22 September 2017

Johnson: Jahrestage 17. - 18. September

"[...] Cresspahl, zurück in London zu Beginn der 36. Steuerwoche 1931, richtete sich allen Ernstes auf ein Leben mit Papenbrocks jüngster Tochter ein. Die beiden Gesellen, mit denen er für gewöhnlich die Tischlerei unterhielt, sahen ihn nun öfters auf dem mit Hinterhöfen umbauten Hof stehen, den Blick gegen das Ziegelpflaster oder gegen den Schornstein des Gaswerks von Richmond, die Hand im Nacken, tief im Überlegen, ohne je den Kopf über sich zu schütteln. Da sie aber beide länger als ein Jahr für ihn und meistens neben ihm gearbeitet hatten, wiesen sie einander nur mit Lächeln hin auf den Alten, der in der Hitze stand wie ein Blinder, Minuten lang, bis er wieder hörte, daß innen gar kein Hobel mehr ging. Der jüngere, genannt Perceval, ging an einem späten Abend kundschaften und konnte doch nur erzählen, daß der Alte noch bis Mitternacht in der Werkstatt zu Gange gewesen war. Darauf boten sie ihm an, Überstunden zu arbeiten. Aber Cresspahl hatte gar keinen von ihnen entlassen wollen.
Die Firma gehörte Cresspahl nicht. [...]
Es mag drei Wochen gedauert haben, daß er den Anblick eines etwas kleinstädtischen Mädchens, winkend auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli, im Gedächtnis fest behielt, die ganze Fahrt von Hamburg nach Kingston-on-Hull bis zum Bahnhof von King’s Cross, einen vollen Tag und zehn Stunden, und dann noch zwanzig Tage bei der Arbeit, noch bei dem letzten Abendessen mit Elizabeth Trowbridge. Dann schickte Lisbeth Papenbrock ihm ein Werk des gneezer Lichtbildners Horst Stellmann, Portraits seine Spezialität: ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare mit einem Mittelscheitel geteilt hat und seitlich über die Ohren gelegt hat, Lisbeth Papenbrock mit den Händen vor dem Bauch aufgebaut vor Stellmanns eigenartig gerafften Vorhängen. Sie blickt vorsichtig und belustigt auf die Plattenkamera, an der Stellmann sich windet unter seinem schwarzen Tuch, und ihre Lippen waren ein wenig offen. Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich." (17.9.1967)


18. September, 1967    Montag
Wo wir wohnen ist der Broadway alt. Wir sind weit von seinem legendären Stück oberhalb des Times Square, wo der rasche Umsatz den verwitterten Turm der New York Times mit Sandstrahlgebläsen weiß poliert hat, wo alte Häuser klammheimlich niedergemacht werden hinter mattenbehängten Gerüsten, wo die soliden Türgriffe und Schlösser und Treppengeländer des Astor Hotels versteigert werden, damit Platz wird für Glas und Kunststoff und eloxiertes Aluminium, wo die Straße ausgehängt ist mit ungeheuren Tüchern aus Licht, flackernd unter Kinobaldachinen, den unreinen Farben des Neongases, laufenden Schriftbändern, unter Punktstrahlern, unter Scheinwerfern und den kreisenden, springenden, platzenden Leuchtreklamen. Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer, und hängen tiefer.
Unser Broadway beginnt an der 72. Straße, wo er auf die Amsterdam Avenue trifft und ihr den Verdipark abschneidet. Hier teilt ein geräumiger Mittelstreifen, an den Kreuzungen mit Querbänken und gelegentlich mit Gebüsch besetzt, ihn in zwei breite Fahrbahnen. Zu beiden Seiten der Straße sind Muster der Renaissance in elefantischen Baumassen aufgetürmt, und weit in den Norden hinein zeugen die vielfenstrigen Kästen unter ihren gefühlvollen Gesimsen von dem fiebrigen Vertrauen in den Baumarkt, der um 1900 zu galoppieren anfing, als die Ubahn unter den Broadway gelegt wurde. Es sind Hotels, Lichtspieltheater, Appartementhäuser einer Zeit, in der Gewinne angelegt wurden, als Jugendstil oder italienisches Gerank um Knie und Stirn der Häuser noch ihren Wert anzeigen sollte. Der Auftrieb hat nicht gereicht für eine geschlossene Kolonne dieser dekorierten Ungetüme, zwischen ihnen hocken ärmlich und vierstöckig die zaghafter kalkulierten Miethäuser, die sich weniger Mühe machten mit dem Verbergen ihrer Feuerleitern, nun stellt ihr Alter sie bloß. Wenige Hotels haben die vermögende Kundschaft halten und die Reputation wahren können, die die Fassade verspricht; vornehmlich beherbergen sie jetzt Dauergäste, verarmte Pensionäre, kaum Leute mit Kindern. Die Appartementhäuser müssen ihre Wohnungen nicht lange ausbieten, zwar hilft ihre Adresse nicht dem Ansehen, aber sie sind versorgt mit Ubahnstationen, Buslinien in alle vier Richtungen, und ihre unteren Geschosse sind in dichter, nicht gebrochener Kette vollgestopft mit Geschäften, mit Feinkostläden und Superhandlungen, mit Waschsalons, Friseurstuben, Imbißhallen, Gemüsemärkten, Bars, Ladenkirchen, Schuhbesohlanstalten, Reinigungsfilialen, Steuerberaterfirmen und Fahrschulen und Reisebüros, wenngleich die Auslagen mitunter verstaubt sind, die Textilien Ramsch und die Theken nicht so blitzblank wie auf der Ostseite.  (18.9.1967)

Uwe Johnson: Jahrestage

21 September 2017

Johnson: Jahrestage 16. September

Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt.
Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der »France« aus, da mußte sie noch über die Reeling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das new yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten.
Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York, dringend genug, wieder und wieder seine Wirklichkeit ohne Nörgelei abzuwarten: die Fahrt mit dem Brooklyn-Expreß bis zur Chambers Street, die Bummelei auf der Lokalstrecke bis zur kreischenden Schleife der Ubahn um die Station South Ferry, der Aufstieg aus dem Untergrund in den weiträumigen Wartesaal, alles ohne Eifer und Eile. Wenn aber die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden, begann sie an Gesines Hand zu ziehen über die Gänge und Brücken zum Schiff, als hätte sie da in all dem Platz für dreitausend Leute einen einzigen und eigenen zu verfehlen. Damals beschrieb sie New York in Zeichnungen für düsseldorfer Freunde als einen bloßen Hafen für orange vielfenstrige Schwimmhöhlen, in denen neben reichlich Autos ein Kindergarten versammelt war. Damals ließ sie sich noch fragen, warum sie Gesines arbeitsfreie Zeit aufgab für Ausfahrten mit der South Ferry: weil es ein Haus ist, das fährt; weil es eine Straße zwischen den Inseln ist, die sich selbst übersetzt; weil es ein Restaurant ist, in dem man reisen kann, ohne sich einen Abschied einzuhandeln.
Und an den Drehkreuzen der South Ferry durfte sie zum ersten Mal in der Stadt selbst eine Fahrt bezahlen; hier war sie unter die Bürger aufgenommen worden. [...] (16.9.1967)

20 September 2017

Dieser Sommer ist vorüber. (Johnson: Jahrestage 15. September 1967)

15. September, 1967    Freitag
Dieser Sommer ist vorüber.
In der letzten Woche sind in Viet Nam 2376 Menschen beruflich am Krieg gestorben. Gestern bestritten die Sowjets, daß sie einen ihrer Schriftsteller im Arbeitslager mißhandeln. Die Lehrer der öffentlichen Schulen streiken weiter. Südkorea will einen Zaun aus Draht und Elektronik an seiner Nordgrenze errichten. [...] Bei der Siegesparade auf dem Riverside Drive ging Marie neben Rebecca Ferwalter am Rande einer Reihe, als gehörte sie hinein, nicht im blauweißen Aufzug, aber winkend mit einem Fähnchen, dem Davidsstern. [...] Dieser Sommer ist vorüber. In diesem Sommer ist der milliardenfache Revolutionsgewinner Tschombe nach Algerien entführt worden, und seine ehemaligen Freunde schärfen das Fallbeil. In diesem Sommer begann der 33. militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, [...] Dieser Sommer ist vorüber, das ist unsere zukünftige Vergangenheit, das sind unsere Lebenserwartungen. Aber noch unter dem Broadway, auf dem Bahnhof 86. Straße, auf dessen Mittelgleisen ein Expreß donnernd nach Norden durchfährt, sehen wir auf die erstarrten, blicklosen Leute in den ruckenden Fenstern des Zuges und ängstigen uns davor, einmal nicht mehr zu ihnen zu gehören, vor einer Zukunft, da wir nur noch mit dem Heimweh leben könnten in New York.(15.9.1967)

19 September 2017

Johnson: Jahrestage 14. September

"[...] Cresspahl muß sich geekelt haben vor der Wiederholung. Mit sechzehn Jahren ja, da konnte die Welt noch zugestellt werden von der Nähe, dem Atem, dem Blick, dem Hautgefühl, der Stimme eines Mädchens; mit sechzehn Jahren, ja da mögen ihm einmal die Absicht und der Plan und die Zukunft verhängt worden sein vom geduldigen, zuversichtlichen Verlangen nach einer Fünfzehnjährigen, die so sehr Ziel wurde, daß er in ihr nicht mehr die Enkelin des Meisters wahrnahm, nur noch die unausweichliche Notwendigkeit, das Vertrauen auf einen abgeblendeten Entwurf für das ganze kommende Leben: mit sechzehn Jahren, als Tischlerlehrling in Malchow am See, zu Anfang des Jahrhunderts; aber 1931, in Jerichow bei Gneez, mit 43 Jahren?
Ist nicht die Wiederholung unerträglich: daß immer wieder das Bedürfnis nach einer Person das Bewußtsein wie zum ersten Mal nach dem alten Raster preßt, daß längst ausgedachte Empfindung wiederkehrt wie frisch, daß die Vorstellung unermüdet von neuem die bloße Außenseite einer Person ausdeutet und ausbaut zu allen denkbaren Entsprechungen zwischen ihr und ihm, daß die Leerstellen in der wirklichen Person ungewarnt verdeckt werden von dem Bild der Person, daß der Herzschlag anzieht nur bei ihrem Anblick so lebensängstlich wie nur beim Anblick einer anderen Person schon vor fünf, vor zwölf, vor achtundzwanzig Jahren, als wäre hier unerhörte Wirklichkeit zu entdecken, noch nie Berührtes, noch nie Gefühltes? er muß sich vergessen haben. [...]" (14.9.1967)

18 September 2017

Johnson: Jahrestage 13. September

[...] Gesines zehn Tage am Atlantik sind jetzt zugedeckt von drei Wochen in der Stadt, und die Verhaltensweisen der Angestellten sitzen ihr wiederum dicht auf der Haut. Wiederum rückt sie die Zeit ihrer Uhren um fünf Minuten vor, um einer Verspätung im Büro vorzubeugen. Diese fünf Minuten verschweigt sie sich beim Einschlafen wie beim Aufstehen, erst bei Verspätungen der Ubahn vertraut sie wissentlich auf die Reserve. Aus den einzelnen Betriebsstörungen der Bahn macht sie eine negative Regel, um den Weg zur Arbeit von Grund auf zu schützen gegen Einbußen an Zeit, und im Gedächtnis spart sie weiterhin solche Minuten unter fünf, die bei einem vorzeitigen Ende des Frühstücks abfallen, oder sie zweifelt am Gang der Uhr. Sie überwacht die deponierte Zeit nach den Ansagen der Rundfunksender, verheimlicht sie sich gleichzeitig in einem Mißtrauen gegen die Lässigkeit der Sprecher:

Leute, wenn ihr um halb aus dem Haus sein wolltet, seid ihr jetzt erst sieben Minuten verspätet!

Außer dem versucht sie, ihren Erfahrungswert von fünfunddreißig Minuten zwischen Wohnung und Schreibmaschine durch eiliges Umsteigen und durch waghalsige Ausdeutung der Ampelzeichen zu vermindern, ohne allerdings den Gewinn zu ihren eigenen Gunsten auf dem Zifferblatt anzulegen. Die angesammelte Rücklage schickt sie gelegentlich schon um zehn nach acht weg von der Oberen Westseite, bringt sie oft um halb neun vorbei unter der ungefügen Uhr im Bahnhof Grand Central

Dies ist die Uhr, die Amerika aufweckt!

und nicht selten war sie um dreiviertel neun an der elektrischen Normaluhr im Büro, deren spinnenbeiniger Sekundenzeiger am Spielraum hobelt. In der gewonnenen Viertelstunde könnte sie die Zeitung auffalten, aber es käme ihr kleinlich vor, pünktlich um neun Uhr null Sekunden anzufangen, und sie greift doch in den Eingangskasten. Auf das Tempo der Arbeit wirkt die hamsterische Zeitmessung nicht, denn ihr werden Vorgänge nach Vorrat und Anfall zugeteilt; es gibt auch halbe Stunden, in denen die Angestellte Cresspahl Lexika liest, arbeitsam vorgebeugt, bei offener Tür [...]
Und vertrauliche Überstunden in den Waldorf Astoria Towers … dreißig Meter hoch über der abendlichen, verlassenen Lexington Avenue, dreißig Meter im Freien über den angetrunkenen Herren, verirrten Touristen, königlich patrouillierenden Taxis im stinkenden Kanal der Straße … in der stockigen Luft der Klimamaschinen, Luft aus Großmutterschubladen, Schubladen voll Kuriosa und Preziosen … Überstunden für den Vizepräsidenten de Rosny der in seine Suite geleitet wird als ein geliebter Fürst auf Durchreise, dem das Hotel eine Bar mit frischem Eis auffährt, einen zweiten Fernsehapparat, eine elektrische Schreibmaschine in einer Art fahrbaren Wiege … Überstunden für die Übersetzung eines Briefes aus Prag, in polnischem Französisch, über Nachtlokale, Schmalfilm, ein Mädchen namens Maria-Sofia, über Staatskredite auf Dollarbasis … Überstunden mit Cocktails … Überstunden mit Heimreise in einer schwarzen Kutsche, durch das rötliche Gegenlicht der westlichen vierziger Straßen, unter den Bogengüssen offener Hydranten, über die Schnellstraße der Westseite, hoch neben dem grauen dampfenden Hudson, dem in Dunst gewickelten Gegenufer, voran am gefegten geharkten Riverside Park, über der Erde … Stunden über die Arbeitszeit, über den Bedingungen gewöhnlicher Arbeit …?
Es war ein Ausflug. Es war lustig. Es war sonderbar. Es waren Überstunden, ohne Bezahlung.
(13.9.1967)

17 September 2017

Johnson: Jahrestage 12. September

"[...] Die Angestellte Cresspahl wird gebeten, sich nachmittags für eine Fahrt zum Flughafen Kennedy verfügbar zu halten; es wird dort ein Brief zu übersetzen sein. Eine Stunde vor Dienstschluß wird die Angestellte Cresspahl abgeholt von einem Mann in Livree, einem schweren alten Menschen von dunkler Haut, der ernst wie ein Börsendiener sich vorstellt als der Fahrer des Vizedirektors de Rosny, sie zu dessen Dolmetscherin ernennt und hinzufügt: Ich bin Arthur. In seinen kurzen krummen Haaren sind weiße Stränge, und er hält beim Sprechen die Uniformmütze in der Gegend des Herzens. Es gelingt der Angestellten Cresspahl nicht, ihm die Hand zu geben, er ist ihr schon aus dem Weg getreten. Sie sagt ihm, überrumpelt, halbherzig, ihren Vornamen, und er antwortet ernst, nachsichtig: Das ist ganz in Ordnung, Mrs. Cresspahl.
Mrs. Cresspahl muß hinter ihm gehen wie hinter einem Diener. Seine Uniform, seine gemessenen Schritte, seine blicklose Miene stören die lässigen Feierabendgespräche zwischen den Maschinenkonsolen des offenen Büroraums, er läßt ihr nicht Zeit zu Abschieden, schon hält er ihr die Tür zum Hauptkorridor auf und läßt sie hindurchgehen wie etwas, das er nicht sieht. Vor dem Fahrstuhl besteht er darauf, ihr die Mappe abzunehmen. Während der Niederfahrt, allein mit ihr, macht er eine Bemerkung übers Wetter, das Gesicht gegen den Stockwerksanzeiger gerichtet, überhört ihre Antworten und wiederholt: Sehr wohl, madam, bis er im Keller sich vor ihr und de Rosnys Wagen verbeugen kann, den Schlag zudrückt und die Mütze aufsetzt. Sie fühlt sich angeliefert, befördert und eingeschlossen wie ein bestelltes Paket. [...]
Auf der Rückfahrt ist die Trennscheibe der Limousine hinter Arthurs Bank versenkt, er hat nur eine Hand am Rad, den anderen Arm auf der Lehne zum bequemeren Umwenden, de Rosny sitzt in der passenden Diagonale, und beide erzählen einander aus ihrem neueren Leben.
Mr. de Rosny kommt keineswegs stracks von Honolulu. Er ist in Kalifornien ausgestiegen, er hat sich in Italien diesen Anzug machen lassen, er hat zwei Tage unter der pariser Küche gelitten, er hat noch einen Platz bei einer amerikanischen Fluggesellschaft gefunden, er sieht New York mit Vorfreude entgegen. Und du, Arthur?
Arthur hat seiner Frau eine neue Waschmaschine gekauft. Sein zweitjüngster Sohn hat sein medizinisches Examen bestanden, nicht ausgezeichnet, aber gut. Arthur hat das Wochenende in Connecticut verbracht, er lobt sich jetzt den Rasen hinter seinem Haus. Die Frau ist nervös wegen des Lehrerstreiks, die kleineren Kinder verpassen Unterricht, wenngleich die Forderungen der Lehrer, insbesondere nach kleineren Klassen und höherem Gehalt …
– Und wie bist du mit ihr ausgekommen? sagt der Chef, mit einem Kopfschwenken auf Mrs. Cresspahl. Sie war in Ordnung: sagt Arthur, und Mrs. Cresspahl erwischt einen Blick lang seine Augen im Rückspiegel. Er zeigt ihr kein Zwinkern, nur einen winzigen, beruhigenden Aufschlag der Lider.
 
Ich hätte wissen sollen, daß der Chef dir den Arm um die Schultern legt, dir die Tür aufhält, dich einen Platz aussuchen läßt. Gesine, oder wie immer du heißt.
In Ordnung, Arthur. Und fahr zur Hölle, Arthur." (12.9.1967)

Johnson: Jahrestage 11. September

11. September, 1967    Montag
In der gestrigen Ausgabe der New York Times beschrieb die Tochter Stalins den »Tod meines Vaters«, in der heutigen »Mein Leben mit Vater und Mutter«. Die beste Zeitung der Welt versieht die Memoiren der Überläuferin mit Fotografien in eigener Verantwortung, heute mit einer Aufnahme von 1935, in der Stalin der Kamera seines Oberleibwächters eine Nase macht.
Und wir sind der Zeitung treu seit sechs Jahren! Einmal waren wir ausgeliefert an den Kettenhund der ostdeutschen Militärbasis, der innerhalb der äußeren Umzäunung wiederum in einen Maschendrahtkraal gesperrt war, so daß er sich mit keinem Zivilisten anfreunden konnte und sich entwickeln mußte zu einem hypochondrischen, introvertierten, schwer irritierten Typ, der noch wenn es junge Hunde regnete vor seiner Hütte stand und geiferte, und machte nicht Eifer ihm die Stimme überschlagen, so war es der Stimmbruch des Neuen Deutschland; einmal waren wir angewiesen auf die demokratischen Tugenden ältlicher Mädchen, die Beflissenheit, die Zanksucht, die Heuchelei, das abstrakte Gewissen, die Selbstgerechtigkeit von Jungfern, die so lange nicht berührt wurden, daß sie den Geschlechtsverkehr dann lieber gleich und überhaupt bestritten, die großbürgerliche Presse im Bereich des westdeutschen militärischen Stützpunkts; und wir waren gewiß: nie könnten wir eine ehrliche alte Tante wie die New York Times ganz und gar verachten. Und wir hatten 1961 die Wahl zwischen ihr und der Herald Tribune! zwischen konservativ dunklem Aufzug von Tagwerk und Pflichterfüllung, andererseits dem mehr appetitlichen Druckbild, den flotteren Fotos, einer auch ältlichen Figur, die dennoch auftrat mit Seide um die bleichen Haare, Schleifchen am Hals, Modefarben um die Lenden und Stiefeletten aus der Via Condotti; uns blieb keine Wahl. Nicht wie ein blindes Huhn ein vergessenes Korn findet, sondern wie die wache Elster Silber stiehlt, zuverlässig hörte die New York Times auch 1961 das Gras wachsen und die Mauer um Westberlin und beschrieb uns beides in Sätzen zweiter Ordnung, Zitaten aus erster Hand, mit Glossen, Fotografien, vorläufigen Summarien, in den kleineren Formen der Erzählung, und als der rhapsodische Gegenstand in allen Strängen zusammengesetzt war und die erste Schicht der Trennwand verlegt, versammelte sie alle Mittel der Beschreibung im epischen Fluß und lieferte in täglichen Berichten vom Bauplatz in Fortsetzung die Geschichte, die ihr gleich Historie gewesen war. Wie hätten wir an ihr zweifeln können. Damals kostete sie nur 5 Cent. Für 5 Cent nicht nur abwechselnd bedrucktes Papier, sondern die begründete Erwartung, daß Nachrichten bei dieser Hausfrau nicht unter den Teppich gekehrt werden, daß schmutzige Wäsche ihr ein Anlaß zum Waschen ist, daß jeder Schrank geöffnet werden kann, und in keinem hängt ein Skelett am Kleiderbügel! Diese Person des Vertrauens, sie hat uns ausgerüstet mit Gründen für ein Leben in New York! hier zum ersten Mal konnten wir unsere Anwesenheit zusätzlich mit Vernunft auslegen und sagen, daß eine hiesige Zeitung die Nachrichten aus Deutschland mit denen aus der Welt in ein richtiges Verhältnis setzt: in ein kleines, so daß sie uns half und dazu erzog, Wirklichkeit entgegenzunehmen mit Erwartungen und Urteilen, auf die Eltern uns ohnehin gestimmt hatten! Es war nicht nur Bequemlichkeit. Wir haben uns an sie gewöhnt wie an eine Person, die im Haushalt einen Sitz hat, und nicht am Tisch des Gnadenbrots, und nicht auf einem Altenteil. Wir wollten sie nicht ändern: ihr ist das Wohl und der Gewinn ihres Landes das Höchste vor der Welt, mit diesem Raster zogen wir ihr Vorurteile ab; oft kümmert der Egoismus ihres Landes sich nicht um ihren Anstand und Tadel, und wir fühlten uns gemahnt an die tragische Theorie des klassischen Jahrhunderts in der Literatur von Deutschland. Wir sind mit ihr verfahren streng nach dem Vorschlag eines Literaten der Gegenwart und haben sie behandelt mit Rücksicht und hilfsbereit: es sollte vor allem uns ankommen auf ihre Erfahrungen. Wir haben angesehen, daß sie dem griechischen König riet, sein Land mit einem Putsch zu verbessern, und daß nicht der König sondern seine Generale das Orakel vom Times Square verstanden, doch ist Gerissenheit das Mindeste, was wir alten Tanten zubilligen werden. Und danken wir ihr nicht die beschleunigte Erkenntnis, daß der westliche Block auch in Griechenland mit Faschisten zu Tafel saß? Sie blieb sich treu, und zeigte unvermittelt Abscheu vor der Folterung politisch mißliebiger Griechen. Und nicht die Besitzer der Zeitung, und nicht im Auftrag der Monopole und Parteien, entwerfen das Bild der Gegenwart nach Plan und Absicht, [...] (11.9.1967)