23 November 2017

Materialsammlung im Zuammenhang mit Hauptmanns "Abenteuer meiner Jugend"

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https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_F%C3%BCrstenstein

https://de.wikipedia.org/wiki/Projekt_Riese

https://de.wikipedia.org/wiki/Jagni%C4%85tk%C3%B3w (Haus Wiesenstein)

Museum Hiddensee: http://www.gerhart-hauptmann.de/Museum_Hiddensee

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 5.-9. Kap.)

Fünftes Kapitel 
Aber Carls und meine brüderliche Verstiegenheit konnte sich nicht lange damit aufhalten. Die geistige Atmosphäre, in der wir atmeten und die wir uns selbst geschaffen hatten, schloß uns nach dergleichen freundlichen Familienkaffeestunden sogleich wieder ab. In den Äther dieser unserer Sphäre konnten die Damen ja doch nicht eindringen.
So zu leben, in einer intelligiblen Welt mehr zu leben als im Wirklichen, war damals schon Carls Eigenheit. In jenen Tagen wurde ich, der ich sehr reale Dinge, Ausschweifungen, Hunger, körperliche Kämpfe und das Bemühen mit dem Sohn des Wassers und der Erde, dem nassen Ton, hinter mir hatte, hinaufgehoben. Dieses Schweben im Äther war mir wohltätig. Ich verlor die Schwere meiner Glieder und meiner Wesensart. Da ich die Befreiung und Erlösung von allem grob Stofflichen auf die Alma mater in Jena als ihren Ursprung schob, wurde ich mehr und mehr von ihr angezogen. Ihr Joch schien mir leicht, verglichen mit dem, das ich trug. [...]

Etwas an unserem, Carls und meinem Wesen gefiel meinem Vater immer noch nicht, was meine Mutter mit den Worten »Ihr seid zu ideal!« zu rügen pflegte. Er fühlte die Pflicht, uns immer wieder auf die Erde, die uns unter den Füßen zu entgleiten drohte, herunterzuholen.  [...]
Vaters Absichten mit Carl waren ganz andere, als sie Carl mit sich selbst hatte. Er hätte, wie gesagt, gern aus dem Sohn einen Arzt gemacht. Aber Carl brauchte nur einen leisen Verdacht zu haben, daß irgendein Ratschlag auf Broterwerb abziele, so geriet er in Raserei und tobte gegen das Brotstudium. Weder werde man ihn je dazu bringen, Naturwissenschaften und Philosophie aus anderen Gründen als um ihrer selbst willen zu betreiben, sagte er, noch ihn bestimmen, sich selbst durch gemeine und niedrige Ziele zu entwürdigen. [...]
Um jene Zeit tauchte ein Salzbrunner Kind, Bergmannssohn – sein Vater war Steiger –, bei uns auf, der es bis zum Fuchs bei den Raczeks in Breslau gebracht hatte. Wir hatten uns als Kinder wenig beachtet. Plötzlich stand er mit dem schwarzrotgoldenen Band und der Studentenmütze vor uns da. Ein Frühschoppen wurde sogleich verabredet. [...]
Carl und Schindler, der Raczek und Bergmannssohn, nahmen Gelegenheit, mich in den studentischen Trinkkomment einzuweihen. [...]
Diese erste Begegnung mit den Trinksitten sollte für mich eine lange Periode meiner Gesundheit nicht gerade zuträglicher Zechereien einleiten. [...]
Als wir am Ende der Ferienzeit auseinandergingen, brach Carl nach Jena, ich zu einem kurzen Aufenthalt bei den Schuberts nach Lederose auf. Was sich hier ereignete, hat vielleicht keine allzu große Bedeutung für meinen schöpferischen Entwicklungsgang, aber es wurden dabei die gesamten Strahlungen meines Wesens in einem Brennpunkt gesammelt.   Im gleichen Zimmer des neuen Hauses, das ich bewohnt hatte – der Glaskasten mit der Rebhuhnfamilie hing noch darin –, war jetzt Anna Grundmann untergebracht. Sie war nun unter anderm dazu bestimmt, das Bild von Ännchen Schütz – der Name Anna deutet bei mir überall auf unglücklich-glückliche Liebe hin – auszulöschen. Das Liebesidyll, das mir hier in tragikomischer Weise zu erleiden beschieden war, gedenke ich nicht zu schildern. Genug, daß es mich bis in die Grundfesten meines Wesens angegriffen und in mancher Beziehung verändert hat. [...]
Wie sah Anna Grundmann aus? Ich weiß es nicht. Und doch ist, was noch heute von ihr als reine Form in mir lebt, einer unwiderstehlich sinnlichen Schönheit mächtigster Inbegriff. Die Wunde des Entbehrens, des Unerfüllten, des Verlustes für Ewigkeit, unstillbarer Sehnsucht ist heute, am Abend eines langen, langen Lebens, noch unverheilt. [...]
Vom Wesen eines sogenannten Backfisches war in Anna Grundmann nichts. Hatte sich Natur ein Weib, eine Männin zu bilden vorgesetzt, so war ihr Vorsatz bis zur letzten Vollendung durchgeführt, und das opaleszierende Auge ihres Geschöpfes wußte von dem Rätsel seiner Vollkommenheit – und auch von dem andern: seiner Bestimmung. [...]
Ich habe dieses schöne, unbewegliche, ernste ovale Gesicht oft und lange, in einen stillen Schrecken verloren, angestaunt: diesen resignierenden, ironischen Mund, diese gerade, kleine, griechische Nase, deren schmaler Rücken mit der Stirn eine Senkrechte bildete, und dieses Berenikekinn. [...]

Sechstes Kapitel 
Am Abend etwa des dritten Tages war die Neugier von Onkel und Tante durch die Erzählung meines Triumphes so rege geworden, daß sie nun auch mein Dichtwerk hören wollten, dieses so vielbesprochene »Hermannslied«. Und so zog ich es wiederum aus der Brusttasche. Nicht anders als das erstemal, ja mit größerer Inbrunst, da Anna Grundmann zugegen war, sagte ich mir das »Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz! Es gilt uns heut, zu rühren ...« Ich wußte, welches Herz! [...]
Mein Vortrag verlief in gewohnter Art, und ich hatte im großen ganzen denselben Erfolg, den ich zuerst im Kreise Hugo Schmidts, alsdann vor den Professoren, später vor Carl, noch später bei Tante Jaschke im Kurländischen Hof einheimsen durfte. Die dichterischen Freiheiten, die ich mir genommen hatte, lockten Onkel Schubert ein freundliches Schmunzeln ab, während der Ausdruck in Tante Juliens Antlitz seinen unveränderten Ernst behielt. Beide wollten nicht leugnen, daß sie das Gelesene schön fänden und mir nicht zugetraut hätten, wie Onkel, in ein Lachen ausbrechend, Tante in aller Ruhe äußerte. Anna schwieg. Aber ich spürte, daß sie die wahrhaft Ergriffene war. Magnetische Fühlungen sagten mir mehr. [...]
Meine Liebe zu Anna Grundmann wurde erwidert. Von Stund an spürte ich das. Der letzte Tag brachte es ganz an den Tag: denn weshalb wäre Anna sonst an Tante Juliens Brust in Tränen ausgebrochen, als ich in dem zur Abfahrt bereiten Wagen saß? Was zwischen jenem Anfang und diesem Ende liegt, beschäftigt noch heute zuweilen mein Nachdenken. [...]

Siebentes Kapitel 
Mit dem unauslöschlich schmerzhaft geprägten Bilde Anna Grundmanns im Herzen ging ich dann nach Breslau zurück. Meine Vorstellungswelt hatte einen neuen, unsterblichen Gast bekommen. [...]
Es ist erstaunlich, welchem Zudrang von Ideen ein junger Mensch in gewissen Jahren standhalten muß und schließlich auch wirklich gewachsen ist. Während ich am nassen Ton den Kultus der Formen trieb, darüber mit meinen Freunden diskutierte, mit dem wenigen, was ich hatte, weiter schlechte Wirtschaft trieb, schwelgerische Hungervisionen ausbaute, meiner Armut irgendwie steuern wollte, die ich nunmehr als Schmach und als unerträgliches Hemmnis empfand, während ich meinen gebrechlichen Körper mit kaltem Wasser zu stärken versuchte, einer Nacktkultur das Wort redete und das Schamgefühl als Unmoral brandmarkte – während ich ein Schauspiel »Germanen und Römer« im Kopf trug, das mir Ruhm, Geld und vor allem Anna Grundmann als Frau verschaffen sollte, fand ich mich auf einmal in den Wirbel politischen Wesens neu hineingestellt. Alfred Ploetz diente sein Militärjahr ab und studierte zugleich Nationalökonomie. Er stand in einem Kreis, in den er auch mich autoritativ einführte. Der Pangermanist war der Gründer einer harmlosen – aber was ist harmlos in der Politik? – alldeutsch-sozialen Gesellschaft geworden. Dies und was nicht noch sonst lag verborgen in mir, als ich im Herbst von Tante Jaschke nach Ober-Salzbrunn eingeladen und plötzlich der Mittelpunkt einer kleinen Damengesellschaft im Garten des Kurländischen Hofes wurde. Es lag etwas Seltsames in der Luft, ich konnte das Tante Jaschke und meiner Schwester Johanna anmerken. Ihre bezugreichen Worte und sprechenden Augen deuteten auf eine Verschwörung hin. Etwas wie ein lustiger Krieg um ein öffentliches Geheimnis schien ausgebrochen. Was für eine Rolle ich dabei zu übernehmen hätte oder schon übernommen hatte, wußte ich nicht. Man behandelte mich wie ein Wundertier, und bald begriff ich, daß mir Tante Jaschke und Schwester Johanna in diesem Kreise einen Ruf als Dichter gemacht hatten. Freilich kam es mir vor, man sehe in mir nicht einen Erwachsenen, sondern etwas wie ein Wunderkind. [...]

Als die Teestunde ihrem Ende entgegenging, fragte mich Helene Loß – sicher war dies abgekartet –, ob ich nicht etwas aus meinem Epos, dem »Hermannsliede«, vorlesen wolle. »Oh, so haben wir also einen Dichter vor uns«, sagte Berthold Thienemann. »Ich muß gestehen, da bin ich doch neugierig.«   Zum dritten Male stand ich mit meinem Opusculum, meinem »Hermannslied«, vor einem Wendepunkt. Ich muß mir sagen, daß es auch hier schicksalhaften Einfluß ausübte. Mein Vortrag unter der Fassade des Kurländischen Hofes, nahe der gewaltigen Glaskugel, in der sich Himmel und Erde spiegelten, führte auch diesmal zum Erfolg. Mein Gedicht erregte, wie überall, besonders unter den Damen Begeisterung. Für mein Erinnern ist aber mit diesen Tagen ein Umstand verknüpft, der sich meinen achtzehn Jahren wohl einprägen mußte. Helene Loß hatte sich, bevor die Woge des Entzückens zurückgetreten war, in den Besitz einiger Lorbeerzweiglein zu setzen gewußt, die sie, zum Kranze gewunden, mit schalkhaftem Ernst unter dem Beifall aller mir ins Haar drückte. [...]

Achtes Kapitel
In Breslau, wohin ich zurückkehrte, traten diese Ereignisse bald zurück. Das Zentrum meiner Teilnahme lag wiederum in mir, statt außer mir. Mein eigenes Wesen, Werden und nebelhaftes Wollen wurde wieder die Hauptsache, ich mir selber der einzig wahre Besitz. Trotzdem blieb ich ins Leben verstrickt. Nicht nur, daß meine manuellen Übungen am nassen Ton ihren Fortgang nahmen, das Drama »Germanen und Römer« mich beschäftigte, es bestand auch der alte Freundeskreis, zu dem sich ein junger, wohlerzogener Mensch aus Wien namens Thilo zuweilen gesellte. Er war nicht ohne Bedeutung für mich. Thilo, um weniges älter als ich, in Wien, einer mit Bildungselementen überladenen Atmosphäre, aufgewachsen, war mir an sicherer Bildung und Reife voraus. Er schloß sich mir an, weil er von meinen Seltsamkeiten gehört, mein suchendes Wesen erkannt und den Gedanken gefaßt hatte, daß er mir etwas nützen könne. Er wies mich auf eine Dichtung »Der entfesselte Prometheus« von Lipiner hin, die er mir nachher dedizierte und die mich lange beschäftigt hat. Er aber war es, und das ist mehr, von dem ich die Namen der großen Drei: Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi, zuerst gehört habe. [...]

Professor James Marshall war seines Lehramtes an der Kunstschule enthoben worden: ein Fall, wie er einem genialen Menschen und Maler gegenüber sich heut wohl kaum ereignen würde. Er hatte Schulden, er trank eine Menge Bier und Wein, aber ich möchte doch glauben, daß er nicht nur im Kreise der Schule eine hochbedeutende künstlerische Erscheinung war. Ein Teil seiner Bilder war aus E. T. A. Hoffmannschem Geiste hervorgegangen. Ein Deckengemälde im Dresdner Opernhaus und einige Wandmalereien der Meißener Albrechtsburg stammten von ihm. Er war ein Meister in Miniaturen. Einige seiner Fächer mit figurenreichen Historienbildern befanden sich im Besitz der russischen Kaiserin. [...]
Er wies uns auf E. T. A. Hoffmann hin. Er knüpfte daran Vasarigeschichten, mit denen er die kunstgeschichtlichen Vorlesungen des Professors Schultz gleichsam privatim weiterführte. Die weimarische Liszt-Epoche spukte in ihm. Vom Meister selbst und seinem Fürstentum wußte er allerlei hübsche Geschichten, die vom Himmel durch die Welt zur Hölle führten und wieder zurück. Er ließ uns erkennen, inwieweit der Gespenster-Hoffmann auch in Liszt steckte.  [...]
Eine Vorliebe für die Stunden vor Tagesanbruch war mir aus den Lederoser Zeiten treu geblieben. Was dort aus Zwang zur Neigung sich entwickelt hatte, trat nunmehr als Neigung auf. Ich erhob mich öfters, auch im Winter, des Morgens um vier, um die verlassenen Straßen bei schlechtem, bei gutem Wetter zu durchwandern. In dieser Zeit, wenn der Schlaf die Großen und Kleinen der Welt umfing, war die Seele eine ganz andere geworden. Ganz anders als unter den Spannungen und harten sinnlichen Eindrücken des Tages konnte sie sich ausweiten: die Abertausende von fixen und trivialen Gegenständen waren nicht mehr. Über die Verstorbenheiten dieser weiten, köstlichen, nächtlichen Öde dehnte sich und gebot nun Phantasie. Tiefen Genüssen war ich da hingegeben. Und mehr noch fremdem und großem Fühlen, wunderlich tiefen Gedanken und Erlebnissen, die man wohl Erleuchtungen nennen mag. Überdies frönte ich neben dem Hange, durch Einsamkeit mich selbst zu besitzen, dem zur Beobachtung. Ich gebrauchte meine Augen, meine Ohren bewußt und mit Leidenschaft. Von der ersten Regung des städtischen Lebens an verfolgte ich es, bis seine tägliche Lärmsinfonie voll im Gange war. Die Einzelvorgänge boten mir, einander ablösend, großen Reiz, von dem ich mich jedesmal nur ungern trennte. Immer wieder faßte ich mir an den Kopf in dem Gedanken, wie köstlich es sein würde, wenn man sie festhalten und künstlerisch gestalten könnte, aber zugleich auch in dem andern, daß der Versuch, es zu tun, mir nur meine Ohnmacht beweisen mußte. Der ewige Dialog hinter meiner Stirn verdichtete sich nicht selten bis zum geflüsterten Selbstgespräch, darin nach so oder so gearteten staunenden Ausrufen schwierigste Fragen der nachgestaltenden Kunst erörtert wurden. Das Verhandeln mit mir selbst hatte ich mir ebenfalls in Lederose angewöhnt. Diese Vigilien trieben mich in allen Teilen der Stadt herum, deren altertümliche Schönheiten ich so erst lieben lernte. Die wunderbare Gotik des Rathauses fesselte mich halbe Stunden lang: gleichviel, ob es als Ganzes unterm kalten Licht des Mondes stand oder nur dies oder das aus der Fülle seiner Einzelheiten durch die Gaslaternen des Ringes herausgehoben wurde. Hier wurde mein Sinn für Baukunst geboren, hier trieb ich, wenn ich von den Bauklötzen meiner Kindheit absehe, autodidaktisch mein frühestes Architekturstudium. Von der Begegnung mit den letzten Nachtschwärmern, die trunken und schläfrig heimtaumelten, bis zu dem Augenblick, wo sich die städtischen Nachtwächter gut gelaunt voneinander verabschiedeten, weil sie nun einen heißen Kaffee und ein warmes Bett witterten, von dem ersten fröhlich pfeifenden Bäckerjungen, der mit einem Korb warmer Semmeln vorüberduftete, bis zum ersten Bäckerladen, dessen Läden geöffnet wurden, vom ersten Dienstmädchen, das in diesen Laden trat und mit der sauberen Meisterin plauderte, bis zum ersten Schlachterwagen, der durch die Straßen rumpelte, von der ersten Gepäckdroschke, die mit einem frühen Reisenden zum Bahnhof schlich, bis zur hübschen Kalesche, die den reichen Geschäftsmann in sein Kontor brachte – was war da nicht alles zu bemerken! Und wie spannend und erregend war da die Fülle der Gesichte, die wie ein Strom bei Hochwasser stieg und schließlich jeder Bewältigung spottete. [...]
Auf Professor Haertels Empfehlung und auf Grund der künstlerischen Begabung, die er mir attestiert hatte, wurde mir das Examen für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst gleichsam erlassen. Damit hatte sich die schwarze Wolkenwand eines dreijährigen Militärdienstes denn verteilt.  [...]

Neuntes Kapitel 
In nächster Nähe unseres Quartiers lagen nicht nur die Kirchhöfe, sondern auch das Wunder von Fürstenstein, so daß ich den gewaltig rauschenden Fürstensteiner Felsengrund mit der Götterburg in den Wolken täglich besuchen konnte. Natürlich war der Aufenthalt bei den Eltern, wo ich regelmäßig zu essen bekam, mich zeitig erhob und zur rechten Zeit schlafen ging, mir jedesmal eine Erholung und eine Erneuerung. Ich streifte endlos in der Gegend herum. [...]

Noch heute liegt mir im Wandern der höchste Reiz, den kein Beförderungsmittel, welches auch immer, erreichen kann. Es ist eigene, nicht erborgte Aktivität, mit der man die Überwindung des Raumes bestreitet. Viel inniger wird man so ein Teil der Natur, man taucht immer tiefer in sie ein und erfüllt sich mit ihrer Produktivität. Es gibt keine zweite Art, zu sein, wie ich schon damals begriff, in der sich Naturgenuß und geistiger Selbstgenuß so verbinden lassen. [...]

Carl, in Jena, hatte übrigens eine der Töchter Thienemann, Marie, die in einer gynäkologischen Klinik Jenas behandelt wurde, noch zu Lebzeiten des Papas, also im jüngsten Frühjahr, kennengelernt. Das achtzehnjährige Mädchen litt an Bleichsucht, sagte man. Die Verbindung mit Carl war von ihr gesucht worden. Adele hatte der Schwester geschrieben, ein Bruder ihres heimlich Verlobten studiere an der Jenenser Universität. Es war nicht schwer, ihn auszumitteln, und so wurde er von Marie, unter den Geschwistern Mimi genannt, eines Tags in die Klinik bestellt.
Er gefiel ihr sehr, wie man sagte, was mich durchaus nicht verwunderte. Er hatte im Umgang mit Damen eine natürlich-freie Art. Ich blieb darin weit hinter ihm. Dabei war er überaus ritterlich. Ein hübsches Mädchen fühlte ihm an, daß er, ohne persönlich zu werden, der Schönheit im allgemeinen huldigte. [...]
Mimis eigenartige Schönheit fiel unter den Schwestern am meisten auf. Wenn sie mit dem Blauschwarz ihres Haares, den dunklen Augen im weißen Oval des Gesichts, mit ihren jugendlich vollen Formen im Weiß und Blau dieses Raumes stand, steigerte sich bei mir das Gefühl ihres wundervollen Reizes bis zur Schmerzhaftigkeit. Eines Tages stellte sie sich in dem Boudoir, dessen beide Türen sie vorher verschloß, im Kostüm ihrer Rolle vor, das sie sich bei dem Chef der Schneiderwerkstätten des Opernhauses zu Dresden hatte machen lassen. Das Haus war um diese Stunde ziemlich leer, da die Schwestern ihre Logierbesuche bei einem Ausflug nach dem nahen Dresden hatten begleiten müssen.
Als Mimi unter der Hydra ein langes, befranstes, phantastisch besticktes Umschlagetuch, Erbstück der Mutter, von sich geworfen hatte, stand sie, ein griechischer Götterjüngling, da.
Sie liebte Schmuck: talergroße, gehöhlte Ringe von Gold hingen ihr jetzt wie immer in den Ohrläppchen, einen goldenen Reif hatte sie über die schmale Stirn, Spangen von Gold um den nackten Arm gelegt, einen breiten Reif vom gleichen Metall um das linke Handgelenk. Schöngefaßte Juwelen blitzten an ihren weiblichen Fingern. Der weiße Chiton, der ihren Körper durchscheinen ließ, wurde von einem goldenen Gürtel zusammengehalten und hatte oben wie unten einen goldenen Saum: er gab die vollen und runden Knie, den schönen Hals und die schönen Schultern preis: Herrlichkeiten, von denen Mimi zu wissen und auch nicht zu wissen schien, da sie mit der einfachsten Anmut und Natur zu wissen wünschte, ob sich das Ganze meiner Idee einigermaßen annähere.
Irgendwie bebte etwas in mir wie ein unbewußtes Wissen dem andern unbewußten Wissen entgegen: Dies alles wird dein! Bald gehört es dir!

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

19 November 2017

Nochmals de Bruyn: Vierzig Jahre

13 Bücher von de Bruyn bei Perlentaucher

de Bruyn: Vierzig Jahre Spiegel 12.8.1996
"ein spannendes Leseabenteuer ist die Bilanz in dieser Tonlage nicht."

Zitate:
17. Juni 1953: "An der Ecke der Friedrichstraße [...] sah ich mit an, wie junge Männer, ohne viel Beifall dafür zu ernten, erst einen Packen NEUES DEUTSCHLAND, dann den ganzen Zeitungskiosk in Brand setzten. [...] Eingezwängt in der Masse, in der, meiner Erinnerung nach, Frauen fehlten, stand ich lange vor einem Regierungsgebäude" (S.47)
"Von Hochgefühlen, die Menschen als Teil einer Masse erfüllen können, habe ich oft gehört und gelesen, doch an mir nie empfinden können; eher fühlte ich mich, eingekeilt zwischen Menschenleibern, von Ekel gepeinigt und meiner Freiheit beraubt." (S.47)

Weshalb er die DDR nicht verließ: "Meine Mutter war nicht bereit, um erneuerten Stadtlebens willen ihr dürftiges Häuschen aufzugeben - allerdings auch, weil sie wußte, wie sehr ich daran hing. Wegzugehen hätte nicht nur freiwillige Aufgabe des Ererbten und Vertrauten bedeutet, sondern auch die Anerkennung einer Grenzziehung, die meine nicht war." (S.49)

Als sein Freund Herbert ihm sagte, bei Herberts Prozess wegen versuchter Republikflucht habe sein intelligenter Vernehmer im Publikum gesessen, "in der Gruppe der als Besucher getarnten Staatssicherheitsleute sei sein intelligentes Gesicht auffallend gewesen", merkt de Bruyn an: "ein intelligentes Gesicht hatte ich nicht gesehen". (S.77)

"Um dem kurzen Prozeß den Anschein von Echtheit zu geben, war auch ein Zeuge geladen worden." (S.79)

13 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch Kapitel 1-4) Kunstschule, Hunger, Leihhaus, Hermannslied,

Zweites Buch
Das zweite Buch des Abenteuers meiner Jugend umfasst 41 Kapitel und ein Nachwort. Es führt ans Ende der 80er Jahre, als er mit seinem Stück "Vor Sonnenaufgang" seinen Durchbruch als Dramatiker erlebte.

Erstes Kapitel 
Der äußerste Tiefstand meines Jugendringens war damit überwunden. Von Stund an bewegte mich innerlich ein ganz neues Sein. Der Auftrieb nahm beinahe bedenkliche Formen an. Wachend und schlafend träumte ich nur noch in marmornen Bildsäulen. Wenn ich aus Träumen ins wirkliche Leben erwachte, erschrak ich fast vor mir selbst, weil die Fülle und überwältigende Größe der inneren Gestaltungen nicht aus Eigenem zu stammen schien, sondern von einer fremden Macht, die mich unterjocht hatte. [...]
Abermals war ich eines Erlebnisses gewürdigt, in gewissem Sinne dem verwandt, das mich angesichts der kleinen Beatrice Schütz überkommen hatte. [...]
Diesmal war das Göttliche von einer solchen Gewalt in mir, daß ich es nicht verkennen konnte. Ich selber, mein schweres irdisches Wesen war davon fast aufgezehrt und hinweggeglüht. Was übrigblieb, war bereit, sich in Verwechslung irdisch bedingten Seins mit der Gottheit selbst zu vergöttern. Es geschah, und so gebar sich der Größenwahn. Damals schrieb ich nach Jena an meinen Bruder Carl Worte, denen mein tatsächlicher äußerer Zustand so wenig entsprach, daß man sie für Zeichen schwerer Verrücktheit halten konnte. Und doch lag ihnen ein Gefühl zugrunde. In dem Briefe, der sie enthielt, war mein Entschluß, Bildhauer zu werden, mitgeteilt, und nachdem ich gesagt, was ich alles vorhätte, hieß es zum Schluß: »Aus dem ganzen Gebirge von Carrara will ich ein Monument meiner Größe meißeln.« [...]
Freilich, jene erhabene Idee großer Kunst, die wie der Morgenstern in mir aufgegangen war, konnte nach außen hin sich nicht manifestieren. Sie verschloß sich, ja sie widersetzte sich der äußeren Verwirklichung. Man glaubt eine Fata Morgana mit Händen zu greifen und verschmachtet vielleicht auf dem endlos weiten Wege zu ihr im Wüstensand.
 Leider muß man die reine Idee vergessen, bevor man die ersten Schritte zu ihrer Verwirklichung unternehmen kann. Mit ihnen beginnt ein endloser Kampf. Die Kongruenz zwischen Idee und irdischem Abbild wird nie erreicht. [...]
Hier nicht verzweifeln heißt sich bescheiden einerseits, andererseits das Unmögliche weiter wollen und weiter begehren. Tasten, versuchen und wieder versuchen, Stürze nicht fürchten, sich durch sie nicht entmutigen lassen, Wunden und Beulen als unumgänglich hinnehmen, ja als Ehrenmale betrachten. Ein Dichter und Denker nennt unter den Werkzeugen, die man bei diesem Brückenbauversuch gebrauchen muß: Vernunft, Verstand, Einbildungskraft, Glauben – Wahn und Albernheit nicht zu vergessen.   
Ich begann, nach Breslau zurückgekehrt, mit der Albernheit. Ich überwand mich eines Tages so weit, wirklich in den Laden eines Gipsfigurenhändlers in der Taschenstraße, eines gewissen Tagliazoni, einzutreten, um Modellierton zu kaufen. Der unangenehme, schwarze, mit einem stechenden Blick behaftete bleiche Mensch brachte mir einen kindskopfgroßen Ballen feuchten Lehms so mit Gipsstückchen untermengt, daß es unmöglich war, ihn zu reinigen. Ich gab die geforderte unverschämte Summe dafür. Mit diesem Raub begab ich mich in das längliche Zimmer meiner neuen Pension, das ich mit einem andern jungen Menschen teilte, um mir in vollendeter Ratlosigkeit mit diesem unsinnigen Material zu schaffen zu machen: einem verunreinigten Erdenkloß, dem ich einen lebendigen Odem einblasen wollte und der aller meiner Bemühungen spottete. 
Dieser Fehlschlag entmutigte mich für lange Zeit, wozu die Verhältnisse in der neuen Pension, mein Stubenkamerad, mein überflüssiger Lehrer Dallwitz, mein trauriger Geldmangel, mein schlechter Körperzustand das Ihrige beitrugen. 
Ich hatte mich jetzt nicht etwa von meiner Idee abgekehrt, um das Handwerk blind zu beginnen, sondern ich war des heiligen Aufleuchtens meiner letzten Sorgauer Zeit hier nicht mehr gewürdigt worden. Wenn ich, wie oft, im Bierdunst lungernd hinter meinem Tische saß, beschäftigten mich ganz andere Gedanken, die mit göttlichen Dingen nichts zu tun hatten. Der Kunstschule konnte ich noch nicht sicher sein, da es fraglich geworden war, ob mein Vater das Schulgeld bezahlen konnte. Selbst dann, wenn ich aufgenommen würde, was ebenfalls fraglich blieb. Schließlich aber hatte dieses Hocken und Stocken, dieses Wollen und Nichtwollen, Nichtleben- und Nichtsterbenkönnen eines Tages doch sein Ende erreicht, und ich stand in dem hallenden Hausflur der Kunstschule, von wo wir zur Prüfung in die verschiedenen Klassenräume verteilt werden sollten.
 So war ich denn in die Propyläen der Kunst eingetreten. Der Augenblick berührte mich ernst und feierlich. Der Widerhall, den die Tritte und Stimmen der halblaut redenden Gruppen junger Leute in dem steinernen Treppenhaus weckten, war anders als anderswo. Ich trat an diesen, trat an jenen Kreis nicht ohne Scheu heran, weil ich meinte, daß alle Anwesenden mit größerem Recht als ich hier waren. Namen wie Velazquez, Makart, Michelangelo, die in den Gesprächen fielen und mir neu waren, schienen das vollauf zu bestätigen. [...]
Ich wurde in die Kunstschule aufgenommen, obgleich die Probeblätter, die wir zu zeichnen hatten, mich als blutigen Anfänger zeigten und diesen Beschluß gewiß nicht rechtfertigten. [...]
Die Leuchten der Kunstschule waren damals Professor Haertel, der Bildhauer, Professor James Marshall und Professor Bräuer, die Maler. Ich wurde keinem von ihnen zugeteilt, sondern kam in die Hände eines gewiß recht braven Handwerkers, der wohl ein mäßiger Stukkateur und sonst Gipsformer war. An Schulpulten sitzend, beschmierten wir Schüler schräggestellte Bretter mit feuchtem Ton und kopierten Flachreliefs von Mäanderbändern. Bei Baurat Stieler trieb man Bauzeichnen. [...]
Trotzdem, wenn auch vielleicht nicht im wesentlichen Teil meines Studiums, blieb ich vom lebendigen Fortschritt nicht ausgeschlossen. Hauptsächlich fördernd war ein Kolleg, das Professor Schultz über Kunstgeschichte zweimal zweistündig jede Woche las und das von Hugo Schmidt und mir jedesmal wie ein Fest genossen wurde. Und wie hätte das anders sein sollen! Tat sich doch das Italien des Cinquecento und des Secento vor unseren schönheitsgierigen jungen Augen auf und füllte unsere Seelen mit Feuer. [...]
Diese Vorträge von Professor Alwin Schultz verbreiteten eine Art warmen Goldlichtes durch die steinernen Räume der Schule. Aber noch mehr: sie hüllten die Schule selbst von außen in diese golden leuchtende, südliche Wärme ein, so daß sie gleichsam ihr Klima für sich hatte. [...]
Es wurde natürlich beinahe Tag und Nacht über Kunst philosophiert. Die Studierenden untereinander traktierten sich mit Rechthaberei und Überheblichkeit, wovon allein der Kreis um Hugo Schmidt, zu dem ich gehörte, eine Ausnahme machte. Mehrere Maler, Puschmann und Max Fleischer, hatten sich ebenfalls dieser Gruppe angeschlossen. Puschmann, ehemals herumziehender Photograph, trug schwarzes Gelock und stets eine Samtjacke. Es war jener etwa siebenundzwanzigjährige Mensch mit dem stechenden Blick und der hektischen Röte auf den Wangen, der Miniaturkopien nach weiblichen Akten von Makart am Tage der Prüfung vorzeigen konnte, die ihm denn auch die Pforten der Schule geöffnet hatten. 
In corpore wohnten wir eines Tages dem Begräbnis Karl von Holteis bei. Ich hatte die schöne, auffällige Greisenerscheinung mit dem weißen, bis auf die Schultern hängenden, wohlgepflegten Haar einmal auf der Straße gesehen. Ein unauslöschlicher Eindruck ist mir davon zurückgeblieben.
 [...]
»Im Munde der Unmündigen hast du dir dein Lob zugerichtet!« Ich war gerührt, als ich einen Jungen, der auf einem Lattenzaune saß, immer wieder sagen hörte: »Das ist der größte deutsche Dichter gewesen! Das ist der größte deutsche Dichter gewesen!« wiederholte er, unter eigener Rührung lehrhaft umherblickend.

Zweites Kapitel 
Ich wohnte bei einem Ehepaar – der Mann war Schuster – im dritten Stock eines alten Mietshauses der Seminargasse. Die Wohnung bestand aus einem zum Schlafzimmer umgewandelten hübschen Salon, den ich innehatte, aus einem Schlitz, der Werkstatt und Wohnraum der schusterlichen Vermieter war, außerdem aus Küche und Schlafzimmer. Meinen Monatswechsel von dreißig Mark gab ich für Miete und Frühstück aus, bezeichnend für die mir damals eigene, dem Leichtsinn recht nahe Sorglosigkeit. Schließlich jedoch, ohne Borg und Bettel wäre ich auch sonst mit diesem Wechsel nicht ausgekommen. Jedenfalls, es bleibt ein Rätsel, wie sich mein Vater, der früher, wenn es um unsere Erziehung ging, so freigebig war, meinen Unterhalt vorstellen mochte. Noch holte ich allerdings zweimal die Woche die mit Proviant gefüllte Reisetasche vom Freiburger Bahnhof ab, aber weder das Brot noch das kalte Fleisch war immer das frischeste. Die Soleier wurden erst dann an mich gesandt, wenn sie die Salzlake nicht mehr vertrugen und hart wie Stein waren. Einen Vorwurf mache ich meiner guten Mutter nicht, die mir gewiß auch manchen guten Bissen beipackte. Im übrigen ging es hier wie in der Feldstraße: aßen dort Primaner meistens gleich nach der Ankunft die ganze Bescherung auf, so tat es hier die kleine, geschlossene Kunstgruppe, von der die Rede gewesen ist.   
Hier sei eine kleine, schicksalhafte, schmerzliche Episode eingeschaltet. Ich brauchte seit einiger Zeit den Weg vom Freiburger Bahnhof bis zur Seminargasse mit der nahrungsmittelhaltigen Reisetasche nicht mehr per pedes apostolorum zu machen. Eines Tages hatte man Schienen gelegt und die erste Breslauer Pferdebahn eingerichtet. Sie beförderte gegen ein Zehnpfennigstück nunmehr meine Tasche sowie mich. Als ich dieses Zehnpfennigstück eines Tages wieder einmal an den Schaffner ablieferte, sagte jemand: »Nun, Framper, wie geht's?« 
Der Stotterer Gustav Hauptmann, Halbbruder meines Vaters, der in der Krone gelebt, dort seine pomphafte Hochzeit gehalten und endlich Wirt und Besitzer des Gasthofs Zum schwarzen Roß in Waldenburg war, hatte mich immer so genannt.
Ich begriff nicht sogleich, daß der Schaffner die Worte gesprochen hatte, noch schwerer, daß dieser kein anderer als eben Onkel Gustav selber war.
»Ich bin's, mein Junge!« bestätigte er. »Du siehst, so k...kann m...man allmählich emp...p...pork...kommen!«
Der Arme hatte alles verloren, bewohnte mit seiner Frau ein Bodengelaß; sie verdang sich als Wäscherin.
Onkel Gustav, der gute, der Kinderfreund, ist nicht lange danach von seinem verfehlten Leben und einer widersinnigen glücklosen Ehe durch den Tod erlöst worden. [...]

Die Vita nuova, in der ich stand, der endliche Durchbruch in mein wahres und eigentliches Lebenselement, machte mich nahezu unempfindlich für die Gefahren, denen ich im übrigen ausgeliefert war. [...] Mir war das stundenlange Hocken, Bierhinunterschütten, heftige Debattieren und Kneipliedergrölen unbekannt, und ich fand einen großen Reiz darin, mich mit meinen Genossen auszutoben. 
Wie kam es, daß bei dem hohen Ideal, das mich damals beherrschte, das, jung, rein und hell, mein sicherer Leitstern war, mich gleichzeitig ein so schlechter Instinkt unterjochen konnte? Oder unterlag man nur einer plötzlich freigewordenen, gesunden Gier, die, losgelassen, lechzend, soviel nur immer möglich Leben an sich raffen wollte und die man, unerfahren, noch nicht beherrschen gelernt hatte? Nein, daran, daß man sie beherrschen solle und könne, dachte ich damals nicht. Es war das Glück der Kameradschaft, das neue Erlebnis, unter gleichen ein gleicher zu sein, es war der Stolz, in eine Gilde aufgenommen zu sein, was irgendwie die gemeine Umgebung heiligte. Wie viele Nächte wurden hier um die Ohren geschlagen! Man mag erwägen, wie das meine zarte Konstitution ertragen sollte und wie es mit meiner Mittellosigkeit zu vereinen war. 
In diesen Nächten war ich der am meisten verbummelte Anfänger. Um ihre Kosten zu bestreiten, mußten Bettelbriefe an meinen ältesten Bruder Georg, der krank in Sorgau lag, nach Jena an Carl und vor allem an Tante Mathilde Jaschke herhalten. Ich habe mich nicht entblödet, auch den frommen Onkel Schubert mit einer Bitte um Geld brieflich anzugehen. Was nur immer einlief, wurde auf den Schenktisch der Frau Müller geschüttet, der Kellnerin in den Busen gesteckt oder sonst mit Freunden vertan. So kam denn sehr schnell der Augenblick, wo ich in meinen Zahlungen an Frau Müller mit einer für meine Verhältnisse übermäßig großen Summe in Rückstand war. [...]
Der erste Winter auf der Kunstschule war, in Betrachtung meiner äußeren Lebensumstände, wohl das übelste halbe Jahr, das ich je durchgemacht habe. Mitunter stand ich frierend, ohne Paletot, von oben bis unten durchnäßt, mit durchgelaufenen Sohlen im Straßenschlamm vor dem Schaufenster eines Wurstladens, die halberfrorenen Hände in die Taschen meines fadenscheinigen Röckchens vergraben, und überlegte, ob mir die Schlachterfrau wohl für zehn Pfennig Knoblauchwurst mit Semmel auf Borg geben würde. Gab ich dann meiner Seele einen Ruck und wagte mich unter die Menge der Käufer, so bin ich seltsamerweise nie enttäuscht worden. Aber das ergatterte Stückchen Wurst war durch den schweren Akt der Opferung meines Stolzes und die Gefahr einer schweren Demütigung ziemlich hoch bezahlt.   
Unsere Gesellschaft in der Stammkneipe war allmählich in eine ziemlich wüste Kumpanei ausgeartet, in deren Mittelpunkt schließlich der durch Trunk damals ziemlich heruntergekommene Professor James Marshall saß. [...]
Durch einen nächtlichen Vorgang wird erwiesen, zu welchem Tiefstand, welchem Grade von Roheit wir damals gesunken waren und welche niedrigen Elemente sich bei uns aufhielten.
Wir hatten bis nach ein Uhr diskutierend, lärmend, saufend, rauchend um James Marshall herumgesessen und beschlossen einen Lokalwechsel. Ein Kunstschüler namens W., der Seminarbildung hinter sich hatte und mit dem ich kaum je ins Gespräch gekommen war, ging in der Prozession durch die nächtlich verödeten Gassen hinter mir her. Da sah ich Feuer, fühlte mich taub und hörte im rechten Ohr ein feines Klingen. Aber ich hatte blitzschnell begriffen, daß dieser mir nahezu fremde Mensch von rückwärts mit aller möglichen Wucht mir einen Schlag gegen den Kopf versetzt hatte. 
Den Augenblick später hatte ich ihn zu Boden geworfen und wälzte mich mit ihm im Rinnstein herum. Schließlich wurde er still, aber ich war nicht brutal genug, um ihm in gleicher Münze heimzuzahlen. [...]
Dieser sinnlos tückische Mensch war viel stärker als ich. Aber auf meiner Seite war Intelligenz, schnelles Denken und augenblickliche, rückhaltlose Entschlossenheit. Ewig konnte ich nicht auf der Brust dieses hinterhältigen Feiglings knien, und als sich die Kameraden einmischten und erklärten, er habe nun seine Lektion, schwor er auf ihre Veranlassung sozusagen Urfehde und gab, daß alle es hörten, sein Ehrenwort, von nun ab friedlich zu sein. Er bat um Verzeihung – was man von ihm verlangte –, und als es geschehen war, gab ich seine Gelenke frei. 
Sofort hatte ich einen mit aller Kraft geführten Faustschlag im Gesicht und glaubte, mein Auge sei verloren. Wer war von uns beiden nun der Besiegte? Ganz genau entscheiden könnte ich die Frage noch heute nicht. Er hatte den Sieg der Brutalität, den Sieg des Wortbruchs, den Sieg des Unrechts in jedem Betracht, kurz, er hatte den Sieg der Niederträchtigkeit. Ich dagegen war schuldlos überfallen worden, hatte den Sieg der Kraft, den Sieg der Ritterlichkeit, den Sieg der Milde, den Sieg der Versöhnlichkeit. Aber ich war für drei Wochen einäugig, da ich das andere Auge unter der Binde tragen mußte, und vor der Kunstschule doch der Gezeichnete. 
Was war der Grund dafür, daß sich in diesem Menschen ein solcher Haß bilden konnte und losbrechen mußte? Man bleibt auf Vermutungen angewiesen. 
Es ist gesagt worden, in wie hohem Maße Kritik im Elternhaus geübt wurde. Nannte mein Vater jemand einen Menschen, der denkt, so erteilte er ihm sein höchstes Lob. Irgendwie neigten wir alle zu Wortkämpfen und waren nicht willens, uns eine Ansicht aufzwingen zu lassen. Vielleicht hatte die Erkenntnis, wonach der Richterstuhl der eigenen, gottgegebenen Vernunft der höchste ist, es mit sich gebracht, daß ich frisch, frei, fromm und froh in den Tag hinein redete, was ganz allgemein meine Gegner gereizt haben mag. [...]
Die Schüchternheit meiner Lederoser Tage war also abgestreift. In Gesprächen beherrschte mich eher eine oft gefährlichen Freimut in sich schließende Furchtlosigkeit. Sollte ich aber etwas wie ein Krakeeler gewesen sein, so sah ich keineswegs danach aus. Denn als ich einst im Café unter meinen Kameraden saß, kam ein älterer Herr bescheiden an mich heran und wollte wissen, ob ich es übelnehmen würde, wenn er mir eine Frage vorlegte. Ich sagte nein. Er wies auf einen Tisch von bürgerlichen Damen und Herren hin, die verstohlen herüberblickten, und erklärte, es sei eine Wette gemacht worden, weil einige seiner Freunde behaupteten, daß ich ein junger Mann, andere, daß ich ein verkleidetes junges Mädchen sei.

Drittes Kapitel 
Vielfach war es jedoch berechtigte Notwehr, wodurch ich unbeliebt wurde. Ein häßlicher Gemeingeist des rettungslos Mittelmäßigen in der Schule wirkte sich in dem Bestreben aus, nach Möglichkeit alles zu entmutigen, herabzustimmen, zu hindern, zu lähmen, was einen höherstrebenden Zug mit Hoffnung zu verbinden schien. Man konnte sich seiner nur schwer erwehren. Da hieß es: »Sie wollen ein Rauch, Sie wollen ein Hähnel werden! Bilden Sie sich nur das nicht ein! Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« Immer wieder vernahm man die Worte: »Sie werden sich schön in die Nesseln setzen!« oder: »Bilden Sie sich nur das nicht ein! Machen Sie sich nur keine Hoffnungen!« – Die Nesseln aber, sie waren das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Das, was man sich nicht einbilden sollte, war: ein großer Künstler zu werden, will heißen, überhaupt ein Künstler zu werden, da doch, genaugenommen, man entweder ein großer Künstler oder gar keiner ist. »Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« sollte eine allgemeine Höhe bezeichnen, in die hinaufzustreben erwiesener- und anerkanntermaßen für einen Menschen unserer Tage Irrsinn sei. »Machen Sie sich nur keine Hoffnungen«: »Lasciate ogni speranza!« Dante hat diese Worte über dem Eingang zur Hölle gefunden.
[...]
Ich ahnte damals nicht, und wer ahnte es, der mich sah, daß ich einen heroischen Kampf um die höchsten moralischen Güter des Lebens, und noch dazu in Elend, Armut und Verlumpung, zu kämpfen hatte! Von allen Seiten sprangen die dämonischen Mächte der Zerstörung meine ringende Seele und meinen ringenden Körper an, und ich dachte nicht einmal darüber nach, ob ich Aussicht hatte, mit ihnen fertig zu werden. 
Damals kam ich mir verbummelt vor. Aber ich rechnete mir nicht an, was ich tat, was mein Ehrgeiz an Plänen schmiedete, wohin sich mein Wille, meine Hoffnung verstieg, ebensowenig, daß ich bei aller Unordentlichkeit meines Lebens außer Dickens und Thackeray Wilhelm Jordans »Nibelungen« in mich aufgenommen und zwei Gesänge eines »Hermannsliedes« in Stabreimen nach seinem Vorbild gedichtet hatte.
[...]
Als die Schustersfrau, meine Wirtin, die einigen Anteil an mir nahm, mit der Frage »Was soll denn um Gottes willen aus Ihnen werden?!« die Hände rang und mir andere Mieter als Beispiel nannte, Referendare, die bei ihr den Assessor erbüffelt hatten, erwiderte ich, sie möge das mir und Gott überlassen. Dabei hatte ich, ich weiß nicht wieso, eine geradezu frevelhafte Sicherheit. [...]
Ich lag nachts auf einer Roßhaarmatratze, einem Urväterhausrat, der mich vor Jahren nach Breslau in die Wanzen-, Schwaben- und Flohpension begleitet hatte. Als mich wieder einmal der Hunger nicht schlafen ließ, brachte mir der Stich eines Roßhaars das alte Familienstück in Erinnerung und ließ zugleich den Doppelgedanken aufblitzen, daß es eigentlich überflüssig und daß es verkäuflich sei. Mein Entschluß war sogleich gefaßt. Aber als bereits am nächsten Morgen mein Vertrauensmann, ein Packträger, die Matratze auf dem Kopf, durch die Straße schritt, von mir in gemessener Entfernung begleitet, glaubte ich, im Verkehr des Bürgersteiges verborgen, daß alle Welt sich gegen einen öffentlichen Skandal entrüsten müßte. 
Übte ich nicht an meiner Mutter Verrat? War es nicht Mutterliebe, die ich, ein zweiter Judas, für dreißig Silberlinge zu verkaufen mich erniedrigte? 
Meine Wirtin war außer sich, als sie von der Sache erfuhr und von dem Trinkgeld, das man mir für das große Wertobjekt hingeworfen hatte. Ihr Mann, der Schuster, sah sich seit Jahren nach einer solchen Unterlage um, da sein Arzt ihm auf Roßhaar zu liegen als Mittel gegen die Gicht empfohlen hatte. Vielleicht hatte mir die Matratze allein bei den Schustersleuten Kredit verschafft, weil sie ihnen als ein dereinst verfallenes Pfand vorschwebte. Die Schustersfrau war also außer sich. Alle meine Schulden bei ihr, sagte sie, wären durch die Matratze beglichen gewesen, und ich hätte noch Geld herausgekriegt.
[...]
Nach dem von fruchtbaren und gefährlichen Gärungen trächtigen Winter kündigte sich der ereignisreichste Sommer mit einer dramatischen Katastrophe an, als ich auf meinem Tisch bei den Schustersleuten einen großen Brief mit staatlichem Stempel entdecken mußte, in dem man mir meine Verweisung aus der Kunstschule mitteilte. Man nannte als Ursache dieser harten Maßnahme schlechtes Betragen, unzureichenden Fleiß und Schulbesuch. Mein Ausbleiben nach Ferienschluß hatte dem Faß den Boden ausgestoßen. 
Ich war erschrocken und ziemlich erregt. Aber da ich die Sache wesentlich mit mir selbst auszumachen hatte und meinen Vater, der mich aus seiner Vormundschaft entlassen hatte, nicht hineinzuziehen brauchte, machte es keinen niederschmetternden Eindruck auf mich.
Es zeigte sich, daß mein Ausschluß von der alten Partei im Lehrerkollegium durchgesetzt, von der neuen nicht gebilligt war und bei klugem Vorgehen möglicherweise rückgängig gemacht werden konnte. Brave Freunde, Hugo Schmidt, Max Fleischer und Puschmann, hinterbrachten mir das. 
Professor Haertel sei empört. Er habe geäußert, ich möge ihn aufsuchen. Möglicherweise laufe diese ganze sinnlose Angelegenheit auf einen Glücksfall für mich hinaus. Wahrscheinlich nehme mich Haertel als Privatschüler. Und in der Tat würde damit mein leidenschaftlich gehegter Wunsch erfüllt worden sein. Schon am Tage darauf war diese Vermutung Wirklichkeit.
[...]
Es war damit für mich eine neue Ära auf der Kunstschule angebrochen. Die Werkstatt des ausgezeichneten Bildhauers wurde das Fundament, auf das mein Wachstum sich stützen konnte. Eine große Dürerstatue, daran der Meister jetzt arbeitete, wurde von mir naßgehalten, aus ihren Lappen gewickelt, wenn der Professor erschien, und sorgfältig wieder damit bedeckt, wenn er die Werkstatt verlassen hatte. Auf diese Art war ich, was ich mit Stolz empfand, ein Gehilfe und eines Meisters Lehrling geworden.

Viertes Kapitel
 Ich wurde der ganzen Schule merkwürdig. Es war ein Kampf um mich entbrannt und eine Spaltung sichtbar geworden. Viele, die mich früher verhöhnt und gemieden hatten, drängten sich nunmehr an mich heran. Auf alle Fälle hatte ich ja, wie sie sahen, mich durchgesetzt, wenn es auch fraglich war, ob man mich in den Schulkonzern wieder aufnehmen würde. Ausgeschlossen, durfte ich auch den Vorlesungen von Professor Schultz nicht mehr beiwohnen. Die Pause zwischen der ersten und zweiten Stunde pflegte der Kunsthistoriker bei Haertel im Atelier zuzubringen. Um diese Zeit fanden sich gewöhnlich James Marshall und Architekt Rhenius, Junggeselle und eleganter Lebemann, bei uns ein, auch wohl dieser und jener mit Haertel befreundete Breslauer Künstler. Es wurde geraucht und debattiert. 
Eines Tages, als sich diese Gesellschaft besonders zahlreich versammelt hatte, sagte Haertel plötzlich zu mir: »Man hat mir gesagt, daß Sie eine recht nette kleine Dichtung verfaßt hätten. Lesen Sie uns doch mal was vor!« 
Mein Erstaunen war groß, denn ich hatte wirklich nicht angenommen, daß sich etwas dergleichen ereignen könne. Noch heute wüßte ich nicht zu sagen, wer Haertel diesen Gedanken gesteckt haben mochte. Möglicherweise mein Mitschüler Max Fleischer, der sich in letzter Zeit dem Kreise um Hugo Schmidt angeschlossen und einer Vorlesung der zwei oder drei Gesänge meines »Hermannsliedes« beigewohnt hatte. Er war wohl der einzige, dem man es zutrauen kann. 
Auf der Drehscheibe meines dreibeinigen Modellierstuhles stand ein Muskelmann. Ich hatte die Hände sinken lassen, das Modellierholz weggelegt, fühlte wie immer den harten Einband meines Oktavbüchelchens in der Brusttasche und war entschlossen, mich nicht zu zieren, falls Haertel seinen Wunsch, meinen poetischen Versuch zu hören, wiederholen sollte. Ungefähr drückte ich ihm das aus. 
Die Herren waren sehr aufgeräumt. Ein heiter-ironisches Zwischenspiel wurde von Schultz mit erhabenen Vergleichungen, in denen der Name Tasso fiel, von James Marshall durch Witzeleien bestritten. Rhenius fügte besänftigende Äußerungen des Mitleids ein und nahm Anlaß, mir ermutigend auf die Schulter zu klopfen. »Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas!« sagte er. 
Nun trotzdem, es kam plötzlich etwas Musisches in den Raum. Die Vögel sangen im kleinen Vorgarten. Die Statue Dürers war enthüllt und blickte geruhig auf mich herunter. Das war, ich begriff es sofort, ein vielleicht gottgesandter Augenblick, ganz ausdrücklich für mich beschlossen. Die hochmögenden Herren und Richter aber waren wohl auch für die glücklichen Gegebenheiten an Raum, Stunde und schöner Identität mit großen musischen Ereignissen der Vergangenheit nicht unempfindlich. Sie fügten sich gern dem schönen Schein, ob er auch bald durch das Fiasko eines blutigen Anfängertums, einer Versündigung am Geiste der Poesie, zerstört werden mochte.
Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz!
Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz!
Dies ungefähr drückt mein Empfinden aus, als ich mein Oktavbüchelchen aufgeschlagen in der Linken hielt, mit der Rechten die Platte des Modellierstuhls gefaßt hatte, mich räusperte und zu lesen begann.
Da wurde es still, stiller und blieb auch still, nachdem der letzte Hall meines letzten Wortes, von den Wänden des hohen Ateliers zurückgeworfen, verklungen war.
War ich selber der Urheber dessen, was jetzt vor sich ging? War meine Dichtung der Begeisterung würdig, die sie auslöste? Möglich, daß sie nur der Art meines Vortrags galt. Möglich auch, daß schon ein Mittelmäßiges unerwartet und also überraschend kam, weil man ein Nichts oder eine Lächerlichkeit voraussetzte. Dann hätte ich den Beifall, der mich umgab, einer Urteilsüberrumpelung zu verdanken. Eine andere Erklärung schwebt mir vor. Meine menschliche Gegenwart, mein Vortrag, mein Gedicht, die außergewöhnliche Art, die mich in einen Wirbel von Konflikten gezogen hatte: dies alles hat zusammengewirkt, um meinen Hörern im Nu einen Begriff meines Wesens zu geben. Mein ganzes Sein wurde aufgeschlossen, die Zukunft wie die Vergangenheit. Und so war ich allerdings von dem Verhalten der Herren der wahre Urheber. Aber eben in meiner Ganzheit war ich es und nicht durch Dichtung und Vortrag allein. [...]
Haertel und Marshall rannten umher. Der Kunsthistoriker Schultz war der ruhigste. Er nickte nur mit dem Kopf. Rhenius tobte vor meinen Ohren: »Und solch einen Menschen wollen die Esel hinausschmeißen!« – »Ein Dichter von Gottes Gnaden! Ein Dichter von Gottes Gnaden! Ein Dichter von Gottes Gnaden!« wiederholte Marshall immerzu. Haertel aber, dessen unbegreifliches Vertrauen zu meinen dichterischen Gaben keinerlei Unterlagen gehabt hatte, schritt wie ein Triumphator, brummelnd und Zigaretten qualmend, in seinem Studio hin und her oder stand wohl auch still und schüttelte die Faust gegen die Decke, als ob er über irgendwen, vielleicht den Direktor, das Jüngste Gericht herabrufen wolle. 
Am folgenden Tage war ich zum ersten Male ein berühmter Mann. Die Kunstschülerinnen – es gab auch solche – umschwärmten mich. Ich mußte in ihre Stammbücher einschreiben. Einige unter ihnen waren schön. Man fragte mich,wann und um welche Tageszeit ich am besten dichte, ob ich rauche, Tee oder Kaffee trinke, kurz, die Kunstschule hatte in diesen Tagen keinen Schüler, berühmt wie ich.

So hatten wir uns denn viel zu erzählen, Carl und ich, als wir um Pfingsten in Sorgau zusammentrafen. [...] Natürlich schlug auch die Nähe Weimars in Carls Berichte hinein, da von dort aus noch die fortlebende Seelenwärme Goethes in die berühmte Universitätsstadt herüberdrang. Hatte sich doch überdies ein sehr wesentlicher Teil seines Lebens und Wirkens in Jena vollzogen. [...]
Sokrates würde in uns zwei echte Schüler erkannt haben. Wir spürten seine Aura um uns.
 [...]
Irgendwie nahmen auch meine Eltern teil an unserer fortreißenden Euphorie und Eudämonie. Sie hatten uns lieb, spürten den Aufschwung in uns und wurden von unserer festlich frohen Erregung mitgenommen. Die lächelnd erwärmte Teilnahme meiner Mutter verlor dennoch nicht ganz einen nachdenklich sorgenvollen Zug.
 [...]

Man hatte mich am letzten Tage vor den Ferien wiederum feierlich in die Kunstschule aufgenommen. [...]

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.52-53)

Zweiundfünfzigstes Kapitel
Seltsam, ich hatte die Lehre verlassen, um in Proskau Ökonomie zu studieren. Die Schuberts, die Eltern, ich selber, wir hatten keinen anderen Gedanken. Kaum war ich in Sorgau, als von Landwirtschaft, die ich noch tags zuvor für meinen fest bestimmten Lebensberuf gehalten hatte, mit keinem Wort mehr die Rede war. Mein Vater, ich fühlte es, hatte mich freigegeben. Stillschweigend war die Berufswahl wieder in meine Hand gelegt. 

Ich durchlebte zunächst eine Muluszeit, konnte mich nach Belieben bewegen, Ausflüge machen oder auch ruhen, ohne daß sich jemand um mich kümmerte. Es wurde kaum laut davon gesprochen, aber es fand gerade damals ein bedeutungsvolles Ereignis statt. Die alte Krone war unter den Hammer gekommen. Man spürte, daß mein Vater dadurch nicht überrascht worden war. Die vernichtende Wirkung auf die Familie war durch die Bahnhofspachtung, die auf den Namen der Mutter lief, einigermaßen paralysiert. Was Vater dachte, war schwer zu sagen. Die Mutter, wenn man ihr glauben wollte, war, getreu ihrer früheren Haltung, froh, daß es endlich so weit gekommen war. [...]

Es war für mich ein Tag von hoher Bedeutsamkeit, nicht nur durch den neuen Rhythmus, den er mir gab, sondern durch eine Erkenntnis, die plötzlich im Laufe des heiteren Disputierens in mir aufleuchtete. Sie hat mich zu einem neuen, einem selbstbewußten Menschen gemacht und ist mir bis heut nicht verlorengegangen. Es wurde mit ihr gewissermaßen das gesunde und gerade Wachstum meiner Knabenjahre wieder aufgenommen und nach jahrelangem Siechtum auf höherer Stufe fortgesetzt: eine Möglichkeit, an der ich noch jüngst in Salzbrunn verzweifeln wollte. [...]

Nun war ich frei, denn ich wurde von der neugeborenen Göttin für frei erklärt. Es ist der Mensch, der den Staat, die Kirche, die Schule für seine Zwecke geschaffen hat. Ich bin solch ein Mensch, ich bin der Mensch. Und weil ich der Mensch bin, bin ich der Schöpfer. Feste Bildungen, im Sinne von ein für allemal gegebener, unveränderlicher Art, sind menschliche Institutionen nicht. Es sind veränderliche Gebilde. Nur dadurch sind sie wachstumsfähig, nur darin besteht die Möglichkeit, sie zu vervollkommnen, und ich bin berufen, ich möchte sagen mit jedem meiner Gedanken, daran mitzuarbeiten. Es gibt in dieser Beziehung nur Menschen gleichen Berufes neben mir, nicht über mir. Und so habe ich mich an jenem Tage, indem ich mir dies alles sagte, bewußt und klar zum Ritter geschlagen. Die Stunde dieser Erkenntnis war der Zeitpunkt meiner Geburt als Persönlichkeit. [...]

Was auf der Ohlewiese vor sich gehen sollte, war nach altgermanischem Muster die Zeremonie der Blutsbrüderschaft. Schweigend wurde ein Rasenstreifen ausgehoben und mit vieler Mühe durch abgebrochene Zweiggabeln gestützt und in die Höhe gehalten. Unter ihn tretend, leisteten wir einander den Blutsbruderschwur. So waren wir denn verbunden, mit Gut und Blut und auf Lebenszeit, sowohl der Idee wie untereinander. 
Der mystische Pate dieses mystischen Vorgangs war Felix Dahn, der besonders auf den tüchtigen, sonst so nüchternen Alfred Ploetz durch seine Romane »Odhins Trost«, »Kampf um Rom« und anderes den entscheidenden Einfluß ausübte. Bald danach und den ganzen Winter hindurch trat die Beschäftigung mit dem pangermanischen Ideal in den Hintergrund. 
Die Blutsbrüder, in der Mehrzahl Primaner außer mir, büffelten für das Abiturium, das zu Ostern steigen sollte. Mich besuchte alle drei Tage ein Lehrer, der Dallwitz hieß, kaum das Ende der Stunde erwarten konnte und ebensowenig wußte wie ich, was zu meinem Examen notwendig war oder was er mit mir anfangen sollte. In diesem Betrachte war nun wieder der Winter, war der kommende Sommer zusammengenommen ein verlorenes Jahr.

Dreiundfünfzigstes Kapitel 
Auch sonst war es eine tote Epoche, wie ich sie nach dem vielversprechenden Anfang nicht erwartet hätte. Vor meinen Fenstern hinter dem Stadtgraben lag das burgartig bekuppelte Gebäude der Liebichshöhe, und da ich die meiste Zeit mit pflichtgemäßem Nichtstun im Zimmer verbrachte, konnte ich mich an der immerhin schönen Aussicht erlaben bis zum Überdruß. [...]
Mein Vater lud die Malerfamilie gelegentlich zu Tische ein, und da es in seiner Jugend üblich war, sich von reisenden Malern malen zu lassen, empfahl er Herrn Glitschmann hie und da einem der Honoratioren des Kreises Waldenburg, von denen er diesen und jenen kannte. Glitschmann blickte mich, als ich im Sommer in Sorgau zu Besuch erschien, mit besonderen Augen an, und ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Wie er schnell und sicher mit der Feder sprechende Züge auf einen Briefbogen warf, konnte ich gar nicht genug bestaunen. Diese Kunstübung sah ich zum erstenmal und gestand mir ein, daß meine Versuche in dieser Beziehung Stümperei seien. [...]
Noch war ich damals so rein, so unverdorben oder so unwissend, daß mir die Kunst als etwas Unerreichbares, schlechthin Göttliches vorschwebte. Kaiser, Könige, Fürsten sagten mir nichts, wogegen ich mir die Schöpfer der von mir genannten Kunstwerke ohne weiteres nur als Götter oder mindestens als im Besitz übernatürlicher Kräfte vorstellen konnte. Daran, daß die hohen Gebiete ihres Wirkens für einen niederen und gemeinen Sterblichen, der ich war, je in Betracht kommen könnten, bis zu diesem Gedanken hatte sich meine Seele nie und nimmer zu erheben gewagt. [...]
Es war gewiß der Dichter in mir, dem ich einen so hohen Begriff von bildender Kunst verdanke. Er hatte mir aber seltsamerweise einstweilen noch nicht den gleichen Begriff von der eigenen Kunst zu geben vermocht. [...]
Obgleich ich sommersüber nur die Stunden mit Dallwitz fortführte, machte ich im Juli große Ferien. In Salzbrunn, das ich von Sorgau aus wie immer besuchte, tauchte die Familie Weigelt auf, die Konsistorialrätin, die freundliche Tochter und Konrad, der Sohn. War ich diesen Menschen in meiner Knabenzeit unauslöschlichen Dank schuldig geworden, als sie mich armen, unbeachteten, gleichsam vergessenen Jungen in ihren hochbürgerlichen Kreis zogen, so bewahrten sie mir jetzt eine unveränderte Anhänglichkeit und folgten meiner Entwicklung mit Teilnahme. [...]
Nun ritt ich bereits mein Steckenpferd; Hoffnung, Freude und Eitelkeit bewirkten es, daß ich mich den Konsistorialratsdamen gegenüber bereits als werdender Künstler aufspielte. Sie sowohl wie Konrad Weigelt, mein Freund, schienen davon sehr angetan. Heute weiß ich nicht mehr, was ich ihnen, sicher in überstiegener Weise, damals vorfabelte. [...]
Noch wußte ich nicht, wie der Vater meine Absicht, Künstler, und zwar Bildhauer, zu werden, aufnehmen würde. Seit meiner Rückkehr von Lederose hatte er sich in Schweigen gehüllt. [...]
Mir schienen die Aussichten, die mein Plan in den Augen des Vaters hatte, nicht sehr ermutigend. Aber ich konnte nicht ewig damit hinterm Berge halten. Die Gelegenheit, mich zu eröffnen, ergab sich bei einem unserer Gänge nach Fürstenstein, den ich mit ihm allein machte. Ich faßte Mut und rückte mit meiner Absicht heraus. Da er immer nur schwieg, stellte ich mich, als würde ich wärmer und wärmer, bis ich schließlich wirklich in Hitze geriet. [...]
Ich schwieg, als mein Latein zu Ende war, und war auf die kalte Dusche gefaßt, die mich abkühlen und mein Strohfeuer löschen sollte. Diesmal aber täuschte ich mich. 
»Das ist ein guter Gedanke von dir«, sagte mein Vater, »dem ich vollkommen zustimme.« Ich fragte: »Wie?« Und er wiederholte das schon Gesagte Wort für Wort. Dann fuhr er fort: »Es kommt darauf an, daß du das wirklich willst, wovon du gesprochen hast. Wenn du es wirklich willst, wenn ein Mensch wirklich etwas will, so erreicht er es, er mag sich sein Ziel noch so hoch stecken. Ich finde übrigens, daß man sich ein Ziel nicht zu hoch stecken kann. Nur, wie gesagt, man muß es erreichen wollen, muß einen festen Glauben daran behalten, darf nicht rechts und links abschweifen, sich durch keine Querschläge und Fehlschläge entmutigen lassen. Es ist immer ein Segen, wenn ein junger Mensch auf diese Art etwas will. Ich freue mich, daß dieser Wille so klar und bestimmt in dir aufgestiegen ist, und man kann dir dazu nur gratulieren.«
Damit klopfte er mir auf die Schulter. Ich aber schwieg. Ich war so bewegt, ich hätte kein Wort des Dankes, kein Wort der Freude hervorbringen können.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

12 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.49-51)

Neunundvierzigstes Kapitel 
Ich hatte einen Blick in das Reich der ewigen Schönheit getan, hatte, wie der indische Weise, nicht nur irdische, sondern auch die himmlische Musik gehört, aber ich fiel trotzdem in die schleppenden, stockenden Düsternisse meines muffigen Alltags zurück. Mechanisch hielt ich eine Richtung ein, mechanisch ließ ich ihr Ziel gelten. Wohl dachte ich über manches nach, war aber doch weit entfernt davon, meinen Willen, mein Denken und meine Phantasie dem Aufbau meines eigenen Lebens unabhängig zu widmen. Ich hatte von vornherein, wie ich glaubte, dazu kein Recht. [...]
Die Überlastung meiner Seele mit Träumen nahm mir schließlich besonders im Dunkeln das sichere Unterscheidungsvermögen zwischen eingebildeten Dingen und der Wirklichkeit. Ich glaubte an Gespenstergeschichten, an den Teufel in allerlei Gestalt, an Geister, die den Kopf unterm Arm tragen. An die Prophezeiungen eines Schäfers Thomas glaubte ich, an die nahen Schrecken der Apokalypse und, damit verbunden, den Weltuntergang. 
Wanderprediger, innere Missionare Zinzendorfscher Observanz tauchten auf, die mit mir leichtes Spiel hatten. Sie machten uns allen die Hölle heiß. Die Schriften, Wunder und Gebetsheilungen einer Schweizerin, einer gewissen Dorothea Trudel in Männedorf am Zürichsee, wurden viel diskutiert. Sie heilte Krankheiten des Leibes sowie vor allem der Seele. Ihren Beistand zu brauchen war ich nahe daran.
Heut habe ich den Eindruck, daß damals der religiöse Wahnsinn an meine Tür klopfte. Den somatischen Vorgängen meines Reifens zur Vivipotenz ohne Rat und Beistand ausgeliefert, näherte sich mein Nervensystem einem Zusammenbruch. Ich hatte periodische Anfälle. Es stellte sich, wo ich auch war, ein kleiner, dunkler Punkt vor meinem rechten Auge ein. Ich konnte dann, wenn ich im Felde war, nichts weiter tun, als so schnell wie möglich heimzueilen.  Inzwischen hatte sich auch vor dem linken Auge der dunkle Fleck eingestellt. Beide lösten sich in Wolken auf, die mir nur hie und da einen flüchtigen Blick, um mich zu orientieren, ins Freie gestatteten. Manchmal war die Erblindung eine völlige, bevor ich das Gutshaus erreicht hatte. Ich setzte mich dann gewöhnlich und wartete, bis ich Schritte hörte und jemand auf meinen Anruf zu mir kam und mich heimleitete. 
Ich machte dann im Zimmer völlige Dunkelheit oder bat das Hausmädchen, es zu tun, legte mich zu Bett und hatte einen wütenden Kopfschmerz zu bestehen, der mir den Kopf zu zerreißen drohte. Es folgte dann immer ein tiefer Schlaf, aus dem ich sehend und freien Hauptes erwachte.   

Zu meinem Glück setzte ich durch, daß ich Pfingsten bei meinen Eltern verbringen durfte. Nicht Heimweh und Sehnsucht, sie wiederzusehen, war diesmal der alleinige Grund, sondern ich wurde von einer Seelenangst heimgetrieben, sie könnten, ohne sich vorher bekehrt zu haben, vom Weltuntergang überfallen werden. Ich hielt diesen wahren Grund meiner Reise geheim, weil ich auch jetzt noch den Zustand meines Gemütes den Verwandten nicht aufdeckte. Ich hatte also, und wies sie mir zu, die heilige Mission, die Meinigen vor der Verdammnis zu retten.
Als ich auf dem Bahnhof in Striegau die schwere Dampfmaschine mit ihrem Wagenzuge brausend herankommen sah, wurde mir meine Mission bereits zweifelhaft.  [...]
Vor Sorgau war Freiburg die letzte Station, der Ort, an dem ich mit Geisler in den Fürstensteiner Grund abgebogen war. Diesmal saß ich im Zug und fuhr mit ihm eine der kurvenreichsten Strecken, deren Heimatnähe auf der Heimfahrt von Breslau mich immer überglücklich gemacht hatte. Es gab ein Geräusch, das mir wie Musik erschien, als wenn bei den Kehren durch die Räder lange Späne von den eisernen Gleisen geschält würden. Dies übte auch diesmal eine bezaubernde Wirkung aus, bis nach einem hohen Durchstich der Zug in den Bahnhof Sorgau hineinrollte.
 Carl war zu Hause; ich hatte an ihn seit Monaten nicht gedacht. Er hatte Alfred Ploetz mitgebracht. Die Eltern machten vergnügte Gesichter. Der Vorfeiertagsbetrieb war im Gang. Man hörte das Gold im Kasten klingen. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen: wer dachte noch an Weltuntergang?
In einer Sekunde hatte ein Frühlingssturm aus blauem Himmel allen Lederoser Druck, Muff, Qualm, alles himmlisch-irdische Brunstfieber und was an Ängsten und Nöten damit verbunden war, in alle Winde davongejagt.
Die Betten von Alfred Ploetz und Carl waren in einer Bodenkammer des Bahnhofs aufgeschlagen. Man hatte von hier aus eine Weite unter sich, einen Blick über Berg und Tal. Die beiden Freunde waren Naturforscher, ihr Schlafraum war zugleich ihr Laboratorium. Eine Fremdheit dem Freunde gegenüber konnte von Anfang an nicht aufkommen. Der knochige Pommer sprach mit mir, als wären wir, seit wir uns zuletzt gesehen, keine Stunde getrennt gewesen. Er zeigte mir Käfer und Schmetterlinge auf einer Korkplatte aufgespießt und das Netz, mit dem er sie jüngst gefangen hatte. Er las mir ein Privatissimum. Man betäubte das Insekt mit Äther, bevor man es aufspießte. Den Staub der Flügel unverletzt zu erhalten, mußte man äußerst vorsichtig sein. Carl betreute ein kleines Herbarium. Frisch gesammelte Pflanzenbündel lagen um eine grüne Botanisiertrommel. Das sah alles so gesund, frohgelaunt und zuversichtlich aus: es war Spiel, es war Jagd, es schmeckte nach prächtigen Wiesen und Sonnenschein, und man fühlte, wie sehr die beiden sich wohlfühlten. Ich wurde sofort als der Dritte im Bunde eingereiht. Diese Dachkammer, dieses Laboratorium, wir drei jungen Menschen im Glanz der Pfingsttage umschlossen das Höchste, was sich an Jugend und Werdeglück verwirklichen kann. Wir sprachen laut. Wollüstig wie der Schwimmer im lauen See kosteten wir unser Leben aus und bewegten uns lachend und unser Behagen nicht verbergend in seinen Fluten. Mir selber war dies kaum so bewußt.
Alles an diesen jungen Männern war ungeduldiger Mut, gleichsam von edlen Pferden, die darauf warteten, daß die Schranken zur Rennbahn geöffnet würden. Und alles an ihnen war Siegessicherheit. Es gab keine menschliche Autorität und ebensowenig eine Institution, vor der sie sich geduckt oder die Segel gestrichen hätten. Zu einem Staunen darüber kam ich nicht, denn ich wurde von diesem Sturm und Drang sogleich ohne allen Widerstand in derselben Richtung fortgerissen. So gab ich zunächst den Schäfer Thomas preis und entfesselte mit seinen Weltuntergangsprophezeiungen dröhnende Lachsalven. Ich selber lachte am lautesten mit. Ich sprach von den inneren Missionaren und der Höllenfurcht, die sie den Leuten einjagten, und es wurde gesagt, man solle sie ausstopfen, einmotten und als Monstra in einem Museum aufheben.
Nein, hier wehte kein pietistischer Wind! Und derselbe Carl, der einstmals wutweinend aufgestampft und dabei geschworen hatte: »Jesus Christus ist Gottes Sohn!«, wurde jetzt nicht müde, Stellen aus Ludwig Büchners »Kraft und Stoff« und aus Schriften anderer Materialisten und Atheisten vorzutragen. [...]
Seltsam, wie diese Bahnhofsatmosphäre, das Wiedersehen mit Eltern, Bruder und Freund mich im Handumdrehen an Körper und Geist gesund machte. [...]
Vom Bahnhof Sorgau hatte man nicht weit bis in den Fürstensteiner Grund und die an seinem Ende gelegene Neue Schweizerei. Der erste flache Weg durch die Felder gestaltet sich immer genußreicher, bis man durch liebliche Tälchen die Felsenschlucht, den wunderbarsten Naturpark, betritt.
Früh um fünf Uhr eines Tages erhoben wir uns, um mit Vater, von ihm dazu eingeladen, die Wanderung dorthin anzutreten. [...]
Was hatte doch – ich mußte darüber staunen – die Natur für mich wieder ein so anderes Gesicht! Nicht nur, daß ich aus mystischer Neigung zum Dunkel den Tag in Lederose nicht gern hatte, ich hatte sogar die Sonne dort wie einen grausamen Fronvogt betrachten gelernt. Ich wandte mich ab, wenn sie im Osten auftauchte und durch eine bestimmte offene Durchfahrt mit grellem Licht in den Gutshof brach. Des Sonntags – es mochte der schönste Tag im Sommer sein – steckte ich nicht einmal die Nase freiwillig aus dem Fenster heraus und ließ sogar die Rouleaus herunter. Nun hatte der Sommer wieder sein Festliches. Das Grün der Wiesen und Erlen begleiteten Bäche; die mächtigen Baumgruppen, die sausenden Flüge der Schwalben, der Vogeljubel, das Himmelsblau und die frische, stählerne Morgenluft waren eine einzige Glückseligkeit. [...]
Den Rückweg zeichnete ein unvergessenes Gespräch mit dem Vater aus. Er kam auf geschlechtliche Dinge zu sprechen. Wenn ein junger Mensch in die Jahre der Geschlechtsreife träte, müsse er doppelt auf sich achtgeben. Seine Beziehung zum Weibe erhalte dadurch ein anderes Gesicht. Die allgemeine Erfahrung lehre, daß ein gesunder junger Mann auf die Dauer ohne den körperlichen Verkehr mit dem andern Geschlecht nicht auskomme. Es sei besser, damit zu rechnen, als umgekehrt, da auf die sichere Wirkung von Tugendlehren kein Verlaß bestünde. Man könne nicht einmal sagen, ob im Hinblick auf eine gesunde körperliche Entwicklung Enthaltsamkeit zu empfehlen sei. »Du hast einen Fall in nächster Nähe«, sagte mein Vater, »der immerhin lehrreich ist. Warum sollte ich davon gegen dich schweigen? Onkel Schubert in seiner Reinheit, seiner echten Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hat sich bis ins vierzigste Jahr jedes geschlechtlichen Umgangs enthalten und sich nach dem Urteil der Ärzte einen dauernden Schaden zugefügt. Als er die Schwester deiner Mutter heiratete, zeigte es sich, daß sein Sexualempfinden verkümmert war. Es mußten allerhand Kuren gebraucht werden, bevor dein verstorbener Vetter Georg ins Leben treten konnte. Das Glück und Unglück dieser Ehe ist damit gekennzeichnet. Du wirst, es kann nicht ausbleiben, eines Tages das getan haben, was die meisten, wenn sie dein Alter überschritten haben, eben tun. Bevor du dich aber zu einem solchen Entschluß hinreißen läßt, versichere dich nach Möglichkeit, daß du einen gesunden Menschen vor dir hast, denn ...« Und nun trat er in die Beschreibung jener beiden Krankheiten ein, die man als Geißel der Menschheit bezeichnet. Er sagte: »Zeigt sich einmal bei dir, was Gott verhüte, ein noch so leichtes, so und so geartetes Symptom, dann verfalle nicht etwa in den Fehler, es aus falscher Scham zu verheimlichen! Das ist der Grund, weshalb viele der gleichen Fälle sich schließlich als unheilbar erweisen. Also nichts verschleppen, verstehst du mich, sondern du wirst dich beim leisesten Verdacht mir oder, koste es, was es wolle, sofort dem bedeutendsten Spezialarzt, den du finden kannst, anvertrauen.« Der so sprach, war nicht mehr nur mein Vater, er war mein Freund. Er betonte das auch, indem er sagte: »Du bist in ein Alter getreten, in dem ich dir nichts mehr befehlen oder verbieten, sondern nur noch als Freund nahe sein und dir aus dem Schatz meiner älteren Erfahrungen Ratschläge geben kann.«

Fünfzigstes Kapitel
 Nach Lederose zurückgekehrt, war ich ein anderer Mensch. Ich lebte auf einer höheren Ebene, zu der mich der Verkehr mit Carl und Ploetz, das Gespräch mit meinem Vater erhoben hatten. Besonders dieses, durch das mir von dem auf Erden höchst verehrten Menschen die Lebensrechte eines Erwachsenen zugebilligt worden waren, wirkte auf meine innere, meine äußere Haltung ein. Als ich freilich in der gewohnten Weise mir selbst überlassen dahinlebte, mich die alte Tretmühle Woche um Woche mehr und mehr abgestumpft hatte, erwies sich die neue Ebene nicht immer als tragfähig. Wie auf einer zu dünnen Eisdecke brach ich wieder und wieder ein und mußte mir zu Gemüte führen, daß die Gefahr des Ertrinkens noch keineswegs überwunden war. [...]
Insbesondere war es der Landmann, dessen Wesensart und Lebensform mich lebhaft beschäftigten. Sein Vertrauen gewinnen war schwer, ja etwas im guten aus ihm herauszubringen, ein Ding der Unmöglichkeit. Die Frauen besaßen mehr Intelligenz, und ihre Freude am Reden bedeutete eine natürliche Aufgeschlossenheit. Was ich auf diese Weise erfuhr, überraschte mich und erweckte in mir einen Drang, auf die meiner Meinung nach verblendete Denkungsart der Dorfbewohner einzuwirken, die gegen so ziemlich alles und alles außer dem engen Kreise bäuerlicher Tätigkeit ablehnend war. Die Verstrickung in eine Art Demagogie erregte und belebte mich. Ich, der ich vor allem der Belehrung bedürftig war, verfiel dem Zwang, belehren zu wollen. Aber docendo discimus – ich habe auch durch Lehren gelernt.   Ich brachte diesmal nach Lederose die Freude am neuen Deutschen Reich, übernommen von meinem Vater, in das ärmliche Gutsleben mit. Das Echo im besten Fall war Gleichgültigkeit. Wenn ich mit übernommenem Enthusiasmus von Bismarck, Moltke und anderen sprach, war entweder ein tückisches Schweigen die Antwort, oder Moltke wurde ein Feigling genannt, der sich immer wohlweislich hinterm Berge gehalten und andere ins höllische Feuer geschickt habe. Da war ein lebhafter, etwas stotternder Gutsarbeiter, der drei oder vier bildschöne Töchter hatte. Er besaß ein kleines Anwesen und stand in Arbeit auf unserem Hofe. Er sprach überstürzt, wenn er das Wort ergriff, und ebenso düster verbittert, wie seine schweigende Miene meist düster verbittert war. Er hatte im Kriege von siebzig eine Enttäuschung gehabt, aber sie war es nicht, die seiner Feindschaft gegen alles und alles, den Kaiser, das Reich, die Regierung, das Parlament, zugrunde lag. Dazu war diese Feindschaft in dieser Gegend zu allgemein. [...]
Übrigens verbreitete sich die Lästerchronik über alles, was mit Regierung und Behörde, mit Kirche und Gerichtsbarkeit zusammenhing. Hier sei alles auf die Bedrückung und Beraubung des gemeinen Mannes angelegt. Ähnliche Urteile hörte man unter den Weibern beim Rübenhacken hin und her gehen. Die Arbeiter riefen sie einander beim Düngerladen oder Garbenreichen zu. Die Siegesfreude, die deutsche Einheit, durch die Reichsfahne dargestellt, der Taumel des Erfolges, kurz alles; was die Lehrer in den Schulen, das Bürgertum und einen Teil des Adels begeisterte, hatte hier nur stille Wut und dumpf entschlossenen Haß ausgelöst. Diese Volksseele ließ sich durch nichts erweichen. [...]
Von der erbitterten Feindschaft aller dieser Menschen gegen die andere Schicht, der auch der gütige Onkel Schubert und ich angehörten, hatte ich nichts gewußt. Da Knechte, Mägde, Tagelöhner und Tagelöhnerfrauen ihre Arbeit nicht freiwillig, sondern durch die Not gezwungen mit knirschendem Ingrimm verrichteten, lebten sie ja in Sklaverei. Die Sklaverei war nicht abgeschafft, ich wollte das aber im Grunde nicht Wort haben. Unzählige Fragen, die in mir aufstiegen und die ich zunächst nicht beantworten konnte, vermehrten meine innere Unruhe. [...]
Mein Bemühen, die verhaßte obere Schicht als notwendig, ja verdienstlich hinzustellen, fruchtete nichts. Diese sturen und harten Köpfe wollten im Grunde keine Wissenschaft, weder die niederen noch die höheren Schulen, ja überhaupt die Städte nicht gelten lassen. Da wohnten für sie nur unnütze Fresser und Faulenzer. Bismarck, Moltke und der Kaiser, hieß es, täten für die armen Leute nichts. Den Eltern würden die Kinder, das heißt die Arbeitskräfte, genommen, und diese müßten sich drei Jahre lang um nichts und wieder nichts beim Militär kujonieren lassen und abrackern. Der Reichstag bestehe aus einem Haufen von Betrügern und Nichtstuern. In dieser Art, die Welt zu betrachten, die vaterländischen Dinge zu beurteilen, herrschte völlige Einigkeit, und niemand war davon abzubringen. Man hatte mir »Menschenschinder!« nachgerufen. Ich mußte erkennen, daß in den Augen dieses Volkstums jeder Gutsbesitzer, jeder Bürger einer war, ohne daß eine solche Verblendung auf demagogische Umtriebe zurückzuführen gewesen wäre. Auch für Agitatoren, die sie ebenfalls für Betrüger erklärt hätten, waren sie völlig unzugänglich. In dem Bestreben, sie in versöhnlichem Sinne zu beeinflussen, in der natürlichen Neigung für sie und in dem Wunsch, ihr Fassungsvermögen zu ergründen, sprach ich eines Tages einer Arbeitskolonne, die ich im Feld zu beaufsichtigen hatte – es waren ältere Männer, Weiber und Kinder darin vertreten –, den »Taucher« von Schiller vor. Hier endlich kam die Stunde zu Ehren, in der mir mein Vater vor Jahren diese Ballade eingeprägt hatte. Ich konnte mich überzeugen, daß sie von Anfang bis zu Ende mit Spannung gehört und verstanden wurde. Ihr Inhalt lief noch tagelang während der Arbeit von Mund zu Mund. Der Edelknecht war der Liebling aller geworden. Zur Beschimpfung des Königs, der den Becher zum zweitenmal ins Meer geworfen hatte, mußte der herrschende Dialekt die allerkräftigsten Ausdrücke hergeben. Es war schön, zu sehen, wie die Augen dieses oder jenes lebhaften alten Weibchens funkelten, und kluge Bemerkungen aller Art aufspringen zu hören, die bewiesen, welche Macht die unsterbliche Dichtung auf diese gesunden Gemüter ausübte. Ich weiß seitdem, daß der Durst nach dem Schönen in den meisten unverbildeten Menschen verborgen ist. Beiläufig sei gesagt, daß unter diesen Leuten, die täglich elf Stunden mit gekrümmten Rücken Rüben hackten oder eine andere Arbeit taten, die Weiber fünfzig Pfennige, die Männer eine Mark Tagelohn erhielten, einen Lohn, bei dem selbst die christliche Seele meines allgütigen Onkels Schubert nichts zu erinnern fand.

Einundfünfzigstes Kapitel
Die Sorgauer Pfingsttage brachten mir unter anderem Fördersamen auch die Erneuerung meiner ornithologischen Neigungen. Eines Tages fand ich auf der Post ein Paket, dessen Inhalt mich in einen kleinen Glückstaumel versetzte. Es enthielt ein mit schönen Illustrationen versehenes Buch, dessen Titel »Deutschlands Tierleben von Professor Gustav Jäger« lautete. Bruder Carl hatte es von seinem Taschengeld gekauft und mir zum Präsent gemacht.  [...]
Carl, der mich mit dem Buche erfreuen und fördern wollte, konnte unmöglich wissen, in welchem hohen Maße er es wirklich tat. In meinen Augen war dieses Buch ein Pfand, aus besseren Welten herabgefallen. Ich trieb mit ihm förmliche Abgötterei. Es war mein letzter Gedanke beim Einschlafen und mein erster, wenn ich, wie immer, morgens um drei aus dem Bette sprang. [...]
Ich war ein Sünder, der Sünden beging. Von dieser Meinung konnte mein Gewissen nicht ablassen. Der Wunsch, der Wille, das Streben, ihrer Herr zu werden, erwies sich immer wieder als trügerisch. Das vernichtete mich vor mir selbst und vor Gott. Es ließ mich an mir selbst verzweifeln. Wo ich mich aber davon losmachen wollte, geriet ich nur immer tiefer ins Sündengestrüpp. Warum half mir nicht Gott, wo er doch sah, wie sehr ich litt! Also war er nicht gut, oder war er nur nicht allmächtig? So zweifeln hieß aber wiederum sündigen! Man mußte glauben! Konnte man aber den Glauben nicht finden, so mußte man wiederum Gott darum bitten. Da war wieder die Frage, ob er ihn geben wollte, konnte oder nicht. Warum sollte er ihn nicht geben wollen, da er doch wollte, daß man ihn hat? Und da man doch andererseits wissen soll, der Mensch habe nichts, aber auch gar nichts aus sich selbst, er kann und vermag nichts aus eigener Macht, war es nicht seltsam, wenn selbst die Frömmsten der Frommen gegen die Anfechtungen des Unglaubens täglich zu ringen hatten? Selbst Tante Julie lebte in dieser Beziehung in einem dauernden inneren Kampf. [...]
Warum sage ich diese Worte: »Herr, führe uns nicht in Versuchung!« zu Gott? Wenn er das tut, so kann man nicht anders als meinen, er unternehme zuweilen etwas, was sonst nur des Teufels Sache ist. Und jemand in Versuchung zu führen, von einem selbst abzufallen, der einem aus ehrlichem Herzen treu bleiben will, ist das nicht, menschlich genommen, Bosheit und Tücke? Selbst der Frömmste, der täglich zugegebenermaßen um seinen Glauben an Jesum Christum und also um seine Seligkeit kämpfen muß, lebt also einen Teil seiner Zeit in Gottlosigkeit. Er ist zeitweise Atheist. Gott will es so, er würde sich sonst ihm nicht verbergen. Warum aber, fragt man, will er das? Soll man aber auf ein Wissen von Gott hoffen, wo selbst der Glaube erbeten werden muß und jederzeit hinfällig ist? Sind wir also vielleicht verdammt und suchen uns auf verzweifelte Weise durch Selbstbetrug zu trösten? Ich weiß nicht, gingen solche Gedanken aus meinem Trübsinn hervor oder mein Trübsinn aus solchen Gedanken?  [...]
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)