30 Mai 2011

Liebesgeschichten von Dostojewski

Eine fremde Frau und der Mann unter dem Bett

Zwei Eifersüchtige, die zunächst voneinander nur erfahren, dass sie beide eifersüchtig sind, und sich am nächsten Tag beide unter dem Bett einer fremden Frau treffen, sich streiten und Kämpfe ausführen. Das Erwürgen eines Hündchens.

Vor dem Krankenbett seiner Frau zieht der Eifersüchtige mit dem Taschentuch auch das tote Hündchen heraus und wird gefragt, wie er dazu kommt. Wie soll er Rede und Antwort stehen?


Die Sanfte

Ein ehemaliger Hauptmann, der, weil er kein Duell wollte, in Unehre aus dem Regiment ausgeschieden ist, wird Pfandleiher und nutzt die ausweglose Lage einer 16jährigen aus, um sie zu seiner Frau zu machen, in der Hoffnung, ihr rätselhaft zu werden und ihr dann seinen Mut und seine Großmut zu beweisen und von ihr bewundert zu werden.

Nachdem er bemerkt hat, dass sie versucht hat, ihn zu töten, trennt er sich von ihr mit Tisch und Bett.

Als sie bemerkt, dass er sie immer noch lieben will,

las ich in ihren Augen ein strenges Erstaunen. Ja, es war Staunen und es war streng. Sie sah mich mit großen Augen an. Ihre Strenge, ihr strenges Erstaunen zermalmten mich: „So willst du auch noch Liebe? Liebe willst du?“ - diese Frage las ich aus ihrem Staunen, obwohl sie keinen Laut von sich gab.“


Kurz darauf begeht sie Selbstmord. Sie springt aus dem Fenster.


Im Vorwort zu dieser Erzählung verweist Dostojewski darauf, wie wichtig die Erzählperspektive ist.

Das Verhalten der Frau wird psychologisch rätselhaft dadurch, dass wir Erklärungen nur vom Mann angeboten bekommen. Natürlich legen sich Deutungen nahe. Doch welche gilt?

28 Mai 2011

Dostojewski: Die weißen Nächte

Es ist eine sehr unemanzipierte Liebesgeschichte. Die Frau ist hilflos und ist aus dieser Hilflosigkeit heraus bereit, sich ganz an den hinzugeben, der sie daraus befreit. Ein Dornröschen der anderen Art.

Der Mann liebt sie, weil sie hilflos ist, und überwindet seine Scheu vor der Frau nur, weil er sich als ihr Retter fühlen kann.

So weit ist die Geschichte ganz konventionell. Aber das ist nicht alles. Es gibt zwei Männer, die diese Frau lieben. Sie umarmt und küsst sie beide vor den Augen des anderen. Es kommt aber zu keiner Eifersuchtsszene. Und das Ganze spielt in Petersburg.

Weshalb ist Petersburg so wichtig?
Weil der Erzähler die Stadt unter den Häusern der Stadt gute Bekannte hat, die zu ihm sprechen und für die er sich verantwortlich fühlt.

Hören wir herein, was sie so sagen:
»Guten Tag! Wie geht es Ihnen? Mir geht es, Gottlob, recht gut, und im Mai bekomme ich ein neues Stockwerk.« Oder: »Wie ist Ihr Befinden? Was mich betrifft, so komme ich morgen in Reparatur!« Oder: »Ich wäre neulich um ein Haar verbrannt und bin mit ordentlichem Schrecken davongekommen«

Und dann passiert da diese Geschichte mit dem hellrosa Häuschen:
„Es war ein so liebes steinernes Häuschen, es lächelte mich immer so freundlich an und blickte so stolz auf seine plumpen Nachbarn, daß sich mir jedesmal, wenn ich vorbeiging, das Herz im Leibe freute. Doch wie ich in der vorigen Woche vorbeigehe und meinen Freund anschaue, höre ich plötzlich seinen Jammerschrei: »Man streicht mich gelb an!« Diese Bösewichter! Barbaren! Nichts haben sie verschont: weder die Säulen, noch die Gesimse, und mein Freund wurde gelb wie ein Kanarienvogel.“

Es ist also ein mitfühlender Erzähler, und so leicht fällt es einem nicht, ihm wegen seiner Unemanzipiertheit böse zu sein.

Mehr möchte ich aber nicht darüber sagen; denn auch eine Erzählung, die der Verfasser „sentimentaler Roman“ nennt, lebt ein bisschen davon, dass man noch nicht alles weiß, wenn man ihn zu lesen beginnt. Und außerdem ist sie schnell gelesen, unter hundert Seiten ...

Hier ist sie zu finden.

Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

 In jenen unglücklichen Tagen, welche für Deutschland, für Europa, ja für die übrige Welt die traurigsten Folgen hatten, als das Heer der Franken durch eine übelverwahrte Lücke in unser Vaterland einbrach, verließ eine edle Familie ihre Besitzungen in jenen Gegenden und entfloh über den Rhein, um den Bedrängnissen zu entgehen, womit alle ausgezeichneten Personen bedrohet waren, denen man zum Verbrechen machte, daß sie sich ihrer Väter mit Freuden und Ehren erinnerten und mancher Vorteile genossen, die ein wohldenkender Vater seinen Kindern und Nachkommen so gern zu verschaffen wünschte.
Goethe sieht die Begründung der demokratischen Mainzer Republik, an der Georg Forster mitwirkte, ähnlich wie Boccaccio die das Übergreifen der Pest auf Florenz: Eine Katastrophe, die diejenigen, die ihr entkommen sind, in eine Schicksalsgemeinschaft in einer gewissen Isolierung von der Außenwelt zusammenführt. Eine Situation, in der man sich gegenseitig durch Geschichten zu unterhalten sucht.
Kurz nach dem Eingangszitat schreibt Goethe weiter:
Bei der übereilten Flucht war das Betragen eines jeden charakteristisch und auffallend. Das eine ließ sich durch eine falsche Furcht, durch ein unzeitiges Schrecken hinreißen, das andere gab einer unnötigen Sorge Raum, und alles, was dieser zuviel, jener zuwenig tat, jeder Fall, wo sich Schwäche in Nachgiebigkeit oder Übereilung zeigte, gab in der Folge Gelegenheit, sich wechselseitig zu plagen und aufzuziehen, so daß dadurch diese traurigen Zustände lustiger wurden, als eine vorsätzliche Lustreise ehemals hatte werden können.
Denn wie wir manchmal in der Komödie eine Zeitlang, ohne über die absichtlichen Possen zu lachen, ernsthaft zuschauen können, dagegen aber sogleich ein lautes Gelächter entsteht, wenn in der Tragödie etwas Unschickliches vorkommt, so wird auch ein Unglück in der wirklichen Welt, das die Menschen aus ihrer Fassung bringt, gewöhnlich von lächerlichen, oft auf der Stelle, gewiß aber hinterdrein belachten Umständen begleitet sein.
Das ist mit weitem Abstand von den vom Einbrechen des Schicksals in ihr Leben Betroffenen geschrieben. Weder die Bombennächte des Zeiten Weltkriegs noch Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten haben zu vielen "hinterdrein belachten Umständen" geführt. Der Holocaust schon gar nicht.
Goethe sucht in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) ganz bewusst den Abstand von der ihn beunruhigenden Französischen Revolution, deren Bedeutung er nach seiner Erfahrung des bei der Kanonade von Valmy unüberwindbaren französischen Revolutionsheeres er schon 1792 geahnt hat und die er (nach seiner eigenen deutlich später verfassten Schrift Kampagne in Frankreich, 1822) mit „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ kommentiert hat (oder doch zumindest kommentiert haben will).
1795 will er über diese "neue Epoche der Weltgeschichte" lieber nicht direkt schreiben und nimmt Abstand.

27 Mai 2011

Literarisches Rätsel um Ferdinand und Ottilie

Den Namen Ferdinand kennen wir aus "Kabale und Liebe", den Namen Ottilie aus den "Wahlverwandtschaften".  Der Stil leitet uns zu keinem der beiden Werke.
Hier ein erster Textausschnitt:
"Als die Tante sich entfernt hatte, hielt sie [die Mutter] es nicht für rätlich, ihrem Manne die Entdeckung zu vertrauen. Ihr lag nur daran, das unglückliche Geheimnis aufzuklären, ob Ferdinand, wie sie fürchtete, die Geschenke von dem entwendeten Geld gemacht habe. Sie eilte zu dem Kaufmann, der diese Art Geschmeide vorzüglich verkaufte, feilschte um ähnliche [362] Dinge und sagte zuletzt: er müsse sie nicht überteuern, denn ihrem Sohn, der eine solche Kommission gehabt, habe er die Sachen wohlfeiler gegeben. Der Handelsmann beteuerte: nein! zeigte die Preise genau an und sagte dabei, man müsse noch das Agio der Geldsorte hinzurechnen, in der Ferdinand zum Teil bezahlt habe. Er nannte ihr zu ihrer größten Betrübnis die Sorte; es war die, die dem Vater fehlte.
Sie ging nun, nachdem sie sich zum Scheine die nächsten Preise aufsetzen lassen, mit sehr bedrängtem Herzen hinweg. Ferdinands Verirrung war zu deutlich, die Rechnung der Summe, die dem Vater fehlte, war groß, und sie sah nach ihrer sorglichen Gemütsart die schlimmste Tat und die fürchterlichsten Folgen. Sie hatte die Klugheit, die Entdeckung vor ihrem Manne zu verbergen; sie erwartete die Zurückkunft ihres Sohnes mit geteilter Furcht und Verlangen. Sie wünschte sich aufzuklären und fürchtete das Schlimmste zu erfahren.
Endlich kam er mit großer Heiterkeit zurück. Er konnte Lob für seine Geschäfte erwarten und brachte zugleich in seinen Waren heimlich das Lösegeld mit, wodurch er sich von dem geheimen Verbrechen zu befreien gedachte.
Der Vater nahm seine Relation gut, doch nicht mit solchem Beifall auf, wie er hoffte, denn der Vorgang mit dem Gelde machte den Mann zerstreut und verdrießlich, um so mehr, als er einige ansehnliche Posten in diesem Augenblicke zu bezahlen hatte. Diese Laune des Vaters drückte ihn sehr, noch mehr die Gegenwart der Wände, der Mobilien, des Schreibtisches, die Zeugen seines Verbrechens gewesen waren. Seine ganze Freude war hin, seine Hoffnungen und Ansprüche; er fühlte sich als einen gemeinen, ja als einen schlechten Menschen.
Er wollte sich eben nach einem stillen Vertriebe der Waren, die nun bald ankommen sollten, umsehen und sich durch die Tätigkeit aus seinem Elende herausreißen, als die Mutter ihn beiseite nahm und ihm mit Liebe und Ernst sein Vergehen vorhielt und ihm auch nicht den mindesten Ausweg [363] zum Leugnen offenließ. Sein weiches Herz war zerrissen; er warf sich unter tausend Tränen zu ihren Füßen, bekannte, bat um Verzeihung, beteuerte, daß nur die Neigung zu Ottilien ihn verleiten können und daß sich keine anderen Laster zu diesem jemals gesellt hätten."
Aus welchem Nebenwerk eines dieser beiden Autoren stammt der Ausschnitt?
Es ist ein Werk, das sich sehr indirekt auf die französische Revolution bezieht, das in der Art seiner erzählerischen Gestaltung aber auf Boccaccio zurückgeht.
Auflösung=Quellenangabe

25 Mai 2011

Flüchtlingsschicksale: Rittbergers "Kassandra"

Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung ist ein Theaterstück von Kevin Rittberger, das das Elend der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa zu kommen versuchen, am Beispiel der jungen Afrikanerin Blessing und ihrer Begleiter schildert.

Da ist die Geschichte eines Kameruners, der in der Sahara unter einem Akazienbaum verdurstet, die keiner erzählt.Das ist die Geschichte eines spanischen Fischers, der uns den Unterschied zwischen einer Patera und einem Cayuco erzählen könnte. Das eine Boot ist aus Holz und klein und das andere aus Stahl und größer. Auf das erste passen 50, auf das andere vielleicht 300 Menschen. Das erste ist definitiv nicht hochseetauglich und auch auf letzterem würde er niemals 900 Kilometer zurücklegen wollen.
Da ist die Geschichte einer Frau aus Guinea-Bissau, die auf einer Patera auf halber Strecke nach Fuerteventura ihr Kind bekommen hat ...

aus Kevin Rittbergers Vorstellung seines Stücks auf seiner Homepage

24 Mai 2011

wenn de Ogenblick nich so rührsam west wir ...

Inspektor Bräsig ist bei aller seiner Gutherzigkeit in seinem raschen Aufbrausen eine komische Figur, und Lining und Mining "de beiden lütten Druwäppel" und ihr Vater Jung'-Jochen werden leicht ins Karikaturhafte überzeichnet, so dass man sie nicht zu ernst nimmt. Nur Hawermann und seiner Tochter Luise driften in ihrer Fehlerlosigkeit immer wieder, wenn sie ihr Schicksal stumm auf sich nehmen, etwas ins Sentimentale ab. Doch um das zu überspielen hat Reuter - so wie die Pastorsfrau ihr "der Nächste dazu" - seinen Dialekt. Wie klingt "dass sie bis an ihr Lebensende nicht mehr zu trennen waren"? Und wie: "dat sei bet an ehr Lewensen'n nich mihr lostaubünzeln wiren."

"Un 'ne lange Tid hewwen sei tausam ut dat Finster seihn, dunn drückte Hawermann ehr de Hand un säd: »Frau Pastorin, ich habe eine Bitte auf dem Herzen, ich habe dem Herrn von Rambow gekündigt und gehe diesen Weihnachten dort ab; können Sie mir oben das Giebelstübchen abtreten und wollen Sie mich an Ihrem Tisch aufnehmen?« – Ach, sei hadd woll vel fragt un vel redt, wenn de Ogenblick nich so rührsam west wir; sei säd för dit Mal nich mihr, as: »Wo Luise und ich wohnen, sind Sie stets der Nächste dazu.«

Ja, so is dat nu einmal in de Welt, wat den einen Freud' is, is den annern Weihdag', un Hochtid un Graww liggen dicht tausam, un doch is de Afstand vonenanner düller as Sommerhitt un Wintersküll; äwer't giwwt 'ne wunderschöne Ort von Minschen in de Welt – säukt sei man, tau finnen sünd sei –, de Ort wölwt wunderbore, tau den Hewen stigende Brüggen von ein Hart tau't anner äwer de Afgrün'n, de de Welt reten hett, un so 'ne Brügg bugten de beiden lütten run'n Pasterfrugens, Lining von Rexow tau un Fru Pastern von Rahnstädt tau, un as sei den Slußstein grad äwer dat Pasterhus tau Gürlitz set't hadden, dunn tründelten sei sick in den Arm un höllen sick so fast anenanner, dat sei bet an ehr Lewensen'n nich mihr lostaubünzeln wiren." (Fritz Reuter: Ut mine Stromtid,  29. Kapitel )

17 Mai 2011

Frau Syndikus lässt reden (Fritz Reuter)

Frau Syndikus hat eine vorgefasste Meinung: Karl Hawermann ist schuldig. Aber sie hat dafür nicht sonderlich starke Argumente. So schickt sie zunächst eine gute Bekannte vor. Wie die redet, das hat man schon mal gehört. Und wenn man sich gut beobachtet, dann hat man manchmal schon bei sich selbst eine Tendenz dazu entdeckt:


" »Mein Gott«, rep (rief) de Teewirtin tauletzt, »was wissen Sie denn?« – »Die Krummhorn kann's erzählen«, säd de Syndikussen käuhl, »sie hat's ebensogut gesehen wie ich.« – De Krummhurn was 'ne gaude Fru un vertellte ok gaud un schafflich, äwer ehr Mundwark hadd den sülwigen Fehler, den den Protonotär (Leitender Notar, hier für Gerichtssekretär, der Protokoll führt) Schäfer sine Bein hadden, 't würd mit ehr stüerlos, un grad as de Protonotär müßte sei af un an einen oder den annern tauraupen: »Holl mi wiß!« oder: »Dreih mi üm!« – Sei fung nu an: »Ja, er kam quer über den Markt her ...« – »Wer?« frog so'n oll lütten dämlichen Gerichtsakzesser, de sick ut de Sak noch nich vernemen kunn. – »Still!« rep allens. – »Also er kam quer über den Markt her, ich kannte ihn gleich wieder, er hat sich bei meinem Mann vordem einmal einen neuen Anzug gekauft, einen schwarzen Leibrock und eine blaue Hose – ih, was sag' ich! – einen blauen Leibrock und eine schwarze Hose; ich seh ihn noch wie heute, er trug immer gelblederne Beinkleider und Stulpenstiefel – oder war das Fritz Triddelfitz? – Das weiß ich doch wirklich nicht [482] mehr gewiß. – Ja, was wollte ich doch noch sagen?« – »Er kam quer über den Markt herüber«, säden en Stückener drei Stimmen. – »Richtig! Er kam quer über den Markt herüber und kam in die Frau Syndikus ihre Straße, ich war gerade bei der Frau Syndikus, denn die Frau Syndikus wollte mir ihre neuen Gardinen zeigen, sie sind von Jud' Hirschen – nein, ich weiß schon – von Jud' Bären, der neulich erst bankerott gemacht hat. Es ist merkwürdig; mein Mann sagt, alle unsere Juden machen bankerott und werden dadurch nur immer reicher, ein christlicher Kaufmann kann gar nicht gegen die verdammten Juden aufkommen. Wie weit war ich doch noch?« – »Er kam in die Straße der Frau Syndikus.« – »Ja so! Die Frau Syndikus und ich standen grade am Fenster und konnten in die Stube der Frau Pastorin Behrens hineinsehen, und die Frau Syndikus sagte, ihr Mann habe gesagt, wenn die Frau Pastorin es auf einen Prozeß wollte ankommen lassen – nein, nicht die Frau Pastorin – die Kirche oder das Konsistorium oder sonst wer, dann müßte der Herr Pomuchelskopp oder sonst wer ein neues Predigerhaus zu Gürlitz bauen, und die Frau Syndikus ...« –
Äwer de Fru Syndikussen stunn de Geschicht nu all bet an den Hals, sei hadd sick, as sei de Krummhurn taum Vertellen upfödderte, 'ne nüdliche Raud för ehre Ungeduld bunnen (eine niedliche Rute für ihre Ungeduld gebunden, d. h. ihre Ungeduld auf eine schwere Probe gestellt), sei föll hir also in de Red': »und da ging er in das Haus der Frau Pastorin und, ohne sich weiter auf dem Flur aufzuhalten, gleich in die Wohnstube, und die alte Frau fuhr vom Sofa auf und machte solche Handbewegung, als müßte sie sich ihn vom Leibe halten, ..." (Fritz Reuter: Ut mine Stromtid, 32. Kapitel)

15 Mai 2011

Die Lust zu leben und die Lust zu sterben

Ich bin noch mit der Ethik der Eddaverse aus Strophe 77 des Havamal aufgewachsen, die Felix Genzmer so übersetzt hat:

Besitz stirbt, Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
eins weiss ich, das ewig lebt:
des Toten Tatenruhm.

Entsprechend hat mich der Heroismus, der in der isländischen Sagas und auch noch in den vorhöfisch inspirierten Teilen des Nibelungenliedes vorzufinden ist, angesprochen. Auch habe ich begeistert Felix Dahns "Kampf um Rom", dann Karl Mays Wildwestgeschichten und noch als Erwachsener Tolkiens "Der Herr der Ringe" gern und andere Fantasyliteratur noch mit einem gewissen Wohlwollen gelesen.

Als ich jetzt Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" las, fand ich dort mit Erstaunen
Kampfszenen wieder, wie ich sie aus Karl May (z.B. Sklavenkaravane, aber auch im Spätwerk Ardistan und Dschnnistan) und Tolkien (Kämpfe mit Orks und anderen "Bösen") kannte, und eine Ästhetisierung des Untergangs, wie sie im Nibelungenlied zu finden ist.
Ich verzichte auf die Schilderungen, wo Hundemeuten auf Menschen gehetzt werden und begnüge mich mit der Ästhetisierung des Untergangs:
„weithin leuchteten die alten und schönen Städte am Rande der Marina im Untergange auf. Sie funkelten im Feuer gleich einer Kette von Rubinen, und kräuselnd wuchs aus den dunklen Tiefen der Gewässer ihr Spiegelbild empor. Es brannten auch die Dörfer und die Weiler im weiten Lande, und aus den stolzen Schlössern und den Klöstern im Tale schlug hoch die Feuersbrunst empor. Die Flammen ragten wie goldene Palmen rauchlos in die unbewegte Luft, […] So flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der Schönheit des Untergangs auf.“

Dass Jünger, als er an den Marmorklippen schrieb, den Nationalsozialismus ablehnte, scheint mir aus der Schilderung von Köppelsbleek, einer Art Allegorisierung der Vernichtungslager, und auch aus der Wertung der Gestalt des Oberförsters zureichend klar hervorzugehen.

Doch überzeugt mich nach der Lektüre dieser Passagen auch Helmuth Kiesels Kritik in Ernst Jüngers Marmor-Klippen. "Renommier"- und Problem"buch der 12 Jahre", Kapitel 6  "daß seine Absage wider Willen ein Moment der Affirmation erhielt: zwar das herrschsüchtige Vernichten-Wollen kritisierte, aber das Vernichtet-Werden ästhetisch verbrämte und feierte als Voraussetzung einer neuen und höheren Schöpfung." und: "Sein Werk ist dadurch in hohem Maß kritisierbar; im selben Maß aber eignet ihm dokumentarische Qualität, die es, eine entsprechende Sensibilität vorausgesetzt, ermöglicht, die von Hans Erich Nossack für seine Generation einbekannte Untergangslust wenigstens annäherungsweise nachzuerfahren." (ebenda, Kapitel 6 )

Fast kann ich es nicht glauben, dass ein Autor von Anspruch unironisch solche Passagen schrieb. Das zeigt, wie wenig uns der Stil der Zeit noch bewusst ist.

In Kapitel 14 sagt Jüngers Ich-Erzähler "Wir fühlten, wie die Lust zu leben und die Lust zu sterben sich in uns einten [...] Er hatte uns ein Mysterium vertraut." Ein Mysterium, das Jünger im Ersten Weltkrieg  in "Stahlgewittern" erfahren hatte.
In Kenntnis dieses Mysteriums ist Jünger, schon im Ersten Weltkrieg mehrfach verletzt, 102 Jahre alt geworden. Ist es ein Lebenselixier? ;-)

13 Mai 2011

Ein gutes Gewissen und ein guter Ruf sind zweierlei

»Nein, gne' Frau, darum bin ich nicht gekommen«, säd Bräsig un reckte sick höger, »ich bin hierher gekommen, um die Wahrheit zu sagen, ich bin hierher gekommen, daß ich meinen Freund, der vor sechzig Jahren mein Spielkamerad gewesen ist, verdeffendieren will.« – »Das brauchen Sie nicht, wenn Ihr Freund ein gutes Gewissen hat, und ich glaube, er hat es.« – »Daraus seh' ich, gne' Frau, daß Sie die menschliche Natur man slecht kennen. Der Mensch hat zwei Gewissen, das eine sitzt inwendig in ihm, und das kann ihm kein Deuwel nehmen, das andere aber sitzt auswendig von ihm, und das ist sein guter Namen, und den kann ihm jeder Schuft nehmen, wenn er die Gewalt hat und klug ist, und kann ihn tot machen vor die Welt, denn der Mensch lebt nich for sich allein, er lebt auch for die Welt. Und mit den bösen Leumund ist das as mit 'ner Distelstang', die der Deuwel und seine Helfershelfer in unsern Acker säen, die steht da, und je besser der Boden ist, desto mastiger wächst sie und blüht und schießt ins Saat, und wenn der Kopp reif is, denn kommt der Wind – keiner weiß, woher er kommt und wohin er fährt – und der trägt die Federn von den Distelkopp über Feld, und das nächste Jahr steht das ganze Feld voll, und die Menschen stehen da und schelten auf das Feld, und keiner will daran, das Unkraut auszuziehen, denn sie wollen sich keine Dornen in die Fingern stechen. Un Sie, gne' Frau, haben sich auch vor die Dornen gefürcht't, als mein alter Freund for einen Betrüger und Dieb aus Ihrem Hause gejagt is, und das wollt ich Ihnen sagen und wollt Ihnen sagen, daß das meinen Korl Hawermann am meisten gesmerzt hat. – Un nu leben Sie wohl! Weiter wollt ich nichts sagen.« – Un dormit gung hei ut de Dör, Fritz tüffelte achter em an.  (Fritz Reuter: Ut mine Stromtid, Kapitel 31)

09 Mai 2011

„Krippenstapel, weibliche Linie.“

Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie, unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.
„Ah, meine Liebste,“ sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin zuschreitend, „es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne, noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako… Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff.“
Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, [111] dem sie keine Fremde war, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn frappierenden Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monocle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu: „Krippenstapel, weibliche Linie.“
(Fontane: Stechlin, 7. Kapitel)

08 Mai 2011

Kirchenführung

Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal gegenüber.
Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte sein Pincenez auf und musterte. „Sehr interessant. Ich setze das Portal in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenser-Bau. Wenn mich nicht alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen wir zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von Stechlin, existieren Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat Adler, unser bester Kenner?“
Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich einer solchen Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. „Herr von Quast war einmal hier, aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel spreche, mein’ ich natürlich nicht unsern ‚Vater Wrangel‘, der übrigens auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel… Und außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber Sie, Krippenstapel, was meinen Sie?“
Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war, zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn nicht als an einen Wissenden, so doch als an einen Ebenbürtigen, und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert wurde, das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht passend erscheinen. Überhaupt, was wollte diese Figur, die doch schon stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über die Bienen und namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, über bauliche Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn man durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war Krippenstapel – der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte – keineswegs angethan, die kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, wieder glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage ‚Krippenstapel, was meinen Sie‘ ganz ernsthaft auf und sagte:
„Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin zu widersprechen wage. Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter, und wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. Ich möchte hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, so viel ich weiß, unwidersprochen geblieben sind.“
Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen, Woldemar aber empfand, daß es höchste Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen – ein Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen schienen – und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst einzutreten, als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu debattieren.
Man fand sich in diesen Vorschlag, Krippenstapel öffnete die Kirche mit seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.

Theodor Fontane: Der Stechlin, Schloss Stechlin, 5. Kapitel, S.72-74

Norberto42 berichtet begeistert über seine Stechlinlektüre und bietet zusätzlich viele Links zur Interpretation

06 Mai 2011

Er fuhr schnell vorbei

"Er fuhr schnell vorbei, wie es bei Wägen dieser Art Sitte ist, ..."

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.190


"Ich hatte in meiner Jugend öfter den Namen Risach nennen gehört, allein ich hatte damals so wenig darauf geachtet, was ein Mann, dessen Namen ich hörte, tue, daß ich jetzt gar nicht wußte, wer dieser Risach sei. Ich fragte daher mit jener Rücksicht, die man bei solchen Fragen immer beobachtet, und erfuhr, daß der Freiherr von Risach zwar nicht die höchsten Staatswürden bekleidet habe, daß er aber in der wichtigen und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden Kaisers in den belangreichsten Dingen tätig gewesen sei, daß er mit den Männern, welche die Angelegenheiten Europas leiteten, an der Schlichtung dieser Angelegenheiten gearbeitet habe, daß er von fremden Herrschern geschätzt worden sei, daß man gemeint habe, er werde einmal an die Spitze gelangen, daß er aber dann ausgetreten sei. Er lebe meistens auf dem Lande, komme aber öfter herein und besuche diesen oder jenen seiner Freunde. Der Kaiser achte ihn sehr, und es dürfte noch jetzt vorkommen, daß hie und da nach seinem Rate gefragt werde. Er soll reich geheiratet, aber seine Frau wieder verloren haben. Überhaupt wisse man diese Verhältnisse nicht genau."

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.191/92


"Stifter führt erst sehr spät die Namen seiner Hauptpersonen ein. Meistens umschreibt er die Personen durch ihre Funktion: der Vater, die Mutter, die Schwester, der Gastfreund, die Fürstin, der Gärtner, der Zitherspieler. Vorsichtig nähert er sich der Benennung mit den Vornamen der wichtigsten Personen: Mathilde, Natalie, Gustav, Eustach, Roland und Klotilde. Der Ich-Erzähler bezeichnet sich erst spät als Heinrich Drendorf, sein Gastgeber, der Freiherr von Risach, bleibt bis auf Andeutungen namenlos bis fast zum Schluss. Warum benennt Stifter nicht die Personen seines Romans? Vielleicht geht es ihm nicht so sehr darum, dass die Leser sich von den Personen „ein Bild machen“, sondern vom Weg der Personen durch das Leben. Die verschlungenen Pfade entwirren sich und alles wird gut."

Der Nachsommer, Wikipedia über die - weithin verschwiegenen - Namen als Besonderheit des Romans
»Siehst du, meine liebe Henriette«, sprach die alte Frau, »wie sich die Dinge in der Welt verändern. Du weißt es noch nicht, weil du noch jung bist und weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch, das Hohe wird niedrig, Eines wird so, das Andere wird anders, und ein Drittes bleibt bestehen. Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen, den er hatte, und der dunkelgrün und schwarz angestrichen war, spazieren fahren ließ, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders als Kinder, er war ein junger Student, der wenig Bekanntschaft hatte, dessen Herkunft man nicht wußte und um den man auch nicht fragte. Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren, sprang er mit den Brüdern auf den hölzernen Esel, oder sie jagten die Hunde in das Wasser oder setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu meinen Brüdern als Kameraden in das Haus. Man wußte damals kaum, wer schöner gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger gesehen, ich weiß nicht warum, es vergingen manche Jahre, und ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brüder waren als Staatsdiener zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von Risach wurde oft gesprochen, aber wir kamen wenig zusammen. Der Vater begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst dann, als Risach schon ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in einem anderen Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen müssen, du bist nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen, gütigen Herrin, und da von Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre vergangen, seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat.«

Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.

Man sagte mir, daß er dort eine habe.

Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr in diesem Sommer machen zu müssen.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.192/93

Der Vater kannte den Freiherrn von Risach sehr gut. Er war in früherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen, hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen. Als Anhaltspunkte, daß mein Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, daß ich ihn, wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit getäuscht hat, selber gesehen habe, daß er im Oberlande eine Besitzung hat, daß er wohlhabend sei, was mein Beherberger sein müsse, und daß er hohe Geistesgaben besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine. Man beschloß, in dieser Sache nicht weiter zu forschen, da mein Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe, und die Dinge so zu belassen, wie sie seien.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.193


Adalbert Stifters belässt in seinem "Nachsommer" vieles im Allgemeinen, wie es bei einem Roman dieser Art Sitte ist.

Das gilt nicht nur für den "Beherberger", der als junger Mann "die Schaukel in unserem Garten bewegt hat".

Jean Jacques Humbert Droz - Uhrmacher in Stavenhagen

Jean Jacques Humbert Droz stammte aus der bekannten Uhrmacher=Familie des Canton Neufchatel, die so viele mechanische Künstler hervorgebracht hat; der berühmte Verfertiger von Automaten, Jacques Droz, war sein naher Verwandter. – In seiner Jugend mag er etwas wild gelebt haben – er war wenigstens schon frühzeitig ein leidenschaftlicher Jäger und wurde später Soldat. – In seine Soldatenzeit fällt nun ein Ereigniß, welches nicht allein auf sein Leben, sondern auf ein weit berühmteres einen entscheidenden Einfluß ausüben sollte. Die Freiheits= und Gleichheits = Ideen der ersten französischen Revolution hatten ihren Weg selbst in die stillen Jurathäler von Locle und Chaux de fonds gefunden und wurden, wie überall, von einer Seite mit rückhaltsloser Begeisterung gepredigt, von der andern mit hartnäckigem Widerstreben zurückgewiesen. Droz, als Schweizersoldat, gehörte dieser letzteren Seite an; er sitzt eines Abends mit mehreren Kameraden beim vin rouge de Valengin, da tritt der Fechtmeister Augereau mit der rothen Jakobinermütze in das Gastzimmer und fordert die Anwesenden auf, dies Zeichen der Freiheit und Gleichheit statt der weißen Schweizer=Cocarde aufzupflanzen. Man weigert sich; aber der Fechtmeister wird dringender und reißt endlich meinem Herrn ‘Droi’ die Cocarde vom Hute. – "Ce coquin là!" sagte Herr ‘Droi’, wenn er es erzählte. – Herr ‘Droi’ packt ihn, schleift ihn in die Küche und bearbeitet ihn unter dem Beistande seiner Kameraden auf’s unbarmherzigste mit einem Scheite Holz. Der Fechtmeister, ganz zerschlagen, soll am andern Morgen den Söhnen eines reichen Kaufmanns die bedungenen Stunden geben; er scheuet aber mit dem zerschlagenen Gesichte die Oeffentlichkeit, entschuldigt sich mit dringenden Geschäften und bittet den Kaufmann endlich um ein Reitpferd. Dies erhält er, setzt sich des Abends zu Pferde und kam nicht wieder. Er ritt nach Paris und wurde Marschall von Frankreich und Herzog von Castiglione.


Man hörte nun wohl später in Neufchatel von den Kriegsthaten eines Augereau, aber Keinem, am wenigsten meinem Herrn ‘Droi’, fiel es ein, daß dieser Augereau der abgeprügelte Fechtmeister sein könne. Das dauerte jedoch nur seine Zeit; Augereau rückte als commandirender General in die Schweiz und machte seine etwas ausgedehnte Pferde=Anleihe dadurch wieder gut, daß er vorher mit einem verbindlichen Schreiben 100 Louisd’or und zwei sehr schöne Reitpferde einsandte. – Herr ‘Droi’ vermuthete nun mit Recht, daß der, welcher ein so vortreffliches Gedächtniß für Pferde gezeigt hatte, auch eines für Prügel haben könnte. er zog es also vor, seine bisherige Stellung aufzugeben, das heißt: er desertirte, ging in’s Bernische und von da nach Mümpelgart (Mon beillard – wie er es stets nannte). Hier ward er Wildschütz, kam aber – wie dieser Industriezweig es in civilisirten Ländern mit sich bringt – in unangenehme Verdrießlichkeiten mit den Behörden und in noch unangenehmere mit seinem Geldbeutel, und sah sich endlich genöthigt, für’s liebe Brod und zu seiner Sicherheit in die Reihen der Neufranken einzutreten.

Da hat er nun eine Reihe von Siegen mit erfechten geholfen; aber sei es nun, daß er von Jugend auf mehr auf die Thiere des Waldes als auf Menschen=Schießen dressirt war, er hat es auf dem Felde der Ehre nicht weit gebracht, und die einzigen Spolien, die er auf seinen Feldzügen erobert hatte, waren seine eigene Uniform, Bärenmütze und Stiefeletten, die er eines schönen Abends, als er für immer von den Franzosen Abschied nahm, um nicht ganz unbekleidet zu erscheinen, mit sich nahm.

Er schlug sich durch alle polizeilichen und militärischen Anfechtungen durch und kam, als seine früheren Kameraden die Schlacht von Marengo schlugen, nach Berlin. – Hier lächelte ihm zum ersten Male das Glück; er wurde – weiß der Himmel durch welche Vermittelung! – Kammerdiener beim Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, jenem genialen, aber sittenleichten Herrn, der später bei Saalfeld durch seinen muthigen Tod so viele Verirrungen im Leben abbüßen sollte; d.h. er wurde nicht Kammerdiener bei der Person des Prinzen selbst, sondern bei einer Person weiblichen Geschlechts, die der Person des Prinzen außerordentlich nahe Stand. 1806 folgte diese Dame dem allgemeinen preußischen Heerrufe, und Herr ‘Droi’ natürlich ihr, so daß er als sehr entfernter Zuschauer auch von dieser Zeit erzählen konnte. Nach der verlorenen Schlacht von Jena und dem Tode des Prinzen lief Herr ‘Droi’ mit seinem anvertrauten Schatz noch eine Weile in der allgemeinen Misere mit, bis ihn endlich unter Beistimmung von Mademoiselle ein französischer General von seiner Verantwortlichkeit dispensirte und ihn in meine Vaterstadt entließ, wo er sich in dem Geschäfte einer Wittwe als Uhrmacher=Gehülfe nützlich zu machen suchte. Aus diesem auf Wochenlohn gegründeten, kündbaren Kontracte wurde später ein auf Liebe gegründeter, unkündbarer; er heirathete die Wittwe und ernährte sich kümmerlich bis an’s Ende seiner Tage mit Uhrenflicken und Uhrenschmieren vom Publikum, und mit Sprachflicken und Zungenschmieren von uns Jungen. Er hätte vielleicht schon früher Abschied von diesem Leben genommen, hätte ihn nicht eine bis an’s Ende lebendige Hoffnung aufrecht erhalten, nämlich die Hoffnung auf seinen rückständigen Gehalt für die Dienste, die er Mademoiselle geleistet hatte; aber der Erbe des Prinzen Louis, der Prinz August von Preußen, wollte weder seine Dienste, noch seine Verdienste anerkennen; der arme Schelm erhielt nichts.

Wenn nun auch Manches nicht sehr Liebens= und Lobenswerthes in seinem Leben vorgekommen sein mag, so war Herr Droz doch ein guter Lehrer für die französische Konversation, denn er wußte Vieles und Fesselndes zu erzählen. Jagdabenteuer, Soldatengeschichten, Schilderungen seines Heimathlandes schmuggelten bei uns ganz unvermerkt das Verständniß der französischen Sprache ein, und selbst das geistlose Auswendiglernen von Regeln, welches mir Später auf der Friedländer Schule tagtäglich aufgetischt wurde, hat mir des Herrn Droz MutterSprache nicht verleidet.

(Fritz Reuter: Meine Vaterstadt Stavenhagen)

01 Mai 2011

Verkehrstechnische Entwicklung in Mecklenburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Mehr als fünfundvierzig Jahre sind an den räucherigen Dächern meiner kleinen Vaterstadt hingerollt, seit ich die ersten deutlichen Eindrücke von der Erhabenheit seines Kirchthurmes, der Großartigkeit seines Rathhauses und der Majestät seines Amtsgebäudes gewöhnlich ‘das Schloß’ genannt, empfing. Drei neue Straßen haben seit jener Zeit die Gestalt der Stadt so verändert, daß ich mich mit Mühe darin zurecht finde, und ausnahmsweise kühne Männer haben den Schutz des zur Sommerzeit etwas übelriechenden Wallgrabens verschmäht und sich vor den Thoren angesiedelt, jeder Gefahr keck die Stirn bietend, die innerhalb der Ringmauern der Stadt der Polizeidiener und die Nachtwächter zu verscheuchen verpflichtet sind. Die Priesterkoppel, wo ich durch meinen Papierdrachen Correspondenz mit den Wolken pflog, ist jetzt mit einem Häusermeer bedeckt; [...] und wo wir Knaben früher im idyllischen Spiel mit den Kälbern, Lämmern und Füllen des alten Nahmacher umhersprangen, wird von den gebildeten Töchtern der haute volée jetzt Polka-Masurka eingeübt. Die Straßen sind auf’s Beste gepflastert, und von den Thoren der Stadt aus gehen directe Chausseen nach Hamburg, Paris, Berlin und St. Petersburg. [...] Posten [Postkutschen] und Extra-Posten gehen unablässig, richtige Zeit haltend, hin und her durch die Straßen; Equipagen mit und ohne Kammerjungfern [...] halten vor einer Unzahl von Gasthöfen. Die vorzugsweise ‘Reisende’ genannte Nation, mit dem herrschenden Stamm der Weinreisenden an der Spitze, ist völkerwandernd und völkerbeglückend über die Stadt ausgegossen und sucht die Segnungen einer im steten steigen begriffenen Civilisation über die inwohnenden Schuster und Schneider zu verbreiten. Die sie selbst haben in aller Stille den jeden National-Ökonomen erschreckenden Beweis geliefert, daß trotz aller hemmenden Heimathsgesetze und Zuzugshinderungen eine Bevölkerung von 1200 Einwohnern in vierzig Jahren im Stande ist, sich durch Kraft und Ausdauer auf 2500 zu bringen.


Wie ganz anders war es in meinen Kinderjahren. Ungefähr monatlich einmal zog kothbespritzt ein einsamer Probenreiter [Vertreter mit Musterkoffer] auf buglahmem Gaule in die Thore der Stadt ein, und erkundigte sich in ergötzlichem, ausländischem Dialekte bei einem Straßenjungen, etwa bei mir, nach dem einzigen Gasthofe des Städtchens. Unter uns Rangen entspann sich dann ein lebhafter. Streit, wer den Fremden zu Toll’s, später Schmidt, später Beutel, später Kämpfer, später Kossel, später Holz, jetzt Clasen, geleiten sollte, bis wir uns zuletzt denn darüber vereinigten, ihm sämmtlich das Comitat zu geben, dem sich dann noch einige ältere Personen anschlossen und darüber debattirten, ob dies derselbe sei, der vor einem Jahre, oder vor drei Jahren die Stadt beglückt habe. Kein Kellner empfing den Unglücklichen – dies Geschlecht war damals noch nicht geboren - er war gezwungen, sein Rößlein selbst in den Stall zu führen; seiner selbst wartete in den Räumen des Hotels von allen Erquickungen, welche der Scharfsinn der Menschen seit dieser Zeit erfunden hat – nur holländischer Käse.
Posten kamen damals auch, und zeichneten sich durch die Zufälligkeit ihrer Ankunft aus. Zur Herbst-, Frühjahrs- oder Winterzeit namentlich kam gewöhnlich der Postillon auf einem Vorderpferde voraufgesprengt und brachte die tröstliche Nachricht, die Post würde bald kommen, sie wäre schon beim Bremsenkrug; "aewer dor is Sei tau Senk drewen", war dann der erfreuliche Nachsatz, welcher dann eine gründliche Nach- und Ausgrabung zur Folge hatte. Endlich kam dann ein hellblau angestrichener, durch Ketten und Eisenstangen auf’s Mannigfalltigste versicherter, mit acht Pferden bespannter offener Kartoffelkasten in die Stadt hinein gerumpelt, auf dessen quer über die Leiterbäume gelegten Bänken eine Anzahl halb ‘verklamter’ Unglücklichen, wie Schafe zur Schlachtbank, zum Posthause gefahren wurden, wo dann eine Sonderung zwischen den Schafen und den Böcken ["blinde" Passagiere, die nichts bezahlt hatten] eintrat. Die Böcke blieben vor der Thür, die Schafe gingen in’s Posthaus, und wurden dort von dem Postschreiber, der in einer Art Vogelbauer saß, welches er sein Comtoir zu nennen beliebte, den Vexationen [Qualen] unterworfen, von denen die Böcke befreit blieben. Die Naivetät, die sich in dieser Staatseinrichtung aussprach, ging soweit, daß, als der Postschreiber seine postalischen Bemerkungen irrthümlich auf einen vor der Thür stehenden Bock ausdehnen wollte, ihm derselbe trocken zur Antwort gab: "Sei hewwen mi nicks tau seggen, ick bün en Buck."

Wo jetzt in starrer, trockner Regelmäßigkeit die Chausseen sich hinziehen und das Auge blenden und ermüden, wo lange Reihen langweilig congruenter Pappeln den Wanderer gleichsam zum ewigen Spießruthenlaufen verdammen, wand sich damals der Weg in lieblich mäandrischer Krümmung durch pittoreske Alleen gekröpfter Weiden dahin und bot dem Auge in Gestalt von Pfützen und knietiefen Geleisen die Mannigfaltigkeit von Berg und Thal und See. Den etwa Strauchelnden nahm die liebende Mutter Erde in ihrem weichen Schoße auf, und entließ ihn nur mit einem Andenken an sich.

Leider war mit diesen malerischen Ergötzlichkeiten eine gewisse Unbequemlichkeit des Reisens verbunden, die uns während der Wintermonate außer Verkehr mit der Welt versetzte, und nur entschiedenen Wagehälsen erlaubte, die heimathlichen Thore zu verlassen. Ich entsinne mich noch, daß ein Kaufmann unserer Stadt, der vielleicht überseeischen Handel betreiben mochte, sich bestimmt aber durch sehr gewagte Speculationen in Feuerschwamm, Lorbeerblättern und Korinthen vor feinen Gewerbsgenossen auszeichnete, tags vor seiner Abreise nach Hamburg im blauen Leibrock mit blanken Knöpfen und wildledernen Handschuhen – das Glacé war noch nicht erfunden – in der Stadt, Haus bei Haus, auf Leben und Sterben Abschiedsvisiten machte. Wie er nach der Kirche, in der er das heilige Abendmahl genommen, auch zu uns kam, allen die Hand reichte und in tiefer Rührung das Haus verließ. Ich sehe meine Tante Christiane noch, wie sie ihm mit vorgerecktem Halse nachsah, bis die sturmbewegten Schöße seines neuen Leibrocks hinter der Apothekerecke verschwanden; ich höre sie noch in die Worte ausbrechen: "Ne! Wat is ‘t’ för ein Minsch!" Der Mann kam nicht wieder. Dunkle Gerüchte von, zu Schadenkommen’ und ‘Halsbrechen’, und dann wieder von einer verfehlten Lorbeerblätterspeculation und demnächstiger Abreise nach Batavia, kamen uns freilich zu Ohren. Gewißheit ward uns aber nicht zu Theil, und selbst den aufklärenden Talenten der Polizei ist es nie gelungen, das obwaltende Dunkel zu enthüllen.

Die mannigfachen Verkehrshinderungen, die aus dem Schlamme lehmiger Vicinal-Wege [ländliche "Nachbarschafts"wege] emporwuchsen, wurden von einer unverwöhnten Bevölkerung mit stoischem Gleichmuthe als unvermeidliche Erdenübel hingenommen, und nur dann, wenn die trocknenden Frühlingswinde und die warme Junisonne die Hauptschlachten gegen die Einflüsse des Winters geschlagen hatten, rüstete sich die Besatzung eines Chaisewagens, die den vielversprechenden und wohlklingenden Namen einer Wege-Besichtigungs-Commission führte, als fliegendes Corps die Niederlage des nordischen Herrschers zu vervollständigen und seine Spur von der Erde zu vertilgen. So ein Sommerfeldzug hatte seine behaglichen Seiten. Das Terrain war bekannt, die Etappenörter nicht zu weit belegen, das Land mit allem reichlich versehen, und klüglich wußte man es so einzurichten, daß man zum Frühstück bei Pächter X. eintraf, dessen Frau als Verfasserin der besten Schinken bekannt war, zum Mtttag beim Pächter Y., der schon vorläufig den Tod eines fetten Kalbes annoncirt hatte, und zu Abend beim Gutsbesitzer Z., der noch neulich durch die Größe seiner Karauschen eine Wette gewonnen hatte.

Die Geschäfte der Commission waren angenehmer Natur; man sah von der Höhe des Chaisewagens auf die verharrschten Wunden der Wege hinab, man freute sich darüber, daß nun alles wieder so schön in Ordnung sei, und stieß man einmal zufällig auf eine auffallend tiefe Narbe, so überließ man sich dem wohlthuenden Gefühle, welches wir empfinden, wenn es draußen stürmt und regnet, und wir am warmen Ofen sitzen; man freuete sich, daß man nicht während des Winters in diesem schrecklichen Loche sitzen geblieben sei, und verordnete Schönpflästerchen für die widerwärtige Narbe, deren Applicirung in Gestalt von Wegebesserungen den einzelnen Gutsinhabern zur Pflicht gemacht wurde. Dadurch kam denn nun eine neue Noth über unsere kleine Welt. Zehn bis zwölf Tagelöhner wurden zu einer Zeit, in der sonst nichts Nützliches, etwa des vielen Regens wegen, gethan werden konnte, unter Anleitung eines Wirthschafters, der noch sehr in den Anfangsgründen des Nivellirungs-Systems steckte, längs des Weges in die Gräben gestellt und angewiesen, Koth, Schlamm und Rasen ja mitten in den unseligen Weg zu werfen; in die vorzugsweise halsbrechenden Stellen wurden abgesammelte Feldsteine und Bauschutt gestürzt, und ‘Knüppeldämme’ wurden angelegt, Besserungsanstalten für sonst unverbesserliche Idealisten, nutzanwendungsreiche Predigten über die Hinfälligkeit der menschlichen Natur und Kasteiungen des Fleisches, die in tiefgehender Wirkung alles übertrafen, was La Trappe jemals ersonnen hat. Ein gebesserter Weg war der Schrecken der Umgegend, und ich entsinne mich noch, wie ein wohlmeinender Pächter einmal zu meinem Vater sagte: "Führen S’ den annern Weg; jo nich desen! desen hewwen wi betert." (Reuter: Meine Vaterstadt Stavenhagen, S.114-119)