22 Juni 2017

AfD - "Psychogramm einer Partei im Sinkflug"

http://fontanefansschnipsel.blogspot.de/2017/06/afd-psychogramm-einer-partei-im-sinkflug.html

19 Juni 2017

Wie der Tod in die Welt kam

So ist es uns überliefert. 

Gott Soko schuf zuerst die Schildkröte Bagbatschi, dann die Menschen und am Ende die Steine. Gott machte von jeder Art einen Mann und eine Frau: von Schildkröte, Mensch und Stein. Nacheinander, in dieser Reihenfolge erweckte er sie zum Leben, nur die Steine nicht.Aber keiner konnte Kinder haben. Wer alt geworden war, den machte Soko wieder jung. Das wiederholte sich. Kinder waren nicht nötig.
 Bagbatschi, die Schildkröte ging zu Soko. "Ich könnte ein Kind brauchen", sagte  Bagbatschi,  "Wozu willst du ein Kind haben?" "Du weißt", antwortete Bagbatschi, "dass ich schlecht laufen kann. Es ist recht mühsam für mich und meine Frau. Aber manchmal haben wir Besorgungen zu machen. Ein Kind könnte die Botengänge übernehmen." Soko dachte nach. "Ich habe nicht vorgesehen" antwortete er, "euch Kinder zu geben." Bagbatschi ging nach Hause. Bald darauf stand er wieder vor Gott.  "Es wäre schön, wenn wir ein Kind hätten", sagte er. "Oder vielleicht mehrere. Das wäre sehr nützlich, Gott." Soko regte sich auf. Warum kommst du angelaufen und willst Kinder haben?" "Es wäre sehr praktisch, Gott. Sie könnten manches Helfen und wir wären nicht so allein. Wenn ich alt bin ..." "... wirst du wieder jung." ">Wenn ich alt bin, ehe ich wieder jung werde, kann ich kaum bis zur Wasserstelle gehen. Mir tun die Beine weh, weil mein Körper so schwer ist. 

 Manchmal liege ich stundenlang in der prallen Sonne und komme nicht vom Fleck. Es ist eine rechte Plage, das musst du zugeben. Gib mir ein paar Kinder Soko!"
Das Gesicht des Gottes war ernst, als er entgegnete: "Weißt du nicht, Bagbatschi, dass alle Leute, die Kinder zur Welt bringen, sterben müssen? Früher oder später!" Bagbatschi glotzte Soko an  und nickte. "Bist du bereit zu sterben, falls ich dir Kinder schenke?" "Wenn meine Frau schwanger ist, kannst du mich sterben lassen." "Schick mir die Menschen!"
Der Mann und die Frau kamen. Soko räusperte sich.  " Bagbatschi sagt,er will Kinder haben. Was ist mit euch?" "Es wäre gut, Kinder zu haben, Herr", antwortete die Frau. "Wenn mein Mann auf der Jagd ist, bin ich allein zu Hause.  Das Kind, wenn es ein Mädchen ist, könnte mir bei der Arbeit helfen. Ich wäre nicht so allein. "Und wenn es ein Sohn ist", fügte der Mann hinzu, "könnte er mir auf der Jagd das Wild zutreiben und den Korb tragen. Wenn ich dann alt bin und meine Hände zittern, geht er für mich auf die Jagd. Es ist sehr praktisch, Kinder zu haben." Soko fragte: "Seid ihr bereit, dafür auch zu sterben?" "Ja", antworteten die Menschen. Der Mann sagte: "Wenn wir erst Kinder haben, macht es mir nichts mehr aus." 
Die Steine lagen am Boden und redeten kein Wort. Soko rief sie an. "Ihr schweigt? Wollt ihr auch Kinder haben und dann sterben? Aber das wollten die Steine auf keinen Fall. Da entschied Soko: "Es soll sein, wie ihr es haben wollt!"
Bagbatschis Frau  wurde schwanger, und drei Monate später starb er. Als sie ihre Kinder zur Welt brachte, war er bereits tot.
Auch die Menschenfrau wurde schwanger und gebar Kinder. Ihr Mann starb bald darauf. Sie nahm sich einen anderen Mann, denn sie konnte die Kinder nicht allein ernähren.
Nur die Steine sterben nicht, und sie haben auch keine Kinder.

Sage der Nupe  aus: Die schönsten Sagen aus der Neuen Welt, Südwest Verlag 1972                     

12 Juni 2017

W. G. Sebald: Austerlitz

W. G. Sebald: Austerlitz, München 2001; Rezensionen bei perlentaucher

"Wer ist Austerlitz? Ein rätselhafter Fremder, der immer wieder an den ungewöhnlichsten Orten auftaucht: am Bahnhof, am Handschuhmarkt, im Industriequartier ... Und jedes Mal erzählt er ein Stück mehr von seiner Lebensgeschichte, der Geschichte eines unermüdlichen Wanderers durch unsere Kultur und Architektur und der Geschichte eines Mannes, dem als Kind Heimat, Sprache und Name geraubt wurden."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.04.2001

"Erst bewundert's Iris Radisch, dann hält sie's dem Autor vor - nämlich seinen geschichtsmetaphysischen Zettelkastenmaterialismus; [...] und einem Museum, das "um den Preis unerhörter Naivität", den Holocaust gleich neben den Hirschhornknöpfen verstaut."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2001

"Des Autors Wille zur Erinnerung (deutscher Geschichte) offenbart sich für Köhler in einem suggestiven, tief melancholischen Tonfall und in einem "universalen Zeichensystem": Eine bis ins kleinste Detail verwobenen Syntax und eine gleichfalls mikroskopische Verflechtung von Bildern, Personen und Orten. Für die Rezensentin ist das Buch rhythmische Melodie und poetische Metaphysik der Geschichte - "in der das Erinnerte so lebendig ist, als würde es gerade geschehen" - in einem."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.02.2001

"Dem Ton von Jörg Drews merkt man an, dass er dieses Buch für eines der wichtigsten der Saison halten dürfte - so beeindruckt schreibt er über "Austerlitz". Schon im Titel erkennt er mehrfache Brechungen, denn Austerlitz ist nicht nur der Name des Helden, sondern auch der Name eines Pariser Bahnhofs, der nach einer napoleonischen Schlacht benannt wurde - und das Wort enthält für ihn einen Anklang an "Auschwitz". Der Roman gibt nach Drews den fiktiven Lebensbericht eines Mannes, der mit 21 Jahren erfährt, dass er einen anderen Namen und eine andere Herkunft hat als er bisher angenommen hat und in Wahrheit das Kind deutscher Juden ist, das 1939 nach England ausgeschleust wurde. Und auch hier bewundert Drews die mehrfache Brechung, denn Austerlitz` Geschichte wird nicht direkt präsentiert, sondern er erzählt sie einem zwischengeschalteten Ich-Erzähler. Obwohl der Rezensent die Frage stellt, ob die "betont umsichtige", "fast dröge und zugleich leicht feierliche" Sprache des Buches die Gefahr birgt, zur "Manier" zu werden, beeilt er sich sogleich, dies heftig zu verneinen. Er betont, dass die stilistischen Eigenheiten das Unheimliche und Deprimierende dieses Berichtes nur verstärken. Auch die eingestreuten Schwarz-Weiß-Fotos, die Vorkriegsbauten zeigen, würden den düsteren Eindruck des Buches unterstützen und damit "adäquate Präsenzen, Mementi, Verdichtungen von blinder Massivität" darstellen, die gar nicht erst die Hoffnung auf eine "harmlose" Erzählung aufkommen ließen, so der Rezensent fasziniert."

02 Juni 2017

Schnelllesen

Einen Roman in der Mittagspause verschlingen? Kein Problem, versprechen Speed-Reading-Apps. Aber was bleibt vom Lesegenuss?  von ADRIAN LOBE

Lichtenberg

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Brief an Abraham Gotthelf Kästner
London, 17. 4.1770

Ich bin am 10ten dieses Monats sehr gesund und beinah am gesündesten unter der ganzen Reise-Gesellschaft hier angelangt. Die Reise dauerte 15 Tage, war äußerst verdrüßlich und oft mit Lebensgefahren verbunden, 3 Meilen hinter Osnabrück brach unsere Chaise so, daß wir eine andere kaufen mußten, wenn wir nicht einige Tage in einem elenden Ort bleiben oder nach Osnabrück zu Fuß zurückkehren wollten. Auf der See habe ich zwei Tage und zwei Nächte zugebracht und über 8 Stunden in einem solchen Sturm, daß unser Vordersegel riß, und die meisten Seeleute seekrank wurden, welches so selten geschieht. Der Kapitän sah sich genötigt, um tiefere See zu gewinnen, nordwärts zu segeln, weil wir alle Augenblicke befürchteten ans Land anzulaufen, so kamen wir über die Breite von Yarmouth hinauf; durch einen Zufall kam eine Öffnung in das Schiff in der Gegend wo mein Bette stund, und eine Welle schlug so herein, daß alles durch naß wurde, ein Neger sah es und hatte so viel Weichherzigkeit in diesem großen Lärmen und da man kaum einen Schritt gehen konnte, mir ein anderes Bette zu bringen. Den folgenden Tag drehte sich der Wind und zwar so vorteilhaft für uns, daß wir in Zeit von 16 Stunden den ganzen Fehler wieder gut machten und des Abends um 10 Uhr im Hafen zu Harwich ankerten. Meine Krankheit auf der See dauerte von morgends 10 Uhr bis abends nach fünfe und hat mich bei weitem nicht so angegriffen als einige andere Personen auf dem Schiffe.

Aphorismen

Manche Leute wissen alles so, wie man ein Rätsel weiß, dessen Auflösung man gelesen hat oder einem gesagt worden ist, und das ist die schlechteste Art von Wissenschaft, die der Mensch am wenigsten sich erwerben sollte. Er sollte vielmehr darauf bedacht sein, sich diejenigen Kenntnisse zu erwerben, die ihn in den Stand setzen, vieles selbst im Fall der Not zu entdecken, was andere lesen oder hören müssen, um es zu wissen.


Wir sind nur gar zu geneigt zu glauben, das sei wahr, was wir oft bejahen hören und was viele glauben, und bedenken nicht, daß der Schein, der zehn betrügt, Millionen betrügen kann. 
Die Frage: soll man selbst philosophieren? muß, dünkt mich, so beantwortet werden, als eine ähnliche: soll man sich selbst rasieren? Wenn mich jemand darüber fragte, so würde ich antworten: wenn man es recht kann, ist es eine vortreffliche Sache. 
Ich glaube, daß die meisten über der Freude, ein sehr abstraktes und dunkel abgefaßtes System zu verstehen, zugleich geglaubt haben, es sei demonstriert. 
Die Erfindung der Sprache ist vor der Philosophie hergegangen, und das ist es, was die Philosophie erschwert, zumal wenn man sie andern verständlich machen will, die nicht viel selbst denken. Die Philosophie ist, wenn sie spricht, immer genötigt, die Sprache der Unphilosophie zu reden. 
Wenn man die Natur als Lehrerin, und die armen Menschen als Zuhörer betrachtet, so ist man geneigt, einer ganz sonderbaren Idee vom menschlichen Geschlechte Raum zu geben. Wir sitzen allesamt in einem Kollegio, haben die Prinzipien, die nötig sind, es zu verstehen und zu fassen, horchen aber immer mehr auf die Plaudereien unserer Mitschüler, als auf den Vortrag der Lehrerin. Oder wenn ja einer neben uns etwas nachschreibt, so spicken wir von ihm, stehlen, was er selbst vielleicht undeutlich hörte, und vermehren es mit unsern eigenen orthographischen und Meinungsfehlern.

29 Mai 2017

Heine über Spinoza

Bei der Lektüre des Spinoza ergreift uns ein Gefühl wie beim Anblick der großen Natur in ihrer lebendigsten Ruhe. Ein Wald von himmelhohen Gedanken, deren blühende Wipfel in wogender Bewegung sind, während die unerschütterlichen Baumstämme in der ewigen Erde wurzeln. Es ist ein gewisser Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich. Man wird angeweht wie von den Lüften der Zukunft. Der Geist der hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel. Dabei ist ein Ernst in ihm, ein selbstbewußter Stolz, eine Gedankengrandezza, die ebenfalls ein Erbteil zu sein scheint; denn Spinoza gehörte zu jenen Märtyrerfamilien, die damals von den allerkatholischsten Königen aus Spanien vertrieben worden. Dazu kommt noch die Geduld des Holländers, die sich ebenfalls, wie im Leben, so auch in den Schriften des Mannes, niemals verleugnet hat. Konstatiert ist es, daß der Lebenswandel des Spinoza frei von allem Tadel war, und rein und makellos wie das Leben seines göttlichen Vetters, Jesu Christi. Auch wie dieser litt er für seine Lehre, wie dieser trug er die Dornenkrone. Überall wo ein großer Geist seinen Gedanken ausspricht, ist Golgatha. [...]
[Spinoza] wurde feierlich ausgestoßen aus der Gemeinschaft Israels und unwürdig erklärt hinfüro den Namen Jude zu tragen. Seine christlichen Feinde waren großmütig genug ihm diesen Namen zu lassen. Die Juden aber, die Schweizergarde des Deismus, waren unerbittlich, und man zeigt den Platz vor der spanischen Synagoge zu Amsterdam, wo sie einst mit ihren langen Dolchen nach dem Spinoza gestochen haben. Ich konnte nicht umhin, auf solche persönliche Mißgeschicke des Mannes besonders aufmerksam zu machen. Ihn bildete nicht bloß die Schule, sondern auch das Leben. Das unterscheidet ihn von den meisten Philosophen, und in seinen Schriften erkennen wir die mittelbaren Einwirkungen des Lebens. [...]
Spinoza quält sich nicht analytisch mit der Frage über die letzten Gründe unserer Erkenntnisse. Er gibt uns seine große Synthese, seine Erklärung von der Gottheit. Benedikt Spinoza lehrt: Es gibt nur eine Substanz, das ist Gott. Diese eine Substanz ist unendlich, sie ist absolut. Alle endliche Substanzen derivieren von ihr, sind in ihr enthalten, tauchen in ihr auf, tauchen in ihr unter, sie haben nur relative, vorübergehende, akzidentielle Existenz. Die absolute Substanz offenbart sich uns sowohl unter der Form des unendlichen Denkens, als auch unter der Form der unendlichen Ausdehnung. Beides, das unendliche Denken und die unendliche Ausdehnung sind die zwei Attribute der absoluten Substanz. [...]
In einem Briefe an Madame Du Devant zeigt Voltaire sich ganz entzückt über einen Einfall dieser Dame, die sich geäußert hatte, daß alle Dinge, die der Mensch durchaus nicht wissen könne, sicher von der Art sind, daß ein Wissen derselben ihm nichts nützen würde. Diese Bemerkung möchte ich auf jenen Satz des Spinoza anwenden, den ich oben mit seinen eignen Worten mitgeteilt, und wonach der Gottheit nicht bloß die zwei erkennbare Attribute, Denken und Ausdehnung, sondern vielleicht auch andere für uns unerkennbare Attribute gebühren. Was wir nicht erkennen können, hat für uns keinen Wert, wenigstens keinen Wert auf dem sozialen Standpunkte, wo es gilt, das im Geiste erkannte zur leiblichen Erscheinung zu bringen. In unserer Erklärung des Wesens Gottes nehmen wir daher Bezug nur auf jene zwei erkennbare Attribute. Und dann ist ja doch am Ende alles, was wir Attribute Gottes nennen, nur eine verschiedene Form unserer Anschauung, und diese verschiedenen Formen sind identisch in der absoluten Substanz. Der Gedanke ist am Ende nur die unsichtbare Ausdehnung, und die Ausdehnung ist nur der sichtbare Gedanke. Hier geraten wir in den Hauptsatz der deutschen Identitätsphilosophie, die in ihrem Wesen durchaus nicht von der Lehre des Spinoza verschieden ist.

Heine über Moses Mendelssohn als eine Art jüdischen Luther

Wie Luther das Papsttum, so stürzte Mendelssohn den Talmud, und zwar in derselben Weise, indem er nämlich die Tradition verwarf, die Bibel für die Quelle der Religion erklärte und den wichtigsten Teil derselben übersetzte. Er zerstörte hierdurch den jüdischen wie Luther den christlichen Katholizismus. In der Tat, der Talmud ist der Katholizismus der Juden. Er ist ein gotischer Dom, der zwar mit kindischen Schnörkeleien überladen, aber doch durch seine himmelkühne Riesenhaftigkeit uns in Erstaunen setzt. Er ist eine Hierarchie von Religionsgesetzen, die oft die putzigsten, lächerlichsten Subtilitäten betreffen, aber so sinnreich einander über- und untergeordnet sind, einander stützen und tragen und so furchtbar konsequent zusammenwirken, daß sie ein grauenhaft trotziges, kolossales Ganze bilden.
Nach dem Untergang des christlichen Katholizismus mußte auch der jüdische, der Talmud, untergehen. Denn der Talmud hatte alsdann seine Bedeutung verloren; er diente nämlich nur als Schutzwerk gegen Rom, und ihm verdanken es die Juden, daß sie dem christlichen Rom ebenso heldenmütig wie einst dem heidnischen Rom widerstehen konnten. Und sie haben nicht bloß widerstanden, sondern auch gesiegt. Der arme Rabbi von Nazareth, über dessen sterbendes Haupt der heidnische Römer die hämischen Worte schrieb: »König der Juden« – ebendieser dornengekrönte, mit dem ironischen Purpur behängte Spottkönig der Juden wurde am Ende der Gott der Römer, und sie mußten vor ihm niederknien! Wie das heidnische Rom wurde auch das christliche Rom besiegt, und dieses wurde sogar tributär. Wenn du, teurer Leser, dich in den ersten Tagen des Trimesters nach der Straße Lafitte verfügen willst, und zwar nach dem Hotel Numero funfzehn, so siehst du dort vor einem hohen Portal eine schwerfällige Kutsche, aus welcher ein dicker Mann hervorsteigt. Dieser begibt sich die Treppe hinauf nach einem kleinen Zimmer, wo ein blonder junger Mensch sitzt, der dennoch älter ist, als er wohl aussieht, und in dessen vornehmer grandseigneurlicher Nonchalance dennoch etwas so Solides liegt, etwas so Positives, etwas so Absolutes, als habe er alles Geld dieser Welt in seiner Tasche. Und wirklich, er hat alles Geld dieser Welt in seiner Tasche, und er heißt Monsieur James de Rothschild, und der dicke Mann ist Monsignor Grimbaldi, Abgesandter Seiner Heiligkeit des Papstes, und er bringt in dessen Namen die Zinsen der römischen Anleihe, den Tribut von Rom.
Wozu jetzt noch der Talmud?
Moses Mendelssohn verdient daher großes Lob, daß er diesen jüdischen Katholizismus, wenigstens in Deutschland, gestürzt hat. Denn was überflüssig ist, ist schädlich. Die Tradition verwerfend, suchte er je doch das mosaische Zeremonialgesetz als religiöse Verpflichtung aufrechtzuerhalten. War es Feigheit oder Klugheit? War es eine wehmütige Nachliebe, die ihn abhielt, die zerstörende Hand an Gegenstände zu legen, die seinen Vorvätern am heiligsten waren und wofür soviel Märtyrerblut und Märtyrertränen geflossen? Ich glaube nicht. Wie die Könige der Materie, so müssen auch die Könige des Geistes unerbittlich sein gegen Familiengefühle; auch auf dem Throne des Gedankens darf man keinen sanften Gemütlichkeiten nachgeben. Ich bin deshalb vielmehr der Meinung, daß Moses Mendelssohn in dem reinen Mosaismus eine Institution sah, die dem Deismus gleichsam als eine letzte Verschanzung dienen konnte. Denn der Deismus war sein innerster Glaube und seine tiefste Überzeugung. Als sein Freund Lessing starb und man denselben des Spinozismus anklagte, verteidigte er ihn mit dem ängstlichsten Eifer, und er ärgerte sich bei dieser Gelegenheit zu Tode.

(Hervorhebungen von Fontanefan)