24 August 2011

Thomas Manns Gesang vom Kindchen

"Das wirke Vatergefühl: es mach mich zum metrischen Dichter."
So schließt Thomas Mann die Vorrede ("Vorsatz") seines einzigen in Versen (hier: Hexametern) gehaltenen Werks.
Wie Goethe am Schluss der "Kampagne in Frankreich" wendet sich Mann nach der Erfahrung des Krieges dem Häuslichen zu.
"Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke,
der Enge zu, die uns allein beglücke."
So zitiert er Goethe, bevor er sich der Schilderung des morgendlichen Bades seines fünften Kindes, Elisabeth, widmet, in der Idylle, die er 1922 veröffentlicht.
Doch so unpolitisch bleibt der Verfasser der "Betrachtungen eines Unpolitischen" nicht durchweg.
Der Bericht über die Taufe schließt:
"Wie die Blockade es zuließ der kalt gebietenden Angeln."

Gottfried Keller: Ursula

Keller führt uns mit der Hauptgestalt, Hansli Gyr, einem Schweizer, der im Sold des Papstes gestanden hat und in sein Dorf nahe Zürich zurückkehrt, in die religiöse Unruhe in der Frühzeit der Reformation.
Ursula, die Nachbarstochter des Hansli, der er sich all die Jahre seiner Söldnertätigkeit verbunden gefühlt hat, hat ihm sein Haus wohnlich gemacht und begrüßt ihn, um in freier Liebe die Seine zu werden.
Er weist sie zurück, fordert ausdrückliche Zustimmung der Eltern nach altem Brauch und erfährt von ihnen Zurückweisung, weil er sich nicht schon am ersten Abend der Täufergruppe, in der der Vater Ursulas eine führende Rolle spielt, anschließen will.
Die Reden, die geführt werden, die Spaltung Ursulas in eine Frau, die ihrer Liebe leben will und doch sklavisch den Vorstellungen des Vaters ergeben ist, sie haben mir kein nachvollziehbares Leben vor Augen gestellt.
Dass sie schließlich halb irre wird und Hansli als Engel Gabriel küsst, weil sie den Hansli nicht küssen will, tat es auch nicht.
Dass der Atheist Keller den Reformator Zwingli lobt, weil er weniger als die Täufer von der Tradition abgeht, aber auch den Bildersturm um des positiven Bildes von Zwingli willen halb rechtfertigt, will mich nicht recht überzeugen.
Dabei hat Storm die Erzählung in seinem Briefwechsel mit Keller sehr gelobt, wo er doch sonst sich sehr wohl erlaubte, deutlich zu tadeln.
Das letzte Drittel der Novelle ließ sich dann eher als poetisches Lebensbild verstehen.
Selbst die Überlegung Hanslis, ob er der schlafenden Ursula nicht den Ring wegnehmen will, den er ihr geschenkt hat. Und das, obwohl er gekommen ist, sie zu befreien, lässt sich für mich leichter nachvollziehen als das karikierende Bild der Wiedertäufer am Anfang.

15 August 2011

Stationen der Bibliotheksgeschichte nach Jochum

Auf die Bibliotheken der Priesterkaste der Pharaos mit sakraler und Verwaltungsfunktion folgten in Griechenland Privatbibliotheken, die wichtigste die des Aristoteles, die dann nach Rom gelangte. Dort gab es eine öffentliche Bibliothek eines Privatmannes, die von Pollio.
Dann folgten die imperialen Bibliotheken von Caesar, Augustus, Trajan, bis Hadrian dann den Griechen wieder eine Bibliothek schenkte, in Athen.
"Der Kreis hat sich damit geschlossen." (S.46) Von den Herrscherbibliotheken der Ägypter zu den privaten der Griechen zu der Herrscherbibliothek für die Griechen.
In christlicher Zeit löste der Kodex aus Pergament die Papyrosrollen ab. (S.52) Nach und nach wurden dann auch die heidnischen Texte (Aristoteles etc.) auf Pergament umgeschrieben.
Bildungsträger wurde jetzt die Kirche anstelle des Staates.

Die kirchliche Reformbewegung führte im Mittelalter zu einem Rückgang der klösterlichen Bildung, "als 1130 der Papst im Zuge der Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich das Studium der Medizin und der leges für Mönche und Regularkanoniker verbot." (S.72) "Die Klöster wurden sozial [...] isoliert" (S.72) und die Bibliotheken und Schulen wanderten um in "Domschulen und -bibliotheken". Darauf folgten die Universitäten. (vgl. etwa die Wiederentdeckung des römischen Rechts)
(Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart 2007)

11 August 2011

Öffentliche Bibliothek und Leihbibliothek in Konkurrenz

Die Leihbüchereien waren wichtige Voraussetzung für eine breite Leserschaft von Romanen.

Im Unterschied zu den Romanen der Barockzeit, die als Gelehrtenliteratur im Quartformat daher kamen, zielten die Romane des Zeitalters der Empfindsamkeit wie etwa The Vicar of Wakefield, Rousseaus Nouvelle Héloise und Goethes Werther auf die Unterhaltungsbedürfnisse eines breiten Publikums, nicht zuletzt eines weiblichen, und wurden daher im kleineren Oktavformat und auch in Duodez- und in Sedezformat gedruckt.
Solche Bücher dienten nämlich  zum Lesen bis zum Verschlingen in jeder Lebenslage, nicht als Referenzwerke, die man in der häuslichen Bibliothek haben musste. Der größte Teil der Leserschaft lieh sie sich also nur aus, weil die Anschaffung zu teuer gekommen wäre.
Dass Leserinnen ihre männlichen Partner im Leseeifer oft übertrafen, galt den kulturkritischen Volkspädagogen fast als ein schlimmeres Laster als im 20. Jahrhundert das Fernsehen und im 21. die Computerspiele. Ging doch die Lesezeit von der Hausarbeit ab. Daher versuchten die öffentlichen Bibliotheken das "gute" Buch zu fördern, das weder Sittlichkeit noch staatstreue Gesinnung seiner Leserinnen und Leser gefährdete.
(vgl. dazu Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart 2007, S.156 ff. und die verlinkten Wikipediaartikel)

08 August 2011

Gedächtnis der Menschheit: Bibliotheken und World Wide Web

Seit Tausenden von Jahren gibt es Bibliotheken. (Palastarchive mit Sammlungen von Tontafeln mit Keilschrift wohl schon im 4. Jahrtausend vor Christi Geburt, Papyrusrollen seit 1866 v. Chr., die Bibliothek von Alexandria seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. und zwischen diesen Daten eine große Zahl von Schriftensammlungen privater oder öffentlicher Art, vgl. Bibliotheksgeschichte)

Seit 1992 gibt es das UNESCO-Programm Weltdokumentenerbe oder "Memory of the World".

Seit 20 Jahren das World Wide Web (WWW). (Video vom ZDF)

Damit ist ein Traum aus dem 20. Jahrhundert, nämlich der, das Gedächtnis des einzelnen mit Hilfe einer technischen Apparatur so auszuweiten, dass es eine ganze Bibliothek umfasst, in unvorhersehbarer Weise verwirklicht worden. (Vgl: "A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized" Vannevar Bush, 1945)

Im Folgenden sollen hier nach und nach ein paar Stationen aus den Bibliotheksgeschichte angesprochen werden.
Zunächst die Entstehung von Katalogen und Signaturen, die an die Stelle der alten Inventarlisten traten, als mit Erfindung des Buchdrucks Buchherstellung (Skriptorium, Druckerei), Handschriftenaufbewahrung (Archiv) und Sammlung von Druckschriften (Bibliothek) nach und nach und in unterschiedlicher Exklusivität verschiedenen Institutionen übertragen wurden.
Als 1623 der Transport der Bibliotheca Palatina von Heidelberg zum Vatikan begann, war der Anteil der Handschriften noch recht hoch. (In den 196 Kisten waren 3500 Handschriften, die Angaben zur Zahl der Drucke schwanken zwischen 5000 und 12000.) (Nachtrag vom 17.9.11: Über die sich bis heute auswirkenden Folgen dieses Transports klagt ganz aktuell Klaus Graf).
(vgl. dazu Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart 2007, S.84 ff. und die verlinkten Wikipediaartikel)

06 August 2011

Walter Flex

Im Ersten Weltkrieg:

"Im Gefecht wertet die Seele die einzelnen Momente ganz verschieden:
In der Deckung und zwischen den Sprüngen vibrierende Wirkung der Gefahr. Im Sprung Ausschalten des Bewußtseins durch den Willen einen ganz kalten, hart begrenzten Willen: Dorthin will ich. Aber dieses "Ich" bin nicht ich, Walter Flex, sondern ich, die Schützenlinie, die Kette, die ich vorreiße. [...] Ein drittes, wiederum anderes Moment ist der Einbruch in die feindliche Stellung: Überflutung des Bewußtseins durch den Rauschzustand, Zerstörungsmaschine und doch ganz helles Bewußtsein, das unter dem Rausch des Erfolgs auflodert. Machtgefühl. Machtrausch."
(Konrad Flex: Walter Flex. Ein Lebensbild, Quell-Verlag Stuttgart, 1937, S.110/1)

Aus der Hauslehrerzeit:
Konrad berichtet über seinen Unterricht für den ältesten Enkel Ottos von Bismarck, Graf Klaus von Bismarck, in Varzin:
"War der Tag mit Arbeit und Spiel, Angeln und Spatzenjagd hingebracht, saßen die beiden abends am Kaminfeuer und plauderten oder lasen: "Ich muß ihm Studentengeschichten erzählen oder Anstiche vorsingen, und er spielt auf seiner Gitarre."" (S.64)

In Friedrichsruh, im fürstlichen Familienzweig der Bismarcks sollte Walter Flex außer dem Unterricht auch die Archive in Ordnung bringen. Doch kommt er dazu wenig, weil er die Söhne auch außerhalb des Unterrichts zu betreuen hat. In einem Brief berichtet er darüber:

"So bauen wir denn unverdrossen tagaus tagein Hütten auf Parkbäumen, zimmern Flöße, fahren Kahn und Motorboot, schießen Eichkatzen, Karnickel und Eichelhäher und füllen die Pausen durch Essen und Schlafen aus." (K. Flex: Walter Flex, S.76)

vgl. auch:
W. Flex: Wolf Eschenlohr
Briefe von Walter Flex, in Verbindung mit Konrad Flex by Walter Flex( Book )
2 editions published between 1927 and 1941 in German and held by 47 libraries worldwide
Briefe von Walter Flex by Walter Flex ( Book )
5 editions published between 1927 and 1941 in German and Undetermined and held by 36 libraries worldwide   
Werke von Konrad Flex:
Walter Flex, ein Lebensbild by Konrad Flex( Book )
10 editions published between 1937 and 1942 in German and Undetermined and held by 88 libraries worldwide