31 März 2012

Das Ende der Freundschaft

88. Zykel Hier ist Roquairols Brief an Albano:

»Einmal muß es geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, und dann hassen, wenn es sein muß. Ich mache deine Schwester unglücklich, du meine und mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Würgeengel. Würge mich denn, aber ich packe dich auch. Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift überstanden! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. [...]
O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man haben will? [...]
Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber weiß es denn jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen, und dessen Liebe man am Ende hasset – vor welchem, aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu enthüllen scheuete aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen – [...]
In meinen Sinnen glühte der Wein, in ihren das Herz – O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt, keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile [...]
Schlage dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den längsten Schlaf auf den Rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb aber wohl! Dein Freund oder dein Feind.«

89. Zykel
»Mein Feind!« rief Albano. Der zweite heiße Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füße geworfen; und er fühlte den ersten Haß.89. Zykel »Mein Feind!« rief Albano. Der zweite heiße Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füße geworfen; und er fühlte den ersten Haß.[...]
O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begräbnistag der Freundschaft, wo das ausgesetzte, verwaisete Herz allein heimgeht, und es sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung fliegen.
Jean Paul: Titan, 89. Zykel

28 März 2012

Liebe der Männer und Liebe der Frauen

Es gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. – Jene ist mehr die männliche, sie will den Genuß ihres eignen Daseins, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger, worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden, hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich sind, genießet sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießet und begehret nichts als das Glück desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl; sie liebt, um zu beglücken, wenn jene nur beglückt, um zu lieben.

Die Arme! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter aus – Dann sanken andere – Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf – Umsonst! – Der schwärzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als Mordbrand in die Höhle zu tragen. 

Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht, daß die Liebende in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten, daß die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und daß sie mit derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre Tugend? – und daß nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei, besonnen und selbstsüchtig?

Jean Paul: Titan, 87. Zykel

19 März 2012

Jean Paul: Titan - zur Beurteilung

Nach der über Hunderte von Seiten sich erstreckenden Schilderung einer nur von phantastischen und karikaturhaften Figuren bevölkerten Welt - nur Albano ritzt sich, um aus seiner Überdrehtheit zu normaleren Empfindungen zu finden, der Erzähler des Titan aber nicht - beginnt Jean Paul im dritten Band in der 16. Jobelperiode im zweiten Teil der 74. Zykel mit einer vergleichsweise realistischen Schilderung davon, wie zwei Eltern, die sich hassen, sich darin vereinigen, ihre Tochter unglücklich zu machen.
Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden – und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset – die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung bloß durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen – und alles ein Geheimnis bleiben. (74. Zykel, S.406)
Von hier aus verläuft die Liebeshandlung zwischen Albano und Liane so, wie wir sie aus diversen Liebestragödien kennen: Um die Pläne des Mannes - an den man sich nicht traut - zu durchkreuzen, zwingt man die Tochter dazu, ihre Liebe zu opfern.
Hinsichtlich der Handlung treibt Jean Paul es freilich nicht ganz so weit wie Schiller in Kabale und Liebe: Liane geht freiwillig in den Tod und wird nicht vom Geliebten ermordet.

Wolfgang Harich über den Titan
Der "Titan" ist im zweiten bis vierten Teil der Höhepunkt dessen, was von Rousseau in der "Nouvelle Heloise" begonnen, vom jungen Goethe im "Werther" fortgeführt worden war. Und er kann dies deswegen in der streng objektiven, an Homer geschulten Form eines gewaltigen Epos, das obendrein dramatische Zuspitzungen à la Sophokles, Shakespeare und Schiller in sich aufgenommen hat, sein - und nicht bloß als der bloß extensivere lyrisch-subjektive Gefühlserguß einer anderen hohen Dichterseele -, weil er, im Gegensatz zum "Werther", unter resolutem Verzicht auf Amtmann, Amtmännin usw., fast nur in höchsten Adelskreisen spielt.
Wolfgang Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer neuen Deutung seiner heroischen Romane. Berlin: Akademie-Verlag, 1974, zitiert nach FAZ, 17.5.1974, S.25

17 März 2012

Blütenlese aus Jean Pauls Titan IV

Wer die zärteste Mitfreude fühlen will, der sehe nicht frohe Kinder an, sondern die Eltern, die sich über frohe erfreuen.

sie glich dem beregneten Baum unter der wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschütterung wirft den alten Regen vom stillen Laub.

Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort – ein Mann hat dazwischen zu tun –

[…] ins Ungewitter hinaus, das sich plötzlich wie ein Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte.

Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete Schmetterlinge, suchten und überdeckten einander und legten ihre bunten Flügel an Flügel

weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe.
denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade  Allemande?
daß die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil jene mehr als diese sie reformieren wollen: aus demselben Grunde verderben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene.

Jean Pauls ironisches Plädoyer für die Zensur

Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen.

[...] Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muß – der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior – der amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) –: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne – oder für eine Engelsburg – oder für ein monasterium duplex – oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adelskauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloß, daß er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nötigt die Regierung, auf- und zuzumachen – den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt.

Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzuführen hat. Denn so allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, daß die Regierung aus demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben – und daß ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel –: so ist doch das Korkziehen der Briefe – das Koppelsiegel – das Vikariatsiegel – das mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüßliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muß daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung.
Etwas davon würde, hoff' ich, sein, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher alles durch.
Oder man könnte die Pitschafte, als Münzstempel für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit großen Rechten ins Mittel und verpetschierte, wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren.
Oder – was vielleicht vorzuziehen – eine Brief-Zensur müßte anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main, nämlich Briefe, können, weil sie noch größere Geheimnisse austragen, nie eine größere Zensurfreiheit fodern, als gedruckte Zeitungen genießen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index expurgandarum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort.
Oder man vereide die Postmeister, daß sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken.
Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schließen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.
(Jean Paul: Titan, DritterBand, 74. Zykel, S.402-404)

Frühling läßt sein blaues Band ...

Er ist's

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal -
sie haben den See schon betreten -
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal -
sie schwirren in leisen Gebeten -
o schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und - drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh'.

Es zuckt in der Mitten - o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

Gebet

Herr! schicke was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

14 März 2012

Liane an Albano

»O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatt' ich dir zu sagen! Wie hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wütende Wolke dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir nachts noch dazu ein, daß du wie von Ahnungen beklommen gewesen und daß es gern ins Donnerhäuschen schlage. Warum bist du doch da? Ich stürzte heraus und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war, daß er dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte zu ihm: du wußtest es ja, Allgütiger, daß ich beten würde. Ich wurde auch getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte in mir.
Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt' es daher kommen – denn sie sagts –, daß ich dich mit meinen Sterbegedanken zu sehr betrübe?[378] Nie mehr sollst du sie hören, auch der Schleier ist ein geschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. – Wahrlich, ich bin ganz selig – denn du sogar bist es, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume für dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fällt und verraucht und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem wegfließenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den zerspringenden, reißenden Fluten einen Regenbogen unverrückt und unverändert schweben sah! – O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich mit ihnen singen; deine Äolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiß kein Gewitter in unser Rosenfest. Ich tat ihm daher leicht den Gefallen – vergib es –, ihm zu versprechen, daß ich keine fremde Besuche in einem fremden Hause – weil es unschicklich sei, sagt' er – annehmen würde Ich muß auf einige Tage nach Hause wegen der fürstlichen Vermählung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmöglich Nein sagen. – Lebe wohl, mein Herrlicher!                                            L.

N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht mächtiger? Welche Menschen solltest du dann an deinem Herzen haben! Du Lieber!«
(Jean Paul: Titan, Dritter Band, 70. Zykel, S.377-78)

13 März 2012

Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Sigmund Freud

Was war ihnen gemeinsam?

Alle drei mussten sich eingestehen, was Freud den "Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle" nannte.
Die Person, die er mit dieser Formulierung ansprach, war Lou Andreas-Salomé, eine Frau, die
ihrerseit formulierte:
„Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten 'unübersteiglichen Schranken' die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!“
(in einem Brief an Guillot - zitiert nach dem oben verlinkten Wikipediaartikel)

11 März 2012

Verena

"Verena war eine jungfräuliche Frau, eine schlanke, schwebende Junge in schwarzen Flören. [...]
Allenthalben hatte die schwebende, schlanke, verschleierte Verena den Vortritt.
Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt, als sie Verena vor sich sah, und küßte der Trauernden die Hand, ohne etwas zu sagen. Es schien in diesem Augenblicke, als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten, und als wenn alle erstarrt wären.
Um Verena wehte es wie Märzluft. Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet. Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille.
Man hatte bei der Begrüßung nur flüchtig leise[182] Worte gewechselt. Jetzt war man lange stumm. Alle, auch die Jungen, lauschten sozusagen auf ein erlösendes Wort, das aus den leichtgereckten, flaumigen Lippen von Verena kommen würde, die wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand.
Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen. Da enthüllte sich ein Gesicht, rosig und streng, wie ein Engel von Fra Angelico, mit einem lieblichen, scheuen, graudunklen Auge. [...]
Verena pries den Abendfrieden. Man begann von fernen, schönen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darüber die Jahreszeiten Blüten oder Früchte, goldene Blätter oder weiche Flocken verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe. Und wohin die Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe, die wie das Licht wäre, nie stürbe, nur erlöschte, daß es wer weiß welche heimliche Macht immer neu erwecken könnte. Verena schien in solchen Meditationen über sich und die Welt zu leben. [...]
Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben. Es ließ sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile [184] tiefstumm den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit, die wie warme Sonne aufleuchtete.
Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das blaßsommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich über die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen konnten und ein hoffnungsloses Ergraben. [...]
Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und brachte eine lose Freude in seinen lächelnden, graugelben Zügen. Er grüßte schon von ferne heiter und verbindlich. Er hatte zum ersten Male über die weiten Ebenen hinausgestaunt, die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke dehnten. Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen Wanderleben.
Als ihn die alte Schloßherrin vorstellte, sah er mit Funkelglanz seiner Augen in jedes Auge hinein. Ohne doch zu sehen. So war er erfüllt.
Er begann die Landschaft fröhlich zu rühmen und rühmte das seltene Glück solchen Aufenthaltes. Nicht mit lauten Worten. Mit einer Art, die sich launig und leise nur hinausgab, vorsichtig die Eindrücke ertastend, aber mit einem Gefühl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt, die ihm deutlich im Auge stand.
Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge[186] Frau in dunklen Flören neu angesehen. Da erst begann er zu merken, daß er in eine weihevolle Ruhe mit seiner Freude hineingesprochen.[...] Und Einhart vergaß sich dabei ganz in dem Anblick Verenas. [...]
Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.
Er dachte zurück an Johanna. Etwas war damals Erfüllung gewesen, redete es in ihm, und war doch nicht erlöst worden.
Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn. Wie ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Daß Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpreßte, und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang, von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt, der zufällig gegen das Fenster griff.
Oh! Daß er jetzt wußte, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen.
Jene Frau in Flören war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine zärtliche Blüte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen [192] und finden, und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch mit der heimlichen Wunde, die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.
Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hieß die Frau in schwarzen Flören. Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter. Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust.
Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert.
Jetzt begann er zu fühlen, daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte, darein man es hülle, damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.
Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden [193] Verlangen nach dieser Vision, daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte, daß er sich sehnte, wie ein Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand. [...]
Nie hatte er gewußt, daß es im Blute einen [198] Laut gibt, so unaufhaltsam, so unstillbar tief, so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt überrufend, daß nichts bleibt als diese eine Stimme. Unter den Tieren wanderte er manchmal weit hinaus, ohne Hut, ohne Stab, ganz nur er, einsam und achtlos, daß man ihn schließlich ängstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schlosse gütig zu mahnen.
Er konnte hier alles vergessen. Er starrte einem Blatte nach, das frei im Winde lebte. Und einem Füllen, das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch vorwarf.
Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen, streng in sich selber und von zärtlicher Güte, wie nur die Schönsten sie haben. Mit der Süße der Züge einer Geliebten und auch eines ein wenig ängstlichen, lieblichen Kindes.
Fern kam es. Fern ging es. Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die Fülle Gefühl, die ihn in der Steppe zum Leben aufrief. [...]
Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen, daß er tiefer atmen mußte, um sich dagegen zu betören.
Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und[207] neben sich ragen in der Freiheit. Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er sänge. Er sprach von den weiten Toren, die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig verkümmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lüfte es lebten, die mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und der scheuen, sonnengebräunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rücken hin, frei und im Gefühle der Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte auszuruhen.
Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst.
Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen Fröhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzückten Worte seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.
[208] Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten, und man dem Schlosse langsam zuwandelte, war Einhart ganz für sich neben ihr. [...]
An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige der jungen Mädchen gewünscht hatten, Musik zu hören. Ein weiter Raum mit freier Wölbung, also daß die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus einer tiefen Seele kamen.
Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und saßen in Ecken und Winkel gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.
[214] Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle horchten wie erstaunt und beglückt.
Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.
Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine Überwindung. Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange. Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse, die sie zurückhalten wollten, sich ganz und gar zu einer freien Feier.
Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein Zauberstab, dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl. Es däuchte auch Einhart, als kämen die Töne wie Friedenstauben, hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden.
Wer Einhart kannte, mußte wissen, daß er allmählich dasaß, als wenn es seine Seele selber wäre, [215] die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte. Manchmal schienen die Töne, wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im Gewitter. [...]
Einhart war derart untätig und verträumt, daß er wie der Hirte draußen stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen über sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wußte, ob sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er träumte wahrhaftig jetzt nicht, wie der Künstler träumte, schnell nur hin zu laufen und die Träume in Farben einzufangen. Er träumte fortwährend die einzige, wirkliche Welt der Einsamkeit [221] vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose Welt, und sein Leben darin mit Verena.
Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwährend mit Augen vor sich. Er sah sie in lichter, fließender Schlankheit mit der verspäteten Blume in Händen. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Tätige sah er sie. Und seine Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte, ehe sie zu sich kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Lufträume der Steppe mit einem Kinde im Arm hatte aufragen sehen.
Unbegreifliche, jähe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer geübt. Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene Leben aus sich erfüllen und bemeistern. [...]
Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrünstigen Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rücksicht auf Besuch und Abschied bald hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen würde. Die Neugierde seines Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, daß er nur noch wünschte, so schnell wie möglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung über sein Leben einzusaugen. [...]
Aber Verena lächelte kindlich zärtlich.
»Sie nennen mich mit dem Vornamen,« sagte sie ganz fröhlich. »Oh Meister Einhart,« sagte sie. »Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?«
[230] Einhart staunte Verena mit großen, funklen Blicken an und erwartete jetzt jedes ihrer Worte.
»Ich will es Ihnen nur offen sagen, daß Sie mir lieb geworden sind, wie ein Vater,« sagte sie. »Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich einzufinden in diese Welt.«
Einhart hörte die Stimme und sah diese ahnungslose Zärtlichkeit ihm zugewandt, sah die fromme, jungfräuliche Jugend plaudern wie ein Kind voll Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hüter über den Tälern. [...]
So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer bewältigt. Ihn ganz [233] ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine höhere Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.
So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen. [...]
Einhart war selten mit Menschen zusammen.
Außer mit Poncet.
Viele waren auch gestorben. [...]
Einmal sagte er:
»Zwanzig Jahre und mehr hatte ich als Künstler gelebt und nicht begriffen, daß unser tiefstes Leben nur leben will ohne Rest und ohne Spiegel.
[245] Johanna starb und hinterließ mir diese Wahrheit.
Aber ich begriff sie noch lange nicht.
Das Leben will nicht Belehrung sein, nicht Zwecke haben, nicht Gabe werden, nicht bestimmt sein von tausend Blicken hier hin und dort hin. Adam und Eva noch immer in der weiten, einsamen Steppe, hungrig nacheinander, sehnsüchtig nach Mitfreude, sehnsüchtig nach MitLeiden, hungrig nach Hoffnung, hungrig nach Zukunft. Weil über alle Dränge der Seele auf Erden der Tod sein Zeichen schrieb. Das ist es.«
Und er sagte dann auch: »Verena heißt diese Weisheit. Verena, die vor mir vorüberging ohne Acht, daß sie mir für immer die alte Ursehnsucht zurückließ.«"
Carl Hauptmann: Einhart, der Lächler, Fünftes Buch, 6-14 und Ausklang, S.181-245

Dieser letzte Abschnitt des Romans atmet ganz den Geist der Neuromantik, geheimnisvoll-prunkend und mythisch.
Zum Einführungsartikel in "Einhart, der Lächler"

Johanna

"Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg, daß sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen. Daß Einhart [106] wieder mit seiner ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah.
Aber Johanna erwachte nicht. Der Bann hielt sie wie mit Krallen. Sie war verödet. Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen. So lebte sie es jetzt. Die schönen Kleider, in denen sie Einhart vor sich hingestellt, die Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen, die waren längst abgefallen, weil sie verurteilt war. Es war noch immer niemand um sie. Es war noch auf demselben öden Dünenhügel. Sie war weit fort verschlagen. Sie war es gar nicht. Es war kein Leben. Nur lebloses Erstarrtsein. Nur bleiches Land. Nur vertrackte Gebilde von weißen Kieseln im bleichen, glühen Sonnenbrande. Brütende Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein. Wie nur Knochen und bleiches Totengebein lag sie unter aller hand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel. Das sengende Licht erstarrt. Die jagende Woge erstarrt. Der Schrei hing erstarrt in den Lüften, bleichend und ganz ohne Hoffnung.
»Ach! – – ach! – – ach!«
Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick und hing sich auch gleich[107] mit ihren nackten Armen an ihn. Denn Einhart hatte nicht mehr von der Stelle gekonnt, in seinem Verlangen, die Schlafende zu ergründen.
»Ach, mein Geliebter!« flüsterte Johannas erschrockene Stimme, traumbenommen und sanft flehend, und sie hing sich an ihn, verworrenen Haares, aus der Bleiche ihres geängstigten Lebens so inbrünstig aufweinend, als wenn Einhart jetzt gekommen wäre, ihr die Zauber, die er um ihr kleines, lustiges Leben gewoben, wirklich herunterzureißen.
In Einhart war ein Kampf. Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm, die seinen Blick zu ihr starr und weh machte.
»Sinne nicht!« schluchzte Johanna hastig. Und sie hatte sogleich seinen Kopf an sich und an ihre weiche Brust gepreßt, indem sie Einhart mit aller Gewalt festhielt.
»Sinne nicht!« flüsterte sie leidenschaftlich. »Es kann besser werden! Laß uns bald fortgehen!« redete sie in Überstürzung von allerhand Bekenntnissen. »Auch du hast es mit verschuldet, selber,« sagte sie weinend. »Du hast mir zuerst den Satan gezeigt, und meine Neugier geweckt. Und hast mich nie [108] zurückgehalten!« »Mir graust vor den harten Lüsten!« weinte sie kläglich. »Geliebter, ruf mich noch einmal zurück! hilf mir, hilf mir!« bat sie und rang sie. »Ich will wieder werden, was ich durch dich geworden war. [...]
Dann kam es auch, daß Johanna am Ende dieser Zeit zu kränkeln begann. Sie war ohnehin immer sehr zart. Und die allzu kräftige Luft am Nordmeere hatte ihr zuerst schon den Schlaf geraubt. Einhart war sehr böse immer, daß sie nicht gleich alles tat, um zu Schlaf zu kommen. Aber sie war darin unverständig wie alle Frauen. Und sie hatte also die kleinen Mittel, die er manchmal anwandte, um zu große Regsamkeit einzuschläfern, immer noch bittend ausgeschlagen. Bis auch große Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natürliche Sanftheit kam. [...]
Einhart sagte oft zu Poncet heimlich: »Ist Johann nicht schon wie eine Vergessende? Rein und grenzenlos? Ihr Lachen klingt mir manchmal, als wenn es von jenseits des Meeres noch zu mir dränge. Ich könnte weinen und lachen zugleich, wenn ich es höre. Ich könnte beständig sitzen und harren auf diesen überwindenden Laut.«
So war es. Johanna zog schon hinaus. Sie zog schon mit hohen Masten auf dem weiten Meere und konnte ferne sehen und tief hinein ins eherne [122] Klare. Sie war nicht zurückzuhalten. [...]
»Ach, Johanna!« sagte Einhart.
»Weißt du. Betrügen ist ein dummes Wort,« sagte Johanna heiter. »Nein, nein, das kann ich dir mit aller Bestimmtheit sagen, daß ich Poncet [126] beständig ersehnt und begehrt hatte. Meine Seele hatte ihn an dem Abend ohne Namen tausendmal gerufen. Er hatte gar keine Schuld. Nicht die geringste. Ich hatte ihn gerufen. Wie ich diese wundersamen Düsternisse anstaunte, die mich blendeten und gräßlich schreckten, hatte ich nach Einem gerufen, der wie ein Räuber furchtlos sein, mich stark anfassen und mich sicher forttragen würde durch die tausend züngelnden Höllenfeuer. Mich! Mich! Mich!«
Johanna schwieg lange, ehe sie leise lachte.
»Ha, ha, ha, ha, damals war ich noch gesund,« sagte sie vor sich hin.
»Poncet mußte mich gehört haben. Mußte es gehört haben, daß ich beständig so gerufen hatte. Er stand zu rechter Zeit hinter mir und preßte seine heiße Glut auf meinen verbleichenden Mund und hüllte seine Seele wie einen Mantel um meine Seele.«
»Ja, Einhart!« sagte Johanna leise. [...]
Da, wie Einhart so in die bleiche, ersterbende, aufstarrende Johanna hineinsah, erhob sie sich immer höher und mit dem weit aufgetanen Auge, wie wenn eine Nachtwandlerin aufstünde, allein dem [129] Monde noch zugewandt und ganz dahin gerichtet, woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen. – Und jetzt tastete sie mit zitternder Inbrunst nach Poncet, seinen Namen mit letzter Seele flüsternd, suchte und suchte sich an ihn zu drängen, seine Lippen heiß und verzehrt zu erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurühren. –"
C. Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 13-16, S.105-08, 114, 121/2, 125/6, 128/9

10 März 2012

Der Abend am Meer

"Johanna mied es noch immer, mit Poncet allein zusammen zu sein.
Aber das Kindstum von früher war in ihr jetzt doch heimlich ganz eingeschlafen. Wenn sie mit dem Hirten unter den Schafen plaudernd stand, sah sie viele Male neugierig nach der Richtung aus, woher Poncet kommen konnte. Poncets überlegene, verachtende Männlichkeit lockte sie sehr. Poncet, der auch Ruhm hatte. Mehr wie Einhart. Der jetzt einer der Ersten zu gelten begonnen. Wo Einhart noch immer den Massen nichts bedeutete, die über seine Bilder nach wie vor Glossen machten. Auch die meisten Kritiker noch, die an das Durchschnittliche gewöhnt, nie die leidenschaftliche Inbrunst der Seele nach dem eigensten, erlesenen Glücke erfahren haben. So geschah es, daß bald in dem Zusammensein der beiden mit Poncet allerlei Verstecken aufkam.
Poncet stand schließlich mit Johanna schon manchmal am Morgen im Lichte auf der Kleestoppel unter den Schafen, aber nur neckisch und kindlich scherzend noch immer.
[86] Dann war doch einmal ein Abend gekommen, der ganz anders war.
Schon der Tag war schwül gewesen. Gegen Abend war in dräuendem Zuge vom Lande her ein Gewitter, Sturmvögel kreischend voran, mit grellen Blitzen und wildem Erdröhnen ins Meer hinausgezogen. Dann lag der Himmel, als die Nacht begann, wieder wundersam reingefegt und glänzte aus Mitternacht her blutrot nach.
Es war gegen acht.
Einhart hatte gleich versucht, von den auserlesenen Farbenspielen der sich enthüllenden Nachtwelt und ihren langsam erglühenden, perlmutternen, finsteren Tinten einiges auf Studienblätter einzufangen. Er war deshalb auf der Höhe, nahe dem bekannten Felsen, sitzen geblieben.
Johanna, die mit Einhart allein am Meeresstrande gewandert war, lockte es heimlich zum Meere zurück. Deshalb war sie von dem Felsen lautlos die Schlucht im Sande, ein wenig tastend, hinabgeglitten und stapfte staunend und geblendet in der unerhörten, aus sich leuchtenden Düsterpracht von Himmel und Meer und Dünenstrand.
Der Dünenhügel, über den sie schritt, ragte körperlich [87] groß und schaurig vereinsamt im fahlen Nachtdämmer.
Das Meer in der Ferne wogte blutrot in grellem Himmelswiederschein.
Der Himmel darüber dunkel gewölbt, ganz doch ätherklar.
Johanna hatte lange ohne Hut und mit nackten Füßen, weil sie bei Einhart Hut und Schuhe und Strümpfe hatte liegen lassen, einsam auf dem Hügel gestanden und trat nur zögernd Schritt um Schritt, in einem unbestimmten, hungernden Verlangen, den Schaumspielen am Strande näher und näher.
Aber wie sie so einsam erstarrt aufragte dicht am Wasser aus dem Meersand, das brennende Auge weit hinausgebannt, schienen die stürzenden, spielenden, schäumenden Purpurfluten immer düsterer und düsterer heranzudrängen.
Das lebendige, treibende Meer däuchte sich immer gewaltiger aufzutürmen.
Unermessene Körpermacht gewinnend, wuchs es düster empor, wie ein grausig sich nahendes Ungetüm.
Zwischen den glühen Purpurflecken gebaren sich,[88] ewig neu dem Blicke, höllische, blaue Dunkelheiten, wie schaurige Gründe, die sie bedrohten.
Draußen in der fernen Dämmerwelt wälzten sich tausend Gewalten in wildem Begehren. Und tausend Gewalten schienen aus Düsternis herzudrängen vom fernsten Meersaum in rasender Eile.
Aufrauschend sich hebend und in Schäumen zerberstend, spielten die Wogen wie bleiche Geister um einen Felsblock, der näher aus den Fluten sich hob.
Und in Johanna brachen ganz langsam die Halte zusammen. Als wenn sich in ihrem Herzen Stützen zerlösten und in dem finsteren Reichtum der drohend lebendigen Meernacht versänken.
Die Wogen zu ihren Füßen schlürften und schlüpften schon um sie, wie wenn tastende Wesen nach ihr griffen.
Die Wogen jagten und schäumten heran. Aber sie rannen unversehens noch einmal zurück, die Angst entlastend und wieder noch eine Minute Zeit gewährend.
In Johanna zuckte die Bedrohung in jeder Fiber. Das Spiel war um sie höllischer und höllischer geworden. Es hatte sie ein Frostschauer plötzlich durchrieselt. In dieser menschenfernen, erstorbenen, [89] purpurglühenden Einsamkeit stand sie allein. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurblendenden Einsamkeit däuchten jetzt unzählige Blutzungen plötzlich sinnbetörend nach ihrem Kleidsaume zu lecken.
Mit grausiger Gewalt fing es an züngelnd und lechzend nahe zu wachsen. Die Blutzungen rings um sie leckten und schlürften und schlüpften schon nach ihren nackten Füßen, furchtbar begehrlich. Als wenn ein gewaltiger, unerbittlicher Riese nach ihr sich mit unentrinnbarer Sehnsucht zu sehnen begonnen.
Da hatte Johanna sich endlich nach Hilfe umgesehen. Da hatte sie sich noch einmal mit aller Gewalt gehalten, weil der Himmel darüber mit seiner sanften Rosenröte noch einmal flüchtig Trost gegeben. Da ging auch schon ein heiserer Schrei aus ihr aus in die nächtliche Meerwelt, wie Möven schrill und flüchtig rufen. Da hatte sie auch schon jemand von rückwärts schützend angerührt. Da hielt sie längst jemand sicher in seinen Armen. Da preßte jemand sie an sich, und preßte seinen heißen Mund auf ihre bebenden, zuckenden Lippen.
Johanna log sich vor, daß es Einhart wäre. Sie gab sich ganz hin. Leidenschaftlich. Sie wußte [90] es längst, daß sie es nun voll genoß. Sie wehrte sich nicht. Der Schrecken hatte ihre Seele ohnmächtig gemacht und innig brünstig nach einer Kraft, die sie hielte. Und die Kraft war gekommen. Die Kraft hielt sie jetzt ehern gebannt, daß Minute um Minute lautlos zerrann.
Einhart saß noch immer auf dem Felsen, um die farbige Düsterwelt einzusaugen. Er kam erst spät zum Strande, als alle Farben verblichen waren. Das Meer lag jetzt graudunkel unter einem bleichblauen Nachtschein.
Da kamen ihm Poncet und Johanna laut sprechend entgegen.
»Oh, das hättest du sehen sollen,« rief sie neckend, schon von ferne. »Einen furchtbaren Schrecken habe ich ausgestanden,« sagte sie richtig im Übermut. »Und wenn Poncet nicht kam,« erzählte sie dann in allem Ernste, »hätte ich eine Ohnmacht bekommen, wie in dieser Nacht das Meer furchtbar aussah!«
Poncet erzählte sehr gewichtig, daß das Gefühl Johannas, in solchem nächtigen Glutdunkel dem Wogenspiel und dem Himmel mutterseelenallein gegenüber zu stehen, die Seele völlig erschüttern kann, und daß es sich dabei wohl um das gehandelt [91] haben möchte, was die Alten einen »panischen Schrecken« nannten.
»Pan lechzte und züngelte mit tausend Blutzungen nach mir, als wenn die ganze Nachtwelt ein gräuliches Gespenst wäre,« sagte Johanna ganz eingesponnen neu in den Schreck.
»Ich habe genau den Eindruck auch aufgefaßt,« sagte Einhart zufrieden lächelnd, »und werde das einmal malen.«
»Denkt ihr denn, ich wäre umsonst so lange dort oben sitzen geblieben und hätte wie ein Felsen so starr in die seltsamen Verwandlungen hineingeblickt, wenn es mir nicht darum zu tun gewesen?« sagte er noch arglos."
C. Hauptmann: Einhart, der Lächler, Viertes Buch,11, S.85-91

Mir erscheint die Szene dem Jugendstil zuzuordnen, obwohl man im Zusammenhang mit Literatur kaum von Jugendstil spricht. Das Stilisierte überwiegt m.E. die psychologisch genaue Gestaltung. (Die Literaturgeschichte rechnet übrigens Einhart, der Lächler der Neuromantik zu.)
Die Szene könnte mit dem Zerwürfnis Carls mit seiner Frau Martha, geb. Thienemann, zusammenzuhängen, die Carl 1884 geheiratet hatte, ein Jahr bevor sein Bruder Gerhart deren Schwester Marie heiratete. Gerhart wurde nach mehreren Jahren der Trennung 1904 von Marie geschieden, zur Scheidung von Carl und Martha kam es 1908.

Bemerkenswert ist in dem Kontext freilich, dass Hauptmann seiner Figur des Poncet einige Züge von sich selbst verliehen hat und insofern sein Ebenbild in schlechtes Licht rückt.

Kunst, Komik, Kitsch?

"Der weiße, zottige Spitz räsonnierte von Zeit zu Zeit und schoß um die lässigen Wolltiere. Unterdessen Schäfer und Lüfte und Düfte, die Wolken im blauen Himmel und die Augen der Lämmer und der Schafe, und auch Johannas Blicke arglos und wohlig und eintönig verwehend über die Weide tändelten. Das waren Johannas Feierstunden jetzt am Morgen. [...]
Einharts Leben war jetzt ganz innerlich und froh erfüllt, wie das Leben des Vogels im Schattenwipfel[76] oder das Leben der Woge im Meer. [...]
Aber Einhart sah es klingen in Johannas Augen. Johannas Augen sahen groß aus Dunkel her. Ihre sanfte, schlanke Lieblichkeit, so eilfertig heranstrebend, schien nicht anders, als zuzugehören zu dieser blendenden Dünenwelt zwischen Meerflutschäumen und Waldeswehen. Auch Einharts Blutwelle pulsierte dann singend, als wäre er die Seele dieser einsamen Welt von Dünen, von Wald, Felsen und Wogen.
Dann waren die Flatterwinde still. Die leichten Kleider warfen sie in den weißen Meersand. Johannas lieblicher, rosiger Leib enthob sich den letzten [78] Hüllen. Sie sprang mit anmutigem Gezeter alsogleich in die heranstürzenden Wogenschäume. Sie kreischte lieblich. Sie fiel von der Kraft der Wasserstürze gestoßen und tauchte nieder unter die Flut. Da konnte auch Einhart aufjauchzen derart, als hätte er plötzlich die Stimme eines alten Tritonen, so voll. Da konnte er in die hohlen Hände trompeten, als ob er in eine Muschel dumpf tutend hineinblies. Da konnte er hinter der ängstlich kreischenden Johanna drein in den flachen Wellen schaumsprühend springen, mit vollen Händen Diamanten in Sonne und Lüfte und über Johanna unbarmherzig schöpfend und sprühend."
Carl Hauptmann: Einhart, der Lächler, Viertes Buch, 10, S.74-78

Begegnungen

Einhart und Doktor Poncet
"Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach. Er war jetzt auf dem Menschenfang, wie er es nannte. So begegnete er in einem vornehmen Hause der Stadt einmal einem Gelehrten, der so dunkel und verschlossen war wie er selbst.
Beider Augen hatten sich erst wie zufällig nur begegnet.
Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen. Sie sprachen dabei nichts.
Doktor Poncet war von herrischer, wegwerfender Gebärde und dachte nicht daran, jeden [44] gleich anzusprechen. Und Einhart lächelte nur ein wenig. [...]
Es gab durchaus gar keine laute Bewegung. Die beiden starrten nur in das Loderfeuer des Kamins. Nichts weiter zuerst lange. Doktor Poncet sah dann, immer mit unterstützten Armen sich haltend, seiner Zigarre Glühende an, desgleichen Einhart auf den Glühfleck seiner Zigarette sah. Das Feuer flammte und die Scheite knackten.
»Feuer ist schwer zu malen,« sagte Poncet endlich, weil er sich jetzt erinnerte, daß Einhart Maler war.
»Gott ja,« sagte Einhart. Dann standen sie wieder, ehe sie sich auch einmal flüchtig in die Augen sahen.
So begannen sie langsam zu fühlen, daß sie sich[45] viel zu erzählen gewußt. Um so hartnäckiger schwiegen sie."
Carl Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 6, S.43-46

Einhart und Johanna
"Er ging mit Poncet Arm in Arm. Denn Poncet liebte Einhart, und Einhart Poncet. Ein jeder, wie es kam, hatte bald, wenn sie so gingen, den Arm in den des andern vertraulich eingelegt. Nun eben war es, daß Einhart in der sonderlichsten Laune Poncet plötzlich losließ. Es schneite weich und die Flocken tanzten.
»Nein,« sagte er nur, »hier werde ich mich nicht groß besinnen und einfach zurück die alte Fährte gehn!« [...]
[50] Einhart lief, was er konnte. Das Mädchen war wieder in seiner Nähe. Sie war schlank und hatte einen eiligen Schritt. Offenbar ging sie mit einem Ziele. Einhart war kindlich erregt, neugierig und lustig. Er kannte auch gar keine Scheu und Rücksicht. Ihre Augen hatten wie sammetene Blätter geschienen. Dunkel und großäugig hatten sie ihn angeblickt, wie Eulenaugen. So tief, wie wenn es Weisheit gewesen, die ihn angesehen. So lief er jetzt nur schnell vorüber und blickte sich nach den Augen wieder um.
»Nein, um keinen Preis dürfen Sie mir jetzt entwischen,« sagte er hastig.
»Wie?« sagte das junge Fräulein nur, als wenn sie ganz arglos wäre und gar nicht weiter auf ihn geachtet.
Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehüllt schon vor ihr mit seinen lächelnden Augen voll kindlicher Freude, sah ihr prüfend drollig ins Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen.
»Lachen Sie nur, mein sehr gutes Fräulein! Aber ich muß um jeden Preis noch einmal Ihre Augen sehen, ehe ich es glaube!« sagte er bestimmt.
[51] »Was glaube?« sagte das Fräulein, das eine sanfte, bleiche Miene hatte und dessen Augen in Wahrheit groß schienen wie Dunkelflecken.
Der Schneefall trieb und tanzte um sie.
»Ach, nein, nein! so etwas Wunderbares!« sagte Einhart ganz inbrünstig. »Ich muß Sie um jeden Preis wiedersehen.«
»Wenn Sie meinen!« sagte das Fräulein, kindlich wie er. Denn Einhart gewann durch Ton und Glück seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele.
»Wenn es nur meine Augen sind!« sagte sie sanftmütig und brach dann plötzlich richtig in Kichern aus.
Da gingen sie schon miteinander."
Carl Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 7, S.49

Poncet und Johanna
"Nun: Einhart konnte plötzlich ein Gefühl nicht loswerden, als wenn er jetzt erst ganz die eigene Kunst gefunden. Er sah rein nichts sonst. Er fühlte nur, als wenn jetzt der letzte Zwang plötzlich gewichen und er frei geworden wäre zur eigensten Betriebsamkeit.
Dazu kam, daß Johanna einen echt mütterlichen Zug hatte. Sie begann für Einhart zu sorgen, um den sich all die Jahre nur höchstens einmal eine gutgelaunte Wirtin zufällig umgesehen. Jetzt saß Johanna stundenlang bei ihm am Tage und versah allmählich alles.
Es war garnicht gut für Einhart. In der ersten [60] Zeit kam deshalb Einhart wochenlang nicht mehr auf die Straße. Und bald hatte sich Einhart an Johannas Anwesenheit derartig gewöhnt, daß er rein nichts zu tun vermochte, wenn nicht die ein wenig dumpfe, kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit hineinfloß.
Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch längst. Er hatte sie auch gleich gern gehabt. Ihm war unsäglich wohl nur schon deshalb, weil ihm in den beiden Räumen, von denen der Atelierraum groß und geräumig war, nichts als eine arglose Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergnügen entgegenkam. Daheim bei ihm war das anders. [...]
Einhart hatte jetzt einigermaßen auskömmlich zu leben. Obwohl das auch noch schwankte, was ihn garnicht weiter anfocht. Denn jetzt, wo er mit Johanna lebte, war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft [61] hineingerissen. Daß Bild um Bild aus dieser Erhitzung aufging.
Und auf allen Bildern erschien jetzt Einhart und Johanna. Einhart malte jetzt sich in allen möglichen Schicksalen und Gefühlen, und immer Johanna dazu, als eine süße, selige Begleitung, als die eigentliche Melodie des Lebens, um die es sich allein lohnte, solcher Musik zuzuhören. [...]
Der Ausdruck des strengen Wächters über seiner Liebe ging durch alle Bilder hindurch. Der sanfte, arbeitversunkene, spitzlächelnde Einhart wußte es gar nicht, daß einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm hinausgab. Doktor Poncet [62] stand oft heimlich erstaunt über die Fülle und Kraft solchen Ausdrucks, und über die schwebende Seligkeit, die durch solche Kontraste sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen. [...]
»Man muß es mit den Sinnen greifen. Nur mit den Sinnen hält der Mensch sich fest in der Welt, wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde.«
Einhart sagte es nicht. Aber Poncet sagte es jetzt,[68] weil es Einhart lebte. Poncet begann allmählich kindlich zu lachen wie Einhart. Wenn er kam, saß er stundenlang. Johanna fand ihn angenehm. Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinüber. Ihre Augen waren immer zärtlich im Blick. Poncet begann sie oft anzusehen. Einhart fühlte, daß Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen.
»Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es,« sagte er einmal vor sich hin. Er sah Johanna oft nicht mit bloßer Achtlosigkeit an.
Und einmal war es gekommen, gegen das Frühjahr, wie Einhart zufällig nicht daheim war. Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch geradezu verlegen gemacht. [...]
Außerdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen, wie die sehnsüchtigen Poncets eine wundersame Sprache des Preisens. Das Herz der Frau wird neugierig. Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet, wie er so immer noch stumm als [69] Schatten auf der Skizzenkiste unter dem großen Atelierfenster saß. Aber sie versuchten Poncet auch um so mehr.
Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden, daß sie einfach nicht mehr hinaus konnte. So blieb sie und hantierte lange vor Poncet. Eine Weile dachte sie noch immer, daß Einhart kommen müßte. Aber je mehr sie hoffte, desto bestimmter sprachen ihre Blicke Sanftheit hin in den stummen, in sich verzehrten Poncet.
»O Gott Gott!« hatte er schon manchmal vor sich hin gesagt. Jetzt rang er heimlich sich zu überwinden. Aber Männer, die die Leidenschaft zu früh blind gemacht, stehen unter einem unentrinnbaren Zwange.
»O Gott! nein! daß Einhart nicht kommt!« stieß nun auch Johanna heraus, gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend, und weil auch schon die Dämmerung in den Raum spann. Dann griff sie endlich eine leichte Hülle, einen bunten, leichten Seidenschal, um doch noch jetzt hinauszufliehen. Da waren Poncets Süchte plötzlich hart aufgebrannt, daß er sie atem-und lautlos von der Tür zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiß brünstig geküßt hatte.[70] Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen, mit hastigem, aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile drollig zärtlich gelacht, ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt.
»Wie? Was? Pfui! Pfui! o! Nein nein! nein aber, wie Sie nur können!« hatte sie noch herausgestoßen, als Einhart auf der Treppe draußen hörbar wurde.
In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich zu Poncet hin gebeten, reckte sich aufrecht, sich gleich einfindend in eine gleichgültige Hantierung. Und als Einhart mit einem Strauß Maiglöckchen eintrat, ganz beglückt nur von der Absicht sprechend, bald in eine ländliche Einsamkeit, ins Gebirge oder ans Meer zu gehen, saß Poncet wieder als Schatten gegen das Dämmerlicht. Einhart war ganz achtlos und arglos."
Viertes Buch 8 und 9, S.59-70

08 März 2012

Einhart, der Lächler

Carl Hauptmann, der ältere Bruder Gerhard Hauptmanns, ist inzwischen fast vergessen und damit auch sein Roman "Einhart, der Lächler", über "Einhart Selle, der sich von gesellschaftlichen Erwartungen löst und in Naturbetrachtung zu sich selbst findet" (Wikipedia). Zu Recht?

Einharts Eltern
"Sie war wirklich eine Zigeunerin von Blut. Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten. In Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter, die betteln kam und sich krank hingeschleppt, gesehen, es richtig gekauft und angenommen an Kindesstatt." (Erstes Buch,1 , S.5)
"Er hatte sogar im Traume oft nur Zahlen in seiner Seele." (Erstes Buch, 1, S.8)

Fräulein Resedas Wohnung
"Aber Fräulein Resedas Wohnung, der begegnete man nirgends. Man kann ohne weiteres sagen, daß Einhart einfach vergaß, daß Fräulein Reseda einen Buckel hatte, sofort, als er eingetreten. Daß Fräulein Reseda einen Kropf hatte, der aus der Mantille heraussah. Er sah nur noch das lange, hagere, feine Gesicht mit der Nase, die ihm nicht mehr lang, nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu weisen schien, was die schönen Dunkelaugen sprachen. Gewiß war die Haut von Fräulein Reseda welk. Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer, voller Scheitel unter dem Chenillenetz, und das schlichte, fromme Kleid, das sie trug, erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt, das Frau Selle einmal früher, als sie in alten Sachen kramte, von der Großmutter gefunden und sogleich zerrissen hatte, weil sie damals gemeint, das wären auch solche Dummheiten gewesen, die man früher betrieben.
[160] Nun, zu allernächst muß von der Wohnung geredet werden. Daß sie im vierten Stock lag, hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht. Um so wunderbarer kam es jedem vor, der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat. Man hätte hier gedacht, nicht einmal niederen Dienern, stumm und devot und unzugehörig, geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen, nur etwa müdem, abgenutzten Gesindel, wie es in Einharts Stube dürftig zusammengelesen. Und nun sah man es gleich, daß darin nur wirkliche, stille, liebe, alte Vertraute zusammenstanden, wirklich Vertraute, mit langen, tiefen Schicksalen.
Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar der Liebe, so däuchte es Einhart, wie er eintrat. Da stand ein bauchiger Schub mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhänden mit Blumen durchwirkt, bunte, farbighelle Sterne, einer anders als alle, und in stillen Stunden, wenn Fräulein Reseda in der Dämmerung noch ohne Licht saß, begannen diese Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergänzen, erwachten auch die Hände mit der dünnen Haut und den blauen Adern – und den [161] großen Nadeln und die Augen voll Bläue und die ganze, liebe, haubenumrahmte Muttergestalt neu. Und Fräulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze, lange Geschichte voll beseligender Erinnerung, wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen.
Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr, das seltsamste Stück, aus schwarzem Holze, mit einem großen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in einem Tempelgiebel, der von Säulen getragen war. Und der Perpendikel schwang dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel, daß er zur rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam. Das alles wäre nur fesselnd gewesen. Auch, daß diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und überhaupt ebenso gut in einem Schloß auf einem marmornen Kamin wie in dieser stillen Heimstätte einer frommen Menschenfreundin hätte ihr Stundenlied pendeln und pinken können. Wenn nicht auch hier noch außerdem eine alte Schicksalsmelodie daneben geklungen.
»Diese Uhr gefällt Ihnen?« hatte Fräulein Reseda gleich, auf den erstaunten Einhart blickend, gesagt.[162] »Ja, das ist nämlich ein kleines Wunder. Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen?«
»Erzählen Sie gleich,« hatte Einhart nur neugierig erwidert.
»Mein guter Vater hätte alles in der Welt, nur dieses Stück nicht hergegeben,« sagte da Fräulein Reseda. »Was daran wahr ist, weiß ich nicht. Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien. Sie sind nur ein Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen, um unsere Vergangenheit sozusagen,« erklärte sie. »Aber es ging die Sage, daß ein Elf meiner Urmutter, die eine alte Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war, diese Uhr, eine Kette und einen Becher zutrug.« Und nun hatte sie ausführlich alles erzählen müssen, was Einhart unsäglich berückend schien, und ohne Farbentafel ein eitel vorüberwehendes, beglückendes Traumbild.
»Erzählen Sie mir alles,« hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit seinen Glutaugen und mit einem Lächeln tiefster Erregung, gar nicht einfältig, obwohl in ganz innigversunkener Hingabe, wie sie ihm in dieser ganzen Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgeblitzt. Denn hier [163] auf einmal begannen sich Sehnsuchten zu stillen. Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda. Hier schien wirklich von lange her ein einsames Glücksland.
»Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf?« Einhart war ganz im Wunder.
»Meine Urgroßmutter hatte nämlich gerade einen Knaben geboren und lag im schweren Himmelbett im Schlosse in den Wochen,« erzählte Fräulein Reseda. »Innig verpflegt, brachte sie ihre Zeit in Halbträumen zu. Und manchmal, wenn sie die Augen auftat, schien in dem Dämmerraum eine kleine, feine Flamme von einem Öllämpchen her, das auf einem Ecktische stand.«
»Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung. Ein kleiner, bärtiger, wetterfester Kerl, der kaum zum Bett aufragte, steht gegen den Schein. Zuerst hatte sie ihn für einen Kleiderzipfel gehalten, der vom Bettstuhl ragte. Dann erkennt sie ihn, weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhütchen lupfte und sie flüsternd anspricht: ›Du birgst ein Kind hier im Schutz. Und das ist gut. Aber mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schützen vor deinem Öle‹, sagte der kleine Mann ganz voll [164] Kummer. ›Hätten wir hier nicht rasten gemußt, weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam, wir wären nicht hier. Oh, Herrin, sieh nur hin! Deine Öllampe sickert Tropfen um Tropfen durch die Tischspalte, und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind. Gebiete doch, daß man die Lampe auf einen anderen Platz stelle.‹«
»Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her über den Traum. – Aber der Traum wiederholte sich die folgenden Nächte. Und endlich nach dem dritten Male befahl die bleiche Wöchnerin, die Öllampe auf einen andern Platz zu tragen.«
»Und was geschah?« fragte Einhart eifrig, dem der feine Mund im graubleichen Gesicht offen blieb, daß man seine gelben Zähne sah.
»Ja, nun raten Sie einmal!« sagte Fräulein Reseda drollig gewichtig.
»Um aller Welt Wunder willen, wer kann solche Entzückungen aus der Luft greifen?« gab Einhart ganz ernst zurück und schwieg.
Da lud ihn Fräulein Reseda vor einen gläsernen Schrank, der von vier Mohren gehalten dastand, [165] und öffnete lange nicht, weil sie selber ins Träumen geraten, nur lächelte. So daß nun beide von dem kleinen Öllämpchen träumten, und wie Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der Stunde.
»Oh die Sache löste sich wunderbar,« rief dann Fräulein Reseda. »Denn in der vierten Nacht erschien das Männlein wieder und sagte, indem er einige schwere Dinge heranschleppte: ›Ihr habt mein Prinzeßlein gerettet. Mein Weib ist schwach und bleich noch wie Ihr, aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind. Die Tropfen fallen nicht mehr, sie zu bekümmern. Habt Dank und nehmt, was ich Euch bringe! Solange Euch die Uhr schlägt, wird Euer Haus eine glückliche Wohnstätte sein! Solange Ihr aus dem Becher trinkt, werdet Ihr süße Träume haben! Solange die Kette am Halse der Schloßfrau blinkt, werdet Ihr in Menschenliebe wandeln!«
Fräulein Reseda öffnete jetzt und zeigte Einhart alles, den Becher aus einem Stück Bergkristall, die feine Kette aus grünen Steinen, die sie gleich unter ihrem Halskräuschen hervorzog. »Man muß seine wahren Güter heimlich tragen, weil sie mehr [166] wert sein müssen, als nur zu prunken,« sagte sie neckisch, als sie sie vom Halse abzog und ihm hinhielt.
Nun, weiß Gott, Einhart war das alles, daß ihm die Augen weiter wurden.
Die Geschichte hatte Fräulein Reseda nur so anspruchslos hinerzählt. So kam und ging es aber an allen Enden, vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen und Schüben. Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte, eine Fülle von Ereignissen, wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die Tausende saßen. Nicht etwa aufbewahrt, damit es andere hören oder sehen sollten. Ganz und gar nur zur Liebe für die Eine, wie überhaupt die ganze, feine, duftige Wohnstätte des einen, einsamen Fräulein Reseda.
Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weiße, schattende Lichtbilder aus einer alten Zeit, wie Schäferspiele holde Dinge. Und Einhart achtete gar nicht, daß er vor dem Nähtisch des Fräulein Reseda versunken saß, vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nähkorbe und den Nußknackern, die Nadelhalter darstellten. Alles hier atmete und hauchte feinen Sinn und liebes Leben. Er wußte [167] gar nicht, daß er tatsächlich neugierig wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan, um tausenderlei Ringwerk, feine, bunte Kinderkettchen auch, lustiges Schnitzwerk und metallnes Knöpfelzeug, und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge auszukramen.
Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben. Und es däuchte ihm, daß er jetzt Fräulein Reseda gut kannte. Und es däuchte ihm auch, als ob er schon einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen, mit den bunten Blinkeflittern gespielt, die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in Vision gesehen, den ganzen, vielgestaltigen, winzigen Nippkram des Glasschrankes angestaunt, den feinen, spitzen, fremden, kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken hören, fast wohl gar in einer andern Welt.
Und wie dann Fräulein Reseda, als Einhart noch immer versunken gesessen in allerlei Traumspielereien, gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die Stille, war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder."
Zweites Buch, 10

Einhart lächelt
„Er war mit seinen Gesichten allein, die immer mehr leibhaftig wurden. Das hielt ihn immer neu aufrecht, wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien. Daß er schließlich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lächeln vermochte.“ (Drittes Buch, 16, S.309)
„Er hatte damals gelächelt, als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit gleich auf einmal ausgeblasen. So ist die Welt und geht der Frühling vorüber. Er war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden, daß die Seligkeiten im Blute hinrinnen, wie Lieder mit Anfang und Ende.
»Jedes Ding hat eine lebendige Grenze. Und jedes Glück. So ist es,« sagte er. Er hatte nur gelächelt, als es ihn damals hinausgetrieben, und er vom Malen nicht hatte mehr seelensatt werden können.
Aber »Einhart« war es noch immer. Nur hatte er einen Blick, der wie ein sicherer Dolch aufblitzte jetzt, wo er sich erhob.“ (Viertes Buch, 1, S.5)

Einhart beschäftigt sich mit Philosophie
Einhart versank in ernste Studien. Er las jetzt mit wirklicher Begier Philosophie. Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst. Er griff da einen [35] langen Zopf, der dem Chinesen im Westen hinten hängt. Man nennt es Geschichte der Philosophie. Ein uraltes Bild, was man so die Philosophie der Alten nennt. Tausend Stümper haben es übermalt. Es versuchte so mancher zu bessern und zu streichen, was originale Menschen aus innerstem, eigenem Lebens- und Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet.
Es ist ziemlich unkenntlich, alles daran. Und von dem Ursprung nicht mehr viel Spur.
Das merkte Einhart.
Er kam mit wahrem Verlangen. Er hatte gar nichts gelernt. Oder besser, er kam mit dem natürlichen Drange, eine Welt, die sich ihm reich und heiß darbot, zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben.
»Das nennt ihr also Philosophie?« sagte er zuerst ganz erstaunt, als er die Berge des gelehrten Wissens ansah.
»Gibt es nicht Männer, in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren Mächten spiegelte? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit? Hirngespinste von tausend Begriffen, in denen sich nicht einmal Fliegen fangen? Gibt es nicht Männer, die die Welt [36] klar anschauen, also daß man in sie einsehen kann wie in einen kristallenen Wassergrund, auf enger Scheibe das ganze, weite Eine?
So suchte er immer wieder nach Menschen.
Und es kam auch, wie er durch den Vorhof, die geilen Reminiszenzensammlungen und Retouchieranstalten, durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti, durch die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen, daß ein paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten.
Einhart stand plötzlich vor Spinoza. Der dunkle, bleiche, wortkarge, jüdische Mann entzückte ihn. Er hatte Mühe, sich in seine Strenge einzufinden. Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt. Mitten in das Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des Schleifrädchens, das er mit seinem Blicke verfolgte. Denn der irdische, äußere Mensch dieses Juden saß angebunden an die irdische Leistung, indes sein Geist selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann.
So persönlich das Werk, so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich.
Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich[37] gewissen Blick dieses Erkenners die Zwänge von Launen, Lieben und Leidenschaften der Menschen, die, wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball, so die einsame, hinausgestoßene Menschenseele umdrängen.
Die entsagende Weisheit solchen Betrachters, der ohne eigenen Anspruch, ohne auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels, Leiden und Leidenschaften des Menschen, ohne Hauch eigener Leidenschaften, bemaß, erregte ihn förmlich. Die erhabene Ruhe und durchdringende Macht, mit der dieser kranke, jüdische Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete, ohne je Wunsch und Plan eines engen, eigenen Lebenskreises anmaßlich und trübend seiner eisklaren Schau zuzumischen, dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen.
Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer. Das griff ihm sehr ans Herz. Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah, konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer entdecken.
[38] Und seltsam vor allem, daß er nach dem stillen Frieden in Spinozas Schleiferzelle nie ganz vergaß, daß er nun einen unwirschen Griesgram vor sich hatte, dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten Umblick manchmal fein zulächelte, weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte, aber auch oft mit sicherem, klaren Worte entgegentrat.
Einhart begriff nicht, daß es ein Weltleid gäbe, weil er meinte, daß nur der Einzelne immer wirklich leide. Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem engen Becher der Vereinzeltheit. Und das Maß dieses persönlichen Leidens däuchte ihm nicht um ein Jota vermehrbar, wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte. Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende, leise Begleitung in der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin. [...]
Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele.
»Da haben wir den Seher, den ich gesucht,« rief er vielemale im Lesen. Und er saß unter den schönen, jungen Griechen selber bekränzten Hauptes in Rausch und fröhlichem Widerstreit, daß er sogar die äußeren Augen weit aufriß.
»Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr, mit Geruch und Geschmack, ist wahrhaft angeschaut,« rief er entzückt. »Und die Ideen sind wie Arome, die der leibhaftigen Blüte entsteigen.«
»Seht doch unsre Duftmacher, die uns Arome eintränken wollen und haben nie die Blüten gesehen.«
Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hörte Einhart hallen, das Poltern der Berauschten an den Läden machte ihn lachen, jede Geste und jeden Geist griff er in wahrem, sinnlichen Gewande. Damit kam er ganz zum Leben zurück.
(Viertes Buch,5, S.34-41)

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06 März 2012

Blütenlese aus Jean Pauls Titan III

[…] im Morgengeläute spricht die zukünftige, wie im Abendgeläute die vergangene Zeit; [...]

hier errötete ihr ganzes schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; [...]

wenn die weibliche Träne leicht flieht, so entflattert ja noch leichter das weibliche Lächeln, und dieses ist ja noch öfter als jene nur Schein!

»Mein Lehrer, der Kunstrat Fraischdörfer, setzte auch die Malerei über die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, als hört' ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft. Die Musik hat etwas Heiliges, sie kann nichts als das Gute

Wie oft, ihr schönen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen müssen, das euch anreden und stören wollte! [...]

Alles schwillt für die Menschen ungeheuer an, wovon sie lange reden müssen -

Unter den Kindern – wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren –

[...] ein letzter Tag ist feierlicher als ein erster; am 31sten Dezember überrechn' ich 365 Tage und deren Fata, am 1sten Jenner denk' ich an nichts, weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in fünf Minuten aus sein kann

In London macht' ich Reden voraus (denn ich bin ein Gelehrter) für Menschen, die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen; ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von Buchhändlern an, hätte aber die Reden beinah selber gebraucht.

der Huldigungsprediger Schäpe glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sie zu oft gelesen, [...]

Im Schloßhofe stand ein Fuß auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein Mensch, um sie aufzuheben; [...]

Für die weibliche Schönheit ist der Tanzboden, was für unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein.

Schon an und für sich haben die Weiber und spanischen Häuser viele Türen und wenige Fenster und es ist in ihr Herz leichter zu kommen als zu schauen

05 März 2012

Freundschaft

Albano de Zesara trägt Roquairol, dem Bruder des Mädchens, das er liebt, in einem Brief die Freundschaft an:
»Fremder!
Jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tränen die Siegessäulen und Thronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz – und deines antwort' ihm treu und gern! Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört, Fremder, und hast du deinen Freund? Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden Welt? –
Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schöpfung zeigen könntest, und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir? – Wenn dein Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schüttelt und dir ins Auge sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? [...]
O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des Todes den bleichen Fürsten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein Herz zerfließen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmächtiger, zeige mir die Seele, die sich sehnet wie ich!
Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, ich bin wie du. Fasse meine Hand und behalte sie, bis sie welkt. Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten. Ich habe dich schon früh gesucht und geliebt. Wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im Schmelzofen rinnen wir mit glühendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen ausgestoßen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, daß die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im regnenden Sturme der Zeit. Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns wie heute, und es ist wieder im Frühlinge. Albano de Cesara«


Danach macht er sich freilich Gedanken, ob er seinem Freunde Schoppe damit etwas weggenommen hat, doch der Erzähler erklärt diese Bedenken für unangebracht:
"er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der Freundschaft für Sünde; aber du irrest, schöne Seele!  Die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen bis zum unendlichen; nur die Liebe ist ersättlich und immer dieselbe und wie die Wahrheit ohne drei Vergleichungsgrade, und ein einziges Wesen füllet ihr Herz. Auch hatten sich Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seelenwanderung ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit lieber, als sie sich zeigten. – Denn da Schoppe überhaupt nichts zeigte, so konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe, aber vielleicht desto stärker lieben. Albano war ein heißbrennender Hohlspiegel, der seinen Gegenstand nahe hat und ihn aufgerichtet hinter sich darstellt, [234] Schoppe einer, der ihn ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft."


(Jean Paul: Titan, 9. Jobelperiode, 47. - 48. Zykel, S.230-234)

Jean Paul über das Schreiben von Romanen

In seinem "Titan" schreibt Jean Paul darüber, dass er natürlch nie einen Roman wie den Titan schreiben werde:

"Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das beteur' ich öffentlich, vor nichts würd' ich mich so hüten als vor einer Residenzstadt und vor einer stiftsfähigen Heldin darin. Denn die Konjunktion der obern Planeten trägt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie, so steht der Hof, die Teegesellschaft, die Familie dabei; – will Er Ihr im Park aufstoßen, so reiset Sie, wie die sinesischen Kuriere, doppelt, weil man den Mädchen gern das Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine doppelten Boden; – will Er Ihr zufällig wenigstens auf der Gasse begegnen, so schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hintendrein als ihr Pestessig, Seelensorger, curator sexus, chevalier d'honneur, Sokrates-Genius, Kontradiktor und Pestilenziarius – – Hingegen auf dem Lande läuft (das ist alles) die Pfarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Pfarrfelder spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel anzuziehen. – Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der (erotischen) Liebe anfangs ein Doktor Fausts-Mantel zu sein, der alles zu überfliegen schwört, indes er bloß alles überdeckt; allein am Ende steht einem das Schreckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase."

03 März 2012

Jean Paul charakterisiert

[...] hier hab' ich dir zu präsentieren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen innern Menschen mit einem dicken warmen äußern zu bekleiden und auszuschlagen, jährlich nicht mehr Bauern abzufinden braucht, als der Russe Lindenstämme für seine Bastschuhe abschindet, nämlich 150. [...]

ein geistlicher Herr, der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden, die er stets abschlägt, die vierte und die fünfte. [...]


In ihm wohnte ein mächtiger Wille, der bloß zur Dienerschaft der Triebe sagte: es werde! Ein solcher ist nicht der Stoizismus, welcher bloß über innere Missetäter oder Hämlinge oder Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern es ist jener genialisch-energische Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bändigt, und der königlicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der König!

Er sieht Liane

Liane ist halb blind und darf nur nachts ins Freie, um die Augen zu schonen. Albano sieht ihr aus einem Versteck zu:



Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, ließ endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer niederfallen – [...]
Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche Erscheinung! – Er riß die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und schauete unbedeckt und atemlos an die heilig-schöne Gestalt! Wie griechische Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jüngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen – [...]
Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anrät; furchtbar regte sich jetzt in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf Kuntursfittichen vor Abgründe schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm: »Stürze hinaus – knie vor sie – sag ihr dein ganzes Herz – was ists, wenn du dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen – und dann kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Füßen.« – Wahrlich er dürstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontänen zurücksprangen – – Aber ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequälten und Frommen! – »Nein,« sagte der gute Geist in ihm, »verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder – o schone, schweige, ehre; dann liebst du sie.« [...]
Als er vor ihr vorbeiging, brach auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof im tiefen Himmelsblau; eine glänzende Lilie[Fußnote: Sonst glaubte man, daß eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen bedeute, dem er gehörte.] aus der zweiten Welt, die sich selber das Zeichen ist, daß sie bald in diese fliehe. – – O sein Herz voll Tugend empfand erschüttert die Nähe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorüber, das sie nicht bemerken konnte. Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen mehr hatte als den über sich: wurd' er ganz sanft und freuete sich, daß er nicht kühner gewesen. – Wie glänzt ihm jetzt die Erde, wie nähert sich ihm der Sonnenhimmel, wie liebt sein Herz! – O noch nach vielen Jahren einst, wenn dieser glühende Rosengarten der Entzückung schon weit hinter deinem Rücken liegt, wie wird er dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und magisch als ein weißes Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern! –[...]
Wäre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so würd' ich gewiß in meiner Historie fortfahren und der Welt als wahr berichten (und das ganze romantische Schreibgelag ließe sich darauf totschlagen), Albano sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des Bandagisten Amor dortgesessen – er habe nicht mehr über fünf zählen können, außer abends an der Glocke, um nachher das Froulaysche Wasserhäuschen magisch zu umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nachschlängelt – aus den beiden Blaselöchern, womit sentimentale Walfische sich öffentlich ausweinen in Buchläden, hab' er beträchtliche Ströme aufgespritzt – übrigens hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur) und keinen Menschen mehr (einen blinden ausgenommen) – – »und unter diesen meinen Wundzettel erotischer Wundfieber« (würd' ich am Schlusse meiner Lüge sagen) »setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel.« Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; – nichts wie verdammte Lügen sinds; die Sache ist vielmehr so: Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze Schamröte überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das erstemal einem mißtrauischen oder fragenden Auge aufgestoßen wäre. [...]
Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentümlicher Trieb nach Komplettierung; [...]
(Jean Paul: Titan 6. u. 7. Jobelperiode, 35. u. 36. Zykel)