23 März 2017

Botho: "Und doch gebunden" (Fontane: Irrungen Wirrungen)

Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und längst Zurückliegendes trat statt Käthes wieder vor seine Seele: der Dörrsche Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der letzte schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde... »Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt es nicht. Und ich? warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rätselhaften Kräfte, solche Sympathien aus Himmel oder Hölle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los. Ach sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und an Störung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen den Gräsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die Blumen – ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bißchen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt.«
Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Kühle tat ihm wohl, und er trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kästchen aber baute sich ein mit einem Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden umwunden war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während er den Faden ablöste: »Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied.«
Er war allein und an Überraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Tür. Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. »Stiehl... Alleh... Wie diese liebenswürdigen ›h's‹ mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles, was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüts. Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück.«
Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich überhaupt vom Schluß her bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. »Wozu? Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muß? Ich muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen selbst hinschwinden werden.«
Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines süßen Schmerzes verlängern wolle, ließ er jetzt Blatt auf Blatt auf die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt, war das Sträußchen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das Haarfädchen lösen müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die Blumen den Briefen nach.
Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.
»Ob ich nun frei bin...? Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden.«

Beim Grab von Frau Nimptsch (Fontane: Irrungen Wirrungen)

Botho hatte sich der Führung eines gleich am Kirchhofseingange beschäftigten Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden: Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen, und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz. »Ah, Lene«, sagte Botho vor sich hin. »Immer dieselbe... Ich komme zu spät.« Und dann wandt er sich zu dem neben ihm stehenden Alten und sagte: »War wohl bloß 'ne kleine Leiche?«
»Ja, klein war sie man.«
»Drei oder vier?«
»Justement vier. Und versteht sich unser alter Supperndent. Er sprach bloß 's Gebet, und die große mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder drum rum, die blieb in einem Weinen. Und auch 'ne Jungsche war mit dabei. Die kommt jetzt alle Woche mal, und den letzten Sonntag hat sie den Geranium gebracht. Und will auch noch 'n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind: grünpoliert mit Namen und Datum drauf.«
Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen Geschäftspolitesse wieder zurück, während Botho seinen Immortellenkranz an den schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immer grün und weißen Rosen aber um den Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte, wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine Spalierarbeit wieder aufgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen Vornehmheit ihm, seinem letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das Grab der alten Frau geführt haben könne. »Das muß so was sein. Und hat die Droschke nicht warten lassen.« Aber er kam zu keinem Abschluß, und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen, nahm er eine der in seiner Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den kleinen eisernen Brunnen[147] und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas trocken gewordenen Efeu zu bewässern.
Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke zurückgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der Landgrafenstraße. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag.
»Da«, sagte Botho... »Und dies extra. War ja 'ne halbe Landpartie«
»Na, man kann's auch woll vor 'ne ganze nehmen.«
»Ich verstehe«, lachte Rienäcker. »Da muß ich wohl noch zulegen?«
»Schaden wird's nich... Danke schön, Herr Baron.«
»Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus. Is ja ein Jammer.«

22 März 2017

„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

"F.W. Bernstein ist bis heute nicht berühmt geworden. [...] „Auch die Hühner werfen Schatten,/wenn sie in der Sonne stehn.“ [...] " 
(F.W. Bernstein: "Vom Sinn", Frankfurter Anthologie)

Blumen (Fontane: Irrungen Wirrungen)

»Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken«, sagte Botho, während er Lene bei der Hand nahm. »Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und keine Blume. Nicht eine.«
»Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll bist.«
»Und wenn ich es wäre, so wär ich es bloß für dich.«
»Oh, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche.«
Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte: »Sieh nur, hier... und da... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten; man muß nur ein Auge dafür haben.« Und so pflückte sie behend und emsig, zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.
»Der kommt uns zupaß«, sagte Botho, »hier wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein. Und nun laß sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weißt es selber nicht, und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib her. Das ist Ranunkel, und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt, das ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen. Nun meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.«
»Gib nur wieder her«, lachte Lene. »Du hast kein Auge für diese Dinge, weil du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zusammen. Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen und noch dazu sehr gute. Was gilt die Wette, daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle.«
»Nun da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst.«
»Nur solche, denen du selber zustimmst. Und nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht, aber kein Mäuseohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein falsches, sondern ein echtes. Zugestanden?«
»Ja.«
»Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine Blume. Die wirst du doch auch wohl gelten lassen? Da frag ich gar nicht erst. Und diese große rotbraune, das ist Teufelsabbiß und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier«, und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten, »das sind Immortellen
»Immortellen«, sagte Botho. »Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, die nehmen wir, die dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur das Sträußchen zusammen.«
»Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis wir eine Binse finden.«
»Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will[was Feines. Weißt du, Lene, du hast so schönes langes Haar; reiß eins aus und flicht den Strauß damit zusammen.«
»Nein«, sagte sie bestimmt.
»Nein? warum nicht? warum nein?«
»Weil das Sprüchwort sagt: ›Haar bindet.‹ Und wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden.«
»Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr.«
»Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig.«
»Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den Strauß als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und mir's abschlagen.«
Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß. Dann sagte sie: »Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden.«

Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben.
(Fontane: Irrungen Wirrungen 11. Kapitel)

Im 14. Kapitel sagt Lene:
»Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen, und will es nicht wahr haben. Aber ich weiß es: Gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«

Gegen Ende des Romans verbrennt Botho Lenes Briefe und damit zusammen den Blumenstrauß. Als alles verbrannt ist, sagt er: "Und doch gebunden."

20 März 2017

Longos: Daphnis und Chloe 3. Folge

Vorige Folge

Lamon bereitet den Besuch seines Herrn vor, indem er den Lustgarten des Herrn verschönert.
Ein Mitsklave Lamons war jetzt aus Mitylene gekommen und brachte die Nachricht, der Herr werde kurz vor der Weinlese eintreffen, um sich selbst zu unterrichten, ob seine Besitzungen durch den Überfall der Methymnäer gelitten hatten. Da nun der Sommer Abschied nahm und der Herbst nahte, bereitete ihm Lamon einen Aufenthalt voll jeder Art Augenlust.  Er reinigte die Bäche, damit das Wasser darin recht hell wäre, und führte den Dünger vom Hofe weg, damit sein Geruch niemanden belästige, und pflegte den Lustgarten, damit er schön in die Augen fiele. Dieser Lustgarten war eine gar schöne, den königlichen Gärten ähnliche Anlage.[...]  
Man hätte ihn für eine weite Aue halten können. Alle Arten von Bäumen wuchsen darin, Äpfel, Myrten, Birnen, auch Granaten und Feigen und Olivenbäume; auf der andern Seite hohe Weinstöcke, die sich mit reifenden Trauben an die Äpfel- und Birnbäume anschmiegten, gleich als wollten sie in der Frucht mit ihnen wetteifern. Dies waren die Bäume zahmer Arten. Aber auch Zypressen waren da und Lorbeern und Platanen und Pinien. Um diese alle schlang sich statt des Weines Efeu, und seine Dolden, die groß und schwarz waren, ahmten die Trauben nach. Im innern Bezirk standen die fruchttragenden Bäume, gleichsam umschirmt: von außen standen die unfruchtbaren, wie eine Umfriedigung von Menschenhand; und um dieses lief wieder ein schmales Mauerwerk als Einfassung. Alles war durchschnitten und gesondert, und ein Stamm stand in gehöriger Entfernung von dem andern. In der Höhe aber stießen die Zweige zusammen und vermischten gegenseitig ihr Laub; aber auch ihre Natur schien Kunst. Es waren auch Beete von Blumen da, deren einige die Erde erzeugte, andere die Kunst bildete; Rosenhecken und Hyazinthen und Lilien waren durch Kunst gezogen; Veilchen, Narzissen und Anagallis trug die Erde von selbst. [...]
Als nun Eudromos schon im Begriff war, nach der Stadt zurückzukehren, gab ihm Daphnis, außer andern nicht wenigen Gaben, alles, was nur ein Ziegenhirt schenken kann, gut gepreßte Käse, ein spätgeworfenes Zicklein und ein weißes, zottiges Ziegenfell, um es im Winter beim Laufen umzunehmen. Jener freute sich und küßte den Daphnis und versprach ihm, seinem Herrn viel Gutes von ihm zu sagen, und trennte sich so von ihnen mit freundlicher Gesinnung. Daphnis aber blieb voll Bangigkeit zurück mit Chloe. Auch sie war voll Bangigkeit. Denn er, ein Knabe, bisher nur gewohnt, Ziegen zu sehn und Schafe und Landleute und Chloe, sollte jetzt zum erstenmal einem Herrn unter die Augen treten, den er bisher nur hatte nennen hören. Sie war also seinetwegen voll Sorgen, wie er sich gegen den Herrn benehmen würde; auch ihrer Heirat wegen war sie voll Unruhe, sie möchte vielleicht nur ein eitler Traum gewesen sein. Ununterbrochen waren daher ihre Küsse und ihre Umarmungen, als ob sie miteinander verwachsen wären; aber mit ihren Küssen war Furcht gemischt, und voll Besorgnis waren ihre Umarmungen, als ob sie schon das Auge des Herrn fürchteten oder ihre Liebe verbergen müßten. [...]
Es wohnte dort ein gewisser Lampis, ein frecher Rinderhirt. Dieser hatte auch bei Dryas um Chloe gefreit und ihm viele Geschenke gegeben, um ihn für seinen Wunsch zu gewinnen. Da er nun merkte, daß, wenn der Herr einwilligte, Daphnis sie heimführen würde, sann er auf eine List, den Herrn gegen beide aufzubringen; und weil er wußte, wie viele Freude er an dem Lustgarten hatte, beschloß er, diesen, so weit er könnte, zu verheeren und zu verunstalten. Wenn er nun die Bäume niederhieb, so war er in Gefahr, bei dem Geräusche darüber ertappt zu werden; er hielt sich also an die Blumen, die er leicht verwüsten konnte; erwartete die Nacht, und nachdem er über die Mauer gestiegen war, riß er einige aus, brach andere ab, noch andere zertrat er, wie ein Schwein getan hätte. Dann entfernte er sich unbemerkt; Lamon aber kam am folgenden Morgen in den Garten und wollte die Blumen aus der Quelle wässern. Wie er nun den ganzen Platz verheert und eine Verwüstung sah, wie sie nur ein Feind, aber kein Räuber anzurichten pflegt, zerriß er augenblicklich seinen Rock und rief mit lauter Stimme die Götter an, so daß Myrtale, was sie unter den Händen hatte, stehen ließ und hinaus lief, und Daphnis, der eben die Ziegen ausgetrieben hatte, zurückkehrte. Auch diese erhoben bei dem Anblick ein Jammern und vergossen beim Jammern Tränen. [...]
Lamon rief jetzt in seinem Schrecken: »Weh, weh über die Rosenhecken, wie sind sie gebrochen! Weh über das Veilchenbeet, wie ist es niedergetreten! Weh über die Hyazinthen und Narzissen, die ein böser Mensch ausgerissen hat! Der Frühling wird kommen; sie aber werden nicht sprießen: es wird Sommer werden; aber sie werden nicht blühen: Herbst; aber sie werden niemanden kränzen. Hast denn auch du dich, o Dionysos, dieser armen Blumen nicht erbarmt, bei denen du wohntest, die du unter den Augen hattest, mit denen ich dich oftmals bekränzt habe? Wie, wie soll ich nun den Garten dem Herrn zeigen? Was wird er bei diesem Anblick tun? [...]
Chloe hatte sich aus Furcht und Scheu vor dem Gewühl in den Wald geflüchtet; Daphnis aber stand da, mit einem zottigen Ziegenfell angetan und einer neugenähten Hirtentasche über den Schultern und hielt in beiden Händen – in der einen frische Käse, in der andern säugende Zicklein. Wenn jemals Apollo im Dienste Laomedons die Rinderherden weidete, so war er so gestaltet, wie damals Daphnis erschien. [...]
Ich aber liebe eine freie Schönheit, wenn schon in einem unfreien Leibe. Siehst du nicht, wie sein Haar den Hyazinthen gleicht, wie unter seinen Brauen die Augen leuchten, wie in goldener Fassung ein Edelstein? Sein Gesicht ist mit Röte bedeckt; sein Mund aber voll von Zähnen, so weiß wie Elfenbein. Wer möchte nicht wünschen, von diesen Lippen süße Küsse zu schlürfen? [...]
Lamon um die Erlaubnis bat zu sprechen und also begann: »Vernimm, o Herr, von einem bejahrten Manne ein wahrhaftes Wort; ich schwöre beim Pan und bei den Nymphen, daß ich nichts Falsches sagen werde. Ich bin nicht Daphnis' Vater, und Myrtale hat nie das Glück gehabt, Mutter zu werden. Andre Eltern haben ihn als Kind ausgesetzt, vielleicht weil sie schon genug größere Kinder hatten; ich aber habe ihn ausgesetzt und von meiner Ziege genährt gefunden, die ich denn auch nach ihrem Tode in der Umgebung des Gartens begraben habe, aus Liebe, weil sie wie eine Mutter getan hat. Ich habe auch Erkennungszeichen mit ihm niedergelegt gefunden; ich bekenne dies, Herr, und bewahre sie auf; sie verraten einen bessern Stand als der unsrige ist. Daß er nun Astylos Diener sei, der schöne Diener eines schönen und edlen Herrn, weise ich nicht zurück; das aber kann ich nicht zugeben, daß er den Lüsten eines Gnathon diene, der ihn nach Mitylene zu führen und zum Weibe zu machen bestrebt ist.« [...]
Statt indes weiter den Mutmaßungen nachzuhängen, verlangte er die Erkennungszeichen zu sehen, ob sie wirklich ein glänzenderes und ausgezeichneteres Los verrieten, und Myrtale entfernte sich, um alles zu holen, wie sie es in einer alten Hirtentasche aufbewahrte. Nachdem es gebracht worden, betrachtete es Dionysophanes zuerst, und als er eine purpurne Chlamys sah, eine goldene Schnalle und ein kleines Schwert mit elfenbeinernem Griff, schrie er laut auf: »O Zeus! o Gott!« und ruft seine Gemahlin, um es zu betrachten. Auch diese rief ebenfalls beim ersten Blicke aus: »O ihr heiligen Parzen! Haben wir das nicht unserem eigenen Sohne mitgegeben? Haben wir nicht Sophrosynen damit hier auf das Land geschickt? Nichts anderes war es, sondern ebendasselbe, lieber Mann. Es ist unser Kind; Daphnis ist dein Sohn; er weidete seines Vaters Ziegen!« Während sie noch sprach und Dionysophanes die Sachen küßte und vor übergroßer Freude weinte, warf Astylos, als er hörte, daß Daphnis sein Bruder sei, seinen Mantel von sich und lief nach dem Garten, um ihn zuerst zu küssen. Als ihn Daphnis aber nebst so vielen andern herzulaufen sah und ihn »Daphnis! Daphnis!« rufen hörte und nicht anders meinte, als er wolle ihn gefangennehmen, warf er Hirtentasche und Syrinx von sich und eilte dem Meere zu, um sich von dem hohen Felsen herabzustürzen. [...]
Jetzt nahm Daphnis all sein Hirtengerät zusammen und verteilte es unter die Götter als Weihgeschenke. Dem Dionysos weihte er die Hirtentasche und das Fell; dem Pan die Syrinx und die Querpfeife; den Hirtenstab den Nymphen und die Milchgefäße, die er selbst verfertigt hatte. Wie aber immer das Gewohnte einem erfreulicher ist als ein fremdes und ungewohntes Glück, so weinte er bei jedem Stücke, von dem er sich trennte und hing die Milchgefäße nicht eher auf, als bis er gemolken, das Fell nicht eher, als bis er es umgehängt, die Syrinx, bis er darauf geflötet hatte; ja, er küßte das alles und redete die Ziegen an und rief die Böcke mit Namen. Aus der Quelle trank er auch, weil er oft mit Chloe daraus getrunken hatte. Noch aber bekannte er seine Liebe nicht, sondern erwartete die gelegene Zeit. Während der Zeit, wo Daphnis mit den Opfern beschäftigt war, trug sich mit Chloe folgendes zu. Sie saß bei ihrer Herde und weinte und sagte, wie natürlich war: »Daphnis hat mich vergessen. Er träumt von einer reichen Heirat. Warum ließ ich ihn auch statt bei den Nymphen bei den Ziegen schwören? Er hat sie verlassen, wie Chloe. Nicht einmal jetzt, wo er dem Pan und den Nymphen opfert, hat er Chloe zu sehen gewünscht. Er hat vielleicht bei seiner Mutter Mägde gefunden, die besser sind als ich. Nun wohl ihm! Ich aber will nicht länger leben.« Indem sie so bei sich sprach und so bei sich dachte, überfiel sie Lampis, der Rinderhirt, mit einer Begleitung von Landleuten und raubte sie weg, [...]
Sie wurde also unter kläglichem Geschrei fortgerissen; aber einer, der es gesehen hatte, zeigte es der Nape an, Nape dem Dryas, Dryas dem Daphnis. Dieser geriet darüber fast von Sinnen; da er aber nicht wagte, mit seinem Vater zu sprechen und sich doch nicht fassen konnte, ging er in den Garten und jammerte: »O welch unseliges Finden!« sagte er. »Wieviel besser war' es für mich, die Herde zu weiden! Wieviel glücklicher war ich, da ich ein Knecht war! Da sah ich doch Chloe. Da küßt' ich sie. Nun hat Lampis sie geraubt, und wenn die Nacht kommt, wird er bei ihr liegen. Ich aber trinke und schwelge und habe umsonst beim Pan und den Ziegen und den Nymphen geschworen.« Diese Worte des Daphnis vernahm Gnathon, der in dem Garten versteckt war, und da er jetzt den günstigen Zeitpunkt zur Aussöhnung gefunden zu haben glaubte, nahm er einige von Astylos' Dienern mit sich und eilte dem Dryas nach. Nachdem er sich von diesem die Wohnung des Lampis hatte zeigen lassen, beschleunigte er seine Schritte und traf ihn, als er eben Chloe in sein Haus führte, nahm sie ihm ab und züchtigte die Bauern, die ihm geholfen hatten, mit Faustschlägen. Auch wollte er den Lampis binden und wie einen Kriegsgefangenen fortführen; dieser aber war vorher davongelaufen. Nach so rühmlicher Tat kehrte er bei Anbruch der Nacht zurück. Den Dionysophanes fand er schlafend; Daphnis aber wachte noch und weinte im Garten. Er führte also Chloe zu ihm, und nachdem er sie ihm übergeben hatte, erzählte er ihm den ganzen Verlauf; bat ihn hierauf, das Geschehene zu vergessen, ihn als einen treuen Diener zu behalten und nicht von seinem Tische zu verstoßen, [...]
Jetzt gingen sie miteinander zu Rate und beschlossen ihren Bund geheimzuhalten, und daß Daphnis Chloe im verborgenen behalten und nur seiner Mutter diese Liebe bekennen sollte. Dryas aber gestattete das nicht, sondern verlangte, mit dem Vater zu sprechen und versprach, ihn zu bereden. Am folgenden Morgen begab er sich mit den Erkennungszeichen in der Hirtentasche zu Dionysophanes und der Klearista, die in dem Lustgarten saßen; auch Astylos war zugegen und Daphnis; und als alle schwiegen, hub er also an: »Eine gleiche Notwendigkeit, wie dem Lamon, gebietet auch mir, das bisher bewahrte Geheimnis kundzutun. Diese Chloe hier hab' ich nicht gezeugt, ihr auch nicht die erste Nahrung gereicht; andere haben sie erzeugt, und als sie in der Grotte der Nymphen lag, hat-ein Schaf sie ernährt. Dies sah ich mit eigenen Augen und staunte, als ich es sah; dann zog ich sie auf. Für meine Worte zeugt ihre Schönheit; denn uns gleicht sie nicht; es zeugen auch die mit ihr gefundenen Merkmale, die zu kostbar für Hirten sind. Seht sie hier, und sucht die Angehörigen des Mädchens auf, ob sie sich vielleicht des Daphnis würdig zeigt.« [...]
Diese Worte warf Dryas nicht ohne Bedacht hin, und auch Dionysophanes hörte sie nicht achtlos an; sondern mit einem Blicke auf Daphnis, den er erblassen und heimlich weinen sah, erkannte er sogleich seine Liebe; und mehr aus Sorge für seinen eigenen Sohn als für ein fremdes Mädchen prüfte er die Erzählung des Dryas mit größter Genauigkeit. Als ihm aber auch die Erkennungszeichen vorgelegt wurden, die übergoldeten Schuhe, die Spangen, die Mitra, rief er Chloe zu sich und sprach ihr Mut ein; sie habe schon den Mann, bald würde sie auch Vater und Mutter finden. Jetzt nahm sich Klearista ihrer an und schmückte sie als die Gattin ihres Sohnes; den Daphnis aber nahm Dionysophanes beiseite und fragte ihn, ob sie noch Jungfrau sei; und da er mit einem Eide beteuerte, daß nichts weiter als Küsse und Schwüre unter ihnen vorgefallen, freute er sich der Versicherung und ließ sie zusammensitzen. [...]
Jetzt konnte man sehen, was die Schönheit ist, wenn sie im Schmucke erscheint; denn jetzt, da Chloe angekleidet war, ihr Haar aufgeflochten und ihr Angesicht gewaschen hatte, fanden alle ihre Schönheit um ein bedeutendes erhöht, so daß selbst Daphnis sie kaum wiedererkannte; und auch ohne die Erkennungszeichen hätte man geschworen, daß Dryas nicht der Vater eines solchen Mädchens sei. [...]
Nun hatte Dioriysophanes einst, als er nach vielem Sinnen in einen tiefen Schlaf gesunken war, folgenden Traum. Es kam ihm vor, als bäten die Nymphen den Eros, endlich doch den Liebenden die Ehe zuzugestehen; und als ob dieser den Bogen abspanne und zu dem Köcher von sich lege und dem Dionysophanes befehle, die Edelsten der Mitylenäer zu einem Mahle einzuladen, und, wenn er den letzten Mischkrug gefüllt habe, die Erkennungszeichen jedem vorzulegen und hierauf den Hochzeitsgesang anzustimmen. Wie er nun dies gesehen und gehört hatte, stand er mit Tagesanbruch auf und befahl ein glänzendes Mahl zu bereiten von den Gaben des Landes und des Meeres, und was Seen und Flüsse böten und lud hierauf alle die Vornehmsten der Mitylenäer zu Gästen ein. Als es nun schon Nacht geworden und der Mischkrug gefüllt war, aus dem sie dem Hermes spenden, brachte ein Diener auf einem silbernen Becken die Erkennungszeichen herein, trug sie rechts  herum und zeigte sie allen vor. Von den andern erkannte sie keiner; ein gewisser Megakles aber, der um seines Alters willen den obersten Platz hatte, sah sie nicht so bald, als er sie erkannte und mit lauter und kräftiger Stimme ausrief: »Was seh ich hier? Was ist aus dir geworden, mein Töchterchen? Lebst du wohl auch noch? oder hat ein Hirt nur dies gefunden und aufgehoben? Ich bitte dich, Dionysophanes, sage mir, woher du die Erkennungszeichen meines Kindes hast. Gönne nach deines Daphnis Entdeckung auch mir, etwas zu finden.« Da nun Dionysophanes von ihm verlangte, daß er zuerst die Geschichte der Aussetzung erzähle, begann Megakles, ohne den Ton der Stimme zu senken: »Meine Habe war in früherer Zeit gering; denn was ich hatte, war für Choregien und Trierarchien daraufgegangen. In diesen Umständen wurde mir eine Tochter geboren. Weil ich sie nun nicht in Dürftigkeit erziehen wollte, setzte ich sie geschmückt mit diesen Merkzeichen aus, weil ich wußte, daß viele auch so Väter zu werden wünschen. Sie war nun also in einer Grotte der Nymphen ausgesetzt und den Göttinnen anvertraut; mir aber strömte täglich Reichtum zu, und ich hatte keinen Erben; denn nicht einmal eine Tochter gönnte mir das Glück; sondern als ob die Götter meiner spotteten, sandten sie mir Träume bei Nacht, daß ich durch ein Schaf Vater werden würde.« Jetzt stieß Dionysophanes noch lautere Ausrufungen aus als Megakles vorher, sprang von seinem Sitze auf und führte Chloe, köstlich geschmückt, mit diesen Worten herein: »Dieses Kind hast du ausgesetzt: diese Jungfrau hat dir ein Schaf durch der Götter Vorsehung ernährt, wie mir eine Ziege den Daphnis. Nimm diese Merkzeichen und die Tochter, nimm sie und gib sie dem Daphnis als Braut zurück. Wir haben beide ausgesetzt und beide wiedergefunden; für beide hat Pan, haben die Nymphen und Eros gesorgt.« [...]
Hier war nun alles, wie natürlich in solcher Gesellschaft, dörflich und landgemäß: einer sang, wie die Schnitter singen; ein anderer ahmte die spottende Kurzweil der Kelternden nach; Philetas spielte die Syrinx; Lampis flötete; Dryas und Lamon tanzten; Chloe und Daphnis küßten sich. Es weideten auch die Ziegen in der Nähe, als ob sie ebenfalls an dem Feste Anteil nähmen. Für die Städter hatte dies keinen großen Reiz; Daphnis aber rief einige mit Namen herbei, gab ihnen grünes Laub, faßte sie bei den Hörnern und küßte sie. Und nicht bloß damals, sondern solange sie lebten, führten sie die meiste Zeit ein Hirtenleben, verehrten die Götter, die Nymphen, den Pan, den Eros, schafften große Herden von Schafen und Ziegen an und kannten keine süßere Kost als Obst und Milch. Auch legten sie ein Knäbchen einer Ziege an, und ihr zweites Kind, ein Töchterchen, ließen sie an einem Schafe trinken; und nannten jenes Philopömen, dieses Agele. So lebten sie mit ihnen auch dort zusammen bis in ihr spätes Alter und schmückten die Grotte und stellten Bilder auf und weihten einen Altar dem hirtlichen Eros; dem Pan aber gaben sie statt der Pinie einen Tempel zum Obdach und nannten ihn Pan den Krieger. [...]
Doch dies taten sie erst in der Folge. Damals aber wurden sie, als es Nacht geworden, von allen in das Brautgemach geleitet, wobei die einen die Syrinx, andere die Flöte bliesen, noch andere große Fackeln trugen. An der Türe sangen sie mit harter und rauher Stimme, als ob sie die Erde mit Dreizacken aufrissen, nicht aber ein Brautlied sängen. Daphnis und Chloe aber lagen entkleidet zusammen, umarmten einander und küßten sich und schliefen in dieser Nacht nicht mehr als die Nachteulen tun. Daphnis übte jetzt aus, was er von Lykänion gelernt, und Chloe erfuhr nun zuerst, daß ihre Kurzweil am Walde nur Hirtenspiel gewesen war.

15 März 2017

Longos: Daphnis und Chloe 2. Folge

zur vorigen Folge

Die Entführer Chloes erleben eine Reihe von bedrohlichen Zeichen, die sie erkennen lassen, dass ein Gott beschlossen hat, sie zu bestrafen.
Soviel erkannten nun bei diesen Vorfällen alle, die gesunden Sinnes waren, daß diese Trugbilder und Stimmen ein Werk des Pan wären, der den Schiffern zürne. Die Ursache aber konnten sie nicht erraten; denn kein Heiligtum des Pan war beraubt worden; bis um die Mittagszeit, nicht ohne göttliche Schickung, der Feldherr in Schlaf fiel, den Pan erblickte und folgendes von ihm vernahm: »O ihr aller Menschen Ruchloseste und Gottvergessenste, wie habt ihr rasenden Sinnes solchen Frevel begangen? Ihr habt über Fluren, die ich liebe, den Krieg zu verbreiten gewagt, ihr habt Herden von Rindern und Ziegen und Schafen, die unter meiner Obhut stehen, hinweggetrieben, ihr habt von den Altären eine Jungfrau weggerissen, aus welcher Eros eine Geschichte der Liebe machen will; und weder die Blicke der Nymphen habt ihr gescheut, noch mich, den Pan. Ihr werdet Methymna nicht wieder sehen, wenn ihr mit solcher Beute schifft, noch werdet ihr dieser Syrinx entrinnen, die euch mit Schrecken erfüllt hat; sondern ich werde euch in die Fluten versenken und den Fischen zum Futter geben, wenn du nicht auf das schleunigste Chloe den Nymphen zurückgibst und Chloes Herden, die Ziegen wie die Schafe. Auf denn, und schiffe das Mädchen aus mit dem, was ich gesagt habe. Dann werd' ich dich geleiten auf deiner Fahrt und jene auf ihrem Wege.« In großer Bestürzung sprang Bryaxis – dies war des Feldherrn Name – auf, rief die Befehlshaber der Schiffe zusammen und befahl ihnen, auf das schleunigste unter den Gefangenen Chloe aufzusuchen. Sie fanden sie schnell und führten sie zu ihm; denn sie saß mit dem Fichtenzweige bekränzt; und da er auch hierin eine Bestätigung seines Traumgesichtes sah, brachte er sie auf seinem eigenen Schiffe an das Land. Und kaum war sie ausgestiegen, als wiederum der Ton der Syrinx von dem Felsen her vernommen wurde, aber nicht mehr kriegerisch und furchtbar, sondern hirtlich, wie der Ton, der die Herden zur Weide führt. Auch eilten die Schafe die Schiffstreppe hinab, ohne auf dem Horne ihrer Klauen auszugleiten, und noch weit kecker die Ziegen, weil sie auf Felsen zu klettern gewohnt sind. [...]
Die Hirten freuen sich, dass Chloe befreit worden ist und feiern.
Und nun, nach zechender Greise Art, sprachen sie viel miteinander; wie sie in ihrer Jugend geweidet und vielen Überfällen der Räuber entronnen waren. [...]
Lamon aber erbot sich, ihnen das Märchen von der Syrinx zu erzählen, das ihm einst ein sizilischer Ziegenhirt für einen Bock und eine Syrinx gesungen hatte. »Diese Syrinx, das Instrument, war kein Werkzeug, sondern eine schöne gesangreiche Jungfrau. Sie weidete Ziegen, scherzte mit den Nymphen und sang wie jetzt. Als sie nun weidete, scherzte, sang, trat Pan zu ihr hin und wollte sie bereden zu dem, was er wünschte, und verhieß ihr, allen ihren Ziegen zwiefache Junge zu verleihen. Sie aber spottete seiner Liebe und sagte, sie begehre einen Liebhaber nicht, der weder ein Bock, noch ein ganzer Mensch sei. Da schickte er sich an zur Gewalt; und Syrinx floh den Pan und seine Gewalt; fliehend, ermüdet, verbirgt sie sich in dem Röhricht und verschwindet in einen Sumpf untertauchend. Zornig schneidet Pan das Rohr, und da er die Jungfrau nicht findet und ihr Schicksal gewahrt, ersinnt er dies Instrument und verbindet ungleiche Rohre mit Wachs, um zu bezeugen, daß ihre Liebe ungleich gewesen war; und sie, vordem eine schöne Jungfrau, ist jetzt eine tönende Syrinx.« [...]
Daphnis und Chloe schwören sich gegenseitig ewige Liebe. Die Sicherheit, die Daphnis bietet, scheint Chloe aber zu gering, und sie fordert ihn auf, bei den Tieren zu schwören, die ihnen beiden so wichtig sind.
Daphnis freute sich ihres Mißtrauens, stellte sich dann mitten in die Herde, faßte mit der einen Hand eine Ziege, mit der andern einen Bock und schwur, Chloe zu lieben, solange sie liebte, und wenn sie dem Daphnis einen andern vorzöge, statt ihrer sich selbst zu töten. Da freute sie sich und traute ihm als Mädchen und als Hirtin, weil sie Ziegen und Schafe für der Schäfer und Ziegenhirten eigentliche Götter hielt. [...]
Über die Nymphen
Tochter einer dieser Nymphen war Echo; sterblich zwar, denn ihr Vater war sterblich; aber schön, so wie ihre Mutter schön war. Sie ward erzogen von den Nymphen, von den Musen unterwiesen im Flötenspiel und auf der Syrinx, auch zur Leier zu singen und zur Zither, jede Art des Gesangs; so daß sie auch in der Blüte jungfräulichen Alters mit den Nymphen tanzte und mit den Musen sang; die Männer aber floh sie insgesamt, so Götter als Menschen, ihren Stand als Jungfrau liebend. Pan aber zürnte dem Mädchen, weil er ihr den Gesang beneidete und nicht zum Genuß ihrer Reize gelangt war und erfüllte die Schäfer und Ziegenhirten mit Wahnsinn. Diese zerrissen sie, wie Hunde oder Wölfe, und zerstreuten die noch singenden Glieder über die ganze Erde. Und die Erde bedeckte, den Nymphen zuliebe, die sämtlichen Glieder, damit sie die Kraft des Gesanges bewahrten und nach dem Willen der Musen ihre Stimme erschallen ließen und alles nachahmten, wie vormals die Jungfrau: Götter, Menschen, Tonwerkzeuge und Tiere; auch selbst den flötenden Pan. Und er, wenn er die Stimme vernimmt, springt auf und jagt ihr auf den Bergen nach, nicht um sie zu fangen, sondern um zu erfahren, wer der verborgene Lehrling sei.« [...]

(Longos: Daphnis und Chloe, Buch 2 und Buch 3)

zur nächsten Folge

13 März 2017

Daphnis und Chloe, ein antiker Schäferroman

Auf Lesbos liegt eine Stadt, Mitylene, groß und schön. Kanäle durchschneiden sie, in welche das Meer einströmt, überspannt durch schmucke Brücken von weißem und geglättetem Gestein. Du wirst glauben, nicht eine Stadt, sondern eine Gruppe von Eilanden zu sehen. Von dieser Stadt Mitylene also etwa zweihundert Stadien entfernt lag das Gut eines reichen Mannes, ein herrlicher Besitz; wildnährende Berge, saatschwere Felder, Hügel mit Reben, Weiden mit Herden bedeckt, und die Meerflut spülte an den weißen Sand der langgestreckten Küste an. Auf dieser Flur seine Herde weidend, fand ein Ziegenhirt, Lamon genannt, ein Knäblein von einer Ziege genährt. [...]
Zuerst nun gedachte der Hirt, die Erkennungszeichen allein wegzutragen, ohne das Kind zu kümmern; dann aber Scham über ihn, daß er nicht einmal so viel Menschlichkeit zeigen sollte als eine Ziege, und er wartete die Nacht brachte alles zu seinem Weibe Myrtale, die Erkennungszeichen, das Knäblein und die Ziege selbst. Als diese nun staunte, daß Ziegen auch Kinder zur Welt brächten, erzählte er ihr alles, wie wie er es ausgesetzt gefunden, wie er es genährt gesehen, wie er sich geschämt habe, es dem Tode zur Beute zu lassen. Da gab sie nun auch ihre Zustimmung; sie verbergen, was sich bei ihm gefunden hatte, nennen das Kind das ihrige und überlassen der Ziege seine Ernährung. Damit aber auch der Name des Knäbleins hirtenmäßig schiene, beschlossen sie, es Daphnis zu nennen. Schon waren zwei Jahre verflossen, als ein auf der angrenzenden Flur weidender Schäfer, Dryas genannt, ebenfalls zu einem gleichen Fund und Anblick kam. [...]


[In der Nähe seiner Wohnstätte war eine Grotte, die  Nymphen geweiht war.]
Zu diesem Heiligtum begab sich häufig ein Schaf, das kürzlich geworfen hatte, und oft meinte man, daß es verloren sei. Um es zu züchtigen und zur früheren Ordnung zurückzubringen, bog Dryas eine grüne Weide wie eine Schlinge zusammen und begab sich zu dem Felsen hin, wo er es zu fangen meinte; als er aber hinzutrat, sah er nicht, was er zu sehen gehofft hatte, sondern das Schaf, das recht nach menschlicher Weise sein Euter darbot zum reichlichen Genusse der Milch, und das Kind, das lautlos und begierig bald die eine, bald die andere Zitze mit dem reinen, blühenden Munde faßte, denn das Schaf leckte mit liebreicher Zunge des Kindes Angesicht, wenn es der Nahrung genug hatte. Das Kind war weiblichen Geschlechts, und auch ihm waren Erkennungszeichen beigegeben, eine golddurchwirkte Mitra, übergoldete Schuhe und goldne Beinspangen. In diesem Funde glaubte der Hirt etwas Göttliches zu erkennen, und von dem Schafe gelehrt, Mitleiden gegen das Kind und Liebe zu fühlen, nimmt er das Mägdlein auf den Arm, verwahrt die Erkennungszeichen in der Hirtentasche und betet zu den Nymphen um Segen für die Erziehung ihres Schützlings. [...]
Diese Kinder wuchsen nun schnell und kräftig heran, und es gab sich eine Schönheit an ihnen kund, die ihren bäuerlichen Stand weit übertraf. Schon hatte der Knabe fünfzehn Jahre, das Mägdlein zwei weniger, als Dryas und Lamon in einer Nacht folgenden Traum sahen. [...]

Es schien ihnen, jene Nymphen der Grotte, wo die Quelle sprudelte und Dryas das Mädchen gefunden hatte, übergäben den Daphnis und Chloe einem raschen und schönen Knaben, welcher Flügel an den Schultern hatte und kleine Pfeile und einen kleinen Bogen führte; dieser Knabe berühre beide mit einem Pfeil und geböte ihnen, von nun an auf die Weide zu treiben, Daphnis die Ziegen, Chloe die Schafe. Diesen Traum sahen die Hirten, und es betrübte sie, daß auch diese Kinder Ziegen- und Schafhirten werden sollten, denen die mitgegebenen Erkennungszeichen ein besseres Los verhießen, weshalb sie auch mit zarterer Kost genährt und im Lesen unterwiesen wurden, und was sonst auf dem Lande als etwas Besonderes galt. Doch meinten sie an den Schützlingen der Götter das Gebot der Götter vollziehen zu müssen.
 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pedro_Weing%C3%A4rtner_-_Daphnis_e_Clo%C3%A9.jpg

Es schien ihnen, jene Nymphen der Grotte, wo die Quelle sprudelte und Dryas das Mädchen gefunden hatte, übergäben den Daphnis und Chloe einem raschen und schönen Knaben, welcher Flügel an den Schultern hatte und kleine Pfeile und einen kleinen Bogen führte; dieser Knabe berühre beide mit einem Pfeil und geböte ihnen, von nun an auf die Weide zu treiben, Daphnis die Ziegen, Chloe die Schafe. Diesen Traum sahen die Hirten, und es betrübte sie, daß auch diese Kinder Ziegen- und Schafhirten werden sollten, denen die mitgegebenen Erkennungszeichen ein besseres Los verhießen, weshalb sie auch mit zarterer Kost genährt und im Lesen unterwiesen wurden, und was sonst auf dem Lande als etwas Besonderes galt. Doch meinten sie an den Schützlingen der Götter das Gebot der Götter vollziehen zu müssen. [...]
Sie aber übernahmen die Herden so freudig wie eine große Herrschaft und liebten die Ziegen und die Schafe mehr, als der Hirten Gebrauch ist; sie, weil sie den Schafen ihre Erhaltung verdankte, er, weil er nicht vergaß, daß ihn als ausgesetztes Kind eine Ziege genährt hatte. [...]

[Einmal stürzte Daphnis in eine Falle, die die Hirten für wilde Tiere gebaut hatten. Er verletzte sich und war über und über mit Erde bedeckt, als er aus dem Erdloch herausgezogen wurde. Chloe kümmerte sich um ihn.]
Sie beredete ihn aber auch wiederum zu baden und sah ihm beim Baden zu und berührte ihn, indem sie ihn ansah, und als sie wieder fortging, lobte sie seine Schönheit, und dieses Lob war der Liebe Anfang. Was ihr aber widerfuhr, wußte sie nicht, denn sie war jung und in ländlicher Unwissenheit aufgewachsen, und nicht einmal von andern hatte sie den Namen der Liebe gehört. 
Mißmut beherrschte ihre Seele; der Augen war sie nicht Herr und oft sprach sie von Daphnis. Nahrung verabsäumte sie, bei Nacht wachte sie, die Herde verachtete sie, bald lachte, bald weinte sie, bald schlief sie, bald sprang sie auf, ihr Angesicht ward blaß und wiederum von Erröten glühend. Kein Rind, von der Bremse gestochen, hat solche Not. Einmal kam ihr auch, als sie allein war, folgende Rede in den Sinn: »Ich bin jetzt krank; was aber meine Krankheit ist, weiß ich nicht. Ich fühle Schmerzen und habe doch keine Wunde; ich bin traurig, und doch ist mir keines meiner Schafe verlorengegangen. Ich glühe, und sitze doch in so dichtem Schatten. Wie viele Dornen haben mich oft verwundet, und ich habe nicht geweint; wie viele Bienen haben mich ihren Stachel fühlen lassen, und doch hab' ich Nahrung genossen! Das also, was mir das Herz sticht, ist bitterer als alles das. 
Daphnis ist schön, auch die Blumen sind es; schön tönt seine Syrinx; aber auch die Stimme der Nachtigallen: dennoch frag' ich nach jenen nichts. Möchte ich doch seine Syrinx sein, damit ich seinen Hauch aufnähme! Möchte ich eine Ziege sein, um von ihm geweidet zu werden! O schlimmes Wasser! nur ihn hast du schön gemacht; ich aber habe mich umsonst gebadet. Ich sterbe, geliebte Nymphen, und auch ihr rettet die Jungfrau nicht, die bei euch genährt worden ist. Wer wird euch kränzen, wenn ich nicht mehr bin? Wer wird die unglücklichen Lämmer füttern? Wer wird die plaudernde Grille pflegen, die ich mit so vieler Mühe gefangen habe, daß sie mich zirpend bei der Grotte einsinge? Jetzt aber flieht mich der Schlaf um Daphnis willen, und sie plaudert umsonst.« 
Solcher Art war ihr Zustand, solcher Art ihre Reden, indem sie den Namen der Liebe suchte. Dorkon aber, der Rinderhirt, der den Daphnis und den Bock aus der Grube gezogen hatte, ein Jüngling mit Flaum um das Kinn, der die Werke der Liebe und auch ihren Namen kannte, hatte sogleich von jenem Tag an Liebe für Chloe gefühlt; nach mehreren Tagen aber entbrannte er noch mehr, und da er den Daphnis als einen Knaben gering schätzte, beschloß er, durch Gaben oder durch Gewalt zu seinem Ziele zu gelangen. [...]
Jetzt zögerte Chloe nicht mehr, sondern erfreut durch das Lob und schon längst voll Verlangens, den Daphnis zu küssen, sprang sie auf und gab ihm einen Kuß, ungelehrt zwar und kunstlos, aber die Seele zu entflammen ganz geeignet. Dorkon aber eilte betrübt von dannen und suchte einen anderen Weg der Liebe, und Daphnis, als ob er nicht geküßt, sondern verwundet worden, ward alsbald schwermütig; er schauerte oft zusammen; das Herz klopfte ihm ungestüm, er sehnte sich Chloe zu sehen, und wenn er sie sah, bedeckte Röte sein Angesicht. [...]
Nur in dieser einen Nacht genossen sie tiefen Schlaf, und die Ermüdung der Arbeit linderte ihre Liebeskrankheit. Als aber der Tag wieder anbrach, kehrte der vorige Zustand zurück. Sie freuten sich, wenn sie einander sahen, trauerten, wenn sie getrennt waren, litten Schmerzen, wünschten etwas und wußten nicht, was sie wünschten. Nur das wußten sie, daß ihn der Kuß, sie das Bad um die Ruhe gebracht hatte. [...]
Schon war der Herbst in voller Kraft, und die Weinlese nahte mit starken Schritten, und alles war auf den Feldern in Arbeit. [...]

Auch Daphnis und Chloe, unbekümmert um die Schafe und Ziegen, boten sich gegenseitig hilfreich die Hände. Er trug in Körben die Trauben zu, zertrat sie in den Kufen und schaffte den Wein in die Fässer; sie aber bereitete den Winzern die Kost und schenkte ihnen älteren Wein zum Tranke aus und las die Trauben von den niedrigem Stöcken ab. Denn aller Wein auf Lesbos wächst niedrig, nicht hoch hinauf, noch an Bäumen gezogen; sondern die Reben in der Tiefe ausbreitend schleicht er wie der Efeu fort; auch ein Kind könnte die Traube erreichen, wenn ihm eben die Hände aus den Windeln gelöst sind. [...] 
[Daphnis und Chloe feierten das Bacchusfest der Hirten mit]  [...] und sie hüpften, flöteten und sangen und balgten sich mit den Böcken und Schafen. Bei solcher Kurzweil trat ein Greis zu ihnen, mit einem Ziegenfell bekleidet, Sohlen von rohem Leder an den Füßen und einen Ranzen übergehängt, einen alten Ranzen. Dieser setzte sich nahe zu ihnen und sprach also: »Ich bin der alte Philetas, ihr Kinder. Viel hab' ich zu diesen Nymphen gesungen; viel auch jenem Pan geflötet und große Herden von Rindern nur durch Musik geführt. Jetzt bin ich zu euch gekommen, euch zu sagen, was ich gesehen und zu melden, was ich gehört habe, [...]
»Als ich nun heute um die Mittagszeit hineintrat, werd' ich unter den Granat- und Myrtenbüschen ein Kind gewahr, mit Myrten und Granatäpfeln in den Händen, weiß wie Milch und das goldene Haar dem Feuer ähnelnd und strahlend wie eben aus dem Bade kommend. Es war nackt; es war allein; es spielte, als ob es in seinem eigenen Garten Früchte sammle. Ich lief also hinzu, den Knaben zu fangen; [...] aber das war ein ganz listiges Wesen, das sich durchaus nicht fangen ließ. [...] 
[Dies "Kind" erklärt ihm:] Aber es ist unmöglich, mich zu fangen, selbst für Falken und Adler, oder noch schnellere Vögel. Ich bin kein Kind, obschon ich ein Kind scheine, sondern älter als Kronos, ja als die ganze Zeit. [...]
Nach diesen Worten erhob er sich, wie das Junge der Nachtigall, auf die Myrtensträuche, und von Zweig zu Zweig schlüpft' er durch das Laub bis zum Wipfel empor. Da sah ich auch Flügel auf seinen Schultern, und einen Bogen zwischen den Flügeln und den Schultern; bald aber sah ich weder dies, noch ihn selbst mehr. Wenn ich aber nicht umsonst diese grauen Haare trage und vor Alter kindisch geworden bin, so seid ihr Kinder dem Eros geweiht, und Eros trägt für euch Sorge.« Mit großem Ergötzen hörten sie zu, als ob sie ein Märchen, nicht eine wahre Geschichte hörten, und fragten, was denn nur der Eros sei, ob ein Knabe, oder ein Vogel, und was er vermöge? Da erwiderte Philetas: »Ein Gott, ihr Kinder, ist Eros, jung und schön und beschwingt. Deshalb freut er sich auch der Jugend und jagt der Schönheit nach und beflügelt die Seelen. Er vermag aber mehr als Zeus selbst. Er herrscht über die Elemente; er herrscht über die Gestirne; er herrscht über die ihm ähnlichen Götter, mächtiger als ihr über die Ziegen und Schafe. Die Blumen alle sind Eros' Werk; diese Pflanzen hier sind seine Gebilde. Durch ihn ergießen sich die Flüsse, und die Winde wehen durch ihn. Ich sah den Stier, wenn er liebte; und wie von der Bremse gestochen brüllte er; auch den Bock, der die Ziege liebte: und er folgte ihr überall. Ich selbst war jung und liebte die Amaryllis; da gedacht' ich der Nahrung nicht, und nahm keinen Trunk zu mir und genoß keinen Schlaf. Meine Seele krankte, mein Herz klopfte, mein Leib schauerte. Ich schrie, als ob ich geschlagen würde; ich war stumm, als ob ich gestorben wäre; [...]
Denn gegen den Eros hilft kein Mittel: keine Speise, kein Trank und kein Zaubergesang, – keines als Kuß und Umarmung und Zusammenliegen mit nackten Leibern.« [...]
[Daphnis und Chloe entschließen sich, das empfohlene Mittel gegen die Krankheit zu versuchen und sagen zu einander:] So müssen wir also die Mittel suchen, die er nannte, den Kuß, die Umarmung und unbekleidet zusammenzuliegen. Zwar wird es schon kalt; aber wir werden das so gut wie Philetas aushalten.« So wurde die Nacht für sie zur Schule. Und als sie am folgenden Morgen mit den Herden auf den Weideplatz kamen und sich ansichtig wurden, küßten sie einander und umfaßten sich, was sie nie vorher getan hatten, mit verschlungenen Armen; das dritte Mittel aber, das entkleidet Zusammenliegen, wußten sie nicht anzuwenden, denn es war zu dreist, nicht bloß für Jungfrauen, sondern auch für junge Ziegenhirten. Und die Nacht kam wieder, und Schlaflosigkeit mit ihr, und Sinnen über das Geschehene und Unmut über das Unterlassene. »Wir haben einander geküßt: und es hat nichts geholfen; wir haben uns umarmt: und auch ohne Nutzen. Zusammenzuliegen ist also das einzige Mittel gegen die Liebe; auch dieses muß versucht werden. Sicher wohnt ihm eine größere Kraft inne als dem Kusse.« [...]
Die Küsse erfolgten; das Umfangen mit den Armen kam nachher, das dritte Mittel aber zögerte. Denn weder Daphnis wagte es, zu nennen, noch wollte Chloe den Anfang machen, bis sie durch Zufall auch dieses taten. Sie saßen unter dem Stamme einer Eiche nah zusammen, und da sie einmal die Wonne der Küsse gekostet hatten, schwelgten sie unersättlich in Lust. Auch der Arme Umschlingung übten sie, wodurch Mund fester an Mund gepreßt wurde. [...] 
[Aber weiter gehen sie nicht. Dann werden sie wiederholt überfallen. Daphnis wird einmal verschleppt, kommt aber wieder frei. Dann kommt es zu einem weiteren Überfall.] Chloe aber war bei den Herden, und da sie verfolgt wurde, floh sie zu den Nymphen und bat die Verfolgenden, ihre Herde zu schonen und sie selbst, um der Göttinnen willen. Umsonst. Die Methymnäer verhöhnten die Bilder mit vielem Spott und trieben die Herden weg und zogen auch Chloe fort, wie eine Ziege oder ein Schaf und schlugen mit Ruten auf sie ein. Als sie nun die Schiffe mit mannigfachem Raube angefüllt hatten, beschlossen sie, nicht weiterzusegeln, sondern nahmen den Weg nach Hause, indem sie Winterstürme und Feinde fürchteten. Sie fuhren also unter mühsamster Ruderarbeit von dannen, denn es regte sich kein Wind; Daphnis aber kehrte, als es ruhig geworden, auf die Ebene nach dem Weideplatz zurück; und da er hier weder die Ziegen sah, noch die Schafe antraf, noch Chloe fand, sondern überall die tiefste Einsamkeit, und auch die Syrinx, Chloes gewohnte Freude, auf die Erde geworfen, lief er mit lautem Geschrei und kläglichem Jammer erst zu der Eiche, wo sie zu sitzen pflegten, dann zum Meere in der Hoffnung, sie hier zu sehen; dann zu den Nymphen, zu denen sie geflohen war. [...] [Nachts hat er einen Traum, in dem ihm gesagt wird:]  Am morgenden Tage wird Chloe dir zurückkehren mit den Ziegen und mit den Schafen, und ihr werdet zusammen weiden und zusammen flöten; für das übrige wird Eros bei euch sorgen.« Als nun Daphnis solches gesehen und vernommen hatte, sprang er auf aus dem Schlafe, und weinend vor Lust und Kummer, kniete er vor den Bildern der Nymphen nieder und gelobte, wenn Chloe gerettet wäre, die beste seiner Ziegen zu opfern.

(Longos: Daphnis und Chloe  Buch 1 und Buch 2)                  Fortsetzung hier

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