29 September 2009

Garibaldi

Sie lässt den Mönch im Collosseum sprechen, den Tod die Feier der Anführer der Schlacht von Velletri belauschen, beobachtet am französischen Gedandten in Rom jene 'kindlich vornehme Sinnesart', "die nur gerade und ungerade Wege kennt und für welche die letzteren nicht einmal in Betracht kommen". Sie schreibt als Neo-Romantikerin mehr als als Historikerin, Ricarda Huch, in ihrem historischen Roman über den italienischen Freiheitskämpfer.
Mazzini lässt sie vom "Schmelz von den Flügeln meiner Freude" sprechen.

Was mir den Text zum historischen Roman macht, braucht nicht zu heißen, dass sie dafür nicht grundlegende Forschung betrieben hat. Im Ricarda-Huch -Artikel von Wikipedia heißt es dazu: "In dieser Zeit erarbeitete sie als erste die Geschichte der italienischen Einigung „Risorgimento“ unter der Führung von Giuseppe Garibaldi. Weil sie sich mit dieser Forschung Verdienste um Italien erworben hatte, wurde sie von den italienischen Faschisten geschätzt, weshalb sie im nationalsozialistischen Deutschland nicht verfolgt wurde."

27 September 2009

Owen Tudor

Owen Tudor, die sagen- und märchenhafte Erzählung des Romantikers Achim von Arnim, handelt von Owen Tudor dem Stammvater des englischen Königshauses Tudor. Sie ist in eine Rahmenerzählung eigebettet, die von einer Postkutschenfahrt berichtet, auf der eine unbekannte Waliserin ihre Reisegefährten mit der Sage von Owen Tudor unterhält.

Owen Tudor wird in jungen Jahren an den französischen Hof bestellt, wo er der eigenwilligen Prinzessin Katharina (historisch: Catherine de Valois (1401–1437)) als Page zu dienen hat. Einerseits schlägt sie ihn, andererseits kann sie nicht aufhören, ausgiebig mit ihm zu tanzen. Als Katharina den englischen König Heinrich V. heiraten soll, nimmt sie beim Abschied Owen den Schwur lebenslanger Treue ab. Als Heinrich relativ bald darauf stirbt, trifft sie wieder auf Owen, als sie Heilung bei einer Wallfahrtsstätte des heiligen Benno sucht. Die Legende besagt, dass, wer in dem heiligen Teich statt seines Spiegelbildes das des Heiligen sehe, geheilt werde. An dieser Wallfahrtsstätte führt inzwischen Owen den frommen Betrag des vorigen Einsiedlers fort, der dort tauchend das Gesicht des Heiligen darstellte. Er entdeckt sich seiner früheren Herrin, und diese erreicht durch allerlei Täuschungen ihres Hofes, dass sie ihn heimlich als den Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes heiraten kann.

In der Rahmenhandlung stellt sich die erzählende Waliserin als Betrügerin heraus, die im Auftrag einer hohen Adligen deren uneheliches Kind als ihr eigenes ausgibt, um deren Ruf zu retten. Sie gewinnt die Unterstützung der Mitreisenden, die den sie verfolgenden Konstabel in einem Tanzgottesdienst der Jumpers, einer methodistischen Sekte, festhalten, bis die Waliserin mit ihrem Geliebten einen sicheren Vorsprung gewonnen hat.

Haupt- und Rahmenhandlung sind durch das Motiv des Tanzes verbunden. Erlebt Owen, der begnadete Tänzer, als junger Page zunächst die Tanzwut seiner Herrin als lästig, kann er sie später als Zeichen ihrer Zuneigung deuten. In der Rahmenhandlung will der Presbyterianer aus der Reisegruppe zunächst die Jumpers als gefährliche Sekte verfolgen und alle ihre Mitglieder hinrichten lassen, doch dann hält er den Konstabel im Gottesdienst der Jumpers fest, indem er ihn in das wilde Springen der Gottesdienstbesucher hineinzieht.
Ein weiteres verbindendes Motiv sind die verkleideten Personen, die zunächst unerkannt den Lebensweg Owens lenken, und die verkleidete Waliserin, die ihre Mitreisenden zu ihren Helferinnen macht. Das Motiv der unerkannten Lebenslenker tritt in der Romantik häufiger auf, seine wohl bekannteste Ausformung hat es in der deutschen Literatur aber als Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre erhalten.
Die Erzählung vom Stammvater des englischen Königsgeschlechtes erscheint mehrfach ironisch gebrochen. Zum einen verpflichtet die Herrin ihren Pagen genau in dem Augenblick zur Treue, wo sie selbst die Ehe mit einem ungeliebten Mann eingeht. Zum anderen gewinnt Owen sie zur Frau, weil er den Eremiten spielt, als solcher die Pilger ständig betrügt und seine geistliche Würde benutzt das Gefolge der Königin zum Narren zu halten. Schließlich wird diese Erzählung von der endlich erfüllten Lebensliebe von einer Frau vorgetragen, die eine außereheliche Beziehung deckt.
So wird nicht nur die Heiligenlegende von Benno ironisiert, sondern auch die der treuen Liebe Owen Tudors. Schließlich ist eine der Lebensregeln, die dem jungen Owen auf den Weg gegeben wird, sich nicht zu schämen. Der wird er gerecht, indem er sich nicht schämt, Pilger zu betrügen und die Königin aus dem Kreis ihrer Höflinge zu entführen.
Die Rahmenerzählung hat einige Ähnlichkeit mit der des weit bekannteren Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff, steht aber selbstverständlich in einer weit längeren Tradition, in der Giovanni Boccaccio eine wichtige Rolle gespielt hat.

23 September 2009

Der Ägypter

Sie "halten das, was die Reichen wünschen, für Recht, und das, was die Armen wünschen für Unrecht" sagt der hethitische Archivar dem reisenden Ägypter Sinhue. Und damit spricht er aus, was in fast allen Gesellschaften der Erde zu fast jeder Zeit gegolten hat.
Wenn er hinzufügt "Für uns ist Recht, was wir wünschen, und Unrecht, was die Nachbarvölker wünschen", so ist auch das eine Aussage, die für viele Völker in der Geschichte gegolten hat und selbst in der Europäischen Union immer wieder einmal hervorgeholt wird, wenn es sich über den Agrarhaushalt oder über Umwelschutzregeln zu einigen gilt.
Freilich wenn er seinen Herrscher zitiert "Gebt mir dreißig Jahre - und ich mache aus dem Lande [...] das mächtigste Reich, das die Welt je geschaut hat", so erinnert uns das an eine ganz bestimmte Person und ihre Herrschaftspläne.
In der Tat ist der Roman Sinhue der Ägypter des Finnen Mika Waltari 1945 erschienen, zu einem Zeitpunkt, als klar war, was aus den "vier Jahre Zeit", die Hitler bei der Durchsetzung des Ermächtigungsgesetzes im deutschen Reichstag gefordert hatte, für Deutschland und die Welt geworden war.
Resigniert, ungläubig und altersweise ist der Erzähler dieses Romans, der von einer altägyptischen Erzählung angeregt wurde.
Man kann den Roman als Kulturgeschichte der antiken Welt lesen, aber er enthält auch Treffenderes über unsere Gesellschaft, als mancher hochgelobte zeitgenössische Bestseller zu bieten hat.
Comic Relief verschafft der Sancho-Pansa-artige Sklave Kaptah, der zudem wie Obelix über die Fähigkeit verfügt, seinen Herrn aus den schwierigsten Situationen letzlich unbeschadet entkommen zu lassen und anders als Don Quichote allen Rückschlägen und altruistischer Eskapaden zum Trotz reich zu bleiben.
Den konkreten historischen Hintergrund bietet der Versuch des Pharao Amenophis IV. als Echnaton (Acheaton) den Gott Aton an die Stelle des Obergottes Amun (Ammon) zu setzen. In diesem Zusammenhang wird der spätere Pharao Haremhab in seiner Rolle als oberster Feldherr eingeführt.

11 September 2009

Wie Spucke im Sand

Munli, die Heldin von Klaus Kordons Roman "Wie Spucke im Sand", hat manche Gemeinsamkeit mit Barrak Obama. Das wäre mir in dem 1987 erschienenen Buch nicht aufgefallen, wenn nicht an zentraler Stelle im Buch die Heldin bekennen würde, dass sie so von Hass erfüllt war, dass sie bereit war, einen fremden Menschen ohne weiteres Motiv als Hass schwer zu verletzen. "Da erwachte ein so tiefer Hass in mir, dass ich ihm Luft verschaffen musste", berichtet Munli (S.137) und fährt fort "Es fiel mir schwer, das aufzuschreiben. Doch nun ist es heraus, und ich bin froh darüber."

"Ich könnte einer von ihnen sein", heißt es in Obamas "Ein amerikanischer Traum" (S.278), als er sich vier ihn bedrohenden Jugendlichen gegenüber der "selbstgerechten Empörung" seiner Jugend erinnert. Und als entscheidenden Unterschied sieht er: "Ich habe diese schwierigen Jahre in einer nachsichtigeren Welt verbracht. Diese Jungen können sich keinen Fehler leisten."