30 Juli 2007

Aus dem Gefängnis heraus betteln

Ich erinnere mich nicht, in Alatri von Bettlern angesprochen worden zu sein, wie man sie überall in der Sabina und im Albanergebirge scharenweise nach sich zieht. Doch dort betteln aus ihrem Kerker heraus Gefangene - ein wunderlicher Anblick, den man übrigens in fast allen römischen Orten haben kann. Während unsere strengen Systeme des Gefängniswesens darauf hinzielen, den Schuldigen soviel als möglich von der Welt abzusondern, ja ihn wie einen verpesteten Gegenstand in die Zelle einzumauern, gönnt ihm hier die Toleranz des Südens wieder einen zu großen Spielraum. Ich hörte oft Gefangene in römischen Städten die heitersten Lieder hinter ihren Gittern singen, in Ritornellen denen auf der Straße antworten, oder ich sah sie mit der Gebärdensprache zum Fenster hinaus Geschichten erzählen, die der Fremde freilich nicht versteht. Nun aber ist ihnen selbst das Betteln noch im Kerker gestattet. Diese Verbrecher, oft nur um geringe Vergehen bestrafte Nichtstuer, strecken ein langes Rohr aus dem Gitter heraus, an welchem mittels eines Fadens ein leinenes Beutelchen befestigt ist. Zwei, drei, vier solcher Rohrstangen sieht man zu gleicher Zeit in Bewegung, und die sie herausstrecken, gleichen den Anglern, welche mit der größten Seelenruhe ihr Rohr in den Händen halten, um es heraufzuziehen, wenn der Fisch angebissen hat. So baumeln dort die leeren Beutelchen in der Luft hin und her; geht nun jemand an dem Gefängnis vorüber, so senkt sich Angelrohr und Beutel ihm vor der Nase nieder, und der Gefangene bittet um der Madonna willen, ihm ein Geldstück hineinzulegen. Er ist nicht minder vergnügt, wenn man ihm eine Zigarre hineinsteckt, die er dann mit Wohlbehagen hinter den Eisenstäben rauchen wird; hat er aber ein paar Bajocci erhascht, so läßt er sich Wein holen, oder was ihm sonst wünschenswert erscheint. Ich konnte diese klassische Art zu betteln niemals ohne Heiterkeit betrachten und mußte mich stets der Sage erinnern, welche von Belisar erzählt, daß er aus dem Fenster seines Turms die Vorübergehenden angebettelt habe - wenigstens zeigt diese Fabel, daß jene Toleranz sehr alt ist, und vielleicht streckten die Gefangenen aus den Kerkern schon in alten Römerzeiten solche Rohrangeln hervor.

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien, Aus den Bergen der Herniker (nach gutenberg.de)

29 Juli 2007

"Der letzte Mohikaner" revisited

Wie Hawk-eye, ich kannte ihn bisher nur als Falkenauge, über das Kampffeld geht und sicherheitshalber alle Indianer ins Herz sticht. Der kurze Aufenthalt, der sich dadurch ergibt, dass Chingachgook den französischen Posten, den man durch französische Anrede geschickt getäuscht und damit umgangen hat, nebenbei doch noch tötet und skalpiert. (14. Kapitel) Ich glaube, ich habe die Vorgänge in meiner Jugendausgabe des "Lederstrumpf" damals wohl nicht überlesen, sondern wohl gar nicht vorgefunden, genauso wie die Bewunderung Hawk-eyes für die Expertise, mit der Chingachgook den noch rauchenden Skalp, den sein Sohn Unkas erbeutet hat, völlig sicher seinem Indianerstamm zuordnet.
Die Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert, die ich jetzt gelesen habe, beeindruckt andererseits auch durch große Genauigkeit und deutliche Hinweise auf den Rassismus Hawk-eyes und des schottischen Majors.

Harry Potter Band 7

Der siebte Band von Harry Potter lässt deutlicher als vorhergehende erkennen, welche Elemente der Erzählung für Kinderunterhaltung gedacht sind und welche den Entwicklungsroman enthalten.
Dabei bin ich aber überzeugt, dass Rowling sich nicht überwinden muss, die Kinderteile zu schreiben.
Die Aktionsszenen, Verfolgungsjagd, Entkommen, überraschende technische/zauberische Möglichkeiten machen gewiss auch ihr selbst Spaß. (Da ist James-Bond-Faszination für die kleinen und großen Jungen in uns wirksam.)
Schilderungen des Schullebens (im 7. Band der Hochzeit und ihrer Vorbereitungen) mit ihrer Entwicklung sozialer Konstellationen, dem Aufzeigen ungeliebter Zwänge und den verschiedenen Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind wohl für das Mädchen in uns.
Das Verhältnis zur Pflegefamilie, die nicht pflegt, die Unsicherheiten gegenüber der Aufgabe, von der man nur weiß, dass sie da ist, aber "keinen Peil hat", wie sie angegangen werden soll, das ist typische Konstellation für Pubertierende. So wie auch Freundschaften und Feindschaften, Spannungen innerhalb einer Freundschaft und die Probleme einer Dreierkonstellation wie die von Harry, Hermione und Ron.
Das Verhältnis von Gut und Böse. Das Böse in uns. Der Umgang mit dem Tod von Freunden und Verwandten und mit dem eigenen. Die Einsamkeit vor einer Aufgabe. Das sind die Probleme von Erwachsenen, damit freilich auch die von Jugendlichen, deren Hauptherausforderung nun einmal darin liegt, erwachsen zu werden.

Jugendbewegung

Das Buch von Else Frobenius (Mit uns zieht die neue Zeit : eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Berlin 1927) habe ich erst vor kurzem entdeckt. (Der Titel ist eine Zeile aus dem Lied "Wann wir schreiten Seit an Seit" von Hermann Claudius (1916).)
Im Unterschied zu anderen Büchern über die Jugendbewegung ist es einerseits um eine möglichst unparteiische, umfassende Darstellung der Bewegung bemüht, andererseits aber noch aus unmittelbarer Beziehung zur Jugendbewegung geprägt. So ist es in einer Sprache gehalten, die für uns Heutige starke Anklänge an die Zeit des Nationalsozialismus hat. Und mit Paul de Lagarde und Julius Langbehn werden außer Friedrich Nietzsche Personen als geistige Vorbilder genannt, die mit mehr oder weniger Recht auch als Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gesehen werden.
Anders steht es mit Ellen Key, von deren Buch "Jahrhundert des Kindes" Frobenius sagt, dass es "die Heiligkeit der Generationen predigt" (S.34).
Den Wandervogel sieht Frobenius als "Zeitphänomen", "Menschheitsphänomen" und "urdeutsches Phänomen" (S.45) sowie als "Weltanschauung" (S.92).
Für das Deutschland vor dem Krieg habe er eine höchst wichtige Verjüngung bedeutet. Die Situation bei der Gründung des Wandervogels sieht sie so: "Die Unterrichtsmethode in den Schulen beruht auf einer mechanischen Aneignung des Lehrstoffs, die das jugendliche Empfinden leer läßt und den Charakter nicht bildet." (S.31) Dies sei in Deutschland besonders schlimm, denn: "Deutschland ist das Land der alten Leute. Offiziere und Beamte gelangen erst mit 40 Jahren, also mit dem Alter, wo die Franzosen sich schon als Rentner zur Ruhe setzen zu einer Lebensstellung, die die Gründung einer Familie ermöglicht." (S.33)
(Anklänge an heutige Sehweisen von Schule und Altersstruktur Deutschlands sind wohl nicht rein zufällig. Das Verhältnis der Jugendlichen zum Wandergedanken, zur Natur und zu deutschem Liedgut ist freilich heute ein deutlich anderes als 1896. Die Unterscheidung von der vorhergehenden Generation läuft heute nicht auf dieser Schiene.)
Als Einführung in den Geist des Wandervogels, z.B. des Nerother Wandervogels, der sich auf Karl Fischer, den Gründer des ersten Wandervogels, beruft, scheint es mir gerade aufgrund seiner Sprache geeignet.

16 Juli 2007

Tür an Tür mit einem anderen Leben

Außerirdische im Weißen Haus (S.30) in "eingerollter" Dimension, Klecker-Lieschens Seelenwanderung (S.25) nach Kanada. Chen Kaiges, des Cannes-Preisträgers Film "Die Ritter des Winds" zugelassen trotz Kunstmärchencharakters und Allzeitshochs in Produktionskosten beim chinesischen Film wegen Oskarhoffnung und der Möglichkeit, eine gesellschaftliche Interpretation unterzulegen der Gestalt, die schneller laufen kann "als das Schicksal folgen kann". (S.19)
Eine japanische Bank beleiht eine rumänische Höhle mit Schwefeloxidierern, die seit 5 Millionen Jahren nur Luftaustausch, aber kein Sonnenlicht mit der Außenwelt verband. (S.23)
Absonderliches jeder Art beobachtet Alexander Kluge. Auf den ersten dreißig Seiten findet sich weit mehr, als hier angesprochen werden kann: Chinas Boom, ein Mädchen im 1. Weltkrieg, das Drängen des Westens auf den Balkan, sol invictus, Homer und Attentate im Irak und Globalisierung sind als Themenanlass oder Bildungszitat in einander verwoben. Die Süddeutsche Zeitung spürt da den "metaphysischen Rausch des Neuen".
Ich rufe innerlich nach dem - was ich als Forderung für Wikipedia für ambivalent halte - nach Belegen. Zu sehr bleibt mir die Aussagekraft bisher noch an den Realitätscharakter gebunden.
Ich vermisse bisher die gestaltende Einheit der künstlerischen Komposition. Genauso, wie es mir mit dem Mann ohne Eigenschaften geht, nur dass mir dort mehr Stellen mit Eigenwert begegnen. Bin freilich noch am Anfang der Lektüre.

Schopenhauer-Kur

Nach Safranskis Einführung mit wichtigen Textbeispielen die beste Hinführung zu Schopenhauer, die ich bekommen habe. Seine Schriften selbst stoßen mich eher ab, zumal ich ihren Stil weit schlechter als den von Nietzsche finde. Für einen Autor, der als Stilist gerühmt wird, für mich nicht gerade ein Kompliment. (Lesbarer als Kant, Hegel, Heidegger und Adorno ist er schon, nur finde ich dort des öfteren mehr, was mich interessiert.)
Dass Schopenhauers Alter Ego (vgl. Theo Wuttke alias Fonty in "Weites Feld" von Grass) in Irvin D. Yaloms Roman einer Psychotherapie unterzogen wird, finde ich nicht so schlecht wie andere, vor allem reizt mich durchaus der Blick in Gruppentherapie und die Sicht ihres Leiters.
Trotzdem finde ich während der Lektüre Abstand genug, diesen Eintrag zu verfassen. Je nach Erwartung ein positives oder negatives Zeichen.

Mehr über den Roman (Beurteilungen und Textauszüge)

09 Juli 2007

Zweites Vatikanisches Konzil

Hans Küng: Erkämpfte Freiheit. Piper Verlag, München 2002.
Interessant u.a. die Witze:

Die Kardinäle Ottaviani und Ruffini wollen sich von einem Taxi "Zum Konzil!" fahren lassen. Dieses fährt nach Norden. "Falsch!" rufen sie. "Ach sagt der Chauffeur, "ich dachte, die Herren wollen nach Trient!"

Rahner and Congar and Kung
Their praises are everywhere sung.
But one fine domani
old Ottaviani,
Will have them all properly hung.

08 Juli 2007

Freiheit und Liebe - Fahrt zum Eierhäuschen

"Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.
Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran, und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli
»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!«
»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«
»Nein... noch nicht«, lachte Melusine."

"Liebe gibt Ebenbürtigkeit." (Woldemar über Joao de Deus und Pastor Lorenzen)

"Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger." (Woldemar über Armgard)

(Fontane: Stechlin, 15. Kapitel)

04 Juli 2007

Statist auf diplomatischer Bühne

Als Chefdolmetscher im deutschen Auswärtigen Amt in Weimarer Republik und NS-Zeit hat Paul Schmidt nicht nur die europäischen Außenpolitiker aus nächster Nähe kennen gelernt.
Nachdem ich nach rund vier Jahrzehnten das Buch wieder in die Hand genommen habe, ist aber sofort wieder Aristide Briand mein Liebling. Das muss wohl an der Vorliebe liegen, die Schmidt für ihn und Stresemann hatte, die beiden Politiker, die gegen heftige innenpolitische Widerstände die außenpolitische Annäherung Deutschlands und Frankreichs voranbrachten und gegen Ende ihres Lebens (Stresemann starb 1929, Briand 1932) schon absehen konnten, dass trotz aller ihrer Mühen doch wieder eine Entfremdung zwischen den Ländern auftrat.
Doch wurde ihnen erspart, mitzuerleben, wie ihr Lebenswerk von den Nazis zunichte gemacht wurde.
Dem Anspruch, das Bild, was die bloße Aktenlage hergibt, ganz wesentlich zu ergänzen und damit zu korrigieren, wird Schmidt voll gerecht. Stimmungen, die Offenheit der Situation, dies alles weiß er besser zu schildern, als ein Historiker es aufgrund intensivster Studien tun könnte. Dass sein Urteil abgewogen oder objektiv, gar historisch richtig wäre, braucht man nicht zu erwarten, obwohl Schmidt - das Buch wurde 1949 veröffentlicht, 2005 neu aufgelegt - mit erstaunlich weitem Horizont urteilt. Anders als bei anderer Memoirenliteratur braucht Schmidt nicht nachträglich seine Entscheidungen zu rechtfertigen, so entsteht ein atmosphärisch dichtes Bild, wie es ohne diese Lektüre nicht zu erlangen ist.