27 Februar 2008

Pauline Brater

Pauline wird in eine lebensfrohe Familie von Naturwissenschaftlern hineingeboren und geht daher lebenslang selbstverständlich mit Naturwissenschaften um. Sie heiratet einen Juristen, der aus einer sehr korrekten und pflichtbewussten Familie stammt, ist, wie er vor der Hochzeit zu Recht sah, "schmiegsam" und passt sich trotz eifrigen Widerspruchs in den ersten Ehejahren an das entbehrungsreiche Leben eines demokratischen Juristen in Bayern vor 1848 an.
Ihre Berichte von ihrer Jugend müssen aber sehr lebhaft gewesen sein, denn ihre Tochter Agnes schreibt nach der Biographie ihrer Mutter "Die Familie Pfäffling". Sie schreibt es unter dem Namen Agnes Sapper, aber es lebt aus dem Geist der Familie ihrer Mutter, der Familie Pfaff.

10 Februar 2008

Komm, Liebchen, komm

Komm, Liebchen, komm! umwinde mir die Mütze!
Aus deiner Hand nur ist der Tulbend schön
Hat Abbas doch auf Irans höchstem Sitze
Sein Haupt nicht zierlicher umwinden sehn!

Ein Tulbend war das Band, das Alexandern
In Schleifen schön vom Haupte fiel
Und allen Folgeherrschern, jenen Andern,
Als Königszierde wohlgefiel.

Ein Tulbend ist's, der unsern Kaiser schmücket,
Sie nennen's Krone. Name geht wohl hin!
Juwel und Perle! sei das Aug entzücket!
Der schönste Schmuck ist stets der Musselin.

Und diesen hier, ganz rein und silberstreifig,
Umwinde, Liebchen, um die Stirn umher!
Was ist denn Hoheit? Mir ist sie geläufig!
Du schaust mich an, ich bin so groß als er.

Im Gedicht Vier Gnaden hatte Goethe noch den Osten gegen den Westen ausgespielt Den Turban erst, der besser schmückt Als alle Kaiserkronen und den Turban vor Zelt, Schwert und Lied als erste der Gnaden genannt.
Hier betont er das Gleichartige. Seinen Wert fühlt der Geliebte, wenn er mit den Augen der Liebe gesehen wird. Ob Turban, Krone oder Tuch, ist dabei egal.
Im Eintrag When in disgrace sehen wir dann die Liebe noch weit höher gestellt.

Hegire

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen,
Soll ich Chisers Quell verjüngen.

Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr' in Erdesprachen,
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Wo sie Vater hoch verehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten;
Will mich freun der Jugendschranke:
Glaube weit, eng der Gedanke,
Wie das Wort so wichtig dort war,
Weil es ein gesprochen Wort war.

Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Karawanen wandle,
Schal, Kaffee und Moschus handle.
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten.

Bösen Felsweg auf und nieder
Trösten Hafis deine Lieder,
Wenn der Fuhrer mit Entzücken,
Von des Maultiers hohem Rücken,
Singt, die Sterne zu erwecken,
Und die Räuber zu erschrecken.

Will in Bädern und in Schenken,
Heil'ger Hafis dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet
Schüttlend Ambralocken düftet.
Ja des Dichters Liebesflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.

Wolltet ihr ihm dies beneiden,
Oder etwa gar verleiden;
Wisset nur, daß Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ew'ges Leben.

Hegire, in deutscher Umschrift meist als Hedschra, das Exil Mohammeds, der Mekka verlässt. So denkt sich Goethe am 24.12.1814 in Jena aus den Befreiungskriegen fort in einen Osten des Dichters Hafis, der sich seinerseits gegen tyrannische weltliche Herrschaft im Persien des 14. Jahrhunderts und gegen strenge Glaubensgebote des Islams auflehnte, und schrieb seinen west-östlichen Divan.

When in disgrace

When in disgrace with fortune and men's eyes,
I all alone beweep my outcast state,
And trouble deaf Heaven with my bootless cries,
And look upon myself, and curse my fate,
Wishing me like to one more rich in hope,
Featur'd like him, like him with friends possess'd,
Desiring this man's art, and that man's scope,
With what I most enjoy contented least:
Yet in these thoughts myself almost despising,
Haply I think on thee,--and then my state
(Like to the lark at break of day arising
From sullen earth) sings hymns at heaven's gate;
For thy sweet love remember'd such wealth brings
That then I scorn to change my state with kings'.


Der Liebende, der seine Geliebte mit tausend Sonnen vergleicht, kann nicht höher greifen, als der Sprecher hier: Wenn ich mein Schicksal verfluche, brauche ich mich nur an deine Liebe zu erinnern, um mein Los nicht mit einem Könige zu tauschen.
Wir wissen doch, wie der gegenwärtige Schmerz uns ganz ausfüllt, wie die gegenwärtige Stimmung uns die sonst höchsten Genüsse schal werden lässt, wie Erinnerungen an vergangenes Glück uns wehmütig machen. Und hier: ein Jubelgesang am Himmelstor, wo eben noch ich mein Schicksal verflucht habe. Alles das soll nicht gegenwärtige, sondern vergangene, nur erinnerte Liebe bringen.

07 Februar 2008

Wallenstein

Golo Mann ist der einzige Historiker, der den angesehensten deutschen Literaturpreis, den Büchner-Preis, erhalten hat. Außerdem hat er sich einen Gegenstand gewählt, den Friedrich Schiller in seinem ambitioniertestes Theaterstück bearbeitet hat.
Für ein so detailreiches Geschichtswerk ist es erstaunlich gut zu lesen.
Wie viel besser er seinen Helden zu verstehen glaubt, als ein bloßes Aktenstudium hergibt, ist freilich manchmal erstaunlich:
Wenn die von ihm gelegentlich formulierten Bedingungen grimmig klangen, so war es Illusion des Augenblicks oder verbale Anpassung an das, was in Wien oder Prag geredet wurde. In der Logik seines Denkens lag es nicht, aber die mag ihm nur allmählich bewußt geworden sein.

So schreibt Golo Mann in seiner Monographie mit dem bezeichnenden Titel "Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann"