bergwildnis und schlimme Bauernjagd, und wie wir an etzlichen Sabinern mit ihren verrosteten Flinten vorbeikommen, knallt's von weitem, wo so eyn welscher Petermann nach eynem Waldspecht oder eyner Drossel geschossen, und fahrt der Schrotschuss neben uns in die Hecken, also, dass es nit sehr geheuer aussah und Meister Andrée erklärte, er könne sich jetzt bald vorstellen, wie es »tief in den Abruzzen« zuging. Verzogen uns darum schleunigst aus deren Bereich und gingen über den Bergkamm von San Vito und das elend Dörflein Pisciano in eyn Seitenthal des Anio hinunter, – und war zwar die Gegend wildschön und ragten die hohe Menturella, wo der Einsiedel haust, und von der andern Seit die kahlen, steilen Mamellen stolz in die Niederung herab – der Weg aber hörte auf, und war morastig Erdreich, so am Stiefel hängen blieb; und machte uns so unwirsch, dass Meister Andrée schier dem Pfaff von Pisciano, so mit seinem Brevier am Weg stand und über die fremden Wandersmänner, die »zu ihrem Vergnügen« am 2. January des Wegs kamen, lachte, seinen Hut angetrieben hätt; war auch von itzt an über die Abruzzen völlig beruhigt, zumal da er, ob unkundigen Eselsritts am Tag zuvor, sich mit eynem Wolf zu schleppen hatte, und gab ihm der württembergisch Gelehrt mit naturgeschichtlicher Zergliederung von Wesen und Art »des Wolfs tief in den Abbruzzen« die erlittene Unbill mannigfach zurück. Besserte sich hernachmals unter dem hohen Nest Siciliano die Strass merklich, und ergingen wir uns in vielfach archäologischer Betrachtung über Trümmer am Weg, massen hierlands die Villa des Horatius ungefähr gelegen, tauften auch eynen Brunnen »zum bandusischen Quell«, war aber die Pietät für den alten poetam nit so gross, dass wir aus gesagtem Quell getrunken hätten.

(Viktor von Scheffel: Römische Episteln, Rom 6.1.1853)

28 Mai 2012

Heil ist unserm Haus begegnet ...


›Heil ist unserm Haus begegnet,
Und ein Brautpaar kommt gefahren,
Herr, ich bring Euch Eure Kinder!‹
Keiner soll den Tag vergessen!
Zur Erinnrung soll der Kater
Hiddigeigei eine echte
Italien'sche Rauchwurst fressen,
Und zum ewigen Gedächtnis
Muß der Herr Schulmeister mir ein
Feingedrechselt Lied verfert'gen,
's kommt mir nicht drauf an, es darf selbst
Zwei Brabanter Taler kosten.
Und am Schlusse muß es heißen:
    ›Liebe und Trompetenblasen
    Nützen zu viel guten Dingen,
    Liebe und Trompetenblasen,
    Selbst ein adlig Weib erringen;
    Liebe und Trompetenblasen,
    Mög' es jedem so gelingen,
    Wie dem Herrn Trompeter Werner
    An dem Rheine zu Säkkingen!«

(V. v. Scheffel: Trompeter von Säckingen, Schluss)

Der Trompeter wird nach zunächst erfolgloser Werbung in Italien vom Papst geadelt und kann nun seine Geliebte heiraten. Das Motiv der Liebe über Standesgrenzen hinweg wurde in der Literatur des 19. Jahrhunderts sonst weniger sentimental verarbeitet (vgl. u.a. Hebbel: Agnes Bernauer (1851) und Fontane: Irrungen, Wirrungen, 1888)



27 Mai 2012

Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen


Das ist im Leben häßlich eingerichtet,
Daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn,
Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet,
Zum Schlusse kommt das Voneinandergehn.
In deinen Augen hab' ich einst gelesen,
Es blitzte drin von Lieb' und Glück ein Schein:
    Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
    Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Leid, Neid und Haß, auch ich hab' sie empfunden,
Ein sturmgeprüfter müder Wandersmann.
Ich träumt' von Frieden dann und stillen Stunden,
Da führte mich der Weg zu dir hinan.
In deinen Armen wollt' ich ganz genesen,
Zum Danke dir mein junges Leben weihn:
    Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
    Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Die Wolken fliehn, der Wind saust durch die Blätter,
Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld,
Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter,
Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.
Doch wend' es sich zum Guten oder Bösen,
Du schlanke Maid, in Treuen denk' ich dein!
    Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
    Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

(Viktor von Scheffel: Der Trompeter von Säckingen, Jung Werners Lieder XII)


Heinz Hoppe mit dem Trompeterlied aus der Oper "Trompeter von Säckingen", 1884, von Victor Ernst Nessler

Alt Heidelberg, du feine


Auf des ries'gen Ofens Bänklein
Setzt' er sich, es war belegt mit
Platten von glasiertem Tone,
Ihm entstrahlt anmut'ge Wärme.
Und der Pfarrherr winkt ihm, daß er
Sonder Scheu die Füße strecke.
Dies zwar tat er nicht, doch schlürft' er
Einen Schluck des roten Weines
Und begann drauf zu erzählen:
»Der hier sitzt, heißt Werner Kirchhof,
In der Pfalz ist meine Heimat,
In der Pfalz, zu Heidelberg.

      ›Alt Heidelberg, du feine,
      Du Stadt an Ehren reich,
      Am Neckar und am Rheine
      Kein' andre kommt dir gleich.

      Stadt fröhlicher Gesellen,
      An Weisheit schwer und Wein,
      Klar ziehn des Stromes Wellen,
      Blauäuglein blitzen drein.

      Und kommt aus lindem Süden
      Der Frühling übers Land,
      So webt er dir aus Blüten
      Ein schimmernd Brautgewand.

      Auch mir stehst du geschrieben
      Ins Herz gleich einer Braut,
      Es klingt wie junges Lieben
      Dein Name mir so traut.

      Und stechen mich die Dornen,
      Und wird mir's drauß zu kahl,
      Geb' ich dem Roß die Spornen
      Und reit' ins Neckartal.‹

Dort am Neckar hab' den süßen
Traum der Kindheit ich geträumt,
Bin auch in der Schul' gesessen,
Hab' Latein gelernt und Griechisch,
Und ein immerdurst'ger Spielmann
Lehrt' mich früh Trompete blasen.

(V. v. Scheffel: Trompeter von Säckingen, Kapitel 6)
(als Marschlied bei Youtube) [vgl. damit Hölderlins "kunstlos Lied"]

Wilhelm Meyer-Förster hat den Titel dieses Gedichts als Titel seines Schauspiels Alt-Heidelberg (1901) genutzt, in das er seinen Roman "Karl Heinrich" umgearbeitete. Nach dem Schauspiel wurde 1924 die Broadway-Operette The Student Prince geschrieben, die 1927 als Film Old Heidelberg herauskam. Hier ist das Motiv der Standesgrenze anders verwendet: Der Prinz verliebt sich als Student in die Kellnerin, muss dann aber auf sie verzichten, damit er den Thron seines kleinen Fürstentums besteigen kann.
Das Schauspiel, das Brecht ein "Saustück" nannte, wurde  in Japan zur Meiji-Zeit Pflichtlektüre der Deutschstudenten. (sieh: Wikipedia)

Der Trompeter von Säckingen

Ab vom Strande stieß jung Werner.
Wie ein Roß, das lang verschlossen
In dem Stall, sich freudig aufbäumt,
Freudig wiehernd, daß es seinen
Herrn ins Weite tragen darf,
So sprang keck und windschnell auf dem
Glatten Wasserpfad das Schifflein;
Sprang in hellem Lauf vorüber
An des Städtleins Mauerzinnen,
Sprang hinab zur alten Rheinbrück,
Die die holzverdeckten Bogen
Kühn zum andern Ufer spannt.
Unterm dritten Pfeiler steuert'
Mutig durch der junge Schiffsmann,
Lachend als zum Schabernack den
Kahn der Strudel wirbelnd packte,
Dreimal hob und dreimal senkte.
Bald erschaute er des Schlosses
Hohe Giebel, Erkertürme
Mondumschienen, durch des Gartens
Mächtige Kastanien glänzen,
Gegenüber ragte niedrig
Aus den Fluten eine Kiesbank –
Unbewachsen – oftmals gänzlich
Überflutet sie die Strömung,
Scherzend heißt der Mann im Rheintal
Sie den Acker Fridolini.
Dorthin trieb der schwanke Kahn jetzt.
Dorten hielt er – auf den spitzen
Kieselboden sprang jung Werner,
Und die Blicke hielten Umschau,
Fragend, ob er Sie erspähe.
Nichts erschaut' er – als im fernen
Erkerturm ein fernes Lichtlein;
Aber dies schon war genug ihm.
O wie oft erquickt im Leben
Mächt'ger uns ein ferner Schein, als
Reiche Fülle des Besitzes,
Und es gönnet ihm das Lied drum
Seine Freud', aus Rheines Mitten
Aufzuschauen nach dem Lichtlein.
Vor dem traumumflorten Blicke
Lag ein neues reiches Leben,
Sonn' nicht glänzt, nicht Sterne drinnen,
Nur das eine kleine Lichtlein,
Und vom Turm, worin es brannte,
Kam mit leisem Flügelschlag die
Lieb' zu ihm herabgerauschet
Und saß bei ihm auf der Kiesbank,
Auf dem Acker Fridolini.
Und sie reicht' ihm die Trompete,
Die auch hieher ihn begleitet,
Und sprach: Blase, blase, blase!
 Also blies er, und sein Blasen
Zog melodisch durch die Nacht hin.
 Lauschend hört's der Rhein im Grunde,
 Lauschend Hecht und Lachsforelle,
Lauschend auch die Wasserfrauen,
Und der Nordwind trug die Klänge
Sorgsam auf zum Herrenschloß.

(Viktor von Scheffel: Der Trompeter von Säckingen, Kapitel 8, 1854)


Der Tompeter von Säckingen war zeitweise eines von Deutschlands meistgelesenen Werken und wurde 1921 in der 322. Auflage verkauft. (vgl. Webseite Der Trompeter von Säckingen)
Es ist beeinflusst von Heines Versepen und teilt die Eigenschaften Verserzählung und Liebesgeschichte am Rhein(wasser) mit Mörikes Idylle vom Bodensee von 1846. 
Ihren Erfolg verdankt die Verserzählung nicht nur dem frischen Ton, sondern auch der Mischung von Nationalstolz und Ablehnung von Buchgelehrsamkeit. Insofern besteht eine - entfernte - Verwandtschaft mit der Ideologie der Jugendbewegung. Freilich, seine Anhänger hatte Scheffels Werk ja gerade bei den traditionell-nationalistischen Kleinbürgern, aus deren bürgerlicher Enge die "Bachanten" der Jugendbewegung sich befreien wollten.
Scheffel greift bei seiner Erzählung auf einen in Säckingen verbürgten Fall der erfolgreichen Liebe eines Bürgersohns zu einer Adligen zurück.
Der Säckinger Bürger Franz Werner Kirchhofer (1633 - 1690)  heiratete um 1657 Maria Ursula von Schönau gegen den Widerstand der Familie.


Für die, die es interessiert, das Wort über Schiller als "Moraltrompeter von Säckingen" stammt von Nietzsche.

Episteln aus Säckingen

Seit Mittwoch sitze ich nun »festgemauert in der Erden« d. h. in meiner Amtsstube, und helfe mit an der Weltverbesserung durch Vermehrung der Akten-Fascikel, und wenn mir hie und da ein Skrupel kommt, so denke ich an das alte Lied:
Vorm Schreiber muss sich biegen
Oft mancher stolze Held
Und in den Winkel schmiegen,
Ob's ihm gleich nicht gefällt.
und schreibe wieder weiter im Gefühl meiner Würde, dass die Feder knarrt und das Papier rauscht und braust. In diesen Mittelpunkt meines hiesigen Lebens, in diese Schreibstube, wo alle Wurzeln meiner Kraft liegen, muss ich euch aber noch des nähern einführen.
(Viktor von Scheffel: Säckinger Episteln) [Säckingen]

26 Mai 2012

Noch'n Gedicht von Grass

und zwar zu Griechenland und der Eurokrise.

Spiegel online gibt sich sicher, dass hier kein Skandal droht.

Hat Grass es geschrieben, um daran zu erinnern, dass schon in der deutschen Klassik reimlose Lyrik nicht ungewöhnlich war, lange bevor Brecht seine Form des politischen Gedichts entwickelte?
Hat Grass es geschrieben, um zu zeigen, dass nur Kritik an Israel tabu sei?
Oder hat er es geschrieben, um die Partei des Schwächeren, des underdog, zu ergreifen.

Ich vermute letzteres, doch bin ich weit entfernt davon, es beweisen zu können.
Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.
Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.
Die Anspielungen aus diesen Zeilen seien kurz erklärt:
"Seit einem Vierteljahrhundert bemüht man sich in Griechenland um die Rückgabe der 56 Platten des Parthenonfrieses" (shortnews 1.4.2007)
Griechenland wurde während des Zweiten Weltkrieges von deutschen Truppen besetzt.
Als das Deutsche Reich am Beginn des Ersten Weltkrieges Russland und Frankreich  den Krieg erklärte, trugen viele deutsche Kriegsfreiwillige Gedichtbände von Hölderlin an die Front. Im Zweiten Weltkrieg kam das freilich seltener vor. Hölderlins Hyperion schwärmte von Griechenland und klagte über die Deutschen.
Griechenland ist eins der Länder Europas mit dem höchsten Anteil der Rüstungsausgaben am Staatshaushalt. Nach den Sparforderungen, die Griechenland einzuhalten hat, ist aber keine Beschränkung der Rüstungsausgaben vorgesehen. Deutschland ist einer der wichtigesten Rüstungslieferanten für Griechenland und die deutschen Firmen haben auch während der Finanzkrise auf der Erfüllung der griechischen Rüstungskaufverträge bestanden.

Vgl. auch: Tagesspiegel, ntv, focus, ...
Zusammenfassung weiterer Reaktionen bei ntv
Faktencheck Hellas: Verneigung vor Günter Grass (mit vollständigem Gedichttext), 15.4.15

20 Mai 2012

Albano sieht Idoine, "als wenn es Liane aus dem Himmel sei"


Albano kehrt anlässlich der Trauerfeier für seinen Bruder Luigi Roquairol in das Haus seiner Pflegeeltern zurück.

Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz. Sie wichen eilig zurück, Julienne flog die Treppe herab und küßte den Bruder zum erstenmal öffentlich, in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh. Als sie ihn losließ, fing aus der Nacht im Kirchturm das Geläute als Zeichen an, daß der tote Bruder in die Kirche einziehe; da stürzte sie wieder auf Albano zurück und weinte unendlich. Sie ging mit ihm hinauf, ohne zu sagen, wen er droben neben dem Pflegevater finde. Eine alte Flötenuhr, deren mühsames Spiel von jeher seltenen Gästen dargeboten wurde, quoll ihm, als er die Türe öffnete, mit den Nachklängen der Kindertage entgegen.
Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts herabgehenden Schleier, welche mit seinem Pflegevater sprach, wandte sich um nach ihm, da er eintrat. Es war Idoine, aber der alte Zauberschein fuhr wieder über seine heute so bewegte Seele, als wenn es Liane aus dem Himmel sei, mit Unsterblichkeit gerüstet, auf überirdische Kräfte stolzer und kühner, nichts von der vorigen Erde mehr tragend als die Güte und den Reiz. Beide fanden sich mit gegenseitigem Erstaunen hier wieder. Julienne sah – ihrer kleinen Verhehlungen und Anstalten sich bewußt – ein rotes Wölkchen des Unwillens über Idoinens mildes Gesicht fliegen; es war aber bald unter dem Horizont, sobald Idoine es bemerkte, daß die Schwester unter dem Leichengeläute des Bruders die Tränen nicht bezwingen konnte, und sie ging ihr freundlich entgegen, ihre Hand aufsuchend. Idoine hatte, durch ihre Strenge leicht zum launischen Zürnen, diesem kleinen Kriege des Zorns, geneigt, sich durch scharfe lange Übung von [824] diesem feinsten, aber stärksten Gift des Seelenglückes freigemacht, bis sie zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner, lichter Mond ohne einen Regen- und Wolkenkreis der Erde.
Albano, dem die Erde, mit Vergangenheit und Toten gefüllt, eine Luftkugel geworden war, die in dem Äther ging, fühlte sich frei zwischen seinen Sternen und ohne irdisches Bangen; er nahete sich Idoinen – obwohl bei dem Bewußtsein der kämpfenden Verhältnisse ihres und seines Hauses – mit heiligem Mute: »Ihr letzter Wunsch im letzten Garten« (sagt' er) »wurde vom Himmel gehört.« – Mit jungfräulich-entschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis, worin sie bald Blumen, bald Dornen auseinanderzubeugen hatte, um weder verlegen noch verletzt zu werden; sie antwortete ihm: »Ich freue mich von Herzen, daß Sie Ihre treue Schwester auf immer gefunden haben.« Wehrfritz war über die Freimütigkeit, womit sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhältnisse sprach, ebenso erfreuet als verwundert. »So muß man immer auf der Erde viel verlieren,« (erwiderte ihr Albano) »um viel zu gewinnen« und wandte sich an seine Schwester, als woll' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren.
(146. Zykel)
Link zu Anfang und Schluss

18 Mai 2012

Brief der verstorbenen Mutter an Albano

Höre deine eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen. Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte. Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzer Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwächlichen Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es erfuhren. 'Man wird doch endlich über uns siegen', sagte dein Vater. In Rom lernten wir den Fürsten di Lauria kennen, der seine schöne Tochter dem Grafen C. (Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden wäre. Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus. Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen, une femme fort decidée, se repliant sur elle même, son individualité exagératrice perça à travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen Lande. Dazu half mit, daß ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwärmerei zugleich befanden, nämlich der Hoffnung zu gebären. Sie kam nieder mit einem wunderschönen, ihr ganz ähnlichen Mädchen, Severina, oder wie man sie nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, daß wir, wenn ich einen Sohn gebäre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich könnte besser eine Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin, um die er geworben, unter dem spöttischen Vorwande, ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Maßregeln und Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Fürst billigte es nicht, er fand eine Erziehung außer Landes u. s. w. ganz zweideutig und mißlich. Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee. Zwei Tage darauf gebar ich dich und – Julienne zugleich. Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar. 'Ich behalte', (sagt' ich zur Gräfin) 'meine Tochter, du behältst die deinige; über Albano' (so soll er heißen) 'entscheide der Fürst.' Dein Vater erlaubt' es, daß du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen würdest. Indes traf er Vorkehrungen, deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, daß ich damals so mutig war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht – ich, der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt –, sondern später wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert, und sein gütiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug. Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil, indem er – sei es aus Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh. Hofe – als Lohn des Anteils verlangte, daß einst du und Linda ein Paar werden möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: 'Linda wird mir gewiß ähnlich an Gemüt, wie sie jetzt es ist an Gestalt – Gewalt bewegt sie dann nie – aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden.' Ich weiß ihre eignen Worte. Ein sonderbarer Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit, worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ, noch mehr erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. – Linda wird lange vorher, eh' du dies gelesen, dir er schienen, ihr Name genannt, deine Geburt geheimnisvoll verkündigt sein – – Möge, möge dein Geist sich in alles wohl finden, und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern reichen! – Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? [...]

Möge nur das Geisterspiel, das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne Unglück vorüber ziehen! – Sollt' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen, so muß ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um ganz gesichert meine Augen zu schließen. Ach ich werd' es nicht erleben, daß ich dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf! Die Ahnungen meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind! Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen Hülfsmittel zum besten!

Deine
treue Mutter
Eleonore.

N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen, sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen. Leb wohl! Leb wohl!«
(142. Zykel)

Albano erfährt, wie die seltsamen Gesichte zustande kamen

Albano erfragt, wie der Kahlkopf ("Vater des Todes") seine Illusionen (vgl. 8. Zykel) hervorrief.
 Nun erst fragt' er ihn über die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht, um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben. Er ließ auf diese Frage einen Kasten herauftragen. »Fangt!« sagt' er. »Wie stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt?« sagte Albano. Der Oheim schloß auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: »Es war nur ihre Mutter.« Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflößet: »Bin ich ihr verwandt?« fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestürzt: »Es wird wohl anders sein.« Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola; »er oben mit Gas gefüllt, ich unten an der Mauer stand«, sagte der Oheim. Albano wollte nichts weiter wissen; im Kasten waren noch Hör- und Sprachröhre, eine Gesichtshaut, blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene Blumen mit Pulver von einem endormeur u. s. w.; Albano wollte nichts mehr sehen. »Böses Wesen! wer stiftete dich dazu an?« fragte Albano. »Der starke Bruder,« (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewöhnlich) »er gab mir zu leben, und er wollte mich totschießen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden.« – »O keinen Laut darüber!« (rief Albano peinlich, dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tränen-Feuer und Gift aussprützte) – »Unglücklicher! wie wurdest du der?« – »So? Bin ich unglücklich?« fragt' er eiskalt. Er berichtete – aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z. B. des Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte –: er habe ein schwarzgraues und ein blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert, sei es nicht gegangen. (141. Zykel)

17 Mai 2012

Albano kehrt zurück


Albano kehrt zurück, und beide wissen noch nicht, dass Linda betrogen worden ist.
Unter dem Getümmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah Albano den Wagen der Gräfin auf die Höhe an Lianens Garten rollen, da halten und Dian und Chariton aussteigen. Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. »Ach da bin ich doch!« sagte Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich in seine verwebend – so scheu und so liebevoll – und das Abendrot der Verschämtheit zog, wie Frühlingsröte in der Nacht, um ihren Himmel, und der weiße Mond der Unschuld stand mitten drin! – Albano zerging vom Tauwind dieser Verzeihung, warf sich seine süße Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen Stolz über sein Siegen vor und konnte in der schönen Verwirrung des Glücks kaum das süße Staunen regieren und das aufgelöste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der Geliebten. Vor Chariton mußt' er sich verhüllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, bloß das Wort: »Ischia!« »Da liegt nun freilich, lieber Anastasius,« (sagte Chariton zu Dian) »meine gute Fräulein Liane begraben, und man weiß nicht eigentlich wo im Garten, denn man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt.« – »Das ist sehr betrübt und hübsch,« (sagte Dian) »aber laß es, – weg bleibt weg, Chariton!« und führte sie seitwärts von den Liebenden schonend. An Albano, der nichts überhörte und übersah, war die Erschütterung davon so sichtbar. Auch Linda nahm sie wahr. »Sprich nur aus dein Weh,« (sagte sie) »ich liebe sie ja auch.« – »Ich denke an die Lebendigen« (sagt' er, sich zusammenfassend, und blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne Abendgegend) – »kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? – Linda, o wie vergibst du mir heute!« »Freund« (sagte sie) »wenn Ihr sündigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber bis dahin seid noch still!« Er sah sie bedeutend an: »Hast du nicht schon vergeben und ich noch nicht? – Aber wüßtest du, wie ich in diesen Tagen auf dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in die Zukunft brachte – ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?« – Zum Glück hörte sie – gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke und Taten merkend – mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt. (129. Zykel)

Roquairol führt ein Schauspiel auf, in dem Dian und Chariton die Liebe zwischen Abano und Linda (unter anderen Namen) vorspielen und er seinen Betrug an Linda offenbart. (130. Zykel)
Am Schluss des Stückes erschießt er sich auf der Bühne.

Albano ist darauf hingewiesen worden, dass "der sel. Hauptmann R. v. Froulay Ihre Rolle bei der Gräfin Romeiro durch alle Akte durch im Flötental gespielt" habe.
Als er sie zitternd berührte und nahe neben sich wiedersah: so überfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen göttlichen Vergangenheit. Aber er verzögerte nicht die Frage der Hölle: »Linda, wer war Freitag abends bei dir?« – »Niemand, Guter; wenn?« versetzte sie. – »Im Flötental« – stammelte er. – »Mein blindes Mädchen«, antwortete sie ruhig. – »Wer noch?« fragte er. – »Gott! dein Ton ängstigt mich« (sagte sie) – »Roquairol brachte in jener Nacht den Affen um. Ist er dir begegnet?« – »O schrecklicher Mörder! – Mir?« (rief er) »Ich war verreiset die ganze Nacht, ich war mit dir in keinem Flötental« – – »Sprich aus, Mensch,« (rief Linda, ihn an beiden Händen mit Heftigkeit ergreifend) »schriebst du mir nicht die rückgängige Reise und kamst?« – »Nichts, nichts,« (sagt' er) »lauter Höllenlüge. Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme – deine Augen – und so ists – sage das übrige.« – »Jesus Maria!« schrie sie, von der Schlagflut getroffen, worein die schwarze Wolke zerriß – und griff mit beiden Armen durch die Laubzweige des Laubengangs und preßte sie an sich und sagte bittend: »Ach Albano, du bist gewiß bei mir gewesen.« »Nein, bei dem Allmächtigen nicht! – Sage das übrige«, sagt' er. – »Weiche auf ewig von mir, ich bin seine Witwe!« sagte sie feierlich. – »Das bleibst du«, sagt' er hart und rief Justa aus dem Traumtempel.
(131. Zykel)

16 Mai 2012

Betrug beim Stelldichein

Roquairol liebt Linda und hat vor, sich an Albano zu rächen, indem er Linda gegenüber vortäuscht, Albano zu sein, und so ihre Liebe zu genießen.

Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand, wie der böse Geist auf der Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda und ihren Weg zu finden. [...] Er eilte den langen Schneckenberg herab, warm wie eine vergiftete Leiche. [...] Er schlich leise wie der Tod [...]

Tief im engern laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus ihrer Kinderzeit. Endlich wurde sie erblickt – die Riesenschlange tat den giftigen Sprung nach der süßen Gestalt, und sie wurde tausendfach umwunden.
Er hing an ihr sprachlos – atemlos – die Wolke seines Lebens brach – Tränen der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort – alle Arme, worein der Strom seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war, schossen brausend zusammen und faßten und trugen eine Gestalt – – »Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben uns ja immer wieder«, sagte Linda, und die zarte schöne Lippe gab ihm den ersten innigen Kuß. Da kreisete das Feuerrad der Entzückung mit ihm reißend um, und um den darauf geflochtenen Kopf wehten die Flammen-Kreise hoch auf. Aus Furcht, erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen geschlossen; jetzt tat er sie auf- so nahe an sich und in seinen Armen sah er nun die hohe Gestalt, das stolze blühende Antlitz und die feuchten warmen Liebes-Augen. »Du Himmlische,« (sagt' er) »töte mich in dieser Stunde, damit ich sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? – Könnt' ich meine Seele in meine Tränen gießen und mein Leben in deines und wäre dann nicht mehr!«
[737] »Albano,« (sagte sie) »warum bist du heute so anders, so traurig und weich?« –
»Nenne mich« (sagt' er) »lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden auf Otaheiti die Namen tauschen. – Vielleicht hab' ich auch etwas getrunken – aber ich bereue ja das Gestern – ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch mein Innres, Linda?«
»Süßer Jüngling, kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben? – Ich bleibe ja bei dir und du bei mir.«
»Ach du kennst mich nicht. Wenn weiß es denn der Mensch, daß gerade er, gerade dieses Ich gemeinet und geliebet werde? Nur Gestalten werden umfasset, nur Hüllen umarmt, wer drückt denn ein Ich ans Ich? – Gott etwa.« –
»Und ich dich« – sagte Linda.
»O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens verflogen ist – liebst du mich fort in meiner Hölle, wenn ich dich aus Liebe gegen dich belogen habe? – Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?«
»Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich die Biene und sterbe in dem süßen Kelch.«
Die Braut sank an seinen Hals. Er umklammerte sie heftig [...] »Man sieht« (setzt' er eilig dazu) »das auferstandne Herkulanum, aber man wohnt im blühenden Portici darüber; ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore, und wir schifften nach lebendigen Städten weiter. – Ist mir doch auch Roquairol in so manchem so ähnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal wie Liane!« –
[738] »Aber diesen hatt' ich nie geliebt, und nun bin ich deine ewige Braut.«
»Der arme Mensch! Aber ich tat, glaub ich, doch nicht recht, da ich einst in der Tartarushöhle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den Freund.«
»Gewiß nicht; aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen?« sagte sie küssend.
»Heimlich möcht' ichs eher nennen«, versetzt' er, entbrennend in hassender Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschleier über ihre ganze Zukunft zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das Opfer und erstickte und erweckte Küsse, er riß die Orangenblüten von ihrer Brust und warf sie zurück. »Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hölle,« (sagt' er) »Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust – [...]
Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvögel zwischen den Sternen und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen; der Mond, der ihn verjagte und verriet, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne gegen das Schicksal riß er auf für seine küssende Wut den Nonnenschleier und Heiligenglanz ihrer jungfräulichen Brust. Fern stand der Leuchtturm des Gewissens, von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und glühend an seiner Brust. »Sei mein guter Genius, Albano!« sagte sie. – »Und dein böser; aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl«, sagt' er voll Wut. »O heiße denn Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano!« sagte sie. –
[739] Plötzlich fingen im Tal die Flöten an, die der fromme Vater zu seinen Abendgebeten spielen ließ. Wie Töne auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord heran – da schmolz Lindas goldner Thron des Glücks und Lebens glühend nieder, und sie sank herab, und das weiße Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und zu Asche.
»Nun die Deinige bis in meinen Tod!« sagte sie leise mit Tränenströmen. »Nur bis in meinen«, sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flöten. [...]  Roquairol, wie betäubt von solcher Gegenwart, war nahe daran, zu sagen: sieh mich an, ich bin Roquairol; aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: »Das verdient sie nicht um dich; nein, sie erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt.« – Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrückt, das Mondlicht fiel schon auf beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stieß sie zurück, fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch. [...]
 – »Nu, nu,« (sagt' er) »ich war wohl glücklich, aber ich hätt' es noch mehr sein können, wär' ich Ihr verdammter Albano gewesen« – und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte noch in der Nacht nach dem Prinzengarten. (128. Zykel)

Freiheit des Mannes und Freiheit der Frau


Linda beschwört Albano, nicht in den Krieg zu ziehen.
»Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen – bei der heiligen Jungfrau – bei dem Allmächtigen! – du darfst, du sollst nicht!« Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, daß es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft. – Linda wiederholte: »Du darfst nicht.« Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: »O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!« – »Nein, ich sage Nein!« rief sie. – [...] (116. Zykel


Linda überwindet ihre Ehescheu, aber ...
Linda stammelte: »So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und bleibe bei mir« – »bis zu meiner letzten Stunde«, sagt' er – »und bis zu meiner, und gehst in keinen Krieg«, sagte sie zärtlich-leise – er drückte sie bestürzt und stark ans Herz – »nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?« wiederholte sie. – »O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres«, sagte er. – »Nur ja, Albano, ja?« fuhr sie fort. – »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen«, sagt' er. – »Ja? Sage nur Ja!« bat sie – er schwieg – sie erschrak: »Ja?« sagte sie stärker. – »O Linda, Linda!« stammelte er – sie entsanken einander aus den Armen – »ich kann nicht«, sagt' er – »Menschen, versteht euch«, sagte Julienne – »Albano, sprich dein Wort«, sagte Linda hart. – »Ich habe keines«, sagt' er. Linda erhob sich beleidigt und sagte: »Ich bin auch stolz – ich fahre jetzt, Julienne.« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles zu stark. Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen. »O ihr Leute und du Hartnäckiger,« (sagte Julienne) »geh ihr doch nach und stille sie.« Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte nach nichts. (126. Zykel)

Albano über Liebe, Krieg und Freiheit

Albano an Linda
Und so ist mir jetzt wie der und noch stärker; ich möchte zu dir hinüberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muß dich verdienen; ich kann nichts für dich tun, außer für mich. – In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge groß, Taten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und auf die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Paläste der großen Römer noch mit Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte, und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders sein? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den Himmel, und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück. Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule, wie Schoppe [643] sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstoßen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe. (113. Zykel)


Albano im Gespräch mit Julienne
»Zwar doch!« (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) »Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Faux-brillant. Kannst du denn glauben, daß man es dir zulässet? daß eine Prinzessin-Schwester von Hohenfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!« Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. »Zeige mir« (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) »auf der Landkarte eine bessere [654] Laufbahn!« – »Einen bösern Laufgraben?« (sagte sie spielend) »Wohl kaum!« Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, womit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte dazu »Lieber ein müßiger Graf als das!« – Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschließen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; – »in einer Welt, die nur eine Meßwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Meß- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark«, hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. »Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht,« (sagt' er) »sonst verständen wir uns leichter.« Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. – Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. (115. Zykel)

Albano über Freiheit und Krieg


Albano an Schoppe
Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Muße schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? – Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? [...]
Nimm nur den Krieg höher, wo die Geister, ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, daß es unter ihren Körpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe. – Zwei Völker gehen auf die Schlacht-Ebene, die tragische Bühne eines höhern Geistes, um ohne persönlichen Haß die Todesrollen gegeneinander zu spielen – still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld – die Völker ziehen hinein in die Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und düster und allein brennt die Todesfackel über ihr – es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kränzen. – Und wenn es vorüber ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben nicht geachtet hatten. – Wenn aber der große Tag noch größer werden, wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer – und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme – o selig, wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich. – – [...]
Gespräch mit Gaspard
»Der gallische Rausch« (versetzte Albano heftig) »ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst der allgemeine Anteil? – Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor.« [...]
Albano zu Dian
Er gestand dem geliebtesten Lehrer den großgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie.
(Jean Paul: Titan, 105. Zykel)

15 Mai 2012

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Katharina Hagenas erster Roman "Der Geschmack von Apfelkernen" handelt von Erinnerungen und von Demenz. (Hier die Vorstellung durch Ann-Theres)
Ist Erinnerung eine andere Form des Vergessens?
Wie war das mit den Mädchenspielen, wo jeweils eins der Mädchen mit verbundenen Augen das essen musste, was die anderen ihr in den Mund steckten? (Wer zweimal etwas ausspuckte, hatte verloren.)
Woran starb Rosemarie?
Wer erinnert mich?


10 Mai 2012

Schoppes Brief an Albano


Gewissermaßen war ich seit deiner Reise verdammt unglücklich bis diesen Morgen gegen 1 Uhr; – um 2 Uhr faßt' ich meinen Entschluß, jetzt um 5 die Feder, um 6, wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben, den Reisestab, dessen Stachel nach 2 Monaten in den Pyrenäen steht. O Himmel! mußte etwas Gestacheltes längst neben mir stehen, was ich so lange für einen Herisson nahm, indes es die beste Spielwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sie vor einigen Stunden) haben kann als das beste Flötengedackt – unverfälschte Sphären- und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Männer im Feuer – einen ganzen lebendigen Vaucansons-Flötenspieler von Holz – und unerhörte Sachen, womit die Maschine nicht sich einen Bruch bläset, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich vorzüglich den Kahlkopf nenne? –[...]
Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war – wo der alerte, anschlägige Vogel leicht heraushatte, wo der Hase liegt und die Häsin – wo der Mann sich noch mit den bekannten vier Weltteilen in Güte setzte, oder auch ebenso leicht wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stieß – wo er, jetzt ein Silberfasan kühler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf- und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses saß, bald auf dem Coliseo, bald auf dem Ätna, bald auf der Peterskuppel und vor Lust krähete, die Flügel schlug und gen Himmel stieg. – Es war nämlich dieselbe Zeit, wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in Tivoli sich durch die Wasserfälle hin- und herschwang, kostbar selig war und da gelegentlich – plötzlich – oben – in Vestas Tempel – zum ersten Male – weiter nichts erblickte als – die Prinzessin di Lauria, nachher, mutmaß' ich, von einem Vliesritter weggeholt als sein güldnes Vlies. Solche sehen – sich aus einem Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln – von Gespann und Zügel sich abreißen – vor jene Göttin fliegen – sie in immer engern Kreisen umziehen, das alles war nicht eins, sondern dreierlei. [...]
nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz unerwartet vor der Gräfin Cesara – Himmel und Hölle! welch ein Weib war deine Mutter! Sie warf jeden in beide auf einmal, ich weiß nicht ob deinen Vater auch. [...]
Sie hatte zwei Kinder, dich – deiner schon damals geschärften Bildung entsinn' ich mich klar – und deine Schwester, die sogenannte Severina. [...]
Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von der schönen Insulanerin, sobald ich diese abgemalt hätte. Dummes Jahrhundert, sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sie saß mir gern – wie auf einem Thron – ich riß, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab und mußt' ihr natürlich das Bild lassen unkopiert. Aber, Jüngling, einige Buchstaben, die meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte, können für dich ein Tetragrammaton, elf Sonntagsbuchstaben und Lesemütter (matres lectionis) deines Daseins werden, falls ich glücklich nach Spanien komme und in Valencia am Bildnis die Färberei von meinen Buchstaben wegwischen und nun in dessen Herzen lesen kann: Löwenskiold. So dänisch hieß ich damals. Dann ist die Gräfin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina. Gott schenke nur, daß du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und geheiratet; sie soll, wie ich gestern hörte, nach Italien abgereiset sein. Denn als ich die Gräfin Linda hier zum ersten Male sah, war mir auf dem Pestitzer Markt-Viereck, als ständ' ich oben auf der Terrasse der Isola bella und schauete die Alpen, deine Mutter, meine Jugend kaum drei Schritte vor mir! [...]
Denn die göttliche Ähnlichkeit beider ist so groß!
Ich malte auch Linda in diesem Winter. Was sie mir vom Charakter ihrer Mutter erzählte, war ganz dasselbe, was ich ihr hätte vom Charakter der Prinzessin di Lauria berichten können – Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen, und doch ist er noch nicht verschwunden, wie ich höre – Lindas Mutter hieß sich eine Römerin und eine Verwandte des Fürsten di Lauria – In Spanien, wo ich zweimal war und fragte, wollte nirgends der Name einer Cesara wohnen – Trillionen Spinnenfäden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum Ariadnens-Strick im Labyrinth – Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und in Spiegeln vorgeführt – – Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf – dem fast mehr zum Christuskopf fehlt als die Locken, und den ich im Herbste einen Hund geheißen – dirs vorgespiegelt aus wirklichen Spiegeln – Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun (der Himmel und der Teufel wissen am besten warum, aber ich glaub' es) als Vater des Todes auf Isola bella, lag als Handwerkspursch am Fürstengrabe und in jedem Hinterhalt, um dir deine Schwester zur Frau zu geben – – falls ichs litte; aber sobald ich jetzt zugesiegelt, brech' ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein, suche nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter, dessen Stelle und Zimmer ich mir deutlich angeben lassen – und ist es das Bild von mir: so ist alles richtig, und der Donner kann in alles schlagen – Der Kahlkopf ist schon ein Fünfviertelsbeweis
(Jean Paul:Titan, 122. Zykel)

Schoppe ist ein Freund Albanos, Bibliothekar und, wie wir hier erfahren, als Porträtist Autodidakt. Die Wikipedia bemerkt im Artikel Titan über ihn: "In Schoppe wird die idealistische Philosophie Fichtes verurteilt", fügt dann aber hinzu: "Es ist allerdings häufig festgestellt worden, dass die eigentlich zum Scheitern verurteilten Personen mehr Spannung und Interessantheit besitzen als die manchmal allzu glatt und ideal wirkende Hauptfigur Albano."

09 Mai 2012

Albano Cesaras Vision

[47] Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! – Alle gingen, vom Reisen schläfrig, der Ruhe zu; bloß Albano, in welchem der heiße volle Tag nachbrannte, sagte dem Ritter, daß er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends Kühlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blüten des welschen Frühlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue neben einem blühenden Dockengeländer aus Zitronen an, um die Augen unter dem Sternenhimmel schön zu schließen, und noch schöner zu öffnen. Schon in seiner frühern Jugend hatt' er sich, so gut wie ich, auf die welschen Dächer warmer Länder gewünscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schläfer darauf zu erwachen. Wie herrlich fällt das aufgehende Auge in den erleuchteten hängenden Garten voll ewiger Blüten über dir, anstatt daß du in deinem deutschen schwülen Federpfuhl nichts vor dir hast, wenn du aufblickst, als den Bettzopf! Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse zusammenschwammen, und er wehmütig an seine bleiche Mutter und an seine Schwester und an die verkündigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter ihm [48] eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der Brust mühsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf. »Gedenke des Todes!« (sagte sie) »Du bist Albano de Zesara?« – »Ja!« (sagte Zesara) »wer bist du?« – »Ich bin« (sagte sie) »ein Vater des Todes. Ich zittere nicht aus Furcht, sondern aus Gewohnheit so.« Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen Erbeben, das man zu hören glaubte. Zesara hatte oft seiner müßigen Kühnheit ein Abenteuer gewünscht; jetzt hatt' ers vor sich; indes wachte er doch behutsam mit dem Auge, und da der Mönch sagte: »Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir, wenn er untergeht, denn mein Gesicht ist schwach«, so warf er nur einen eilenden Blick dahin: »Noch drei Sterne« (sagt' er) »sind zwischen ihm und der Alpe.« – »Wenn er untergeht,« (fuhr der Vater fort) »so gibt deine Schwester in Spanien den Geist auf, und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an.« – Zesara wurde kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders berührt, bloß weil er in keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre Berge und Sterne als Hüter stellt, oder auch, weil die weite dichte Körperwelt so nahe vor uns die Geisterwelt verdrängt und verbauet; er fragte mit Entrüstung: »Wer bist du? was weißt du? was willst du?« und griff nach den zusammengefalteten Händen des Mönchs und hielt beide mit einer gefangen. »Du kennst mich nicht, mein Sohn!« (sagte ruhig der Vater des Todes) »Ich bin ein Zahuri und komme aus Spanien von deiner Schwester; ich sehe die Toten unten in der Erde und weiß es voraus, wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr Erscheinen über der Erde nicht und hör' ihr Reden nicht.« Hier blickte er den Jüngling scharf an, dessen Züge plötzlich so starrer und länger wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing über seinem Haupte langsam an: »Nimm die [49] Krone, nimm die Krone – ich helfe dir.« Der Mönch fragte: »Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir?« – Zesara blickte in die Höhe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach wieder und dasselbe. Der Mönch erriet es und sagte: »So hat dein Vater deine Mutter aus der Höhe gehöret, als er in Deutschland war; aber er ließ mich lange in Fesseln legen, weil er dachte, ich täusche ihn.« – Beim Worte »Vater«, dessen Geisterunglauben Zesara kannte, riß er den Mönch an den beiden Händen mit der festhaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu hören, wo jetzt die Stimme stehe. Der Alte lächelte sanft, die Stimme sprach wieder über ihm, aber so: »Liebe die Schöne, liebe die Schöne – ich helfe dir.« – Am Ufer hing ein Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mönch, der ihm vermutlich den Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und winkte ihm nachzufolgen. Der Jüngling, im Vertrauen auf seine körperliche und geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mönche kühn von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht nur die Stimme über ihm wieder rief: »Liebe die Schöne, die ich dir zeige, ich helfe dir«, sondern da er auch gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas, wie eine höhere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Göttin wieder in die Wogen zurück, und die Geisterstimme lispelte oben fort: »Liebe die Schöne, die ich dir zeigte.« – – Der Mönch betete kalt und schweigend unter der Szene und sah und hörte nichts; endlich sagte er: »Am künftigen Himmelfahrtstage in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen.« Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen das Licht eines höhern Elementes nur fühlen und suchen, aber nicht sehen, in der Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlägt, der vor unsere [50] höhere Sonne gehangen ist so zerschneidet der Strahl den Sehnerven, der nur Gestatten, nicht Licht verträgt; – kein heißes Erschrecken beflügelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern Gedanken und vor einer neuen unfaßlichen Welt sperrt den warmen Strom, und das Leben wird Eis. – Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den Mut als den Verstand; er ruderte ungestüm, beinahe bewußtlos ans Ufer – er konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbändige, alles auseinanderreißende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu gräßlichen umwälzte und ausdehnte – er hört' es kaum, als der Mönch zum Abschiede sagte: »Vielleicht komm' ich am nächsten Karfreitage wieder.« – Der Mönch bestieg einen Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel (Isola peschiere). Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank, als geb' es nichts, als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der erstickenden Brust der Atem des Bibliothekar Schoppe, der lustig zum Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam zurück, und das Dasein war. (Jean Paul: Titan, 4. Zykel, S.47-50)

Der Ritter Don Gaspard berichtet


Der Ritter nahm ihn auf eine über steinerne Säulen geführte Galerie hinauf, die überall Limonienbäume mit Düften und kleinen, regen, vom Monde silbern geränderten Schatten vollstreueten. Er zog zwei Medaillons aus seiner Brieftasche; das eine bildete ein sonderbar-jugendlich aussehendes weibliches Gesichtchen vor, mit der Umschrift: »Nous ne nous verrons jamais, mon fils.«9 »Hier ist deine Mutter« (sagte Gaspard und gab es ihm) -»und hier deine Schwester«, und reichte ihm das zweite, dessen Züge zu einer unkenntlichen veralteten Gestalt einliefen, mit der Umschrift: »Nous nous verrons un jour, mon frère.«10 Er fing nun seine Rede an, die er in so vielen zwanglosen Heften (das eine Komma oft am einen Ende der Galerie, das andere am andern) und so leise und in einem solchen Wechsel von schnellem und trägem Gehen lieferte, daß in das Ohr eines unter der Galerie mitlaufenden Visitators fremder Gespräche, wenn einer drunten stand, nicht drei zusammengehörende Laute tropfen konnten. »Deine Aufmerksamkeit, lieber Alban,« fuhr er fort, »nicht deine Phantasie sollte jetzt gespannt sein; du bist leider heute zu romantisch bei dem Romantischen, was du hören sollst. Die Gräfin von Zesara liebte das Feierliche von jeher; du wirst es aus dem Auftrage sehen, den sie mir wenige Tage vor ihrem Tode gab, und den ich gerade an diesem Karfreitage auszurichten versprechen mußte.«
Er sagte noch, bevor er anfing, daß er, da seine Katalepsie und sein Herzklopfen bedenklich stiegen, nach Spanien eilen müsse, seine Sachen und noch mehr die seiner Mündel – der Gräfin von Romeiro – zu ordnen. Alban tat noch eine Bruderfrage über seine liebe, so lang' entrückte Schwester; der Vater ließ ihn hoffen, daß [40] er sie bald sehen werde, da sie mit der Gräfin die Schweiz besuchen wolle.
(Jean Paul: Titan, 5. Zykel, S.39/40)