31 Juli 2008

Drosselstein und Finkenstein

Fontanes "Vor dem Sturm" von de Bruyn sorgfältig betrachtet auf historisch-geographische Bezüge und dichterische Verwandlung. Im Mittelpunkt natürlich Marwitz und sein Friedersdorf, das Hohenvietz bei Fontane.

de Bruyns Brandenburg

De Bruyns "Mein Brandenburg" und Fontanes Briefe haben mich wieder auf die "Wanderungen" blicken lassen, aus neuer Perspektive.
Und daneben der nicht auf Geld angewiesene Erfolgsautor Fouqué. Von de Bruyn durchaus mit Mitgefühl dargestellt; aber welch ein Unterschied zu seiner genauen Nachzeichnung der Arbeit Fontanes, des "fahrenden Wanderers"

25 Juli 2008

Konsumismus

Der Politologe B. Barber stellt in "Consumed" heraus, dass der Kapitalismus der letzten Jahrzehnte zum Konsumieren verführen müsse und daher die Erwachsenen in den Infantilismus zu treiben suche, so wie er sogar schon Kleinkinder zu unabhängig von den Eltern agierenden Verbrauchern zu machen suche. Markentreue erzielen lässt sich besonders gut, wenn man schon bei Zweijährigen ansetzt.
Besonders beängstigend sind für mich seine Hinweise auf die Privatisierung von Sicherheit, Milliardensummen, die dafür an Privatfirmen fließen und Privatfirmen, die nebenbei auch einmal Terroristen ausbilden.
Interessant seine Aussage über das Kaufen in Shopping Malls. Nach Erhebungen kommt nur jeder vierte Besucher mit einem bestimmten Kaufwunsch dorthin (sieh S.55)

24 Juli 2008

de Bruyn schämt sich

Der hohe moralische Standard, den de Bruyn an sich und andere anlegt, wird deutlich daran, wofür er sich - laut Aussage in seiner Autobiographie - schämt.
So dafür, der Stasi - aus Angst - nicht früh genug deutlich genug gemacht zu haben, dass sie in ihm keinen inoffiziellen Mitarbeiter werde gewinnen können.
Dass die Stasiunterlagen dennoch angebliche Berichte von ihm enthalten, erledigt er mit ein, zwei Sätzen über die Probleme, die Stasioffiziere angesichts der Forderung nach Erfolgsmeldungen hatten.
Und ich glaube ihm seine Scham und damit selbstverständlich, dass er der Stasi nie Informationen verschafft hat. Zu genau analysiert er all das, worüber er glaubt, Auskunft geben zu sollen.

22 Juli 2008

Reni

Acht Jahre währt die unerfüllte Liebe, deren höchstes Ziel war: ein Jawort auf die Frage, ob sie seine Freundin sein wolle. Acht Jahre verfolgt er sie mit Blicken in ihren Garten beim Krokettspiel und abendlichen Festen im Lampionschein. Gut angezogen, von dunkler Schönheit ist sie Ziel seines Begehrens, "gleichaltrig mit mir, also älter" und auch von Älteren umworben bleibt sie unerreichbar. Annäherung hilft, die Liebesqualen zu ertragen.
Die Erfahrung gleicht der, die Frisch mit Brecht hatte: In der Entfernung wuchs seine Größe bis ins fast nicht Erträgliche, in seiner Nähe half er durch Unscheinbarkeit (Frischs Tagebücher).
Acht Jahre kann die Liebe dauern, weil die entscheidende Frage nie gestellt wird.

10 Juli 2008

Weiter Raum

Bei vielen anderen Wissenschaften bedeutet die Beachtung der internationalen Diskussion schlicht die Beachtung eines kohärenten Ganzen. In der Theologie bedeutet internationale Diskussion wegen der engen Anbindung von Theologie an Lebenswelt oft eine gewaltige Ausdehnung des Argumentationsraumes.
Für mich eine Erfahrung, wie internationale und ökumenische Diskussion auf Bonhoeffer, Küng und Sölle gewirkt haben, und nun Moltmann.
Daher "weiter Raum", auf den Gott des Menschen Füße stellt.

Doch da sind die beeindruckenden Bilder, die er in engsten Räumen, in Aufzügen, ansiedelt: die Schnitzeljagden der Kinder und die Kampfgesänge der zum Galgen geführten Anti-Apartheidskämpfer, die die schwarzen Putzfrauen in den Aufzügen singen.

05 Juli 2008

Der Engel eines großen Glücks

„Durch die kleine weiße Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines großen Glückes.“

So schließt das Buch. Man kann es dem Enkel Ludwig Ganghofers nicht ganz verdenken, dass er die Ausgabe von 2003 unter seinem Schriftstellernamen Stefan Murr so bearbeitet hat, dass die folgende etwa eine Seite davor stehende Passage jetzt fehlt:
Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die Straße, daß die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Häusern sprangen. Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still, ganz still. Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustür. Er schien die Dienstboten nicht zu sehen, die sich in Stall und Scheune verzogen. Schmunzelnd hob er die Faust, betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf: »Mein lieber Herrgott, ich dank dir, daß ich bloß den Riem in der Hand ghabt hab! Und net die Brechstang! Jetzt hätte ich nimmer gfragt, mit was ich zuschlag.« Er blies die Backen auf und ging zur Straße.
Vor dem Zaun des Försterhofes stand die Horneggerin, mit dem Netterl auf den Armen. »Aber Andres! Andres!« rief sie den Bauer an. »Du wirst doch um Gottes willen dein Weib net prügelt haben?«
»Und ghörig auch noch!« lautete die ruhige Antwort. »Sie hat's verdient. Und gsunde Schläg, dös is noch 's einzige, was ihr Mores beibringt. Ihr Vater hat's versäumt. Jetzt hab ich's wieder eingholt. Heut hat s' Respekt vor mir! Heut hat s' betteln können: Verzeih mir's, Andres, verzeih mir, lieber Andres! Jaaa, ›lieber‹ hat s' gsagt! Paß auf, Nachbarin, aus der mach ich noch die Brävste. Jetzt weiß ich, was hilft bei ihr. Paß auf, die kriegt mich noch gern!«

Schließlich ging es ihm laut Klappentext darum „die Stärken der Klassiker [gemeint sind Ganghofers bekannteste Romane] zeitgemäß und unverfälscht ins Bewusstsein des heutigen Lesers zu rücken“. Und da sich beides nicht gut vereinen ließ, hat er sich eben entschieden.

02 Juli 2008

Unterhaltung oder Zumutung?

Leonie Ossowski hat schon bessere Bücher geschrieben als "Der einamrmige Engel", und ein bisschen sorgfältiger hätte die Lektorin ihre Arbeit auch tun können.
Doch dass ich mir bei der Lektüre immer wieder Stellen unterstrichen habe, wo Autorin wie Lektorin geschlampt haben, liegt doch auch daran, dass ich nicht glaube, dass jemand nur deshalb, weil seine Großeltern Großgrundbesitzer waren, unbedingt seinen Beruf aufgeben und seinerseits groß in die Landwirtschaft einsteigen muss.
Wie müssen die Figuren schwarz-weiß gezeichnet werden, wie muss die Handlung gegen jede Psychologie zurechtgebogen werden, damit wenigstens die Fiktion einer solchen Erbverpfichtung herauskommen kann!
Wieso soll ich glauben, dass jemand eine Stelle in Kanada, die er nur auf Probe hat, aufs Spiel setzt, nur um einen weiteren Versuch zu machen, seinem Vater etwas auszureden, von dem er schon vorher deutlich genug gemacht hat, dass er es für Unsinn hält?
Die Erzählung fließt freilich munter daher, es fehlt nicht an Beziehungskonflikten und neuer Liebe, selbst ein treuer Hund und ein Schatzfund sind dabei.
Warum nur nehme ich Ganghofer in Schutz und verweise darauf, dass neben den Klischés auch Charakterschilderung vorkommt, warum gelingt mir das bei diesem Buch nicht?
Ich denke, es liegt daran, dass der Name Ossowski für mich bisher durchaus mit respektabler Jugendliteratur verbunden war, nicht mit einer Kreuzung von Heimatkitsch und sozialistischem Realismus.
Jetzt lief er querfeldein. Die Erde heftete sich an die Schuhe, machte sie schwer und das Vorwärtskommen mühsam. So mußte es sein, so war der Gang des Großvaters gewesen, die Zeit zum Gebet.

Die Symbolik dieser Sätze, die Charaktere Ludwig und Katrin, die weder schwarz noch weiß sind. Das ist dann eben doch ganz anderes als Kitsch.
Es sollte einem Text nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass die Verfasserin auch Stern ohne Himmel und Wilhelm Meisters Abschied geschrieben hat. So wie mann auch einem weiten Feld nicht zum Vorwurf gemacht werden sollte, dass der Verfasser die Blechtrommel geschrieben hat.